Moralischer Bogen vs. moralische Katastrophen

Why Does Jim Holt Exist?

„Das historische Datenmaterial scheint in den vergangenen Jahrtausenden einen Pinker’schen Trend Richtung des moralischen Fortschritts zu zeigen – das ist das Signal. Aber dann gibt es das wachsende Ausmaß moralischer Katastrophen, das sowohl der Technik als auch größeren Formen sozialer Ordnungen geschuldet ist – das ist das Rauschen. (Oder vertausche ich Signal und Rauschen?) Wenn ich mir die nähere Zukunft ansehe bin ich recht zuversichtlich, dass wir gegenwärtige barbarische Praktiken wie die bestrafende Einkerkerung von Menschen oder den Missbrauch von nicht-menschlichen Tieren in Fabrik-Landwirtschaft beenden werden. Aber ich bin nicht willens, den Bogen der moralischen Fortschritte in die fernere Zukunft hochzurechnen, im Gegensatz zu einigen lotus-essenden Visionären.

Es gibt ein abstraktes, quasi-evolutionäres Argument, dass sich moralischer Fortschritt für immer fortsetzen wird. Er beruht auf der Beobachtung, dass in Computer-Simulationen von abgewandelten Gefangenen-Dilemma-Spielen sich die kooperierenden Einheiten gegen die schummelnden Einheiten durchsetzen. Daraus, so das Argument, lässt sich ableiten, dass unsere sehr weit entfernten Nachfahren extrem nett zueinander sein werden. Seit dem Auftauchen unserer Spezies sind schon ungefähr 50 Milliarden Menschen entstanden. Wie viele mehr von uns wird es geben? Nach dem kopernikanischen Prinzip – wonach wir Menschen, die jetzt gerade existieren, wahrscheinlich nicht ‚besonders‘ sind, verglichen mit den allerersten oder den allerletzten Menschen, die jemals existieren – können wir mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, dass es von uns nicht mehr als weitere zwei Billionen geben wird. Wenn wir annehmen, dass die Bevölkerung auf der Erde sich bei ungefähr 10 Milliarden stabilisiert, bedeutet das, dass die menschliche Spezies innerhalb der nächsten 20 Jahrtausende aussterben wird, oder sogar schneller, wenn wir unsere Zahl von Generationen erweitern, indem wir andere Planeten übernehmen. Und wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass unser wahrscheinliches Aussterben selbstzugefügt sein wird und kein kosmischer Unfall. In anderen Worten: Es wird, kollektiv gesprochen, unser eigener Fehler sein. Und das ist ein schwerwiegendes moralisches Versagen.“

Ich liebäugle immer wieder mal damit, ein Interview mit Jim Holt zu machen. Aber er würde die Leser und mich womöglich über den Rand der argumentativen Vorstellungskraft hinaus in den Abgrund führen.

Strukturen und Zeichen

The Plug-Hole

Strukturen sind umso besser erkennbar, je mehr sie fehlen. Nach mehreren Monaten Leben “aus dem Koffer” ahne ich das zumindest. Irgendwann webt sich das Leben trotzdem eine eigene Struktur, auch ohne “Alltag”.

Manchmal sieht man die Zeichen. Dass wir in Miami nicht leben werden, ahnten wir nach einigen Tagen. Gewusst haben wir es, als nachts neben unserer Bleibe der Verteilerkasten explodierte, der Strom stundenlang ausfiel und ich draußen auf der Suche nach der Ursache in Hundescheisse trat.

Manchmal sind die Zeichen verschlüsselt. Die beiden Erdbeben erschütterten Mexico-City, als wir nicht mehr in der Stadt waren. Das Haus, in dem wir den Sommer verbrachten, ist nun unbewohnbar. Die Erinnerung an die Zeit dort hat Risse bekommen.

In New Orleans wurde im Sommer unser Viertel überschwemmt, die Menschen fuhren mit dem Kanu durch die Straße. Nicht schlimm, aber vielleicht ganz gut, dass wir dort schon nicht mehr wohnten.

Hurrikan Irma durchpflügte Florida eine Woche, bevor wir dort landeten. Ein Baum, der umstürzte, verfehlte unser in Miami abgestelltes Auto um drei Meter. Wenn sich darin eine Struktur erkennen lässt, dann für mich: Dankbarkeit, nur kleine Probleme zu haben.

Nun sind wir in Austin, Texas. Es wird bald ein bisschen ruhiger, vielleicht werde ich versehentlich ein paar Mal meinen Koffer packen. Struktur wird wieder die Note des Langweiligen bekommen, Alltag den Geruch des Stillstands annehmen.

Dabei sind Rituale, eingeübte Wiederholungen oft das Stabilisierende, während so viel außerhalb unseres Einflussbereichs um uns herum fließt und hinter dem Horizont der Zukunft verschwindet. Weltgeschehen. Persönliche Unwägbarkeiten, die uns und die Menschen um uns herum berühren und mitreißen werden.

Rätselhaft: Das Loslassen der Illusion, dass wir alles festhalten können (während es um uns herum fließt), kostet mehr Kraft als das Festhalten an dieser Illusion. Diese Umwandlung der Kraft kennen wir aus asiatischen Kampfphilosophien wie Kung-Fu. Nun, wir würden sie kennen, hätten wir damals im Zivildienst das Kung-Fu-Seminar am Schliersee ernst genommen und nicht unsere Energie abends im Freizeitheim mit Kiffen und Schnaps verbraucht (aber ich schweife ab…).

Struktur bedeutet auch: sich einen Weg bahnen.

Neulich habe ich hier im Malvern Books – einem Buchladen ohne Sachbücher – in ein paar Essays geblättert, zufällig die Seiten aufgeschlagen.

Ich war überrascht und auch beruhigt, wie viele Selbstzweifel das Papier durchzogen. “Ich weiß nicht, ob ein Schreiber bin”, hieß es in einem der Werke, in dem sich allerhand fantastische Sätze finden. “Vielleicht bin ich nur ein Leser.” Das war ernst gemeint und nicht die inzwischen übliche Koketterie. Es klang vertraut. Ihr kennt vielleicht diese Momente, in denen plötzlich der eigene Zweifel als Teil einer allgemeinen Zweiflerei erscheint und für eine Sekunde alles leicht wird.

Wenn sich die Bedeutung des Bloggens für mich in den vergangenen Jahren geändert hat, dann so: Es ist primär kein Ort mehr für Mitteilungen oder Meinungen (davon gibt es genug und ich glaube nicht mehr an “Content”). Dieses Blog ist wie das Schreiben selbst für mich eine dieser Flugmaschinen aus den Vorzeiten der Gebrüder Wright. Ich setze mich auf sie und beginne zu schreiben und nehme Fahrt auf und versuche, abzuheben und über die Zweifel hinwegzufliegen.
Und manchmal winke ich ihnen von oben zu und oft stürze ich mitten in sie hinein. Und wenn ich darüber nachdenke, erscheint mir diese Bewegung so vertraut, dass ich sie als eine der prägendsten Strukturen meines gegenwärtigen Lebens erkenne.

Manfred Volkmar (1949-2017)

Hätte mich die Berliner Journalisten-Schule 2006 nicht in ihre Lehrredaktion aufgenommen, meine berufliche Laufbahn wäre anders verlaufen, mein Handwerk schlampig geblieben. Mit Schulleiter Manfred Volkmar verband mich ein seltsames Verhältnis: Wir schätzten uns, doch er zog immer die Augenbrauen über seinen mächtigen Brillengläsern zusammen, wenn ich von Blogs und Bürgerjournalismus erzählte. Wahrscheinlich würde er sich freuen, wenn er das hier lesen würde. Aber ein Nachruf auf einem Blog, einfach so aus dem Herzen heraus geschüttet… er hätte sich lächelnd einen milden Tadel nicht verkneifen können.

Manfred Volkmar war ein Mann, der die Form wahrte – ich habe ihn glaube ich nie ohne Anzug und Krawatte gesehen. Dabei war es im Sommer verdammt heiß dort oben im Verlagsgebäude am Alex. Und er war ein Wahrer journalistischer Formen und Standards, ohne darüber groß Aufhebens zu machen. Als Chefredakteur des Spandauer Volksblatts hatte er erlebt, wie die großen Nachwende-Ambitionen einer Lokalzeitung geendet hatten: mit dem Aufkauf durch Springer und der Umwandlung zum Anzeigenblatt. An die Zukunft des guten Journalismus glaubte er trotzdem mit der ihm eigenen Aufrichtigkeit. Blieb nicht sauberes Handwerk sauberes Handwerk, ein guter Text ein guter Text, ein guter Beitrag ein guter Beitrag?

Die branchenüblichen Symptome wie Missgunst und Besserwisserei waren ihm dabei fremd, als gesunder Berliner zog er trockenen Humor dem Standesdünkel vor. Er genoss das Lesen, den Blick auf die Medienbranche, ohne in ihr verrückt werden zu müssen. Morgens traf Volkmar oft vor allen anderen ein, in der Regel auf dem Fahrrad (als Berliner Ureinwohner besaß er geheimes Schleichweg-Wissen). Die Zeit nutzte er, um die aktuellen Zeitungen zu studieren, über die er dann tagsüber im Gespräch manch Kritisches bemerkte (“Also, mit diesem Thema aufzumachen…”), aber mit aufrichtig gemeintem Lob für diesen und jenen Artikel oder Kollegen niemals sparte. Und wenn er sich manchmal geräuschlos in eines unserer Seminare setzte, um hinten in der Ecke zuzuhören, genoss er es erkennbar, die nächste Generation beim Erlernen des Handwerks zu erleben. Er war stolz auf seine Absolventen.

Doch natürlich war dem kalten Hauch der ökonomischen Realitäten auch in der Journalistenschulen-Blase nicht zu entkommen. Die BJS hatte Geldprobleme, die Ausrüstung war veraltet und die Modernisierung derart überfällig, dass es oft zu Spannungen kam. Was allerdings in besagtem Verlagsgebäude am Alexanderplatz nichts Besonderes war: Ein paar Stockwerke höher hatte gerade ein Investor die Berliner Zeitung übernommen – für uns ein hilfreiches Extra-Seminar über das Zukunftsthema “Miese Stimmung in Print-Redaktionen”.

Journalist zu werden hieß, damals so sehr wie heute, die Zukunftsangst zu wählen. Am Ende ist es für alle aus unserer Klasse gut ausgegangen. Die BJS aber musste nur wenige Jahre später die kostenlose Journalisten-Ausbildung einstellen. Insgesamt hat Manfred Volkmar bis zum Ende seiner Ära 2012 mehr als 300 junge Menschen auf ihrem Weg in den Journalismus begleitet.

Im Juli dieses Jahres kam meine Lehrredaktion zu einem zehnjährigem Jubiläumstreffen zusammen. Für Nicht-Journalisten erklärt: Das ist eine Art Abi-Treffen, auf dem alle dunkle Vollrandbrillen tragen. Ich konnte nicht dabei sein, doch erinnerte mich natürlich auf der anderen Seite des Ozeans an die Zeit zurück. “Herr Kuhn”, hörte ich Volkmar mit seiner tiefen Stimme sagen, “so schnell schreiben Sie auch nicht, dass wir dafür schnellere Computer anschaffen müssen.”

Ich musste lachen, doch wie anders fühlt sich die Gewissheit an, diese Stimme nun wirklich und endgültig nur noch in der Erinnerung zu hören. Am 2. August ist Manfred Volkmar gestorben.

Logbuch (Schlamm, Intellektuelle im vernetzten Zeitalter)

“Oh, neulich hat es einmal geregnet und da habe ich festgestellt, dass das ziemlich laut auf dem Dach ist.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, neulich bei der Übergabe. Natürlich ist das Dach bei Regen lauter als ein Maschinengewehr, ist im vorderen Bereich ja auch aus Wellblech. “Oh, und letzte Woche war hier plötzlich auch alles voller Schlamm, da ist bei Regen etwas übergelaufen.” Sagt die Zwischen-Vermieterin, die schon mehrere Jahre hier wohnt, bei der Übergabe. Natürlich läuft die verstopfte Dachrinne über und der vordere Teil des Hauses voller Schlamm, wenn man den Gulli nicht zügig aufmacht. Das ist alles – Fließen sei Dank – halb so wild und vor allem amüsant, weil das offensichtliche Dauerproblem schnell mit einer kleinen Lüge zur Überraschung umdeklariert wird. Um dann im nächsten Moment offensichtlich als Lüge und Dauerproblem enttarnt zu werden. Als ließe sich so etwas nicht unter Erwachsenen normal ansprechen. Wir Menschen sind schon eine bizarre Spezies.

Christopher Lydons Interviewsendung höre ich oft sehr gerne, auch wenn er Noam Chomsky mit erstaunlicher, fast peinlicher Ehrfurcht entgegentritt. Natürlich ist Chomsky ein wichtiger politischer Denker, aber das Gespräch entlarvt auch sein Holzschnitt-Wissen, zum Beispiel wenn es um europäische Belange geht. Aber wenn wir im neuen Zeitalter der Super-Komplexität einen Erben finden wollen, der die vernetzten Zusammenhänge adäquat entwirrt, suchen wir wahrscheinlich lange und vergebens. Zumal bei den Konservativen, wo ich inzwischen oft die Ehrlichkeit in der Argumentation vermisse (auch wenn ich Publikationen wie Claremont Review etc. schätze). Und sowieso in Deutschland, wo Intellektualität sich inzwischen vorwiegend unter dem Radar aufhält und gerade im universitären Betrieb ein Mangel an Willen und Ausdruck herrscht, wenn es um die Verbreitung der eigenen Ideen und Thesen geht. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser Zustand anhält.

Logbuch (Sharing, Mexiko, Schriftsteller)

Kafka

Beim Blick auf meine Gewohnheiten beobachte ich seit Jahren erschreckt, wie stark Social Media mich dazu bringt, nicht nur ständig Mitteilungen zu erwarten, sondern auch sonst das Leben um mich herum unter der Frage “Oh, sollte ich das teilen?” zu betrachten. Dabei ist es schon besser geworden, weil mich die psychischen Konsequenzen ziemlich nerven. So installiere ich Twitter und Instagram immer nur für ein paar Stunden auf meinem Telefon, wenn ich weiß, dass ich es brauche oder ein Bild hochladen will. Facebook habe ich gar nicht heruntergeladen, so schlau sollte jeder tracking-bewusste Mensch sein. Social Media ist wie Kettenrauchen (und Twitter wie der Schulhof mit seinen Cliquen), aber mein Job birgt leider auch eine gewisse ungesunde Informationsernährung (umso mehr versuche ich selber, gute Geistesnahrung zu produzieren).

Wirklich ärgerlich sind die Tage, an denen ich kleine Beobachtungen und große Gedanken finde, mir einen Blogeintrag vornehme – mir sogar Notizen dazu mache – und den dann niemals aufschreibe. Das Logbuch hier ist eine weitere Spielerei, um diversen Gedanken eine freie Form zu geben. Und ich muss mich zwingen, nicht nach Perfektion oder Pointen zu streben, auch wenn die Aufmerksamkeitsökonomie einen fetten Rant belohnt und für Logbücher nichts übrig hat.

Diese Meta-Gedanken habe ich aus den USA mit hier in den Süden gebracht. Ciudad de México, wo wir bis Ende August bleiben werden, behandelt uns bislang gut. Es sind noch zu viele Eindrücke, um im improvisierten Leben hier ein Muster zu finden. Ungleichheit, natürlich. Smog, aber hallo. Freundlichkeit, sehr viel mehr als erträumt. Ein gewisser Konservatismus – letzten Sommer hatte ich in New Orleans monatelang quasi keine lange Hose an, hier geht kein Mann beinfrei aus dem Haus (und fast keine Frau schulterfrei).

Die Abwicklung des Alltags ist für deutsche Verhältnisse ein Abenteuer – das Müllauto hält einmal am Tag hier an der nächsten Kreuzung, ein Mann geht mit der Klingel rum und alle Nachbarn bringen ihre Mülltüten und -tonnen hin, dazu ein kleines Trinkgeld. Die Mülltrennung macht dann ein ganzer Trupp von Helfern, der die Tüten durchsucht und Recycling, organisches und nicht-organisches trennt. Ohnehin spart man hier nirgends an Personal, nicht am Taco-Stand und nicht im Supermarkt. Alles ist voller kleiner spezialisierter Eckläden für Alltagsdinge, vom Schlosser über den Papierladen bis zum Mini-Geschäft für Hundebedarf. Die Kultur der Nachbarschaftlichkeit, die daraus entsteht, verschwindet in Deutschland gerade; in den USA ist sie längst ausgelöscht und ich bin mir sicher, dass sich auch hier eine Verbindung zur Polarisierung der Gesellschaft ziehen lässt.

Wenn ich nicht in Aktuellem versinke oder das spanische Kinderbuch “Mis Primera 1000 Palabras” aufschlage, lese ich zur Erholung den dritten Teil (Jahre der Erkenntnis) von Reiner Stachs Kafka-Biografie. Parallel auf die NYRB-Rezension der neuen Hemingway-Biografien gestoßen. Beide mythosgewordene Menschen auf ihre Art menschlich schwer erträglich, selbst ein Neurosen- und Lebensschauspieler-Versteher wie ich gerät an da an die Grenzen. Stach schreibt fantastisch, Hutchisson hatte ich mal auf dem Kindle angelesen und es ging auch sehr flüssig runter. Im Moment fällt es mir schwer, Muse für Brocken wie “The Religion of the Future” zu finden, zu voll ist mein Kopf. Ich würde gerne auch mal etwas über Peter Trawnys “Technik.Kapital.Medium” schreiben,  das mir eines der besten deutschsprachigen Bücher über die Digitalisierung zu sein scheint, wenn ich es nur verstehen würde… vielleicht vorher Mezcal konsumieren?

Schalke – gestern und morgen

Arena Auf Schalke

Nichts wird so schnell alt wie die letzte Saison, wenn sie schlecht war. Das gilt auf Schalke wie anderswo. Aber nirgendwo ist die Vorfreude auf die nächste Runde größer als in Gelsenkirchen, wenn mal wieder ein Umbruch stattfindet (vielleicht machen wir das deshalb regelmäßig).

Trotzdem vor dem Ausblick noch ein kleiner Rückblick, denn immerhin konnte ich die Saison 2015/16 so gut verfolgen wie schon lange nicht mehr: Fox überträgt Fußball in den USA und bietet Einzelspiel-Streaming an, durch den Umzug über zwei Zeitzonen beginnen die Samstagsspiele seit der Rückrunde um 8:30 Uhr statt um halb “ich sollte besser im Bett sein” sieben. Eigentlich eine ganz gute Zeit, um danach den Tag noch zu nutzen. Nur nachmittags um 15:30 Ortszeit setzt dann die Melancholie ein, weil die deutsche Fußball-Bio-Uhr den Anpfiff anzeigt, in Wirklichkeit aber schon alles vorbei ist.

Doch zurück zum Thema: Nach der vorangegangenen Rückrunde mit di Matteo, die selbst im Propaganda-Modus auf SchalkeTV recht armselig wirkte, sollte Breitenreiter spielerische Fortschritte und Konstanz reinbringen. Das klappte nicht, wie wir alle wissen. In Erinnerung bleiben eine (auch verletzungsbedingt) stets anfällige Abwehr und ein recht schematisches Offensivspiel, das von Leroy Sanès Einzelaktionen (und damit seiner Form) abhängig war und ein Mittelstürmer-Problem hat (sorry, Hunter). Das ist wenig, auch wenn man Breitenreiter zugute halten muss, dass er keinen Draxler-Ersatz bekam. So bleibt mir das erste Spiel in Bremen als Versprechen in Erinnerung, wie ein zügiger Fussek 2015/16 mit wirkungsvollem Pressing hätte aussehen könnten. Weitere überzeugende Spiele waren für mich Köln und Hoffenheim (auswärts) sowie Wolfsburg (daheim). Ich habe allerdings auch Geduldsheimsiege wie gegen Mainz zu schätzen gelernt habe, weil die trotz aller fehlenden Konstanz im Schalker Spiel seit Jahren recht konstant Punkte bringen.

Jetzt ist also Breitenreiter weg, mit ihm Horst Heldt. HH ist für mich Bundesliga-Vergleich ein ordentlicher Manager, was allerdings auch damit zu tun haben könnte, dass ich auch Andreas Müller erlebt habe und die Position in vielen deutschen Profivereinen die Schwachstelle ist. Unterm Strich setzte sich unter ihm jener langsame Niedergang fort, den Schalke im Profibereich seit 2007 erlebt (inklusive kleiner Ausreißer nach oben). Während dieser neun Jahre hat sich eine spielerische und taktische Modernisierung im Profifußball vollzogen, die Schalkes Übungsleiter nur in Bruchteilen umsetzen konnten. Das ist Heldts größtes Versäumnis, vor allem die in dieser Hinsicht verlorenen Keller-Jahre schmerzen. Eine Konstante, die länger als eine Sportvorstand-Amtszeit währt: Spieler in der Durchstartet-Phase ihrer Karriere (Rakitic, Neustädter, Christian Fuchs, Christian Poulsen) stagnieren am Berger Feld, häufig müssen sie weiterziehen, um ihre persönlichen fußballerischen Möglichkeiten auszureizen.

Eine weitere Konstante ist die permanente Unruhe. Jenseits aller Schalke-Leaks: 2015/16 war mit Alexander Jobst nur ein einziger Verantwortlicher an Bord, der die Bezeichnung “Kommunikator” verdient. Für einen Verein, bei dem Gerede so eine wichtige Rolle spielt, ist das erstaunlich. Ich würde mir die Abwahl von Clemens Tönnies wünschen, weil er Schalke mit seiner indiskreten Vereinspatriarchen-Art schon lange im Weg steht. Leider ist mir noch nicht ganz klar, wie sich die Gegner zusammensetzen und welche Langfrist-Pläne sie verfolgen. Ich bin aber auch weit weg (weshalb ich auch nichts zu Fanszenen-Entwicklungen sagen kann, außer dass “spielunabhängiger Support” weiterhin ganz großer Käse ist).

Christian Heidel traue ich – wie fast alle anderen Schalker – zu, unabhängig von der Aufsichtsrats-Zusammensetzung einige Entwicklungen zu korrigieren (Disclosure: okay, das galt bei mir auch für Magath). Er ist ein Transfer- und Struktur-Profi, kann hoffentlich die Geschäftsstelle hinter sich bringen (!) und dann mit klugen Entscheidungen den Rest des Vereins. Auf die angekündigte sportliche Gesamtausrichtung bin ich gespannt.

Zu Weinzierl als möglichem Trainer kann ich nur meinen Eindruck wiedergeben: Er scheint aus seinem Kader immer das Bestmögliche rausgeholt zu haben und einen schnörkellosen Fußball mit ein paar kleinen Positionskniffen spielen zu lassen (aber hey, ich bin nicht Spielverlagerung.de). Zudem hat er sich mit seiner Mannschaft schon mehrmals aus sportlichen Krisen herausgearbeitet. Das sind eigentlich ganz gute Voraussetzungen. Ich hoffe allerdings, dass Heidel und der neue Coach sich erst einmal an die Dimensionen und Besonderheiten von S04 gewöhnen können, bevor sie die Widrigkeiten einer “Schalker Krise” erleben.

Goodbye San Francisco, hello New Orleans!

Dancing musician on Jackson Square

Wir haben uns daran gewöhnt, dass in dieser Stadt ständig irgendwo ein Umzugswagen steht. Es ist ein Kommen und Gehen; meist gehen diejenigen, die schon lange da sind und es sich nicht mehr leisten können.

Vor ein paar Tagen haben die Möbelpacker auch an unserer Tür geklingelt. Wir haben gerne in der Bay Area gelebt, aber nach fast zwei Jahren sind wir auch etwas müde von Filterblase, bizarr hohen Lebenshaltungskosten, einer wachsenden Monokultur. San Francisco ist eine Stadt, doch immer häufiger fühlt es sich an, als wäre die City by the Bay nur noch ein Betriebssystem für junge Tech-Mitarbeiter.

2016 wird sich mein Schwerpunkt etwas verschieben, das Wahljahr ist ein guter Moment, um noch einmal einen neuen Teil der USA genau kennenzulernen. Einen, der außerhalb der blauen Streifen an West- und Ostküste liegt. New Orleans ist sehr amerikanisch, und doch völlig anders. Die „nördlichste Stadt der Karibik“, in der im Terminplan immer Platz für das Ungeplante sein sollte. Ein Ort voller Kultur und kultureller Eigenheiten, die den Bewohnern stets eine Ablenkung wert sind.

In der Bay Area leben die Menschen in der Zukunft, in New Orleans zelebrieren sie die Gegenwart – auch, weil der Horizont in den Sümpfen Louisianas nicht so wolkenlos wie am Pazifik erscheint. Neben Musik gehören auch Polizeisirenen zu dem Sound, der durch die schwere, warme Luft wabert. Und über allem, unter allem, in allem verbirgt sich die Frage, ob Amerika jemals Erlösung finden kann und seiner schwarzen Bevölkerung, die in New Orleans die Mehrheit stellt, endlich Chancengleichheit bietet.

Ich nehme viel mit aus San Francisco – eine Menge Wissen, ein paar Freundschaften, hilfreiche Kontakte; die Gewissheit, dass mein weiterer Weg eng mit der Digitalisierung verknüpft sein wird und ich noch eine Menge beizutragen habe. Doch jetzt freuen wir uns fast wie im Fieber auf die nächsten zwölf Monate und was auch immer sie uns schenken werden. Denn wie fantastisch ist es, eine Stadt wie New Orleans einatmen und von ihr lernen zu dürfen?