Merkel, Macht und Nostalgie

Halbherzig (€)

„Es geht um das Land, nicht um sie. Ihre nicht ganz freiwillige Abdankung als Parteivorsitzende ist in Wahrheit ein egozentrischer Akt. Mit dem Verzicht auf die eine Macht will sich Merkel die andere Macht erhalten, die größere, die Kanzlerschaft. Aber es gibt keinen Grund mehr, dass sie bleiben muss. Deutschland kommt jetzt ohne sie aus, bei allen Verdiensten. Neuwahlen ohne Merkel wären eine Chance für einen echten Neuanfang.

Altgediente Kanzler gehen oft davon aus, dass die anderen noch nicht so weit sind, dass sie es noch nicht können, aber das ist die Hybris verköniglichter Demokraten. Auch Merkel wurde die Kanzlerschaft nicht zugetraut, dann hat sie über viele Jahre das Gegenteil bewiesen. Daran sollte sie sich erinnern und sich einen würdigen Abgang verschaffen. Der ist nicht halb, sondern ganz.“

Zitierter Kurbjuweit war in seinen Bewertungskriterien der Merkel’schen Kanzlerschaft stets sehr stringent und ich nehme nicht an, dass seine kritische Haltung daraus resultiert, dass er im Pressetross des Kanzlerinnenflugzeugs immer neben das Bordklo gesetzt worden wäre. Allerdings ist im Berliner Politikbetrieb nichts ausgeschlossen.

Natürlich ist das angekündigte „bis zum Ende der Legislaturperiode“ nicht der Endpunkt, sondern ein strategisch gewähltes Datum, Verhandlungsmasse sozusagen. Das Leitmotto „So lange es eben gut geht“ lässt sich sicher nicht über alle, aber über allzu viele Politikfelder der Ära Angela Merkels setzen.

Es liegt in der Natur demokratischer Macht, dass Merkel in ihrer Amtszeit vor allem jenen Menschen als Projektionsfläche diente, die sie nicht gewählt hatten. Auch die Würdigungen der vergangenen beiden Wochen kamen eher selten aus dem konservativen Lager (konservative Nostalgie setzt eher spät, dafür aber heftig ein, siehe: Merz, Friedrich).

Unterm Strich hat Merkel trotz der Hass-Kampagne der harten politischen Rechten davon profitiert, dass sie weniger wegen konkret messbarer Ergebnisse, als wegen ihrer Symbolhaftigkeit bewertet und ja, nicht selten auch gewählt wurde. Sie hat dies mit ihrem Schweigen und dem „über den Dingen schweben“ ja auch selbst gefördert. Aber lässt sich zum Beispiel ihre Rolle als erste Frau im wichtigsten Staatsamt wirklich ehrlich bewerten, wenn man die (bei Konservativen erwartbare) spärliche Bilanz ihrer Regierungen in Sachen Frauenförderung ausklammert? Ihr internationales Standing im Kontext einer immer irrationaleren Weltpolitik lässt kurz vergessen, dass ihr der Mut fehlte, eine strukturelle Lösung der EU- und Euro-Krisen anzuschieben. Natürlich waren es zumindest weitestgehend seriöse Amtszeiten, aber Merkel-Jahre sind auch maßgeblich Jahre der schwarzen Null, der Fixierung auf den Status Quo, der fehlenden Politik-Erklärungen und des Regierens nach Umfragen.

Von außen ist das deutlicher erkennbar. Um Thomas Meaney zu zitieren: „Merkels Trick ist es, die Wurzel der Probleme ihres Landes zu vermeiden, während sie die Symptome geschickter behandelt, als je ein konservativer Politiker vor ihr.“ In vielen Politikfeldern werden sich die Folgen solcher Verschleppungen erst weit nach dem Ende ihrer Amtszeit zeigen, aber sie werden sichtbar.

Die Nostalgie, die nun mit ihrem schrittweisen Rückzug einhergeht, fehlte bei Helmut Kohl. Auch der regierte noch, als die Berliner Republik zwar nicht geografisch, aber bereits gesellschaftlich begonnen hatte. So wie Merkel in die zweite Berliner Republik hineinregiert, die mit dem Einzug einer sechsten Fraktion (der AfD) in den Bundestag begonnen hat. Beide Kanzler erschienen in diesen Anfängen einer neuen Zeit aus ebenjener Zeit gefallen. Der Unterschied: Ende der Neunziger schien etwas zu beginnen, 2018 treibt viele Bundesbürger die Sorge um, dass etwas zu Ende geht.

Zum Tod von Robert Basic

Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich Robert Basic gekannt habe. Von ungefähr 2006 bis 2009 war ich viel auf Barcamps und anderen Webveranstaltungen unterwegs und plauderte ein paar Mal kurz mit ihm. Kaum unter vier Augen, denn damals zog er zu solchen Gelegenheiten immer einen Schweif von Männern (und vereinzelt auch Frauen) mit Laptoptaschen hinter sich her. Denn natürlich kannten alle Robert Basic, die damals Teil der “Netzgemeinde” (oder wie auch immer es seinerzeit hieß) waren.

Roberts Seite Basic Thinking hatte zwei Eigenschaften, die dem Großteil der deutschsprachigen Blogosphäre abgingen: Der Traffic floss wie Zuckerwasser von, zu und durch sein Blog. Ich erinnere mich dunkel an jemanden, der schmerzfrei ein T-Shirt mit “Robert, ich will einen Link von dir” bedruckt hatte. Und Basic Thinking verdiente Geld. Das weckte bei DIY-Publizisten und den üblichen Internetchecker-Hochstaplern großes Interesse an möglichen Geheimrezepturen. Ältere Semester erinnern sich an Kommerzdebatten und Schlagworte wie Linktausch, Linkkauf, bezahlte Produkttests, Blogger-Werbenetzwerke etc., und ja, manchmal wurde auch über Inhaltliches diskutiert.

Dabei war Roberts Erfolgsgeheimnis simpel, wenn auch nicht simpel umsetzbar: Persönlichkeit zeigen, rein in die Diskussion, immer schreiben, viel verlinken und, ganz wichtig, auch einfach mal einen raushauen. Bei ihm funktionierte das so gut, weil er selbst über das trockenste Tech-Thema noch was Frisches zu sagen hatte und sich vor allem selbst nicht besonders ernst nahm. Diese Eigenschaft hatten nicht alle Alpha-Blogger damals.

Aus dem Jahr 2018 betrachtet war die damalige Phase erstaunlich kurz: Die Zeit, in der in der Blogosphäre wirklich die Hoffnung herrschte, so etwas wie ein alternatives, dezentrales Mediensystem werden zu können, das öffentliche Aufmerksamkeit erhält (also das, was abgesehen von der Dezentralität später Youtubern gelang). Die Amerikaner hatten Andrew Sullivan, wir hatten Robert Basic. Was beides Vor- und Nachteile hatte. Ich habe vorhin im Archiv einen Blogeintrag gefunden, in dem ich vor ziemlich genau zehn Jahren den “Tod der deutschen Blogosphäre” verkünde und dort über “Themeninzucht und Monokultur” die Augen rolle. Das Posting hatte eine Menge Leser und Trackbacks, weil genau diese Meta-Debatten gierig verfolgt wurden. Aber eben fast ausschließlich von der Blogosphäre selbst. 2009 dann wurde Basic Thinking verkauft, deutschsprachige Blogs diffundierten damals schon Richtung Twitter, Facebook und ein paar Tech-Nischenseiten.

Und doch bleibt mir alles wie so viele Subkulturen im Gedächtnis, in deren Peripherie ich mich im Laufe meines Lebens bewegt habe. Alles schrumpft im Rückblick, statt Zeitzeuge einer Revolution gewesen zu sein, bleibt ein Haufen teils schräger Figuren im Gedächtnis, denen du immer wieder mal begegnet bist und mit denen dich irgendwas verbindet – oft nur Raum und Zeit, manchmal Abneigung, im besten Falle Freundschaft. Viele dieser Figuren vergisst du. Wer in den Nullerjahren irgendwie näher mit der deutschen Internetszene zu tun hatte, wird Robert Basic sicher nicht vergessen. Und wenn die „Geschichte des Internets in Deutschland“ einmal geschrieben werden sollte, steht unter B wie Blogger sicherlich auch: Blogger wie Basic.

Nachrufe im Netzfeuilleton, Speeblick, BasicThinking

Autoritäre Versuchungen

Wilhelm Heitmeyer: „Autoritäre Versuchungen“
Peter Carstens über Wilhelm Heitmeyers neues Buch:

„Rechtsextrem will Heitmeyer die AfD aber nicht nennen, dazu fehlten wesentliche faschistische Elemente wie die Ausrichtung auf einen Führer, die paramilitärischen Elemente und ein offener Kult der Gewalt. (…) Er nennt die AfD eine Partei des ‚autoritären Nationalradikalismus‘ und deutet sie als Vorboten der Gewalt.

(…) ‚Damit wird der Weg frei für autoritäre und nationalradikale Bewegungen mit weiteren Aufheizungen – sie erreichen auch gewalttätige Akteure, die die angestrebten autoritären Ordnungsvorstellungen auf ihre Art lokal oder regional vorantreiben.‘ (…)

Kritisch beurteilt Heitmeyer in seiner anschaulichen Untersuchung Versuche der Unionsparteien, durch sprachliche Nachahmung die Kontrolle über die wegfallenden Ränder zurück zu erlangen. Das seien riskante Anpassungsversuche, die zu Normverschiebungen führten. (…) [Er] hält aber auch nichts von moralisierender Fundamentalkritik und der Einordnung der AfD ins Neonazi-Lager. Denn:

‚Je höher das moralische Gefälle, das da konstruiert wird, desto geringer sind die Kommunikationschancen. Und wenn Kommunikation ausbleibt beziehungsweise vorrangig innerhalb der eigenen Bezugsgruppe stattfindet (…) begünstigt das die Radikalisierung zusätzlich.‘

Aber was kann, was soll getan werden? Da ist der Soziologe am Ende auch eher ratlos. Es gebe, schreibt er, einen ‚Mythos vom Verschwinden des Autoritären‘. Wenn es einmal da ist, sei es nicht mit dem Abtreten einer Bundeskanzlerin oder schärferen Grenzkontrollen getan. Düster schreibt er von einem ‚Eskalationskontinuum‘. Weder der globale Kapitalismus und die kulturellen Konflikte noch die demographischen Veränderungen seien aufzuhalten.

‚All diese Faktoren sind auf Dauer geschaltet und lassen sich mit dem konventionellen Werkzeugkasten demokratischer Politik – im Wesentlichen Gesetze, Geld und Appelle – nicht kurzfristig verändern.'“

Bolsonaro und Männlichkeit

How Bolsonaro Happens

Andre Kenji de Sousa lebt in Itatiba (São Paulo), seine Zusammenfassung des „Bolsonaro-Phänomens“ ist sehr hilfreich (ohnehin ist Ordinary-Times, wo das Stück läuft, derzeit eine meiner Lieblingsseiten). Dabei geht es auch um „Männlichkeit“ als Faktor:

„Es geht ein Reiz von einer bestimmten Art Männlichkeit aus. Sie mag unglaublich falsch und eine besonders unsichere Männlichkeit sein, aber sie findet Anklang. Kein Wunder, dass [Bolsonaro] die ganze Zeit über Waffen redet. Selbst der körperlich schwächste Mann im Universum kann sich mit einer Waffe mächtig fühlen. Das ähnelt dem Reiz der Männlichkeit, den Donald Trump propagiert.

In den meisten Ländern machen Männer ungefähr die Hälfte der Wähler aus. Und in vielen Ländern sind die meisten dieser Männer weiß oder Menschen, die sich als weiß definieren. Du kannst keine Wahlen gewinnen, wenn du die Hälfte der Wählerschaft verlierst. In der #MeToo-Ära ist das etwas, was viele Leute auf der Linken und unter den Liberalen nicht verstehen. (…)

Einer der Gründe, warum Männer von Schwindlern wie Bolsonaro, Trump oder einem mittelalten kanadischen Psychologie-Professor mit Hang zu Plattitüden angezogen sind, ist weil unter den Progressiven niemand versucht, sie zu erreichen. Du musst dich nicht wie ein MRA-Typ [Men Rights Activist] anhören, um Männer zu erreichen. Aber du musst einen Anreiz für diese Hälfte der Wähler bieten (besonders, weil die andere Hälfte nicht für Kandidaten/innen stimmen wird, nur weil sie Frauen sind oder eine feministische Botschaft haben.“

Dieser ganze „Men-Rights-Komplex“ ist in Deutschland meines Eindrucks nach trotz größerer Online-Präsenz eher Randphänomen, so wie Männer in Deutschland eine sehr großes Spektrum an Selbstbildern wählen können, ohne sich völlig alleine fühlen zu müssen – in den meisten Milieus zumindest. In Ländern wie den USA (ein guter Dokufilm dazu ist „The Mask You Live In“) oder offensichtlich auch Brasilien dagegen ist das Männlichkeitsbild sehr viel enger definiert. Andererseits haben wir in Deutschland Gegenden, in denen ein Frauen-Exodus stattgefunden hat, was wiederum zu unguten Kulturveränderungen führt.

Paradoxerweise macht die deutsche Situation den nächsten Schritt der Gleichberechtigung einfacher und schwerer zugleich: Einfacher, weil ein Bewusstsein besteht. Schwerer, weil dieses Bewusstsein bereits Gleichberechtigung impliziert, obwohl es sich de facto erst einmal nur um eine größere Ausdifferenzierung von (männlichen) Geschlechterrollen handelt.

Gut möglich, dass der nächste Schritt mit den inhärenten Machtfragen und Demografie-Faktoren zu einem Kulturkampf-Backlash führen. Das ätzende (und ins Rassistische neigende) Meme über die ‚alten weißen Männer‘ liefert ja schon schöne Opfererzählungs-Vorlagen. Aber irgendwie scheint mir Macho-Kandidatentum in Deutschland schwer vorstellbar und berufliche Chancengleichheit der Geschlechter eines der wenigen Felder, wo der Erhalt des Status Quo mal nicht das bundesrepublikanische Ziel ist (wenn wir auch leider vorwiegend von Berufen mit Hochschul-Abschluss reden). Das heißt natürlich nicht, um auf Bolsonaro und den globalen Aspekt der politischen Rechten zurückzukommen, dass Männlichkeit nicht direkt und indirekt mit einer Reihe von Ängsten und Identitätsschablonen verknüpft wird. Gerade in der Einwanderungsdebatte passiert das ja schon weit über das berechtigte „Frauenfeindlichkeit passt nicht in unsere Kultur“ hinaus.

Siehe auch:
Brasilien, Bolsonaro
Jens Jessen und der #MeToo-Moment

Lebensgefühl als Politik

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Zeit für Gefühle

„Ich behaupte ja immer, es gebe gar keine Zukunft mehr, aber wenn die Grünen, wie es aussieht, die Partei der Zukunft sind, muss es dann nicht eine geben? Andersherum wird ein Schuh daraus: Eben weil es keine Zukunft gibt, gibt es eine Partei, die die Zukunftslosigkeit grün kaschiert. (…)

Die Grünen vertreten, es stimmt, ein ‚Lebensgefühl‘, das, während das Leben bekanntlich nicht mehr lebt, dafür sorgt, dass es sich wenigstens so anfühlt. (…) Das Lebensgefühl Merkel aus offenem Stillstand als sturem Abwarten hat sich verbraucht, und die Halluzination, dass es gut sei, wie es ist, und es sogar noch besser werden wird, verkörpern die Grünen heute wie sonst niemand; wenn sich der nötige Fortschritt bloß in jedem Fall kaufen lässt (‚Immer mehr Menschen wechseln vom Auto aufs Lastenrad, vor allen in den Städten … Der Faltradspezialist Tern hat mit seinem motorisierten GSD-Modell ein relativ schlankes Modell entwickelt‘, Zeit online, 13.10.) und Politik als Milieu- und Klientelveranstaltung nichts Schlechtes ist, wenn das Milieu nur nicht aus Anlageberatern und Porschefahrerinnen besteht (FDP), sondern juste ist, nämlich gefühlt (sic) ‚links von der Mitte‘ (Hiska Prinz, Grüne Hessen).

Der Vorwurf linksgrünen Moralismus hat insofern seine Wahrheit, als, soweit der Hauptwiderspruch von Arbeit und Kapital keiner ist, der irgendwen um den Schlaf bringt, Politik aus Moral bestehen muss, und da ist die grün-sozialliberale Moral faschistischer ‚Volks-“Moral‘ (wie sie in Ungarn etwa neuerdings Obdachlosigkeit zur Straftat macht) freilich unbedingt vorzuziehen.“

Gärtner haut natürlich drauf und ignoriert zum Beispiel die auch von den Grünen geforderte Vermögenssteuer. Allerdings ist aus progressiver Perspektive der Vorwurf des Inkrementalismus insofern berechtigt, als die Grünen vor allem im Kontrast mit dem gegenwärtigen Stillstand und den reaktionären Gegenbewegungen als Veränderungspartei erscheinen. Und die konservativ-liberale Kritik an Vorschlägen zu größeren Lebensstil-Eingriffen – von der Mineralölsteuer zum Veggie-Day – hat sie auch scheu gemacht, viel mehr als „Anpassung des Konsumverhaltens durch Veränderung der Marktbedingungen durch kleinere politische Hebelgriffe“ zu fordern. Und das ist ja der übliche bürgerliche Reformstandard.

Unbequeme Realitäten

Deutschland versteht nur die Sprache des Geldes

„Es ist nicht zu verstehen, mit welcher Hartleibigkeit sich die Bundesregierung der Tatsache verschließt, dass die Euro-Zone ein gravierendes Problem hat. Der Streit um den Haushalt ist nicht einfach ein Streit darüber, dass ein Land zu viel Geld ausgeben will oder zu wenig reformiert. Dass eine Regierung die Regeln nicht einhält, weil sie Wahlversprechen erfüllen will. Es geht um Grundsätzliches, nämlich darum, ob das Versprechen, dass der Euro die Lebensverhältnisse angleicht, gehalten werden kann.“

Cerstin Gammelin legt anlässlich des Haushaltsstreits mit Italien den Finger in die Wunde, der gesamte Kommentar ist Kandidat für eine Rahmung. Ich habe inzwischen den Eindruck, dass Teile der Bundesregierung und vor allem die Unionsabgeordneten die Sache aussitzen und das im vollen Bewusstsein der Konsequenzen.

Wenn in der nächsten Rezession die Euro-Zone zerbricht, wird kaum jemand rufen „Erinnert Ihr euch noch an 2017/2018, als das Fenster für Veränderungen sich nochmal öffnete?“. Und sollte es zum Bruch kommen, wird man auch daran erinnern müssen: Die deutsche Bevölkerung hat das so gewollt. Denn laut Umfragen gibt es keine Mehrheiten für Ausgleichsmechanismen, und gegen Umfragen wird nur noch selten regiert.

Aber wenn es kracht, ist wahrscheinlich auch das verdrängt worden und wir werden irgendeines von den „Südländern“ verantwortlich machen und irgendwie versuchen, die EU zusammenzuhalten. Ich würde viel dafür geben, Tony Judts Gedanken dazu zu hören.

Wahlbilanz

Wie mein Heimatdorf gewählt hat (Zweitstimmen):
CSU: 57,6%
SPD: 6,5%
Freie Wähler:  6,5%
Bündnis 90 / Grüne: 5,9%
FDP: 2,3%
Linke: 0,6% (= 1 Stimme)
AfD: 15,3%

Genauer gesagt gehören noch ein kleineres Nachbardorf und ein Weiler zum Einzugsgebiet des Wahllokals. Briefwahl ist nicht dabei, die geht an die „Gemmee“ (a.k.a. Gemeinde).

Im Labor

Nächste Ausfahrt Weimar? Die Republik nach Chemnitz

„Am kommenden 9. November jährt sich der Beginn der Weimarer Republik zum 100. und die antisemitische Pogromnacht zum 80. Mal. Schon am 3. Oktober geht die Republik in das 29. Jahr der deutschen Einheit. Doch von Einheit kann derzeit keine Rede sein, die Republik ist gespaltener denn je. Vor allem im Osten steht die Demokratie auf der Kippe. Dabei ist inzwischen bereits eine ganze Generation gesamtdeutsch, also post-diktatorisch, aufgewachsen, da nach dem Fall der Mauer geboren. Doch das Problem hat sich nicht ausgewachsen, im Gegenteil: Heute machen die Rechtsradikalen der 1990er Jahre mit den neuen jungen Rechten, die ihre Kinder sein könnten und es manchmal auch sind, gemeinsame Sache – wohlwollend betreut von der AfD. Im ‚Labor Ostdeutschland‘ könnte sich die Frage entscheiden, welcher Art unsere Demokratie zukünftig sein wird: plural-liberal oder völkisch-illiberal. Björn Höcke hat jedenfalls bereits angekündigt, dass er der Linken nun auch ihr ‚Kronjuwel‘ abnehmen will, die soziale Frage. Sollte es der AfD gelingen, dem Nationalistischen auch noch das Soziale beizufügen, könnte ihr Aufstieg noch steiler verlaufen.“

Albrecht von Lucke zeigt zwei wichtige Zusammenhänge auf: (1) Der neoliberale Kurs der AfD ist nicht in Stein gemeißelt. Und, an anderer Stelle (2): Die kausale Relation zwischen der Schwächung des Rechtsstaats durch den Abbau von Stellen in Polizei und Justiz und dem Eindruck eines geschwächten Rechtsstaats (die Auszehrung des deutschen Dienstleistungssektors scheint mir irgendwie hinter zig Phänomenen zu stecken, der Journalismus gehört ja auch dazu).

Diskursmodi

 Essay Diskussion um Integration: Linke in der Diskursfalle

In Chemnitz ist Schreckliches passiert. Zuerst die Tötung eines Menschen, mutmaßlich durch Asylbewerber. Und danach haben sich rechte Kräfte solidarisiert, sie sind mit offenem Visier marschiert, ungehemmt: AfD, Pegida und andere rechtsradikale Gruppen im Schulterschluss. Da waren sie nicht nur virtuell im Netz aktiv, sondern analog und real, lautstark und zu Tausenden. Zum Glück hatten viele den Impuls, sich dagegenzustellen!

Doch zugleich schnappt hier schnell die Diskursfalle zu. Zweifellos ist es richtig, sich schützend vor die Ziele rechter Angriffe zu stellen: vor Asylbewerber, Migranten, Muslime. Unschuldige müssen mit allen Mitteln verteidigt werden, auch und gerade von der Zivilgesellschaft. Doch Demokraten sollten auch nicht blind, taub und stumm sein im Angesicht veritabler Herausforderungen, Konflikte und Probleme, die mit Einwanderung und Integration einhergehen – und die ja keineswegs neu sind.

Muslim zu sein, Flüchtling zu sein ist weder irgendein Makel noch ein Grund dafür, besonders unter Schutz gestellt und von rechtlichen Regelungen ausgenommen zu werden.

Als Grundlage für den Diskursmodus stimme ich Ahmad Mansours (Gesamt-)Artikel zu, auch wenn die realen Haltungen mir nuancenreicher zu sein scheinen. Flüchtlings-/Fremdenfeindlichkeit und Integrationsablehnung von Einwanderern haben gemeinsam, dass man a) schwer bemessen kann, wie verbreitet sie sind und sie b) auf einem Spektrum existieren, auf dem die Gesellschaft an irgendeiner Stelle einen Stopp-Punkt setzen muss. Angesichts unserer Geschichte und der jüngeren Vergangenheit macht mir persönlich die Gefahr des exzessiven Nativismus mehr Sorgen; ich bin aber der Meinung, dass illiberale und hermetische Gruppen aller Art der Gesellschaft in der Regel mehr Probleme als Gewinn bringen. Das zu knacken und dabei nicht Einzelne aufgrund oberflächlicher Merkmale in solche Gruppen-Schubladen zu stecken, ist unsere Aufgabe.

Theorie und digitale Schulpraxis

Aufbruchstimmung oder bleierne Zeit – Momentaufnahmen Digitaler Bildung in Deutschland

„Ernüchternd auch die Erkenntnisse von Prof. Christoph Igel von der Deutschen Forschungsstelle für Künstliche Intelligenz: Digitale Medien finden in der Ausbildung von Lehramtsstudierenden immer noch kaum statt. Immerhin können sich die 25-jährigen noch vorstellen, Tablets und Apps im Unterricht einzusetzen. Kaum sind sie an der Schule angekommen, sinkt diese Bereitschaft angesichts von fehlenden WLAN-Kapazitäten und sonstigen Anforderungen massiv. Zwei Jahre, nachdem sie den Job angefangen haben, tendiert sie sogar gegen Null.“

Der Eindruck, den Verena Gonsch auf diversen Konferenzen zum Schulwesen mitgenommen hat, ist nicht besonders gut. Wenn ich das richtig verstehe, warten alle auf die Gelder aus dem „Digitalpakt Schulen“, wo offenbar ein gewaltiger Betrag offen ist. Und dann gibt es natürlich die kulturell verständliche, aber sehr deutsche Herangehensweise: Erst digitale Lernkonzepte, dann Wlan anknipsen.

Die Probleme im Change-Management, die wir in der Wirtschaft haben, lassen sich parallel in den staatlichen Hoheitsgebieten diagnostizieren. Und anders als bei der Industrialisierung ist nicht gesagt, dass für Deutschland „spät umsetzen, aber dafür richtig“ wieder funktioniert.

Halbvoll ist das Glas, wenn ich auf die offenbar wachsende Anzahl engagierten Lehrer blicke, die sich in Projekten vernetzen und kluge Lösungen finden wollen – nicht für sich, sondern für die Kinder und das Bildungswesen. Aber es darf nicht sein, dass 2018 Eigeninitiative oft an den Strukturen vorbei entwickelt werden muss. In ein paar Jahrzehnten werden wir einmal auf den Fetisch der „Schwarzen Null“ zurückblicken und uns wundern, was wir mit dieser Passivität so alles angerichtet haben.

Siehe auch:

Breitband-Ausbau und der Vectoring-Irrweg
 GroKo-Sommerbilanz
 Deutschland, Euro-Krise, Griechenland