Fußnoten vom Fluss S01 E05

Mississippi River on a foggy February morning

Rollendes Notiz-Microblog

Herbst 2015 und ein Untersuchungsausschuss

Robin Alexander von der Welt hat ein Buch über die politischen Entscheidungen rund um die Flüchtlingskrise geschrieben (Auszug hier,€), in der von einem nicht durchgeführten Plan zur Abriegelung der Grenze am 13. September 2015 die Rede ist. Christoph Schwennicke vom Cicero leitet daraus die Notwendigkeit eines Untersuchungsausschusses ab. Schwennicke ist ein schlauer Typ, auch wenn ich oft nicht seiner Meinung bin. Als ich vergangenen Herbst die diversen Jahrestags-Nachrecherchen las, kam mir das Wort Untersuchungsausschuss allerdings auch in den Kopf, aber in anderem Zusammenhang. Genauer gesagt hatte ich ein Problem mit zwei Sachen:

  1. Die Gleichsetzung von „Einwanderung“ und „Asyl“ aufgrund einer fehlenden Einwanderungsstrategie. Statt zu differenzieren und zu sagen „einige werden bleiben, andere nach dem Krieg zurückkehren, wir werden jeden Fall prüfen, das hier ist ein Notfall“ war die Botschaft auch ein „da kommen Menschen und wir helfen und sie lösen nebenbei unsere wirtschaftlichen Probleme“. Zumindest kam diese Vermischung von Moral und Ökonomie damals bei mir so an (btw. Erkenntnis im Rückblick: Dinge können moralisch richtig aber politisch falsch sein. Das kommt oft vor, braucht aber immer gute Begründungen).
  2. Entgegen der Pauschalkritik wurde die Überforderung der Behörden in den Medien früh thematisiert, ich erinnere mich zum Beispiel an einige längere Geschichten im Spiegel. Das Ausmaß des acht- bis zehnwöchigen Kontrollverlusts, gerade bei der Registrierung, stellt sich auch in der Rückschau als beträchtlich heraus. Hier wäre meiner Meinung nach eine Untersuchung angebracht gewesen, ein Blick auf Strukturen und Versäumnisse bei der Planung, Verantwortlichkeiten. Das Problem war natürlich neben der politischen Konstellation in dieser Legislaturperiode, dass ein Untersuchungsausschuss inzwischen vorwiegend als parteipolitisches Werkzeug verwendet wird und Aufklärung oft ein Nebeneffekt ist. Ich frage mich, ob es ein ideales „Werkzeug“ gegeben hätte. Die fehlende Aufarbeitung, und darauf zielt Schwennicke ja auch ab, ist ein großes Versäumnis und der Schaden daraus nicht nur in Anti-Einwanderungs-Kreisen beträchtlich. (13. März)

Empathie

Danah Boyd hat einen sehr bewegenden Text geschrieben, in dem es über Empathie oder zumindest Perspektivwechsel geht. Auszug:

„My first breakthrough came when I started studying bullying, when I started reading studies about why punitive approaches to meanness and cruelty backfire. It’s so easy to hate those who are hateful, so hard to be empathetic to where they’re coming from. This made me double down on an ethnographic mindset that requires that you step away from your assumptions and try to understand the perspective of people who think and act differently than you do. I’m realizing more and more how desperately this perspective is needed as I watch researchers and advocates, politicians and everyday people judge others from their vantage point without taking a moment to understand why a particular logic might unfold.“

Es geht nicht darum, alle anderen Standpunkte zu akzeptieren, sondern darum, nicht sofort Schubladen aufzumachen und einzusortieren. Genau das vermisse ich in Social Media und darüber hinaus. Natürlich ist das Argument immer: Aber die andere Seite macht das auch nicht. Das ist in einigen Fällen richtig, aber das zu imitieren soll bitte genau wohin führen…? (13. März)

Daten-Analyse der Demokraten

Es war viel von Trumps Daten-Analyse die Rede, jetzt beleuchtet David Auerbach für NPlusOne die Wahlkampf-Berechnungen der Demokraten. Eigentlich wollte ich zitieren, aber die Seite ist gerade down. (13. März)

James Baldwin

Zitat aus dem Film „I Am Not Your Negro“ (hier auch in der NY Review of Books besprochen)
„In the case of the American Negro, from the moment you are born every stick and stone, every face, is white. Since you have not yet seen a mirror, you suppose you are, too. It comes as a great shock around the age of 5, 6 or 7 to discover that the flag to which you have pledged allegiance, along with everybody else, has not pledged allegiance to you. It comes as a great shock to see Gary Cooper killing off the Indians and, although you are rooting for Gary Cooper, that the Indians are you.“

Das Verhältnis von Schwarz und Weiß ist hier in dieser Stadt jeden Tag ein Thema, manchmal unbewusst, manchmal öffentlich, manchmal nur irgendwo dort hinten in Deinem Kopf. „I Am Not Your Negro“ hat meinen Pessimismus verstärkt, dass dieses Land jemals mit seiner Geschichte ins Reine kommen wird. „Vorgetäuschter Humanismus“ nennt es Baldwin an einer Stelle, glaube ich. Manchmal habe ich das Gefühl, dass dies eine Kern-Eigenschaft dieses Landes ist, die in guten Augenblicken nur verdrängt wird. (13. März)

Globale Geschichte

Jeremy Adelman auf Aeon mit einer Geschichte der globalen Perspektive auf Geschichte, die eben doch nicht von einer größeren Anerkennung von Kontinenten wie Asien oder Afrika her rührt:

„What are we to make of all this? First, the high hopes for cosmopolitan narratives about ‘encounters’ between Westerners and Resterners led to some pretty one-way exchanges about the shape of the global. It is hard not to conclude that global history is another Anglospheric invention to integrate the Other into a cosmopolitan narrative on our terms, in our tongues. Sort of like the wider world economy.

Secondly, to some extent, global history sounds like history fit for the now-defunct Clinton Global Initiative, a shiny, high-profile endeavour emphasising borderless, do-good storytelling about our cosmopolitan commonness, global history to give globalisation a human face. It privileged motion over place, histoires qui bougent (stories that move) over tales of those who got left behind, narratives about others for the selves who felt some connection – of shared self-interest or empathy – between far-flung neighbours of the global cosmopolis.“

Wir kommen jetzt in eine neue Phase, zu der es auch gehören wird, die kosmopolitischen Erzählungen der vergangenen Jahrzehnte nüchtern zu analysieren. Abstrakt gesprochen geht es um eine neues Verständnis des gleichzeitigen „Überall“ der Vernetztheit und des „hier und jetzt in der Welt“ des Ortes. Die Antworten auf „Wie hängt alles zusammen?“ und „woher komme ich und wo stehe ich?“ sind ja die Grundpfeiler dessen, was wir Identität nennen. Was glaube ich in den vergangenen Jahren vergessen wurde in den „die Welt ist flach“-Erzählungen ist die Suche nach jenen alten Verbindungen, die nicht mehr existieren und gekappt wurden. (13. März)

Wird ständig erweitert

Fußnoten vom Fluss S01 E04

Abandoned Six Flags New Orleans

Rollendes Notiz-Microblog
(Foto: Der Freizeitpark „Six Flags“ am Stadtrand, der seit Katrina verlassen ist. Auf dem Eingangs-Billboard steht noch „Closed for storm“)

Trumps Gesundheitszustand

Reporter-Veteranin Elizabeth Drew in der New York Review of Books über die ersten Wochen der Trump-Ära:

„Trump’s possible mental deficiencies are also a troubling question: serious medical professionals suspect he has narcissistic personality disorder, and also oncoming dementia, judging from his limited vocabulary. (If one compares his earlier appearances on YouTube, for example a 1988 interview with Larry King, it appears that Trump used to speak more fluently and coherently than he does now, especially in some of his recent rambling presentations.) His perseverating about such matters as the size of his inauguration crowd, or the fantasy that three to five million illegal voters denied him a popular vote victory (he got these estimates from a dodgy source who has yet to offer documentation), or, as he told CIA employees, the number of times he’s been on the cover of Time (sometimes inflating the actual number) has become a joke, but it also suggests that there may be something troubling about his mental state.“

Die geistige Gesundheit des 45. Präsidenten ist eine heikle Frage, auch für die Psychologen und Menschen aus dem Feld, die sich jetzt mit Fern-Warnungen zu Wort melden (hier in der New York Times). Nebenbei hilft eine Klassifikation als „geisteskrank“ natürlich auch seinen Kritikern, Verhalten und Charakter zu rationalisieren. Aber: Wir wissen es nicht. Entsprechend sei der bekannte Psychiater Allen Frances mit seiner Kritik an der Diagnosefreude zitiert:

„Most amateur diagnosticians have mislabeled President Trump with the diagnosis of narcissistic personality disorder. I wrote the criteria that define this disorder, and Mr. Trump doesn’t meet them. (…) Bad behavior is rarely a sign of mental illness, and the mentally ill behave badly only rarely. Psychiatric name-calling is a misguided way of countering Mr. Trump’s attack on democracy. He can, and should, be appropriately denounced for his ignorance, incompetence, impulsivity and pursuit of dictatorial powers. His psychological motivations are too obvious to be interesting, and analyzing them will not halt his headlong power grab. The antidote to a dystopic Trumpean dark age is political, not psychological.“ 

(16. Februar)

AI und AI-Theater

Erfreulichere Dinge: Eine der bislang besten Diskussionen über künstliche Intelligenz (ein Ausdruck, der mir weiterhin Bauschmerzen bereitet) fand neulich im Commonwealth Club von San Francisco statt und ist hier nachzuhören. Reporter-Legende John Markoff redet mit Technologie-Legende Jerry Kaplan über AI. Das Gespräch ist deshalb so gut, weil es den Hype und unsere Wahrnehmungsfallen von dem trennt, an dem gerade wirklich gearbeitet wird.  Kaplan:

„Es gibt dieses AI-Theater, diesen Anthropomorphismus wie bei Jeopardy [Auftritt des IBM-Computers Watson], wo du einen Kopf siehst und es scheint, als würde er nachdenken und ein Verstand dahinter sein, aber es ist ein Computer. (…) Das ist ein religiöses sprituelles Konzept auf der ganzen Welt, in Japan gibt es den Shintoismus, dass jedes Objekt einen Geist hat. Aber dieser Anthropomorphismus führt uns in die Irre, wenn wir über die praktischen Folgen dieser Technologie nachdenken. Es macht uns blind dafür, was wir durch sie erreichen können und wo wir vorsichtig sein müssen.“

Jerry Kaplan hat auch ein neues Buch zum Thema geschrieben(16. Februar)

Evolution komplexer Systeme


Im Whole Earth Catalog blättern, um die Entwicklung von Ideen der frühen Digitalkultur zu verstehen. Herbert Simons Artikel zur „Evolution komplexer Systeme“ von 1969 gelesen. Ich hatte immer gedacht, dass die Verhaltensökonomie als tragende Säule des Silicon Valley aus der BWL-isierung der Branche kommt, aber bei Simon ist es bereits in der Logik einer effizienten Problemlösung (oder eines effektiven System-Designs) angelegt. Und anders als heute gibt es noch einen Bezug zur Ableitung solcher Konzepte aus den Prozessen, die wir aus der Natur kennen. (16. Februar)

Trump und die Tech-Branche

Bevor es wieder in die Tiefen des Internet-Archives fällt: Hier mein Stück zum Verhältnis der Tech-Branche zu Trump, mit ein paar historischen/philosophischen Aspekten, die ich ganz interessant fand. (16. Februar)

US-Vertreter auf der Sicherheitskonferenz

Ich glaube nicht, dass Europa auf der Siko irgendetwas Handfestes über Ziele, Loyalitäten und Strategie der neuen US-Regierung herausfinden wird. Tillerson? Das Außenministerium ist derzeit isoliert und auf einen Behördenapparat reduziert. Pence? Sein Einfluss ist völlig unklar und nach der Flynn-Sache zweifelhaft, seine Rede gibt wohl bestenfalls ein Eindruck seines  weltanschaulichen Neocon-Gemischs und ein Ausblick auf seine Amtszeit in zwei bis drei Jahren. Mattis? Hat Budget und kann Truppen verschieben, aber ich wette einen Kasten Bier, dass er in anderthalb Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Nein, im Weißen Haus arbeitet eine kleine Clique mit einem unaufmerksamen Chef an der Spitze; ihre Langfrist-Strategie wird auf absehbare Zeit trotz (oder wegen) aller Leaks eher Gegenstand von Kreml-Astrologie als von Analysen belastbarer Aussagen.

Uber-Kultur

Susan Fowler, eine angesehene Programmiererin aus der Bay Area, hat die Kultur von Sexismus und Missmanagement bei ihrem Ex-Arbeitgeber Uber dokumentiert. Jeder, der sich für Westküsten-Tech interessiert, sollte ihren Blogeintrag lesen. Uber war schon zu meiner Zeit in der Bay Area als Arbeitgeber bekannt, zu dem man in der Regel nur für die IPO, nicht für die Firmenkultur oder Mission geht. Daran wird sich auch nichts ändern. Teile der Bay Area haben ihren moralischen Kompass von der Wall Street gekauft. Chefs prägen in der Tech-Branche die Firmenkultur, erfolgreiche Chefs die Kultur insgesamt… zwei Worte: Travis Kalanick. Wie auch immer, zwei Randbemerkungen noch: Stack-Ranking ist oft eine genauso blöde Idee wie Open Floor Plans, weil am Ende immer Charakter des Vorgesetzten oder verdeckte Politik das Ergebnis beeinflussen… aber wegen des Messbarkeits-Fetischs in der Branche wird es so schnell nicht verschwinden. Oh, und wie viele Geschichten aus der Tech-Branche muss ich noch lesen, in denen HR (also die Personalabteilung) dem Mitarbeiter nur Ansprechbarkeit bei Problemen vorspielt, in Wahrheit aber das Klagerisiko gegen den Vorstand mit irreführenden Aussagen minimieren will?

Die Progressiven und Trump, Folge 1523

Nein, ich unterschreibe nicht die Theorie, dass die Progressiven an Trumps Aufstieg schuld sind. Zumindest nicht so sehr, wie oft getan wird. Aber sie sollten sich endlich eine Strategie überlegen. Aber dieser Twitter-Thread zu dem Stück, der die kulturelle Entfremdung moderater Republikaner von den Demokraten beschreibt, symbolisiert alles, was dabei falsch läuft: Schubladen, Abstempelei, Rückzug in die eigene moralische Überlegenheit.

Okay, das ist natürlich – wie immer bei Social Media – etwas willkürlich herausgegriffen. Aber ein infantiler Rückzug in die politische Nische oder auf einen moralischen Thron wäre genau das Gegenteil dessen, was den progressiven Teil der Gesellschaft in seinem vitalen Kern immer ausgemacht hat: Eine Ableitung eigener Positionen nicht einzig aus einer Tradition oder vorgefertigten Schablonen heraus – nein, die Reflexion der eigenen Haltung und Erkenntnis aus der Auseinandersetzung mit Komplexität. Genau das hat die Demokraten in den USA oft – im Vergleich zur GOP – so erwachsen erscheinen lassen. Und egal, wie der Gegner spielt: Das aufzugeben, wäre fahrlässig und würde letztlich zur Implosion führen. (23. Februar)

Griechische Realitäten

Aus dem Tagesspiegel:
„Eine Studie des Verbands der Kleinunternehmer zeigt, wie weit das Land im achten Jahr der Krise und Kredite abgebrannt ist: 37 Prozent der Familien leben mit weniger als 10.000 Euro im Jahr. Für die Hälfte der griechischen Haushalte sind die Renten der Eltern und Großeltern die Haupteinnahmequelle geworden.“

Austerität wird einmal als einer der fatalen Ideologien des frühen 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen, und Schäubles Rolle wird entsprechend bewertet werden. (via Stefan Sell)

Fußnoten vom Fluss S01 E03

31Big bend in Big Muddy ...

Rollendes Notiz-Microblog

Proteste gegen Trump

Mein Eindruck nach zwei Protestwochenenden: Außerhalb der Metropolen – New Orleans verglichen mit Washington – ist die Basis deutlich dünner (P.S. erstaunlich, dass in einer Stadt wie New Orleans mit 60+ Prozent Afroamerikanern vielleicht 25 von 1500 Demonstranten schwarz sind). Die Gefahr eines Protest-Burnouts ist real, zumal das Mittel mit der Zeit abstumpft. Ich kann es nochmal wiederholen – wenn die Progressiven sich nicht mit einem konkreten Gegenprogramm auf den Weg machen, das aus mehr als „alles außer Trump“ oder „alle gegen Trump“ besteht, wird sich mittelfristig strukturell nichts verändern (vgl. hierzu auch Freddie de Boer). Es lässt sich hier strategisch viel vom Neoliberalismus lernen: Wo ist das linke Colloque Walter Lippmann, was die progressive Mont Pelerin Society? Reiner Widerstandsprotest wird solche strategischen Probleme nicht lösen, ja sie sogar noch verschärfen. Die Perspektive lautet dann: Demokratische Präsidenten als Zwischen-Korrektiv, während das Land sich politisch und schließlich auch strukturell in die andere Richtung bewegt.(30. Januar 2017)

Moralische Polarisierung

Will Wilkinson hat vor kurzem die moralische/ökonomische Polarisierung in den USA stärker beleuchtet. Sehr lang und lesenswert. Hier liegen auch die Unterschiede zu Deutschland, wo die Unterschiede zwischen Stadt und Land oft deutlich geringer sind. Allerdings hat natürlich die Flüchtlingsfrage auf anderer Ebene einen Polarisierungseffekt.

Wem hilft ein Trump-Rücktritt?

Nach einer DM-Diskussion auf Twitter und diesem Blogeintrag von Freddie de Boer eine Strategiefrage: Von welcher Konstellation profitiert das jeweilige Lager am meisten? Bei der GOP auf den ersten Blick: Trump als Präsident, aber von Pence/Ryan eingefangen und die konservative Agenda ohne Unfälle umsetzend. Bei den Demokraten: Trump als Präsident, der das Volk gegen sich aufbringt (aber nur korrigierbare Schäden anrichtet), in zwei Jahren Demokraten den Senat gewinnen lässt und in vier Jahren weg ist. Jetzt natürlich der Einwand: Aber Trump muss doch möglichst schnell weg, oder? Bei genauerer Überlegung (meines DM-Partners und de Boers): Dann kommt Pence und (vgl. de Boer) es gibt den Effekt einer gefühlten Rückkehr zur Normalität und zu politischen Gepflogenheiten, obwohl die Republikaner weiter ihre (respektive Ryans) Agenda umsetzen können und werden und ebenfalls eine Art Extrem-Präsident regieren würde. Das wäre bei genauerer Betrachtung auch das Ideal-Szenario für die GOP, zumal die oben genannte Konstellation (Umsetzung ohne Unfälle) ja gelinde gesagt wackelig ist. Was dazwischen steht: Risikoabwägung. Genauer gesagt das Szenario, dass das Trump-Lager vor den Midterms bei Gegenwind eine Masse von Primary-Gegenkandidaten für das Repräsentantenhaus ins Spiel bringt, die mit den Stimmen der Hardcore-Trumpisten rechnen können (wobei ein Amtsenthebungsverfahren natürlich Wahrnehmung und Macht-Gleichung verändern könnte, aber wie genau ist noch nicht kalkulierbar). Paradox: Strategisch müssten die Konservativen also eher an einer Absetzung Trumps arbeiten als die Demokraten. (31. Januar 2017)

Bannon und Lenin

David Auerbach weist darauf hin, dass bei Bannons Lenin-Referenz gerne etwas vergessen wird: Besagter Wladimir Iljitsch war ein erfolgreicher Revolutionär, aber im Regieren ziemlich schlecht:

Damit bleibt Bannon also seinem Vorbild treu, allerdings sollte man handwerklich schlechtes Regieren nicht mit unpopulär oder erfolglos verwechseln – die Basis ist zufrieden mit der Einlösung von Trumps Wahlversprechen. (3. Februar 2017)

Die neue amerikanische Spannbreite

Um die Perspektive der kommenden Jahre zu verstehen, empfehle ich zwei Texte: Businessweek über Trumps designierten Handelsminister Wilbur Ross und die Stärkung der Plutokratie, die den Staat schon immer als Vehikel für Profit und die Auslagerung von Kosten verwendet hat. Und den Economist zur Reform/Abschaffung von Obamas Gesundheitsreform, genauer gesagt: Die Idee, Menschen mit Vorerkrankungen in einen Extra-Pool von Versicherten zu packen. Das müsste dann subventioniert werden, wäre aber viel teurer, als die Republikaner wahrhaben wollen. Also müssten die Bundesstaaten einspringen, und was in Pleite-Regionen wie hier in Louisiana passieren würde, ist klar: Ein Mini-Zuschuss und als Reaktion auf fehlende Mittel entweder hohe Hürden für den Einstieg, absurd hohe Beiträge oder eine starke Deckelung von Leistungen. Für Menschen mit Vorerkrankungen, wohlgemerkt, also diejenigen mit dem größten Bedarf an Gesundheitsleistungen. Individualismus und Markt-Freiheit lässt sich manchmal mit Entsolidarisierung und Plünderung übersetzen. (3. Februar 2017)

Jacksonians und Schubladen

Der konservative Professor Walter Russell Mead hat in Foreign Affairs ein gutes Stück über Trumpisten als Jacksonians geschrieben, also in der Tradition der Anhänger Andrew Jacksons stehend. Das ist hilfreich, außer, dass sich viele der Elemente meiner Meinung nach überhaupt nicht aus Jacksons Zeit und Wählerbasis ableiten lassen, ohne der eine äußerst grobe Vereinfachung vorzunehmen. Der Punkt ist: Darum geht es gar nicht, „Jacksonian“ ist einfach nur ein neuer Begriff, um nicht alte Schubladen der Gegenwart aufmachen zu müssen. Das hilft für ein neues Verstehen und wäre auch generell in der Debatte rund um Kategorien wie „Linke“, „Rechte“ oder auch „Nazis“, „Gutmenschen“, etc. erfreulich. Die „Jacksonians“ selbst sind meiner Meinung nach hier allerdings sehr viel mehr an einer Sprachbewaffnung (Schneeflocken etc.) interessiert, während die Progressiven ihrerseits sich zwar um Differenzierung bemühen, oft aber auf auch in Klischees verfallen („alte weiße Männer“). Beide Seiten benutzen Sprache natürlich als Raum der Gruppen-Abgrenzung, für mich eines der größten Probleme in dieser Phase der Desintegration alter Strukturen. Es bilden sich gerade neue Muster und Konstellationen, für die wir einige Kategorien modifizieren oder erst finden müssen, um eine hellsichtige Debatte führen zu können. Wie das im Zeitalter der polarisierten Gefühle möglich sein soll, steht auf einem anderen Blatt. (6. Februar)

Paradigmenwechsel: Stream statt Programm

Trotz aller Politik-Dinge beschäftige ich mich natürlich weiter mit Technologie und bin dabei mit großer Begeisterung auf Matt Lockes Stück „The Schedule and the Stream“ gestoßen. Es geht um den Paradigmenwechsel vom „Programm“ (Broadcast-Zeitalter) zum „Fluss“ und dem damit einhergehenden Verlust von Kontext als radikalster Nebenwirkung.

„We imagined utopias in which information was free, with infinite copies of everything, distributed seamlessly to everyone. But the real cultural impact of digital networks is not abundance, but de-contextualization — the transgression of information from one context to another in ways that are out of our control.“

Die Fragestellung: Wie lässt sich ein öffentlicher Raum herstellen, in dem Kontext geliefert werden kann, wenn es sich beim Stream um eine personalisierte Form handelt. Puh, eine Menge zu verdauen, alleine um die Fragestellung völlig zu erfassen. (6. Februar)

Signale, Sender, Empfänger und ein Manifest

Aus dem „Infernal Machine Collective Manifesto“ der Hedgehog Review zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten:

„It’s therefore time we collect and meet in a common, contested, conflicted, complex field that we variously call research, criticism, scholarship, philosophy, or science. Let us inaugurate a collective, a collective that might form a community, but that cannot and should not be an academic “discipline,” inasmuch as it is academic but undisciplined thinking that we need.
It’s time to collect, and to be collected. Let us be philosophical, whimsical, constructive, critical, and confused. But let us collect, and be collected. Let us write proverbs, poetry, commentary, essays, explorations, and maybe even code. But let us collect, and be collected. Let us listen, learn, make notes, draw connections, and consider diagrams. But let us collect, and be collected, with ecumenical means in search of effective voice.“

Die Hedgehog Review ist ein völliges Nischenmedium, aber einer meiner Lieblingsorte für erstaunliche Gedanken und Verknüpfungen. Und in dem Manifest steckt etwas, das fehlt – im Wortsinn undiszipliniertes akademisches Denken über das, was gerade technologisch, kulturell und politisch passiert. (6. Februar)

Das Esalen Institute und große Erzählungen

Mitgründer Michael Murphy spricht in diesem Podcast über die Entstehung des Esalen Institute, der Pionier-Einrichtung des Human Potential Movements an der kalifornischen Westküste. Darin beschreibt er auch, was das Institut nicht erreicht hat:
„Wir wollten eine neue Vision der menschlichen Möglichkeiten bieten, warum wir hier auf dieser Erde sind. Aus dieser Perspektive haben wir es nicht geschafft. (…) Es war damals etwas in der Luft, wie es heute nicht mehr ist (…) Es ist immer noch „Work in Progress“. Eine Perspektive auf die Welt, die unsere besten Engel für uns gewinnt. Es gab damals kein Isis, diese extreme Form von Fundamentalismen. Diesen Verlust im universitären Bereich an großen Erzählungen. Es ist aus der Mode gekommen, die Welt als großes Ganzes zu sehen.“

Ich glaube, die großen Erzählungen kommen gerade wieder in Mode, aber im Kontext des vermessenen und durchanalysierten Menschen, ohne Utopie, noch nicht einmal mit kohärentem Alternativ-Entwurf – ja eher sogar als dystopisches Szenario. Ich bin gerade dabei, das alles einzusortieren und beschäftige mich in dem Kontext auch mit der damaligen Gegenkultur, der Rolle der Psychoanalyse und den Debatten bzw. wo die Abzweigung zu Reagan und den dritten Weg lagen. (11. Februar)

Dieses Blog und darüber hinaus

Ich überlege immer mal wieder, ein Blog über Zukunftsdinge zu starten und das hier als privates Notizbuch zu verwenden. Dann aber erinnere ich mich, dass ich den Glauben an „Content“ verloren habe und es vielleicht sinnvoller wäre, mit einer Schubkarre Sand an den Strand zu fahren. Der Vergleich ist nicht ganz fair, aber ich habe nicht das Gefühl, in der gegenwärtigen Plattform-Architektur viel gewinnen zu können. Die Anhäufung sozialen Kapitals ist ja aus professioneller „Autoren“-Perspektive nicht nur ein Dopamin-Schuss, sondern auch der Kampf gegen eine willkürlich einsetzende Unsichtbarkeit, gegen das Verschwinden im Strom der vielen Menschen und Meinungen. Nichts bleibt, also vielleicht doch besser die Gedanken in einem Buch zusammenlaufen lassen? Aber auch das ist „Content“ und der Spätkapitalismus hat gerade uns Menschen in sterbenden Professionen gelehrt, vorhandene Zeit mit sinnvoller beruflicher Weiterqualifikation zu verbringen (was ich gerade einerseits durch Auffrischung meiner Frontend-Kenntnisse und Abwägung weiterer Schritte tue, andererseits ignoriere, weil es so viel über Leben, Erde und Menschheit zu lernen – auch: zu lesen – gibt, das nicht in eine LinkedIn-Tabelle passt). (11. Februar)

Wird ständig erweitert.

Fußnoten vom Fluss SE 01 E02

The Fountains at Bellagio

Rollendes Notiz-Microblog

CES 2017

Die CES (hier mein Stück über VR/AR, hier eine launige Zusammenfassung des Besuchs) verlief relativ ereignislos, im Sinne von „kein Wow-Effekt“. Einige interessante Microtrends und Updates, dazu ein deutlich erkennbarer Shift zu Hardware + Service als nächste Phase der Digitalisierung. Und eine gewisse existenzielle Leere in mir im Hinblick auf wirklich hilfreiche Technologie im Sinne von „hilft, die Zivilisation vor dem Kollaps zu bewahren“ oder zumindest „hilft dem Einzelnen über reinen Komfort hinaus“. Aber natürlich wäre das auch viel erwartet für die CES. Eine positive Entwicklung: Die Verbreitung mobiler Solarplatten, in Afrika reden wir ja bereits von einer Auslassung des fossilen Zeitalters (auf der CES ging es natürlich um Camping-Nutzungsszenarien). (9. Januar)

China vs. Silicon Valley

Hier ein @SZ-Stück von mir zur Frage, ob China das Silicon Valley überholen kann. Einerseits fehlt dazu noch einiges, andererseits ist auch in der kalifornischen Technologie viel Geld in „Me-too“-Produkte geflossen. Wobei natürlich Geld im Zeitalter der Niedrigzinsen keine Rolle spielt. Auf jeden Fall würde ich gerne mal einen Monat in Shenzhen leben und recherchieren, um ein Gefühl für den Stand der Dinge dort zu bekommen. (9. Januar)

Big Data Shift

Interessant aus einem Gespräch und außerhalb des Feldes kaum wahrgenommen: Die sinkende Bedeutung von Big Data für AI-Anwendungen wegen der Fähigkeit, Datensätze zum self-learning leicht zu modifizieren. Das würde wahrscheinlich kein „Tabula rasa“ im Bezug auf den Vorsprung von Google, Tesla, Facebook etc. in ihren jeweiligen Feldern bedeuten, aber doch das Engineering als Faktor wieder in den Vordergrund rücken. War mir nicht klar. (tl;dr wg. Nachfrage: Es hieß immer, dass dir riesige Datensätze einen Vorteil im Training von AI verschaffen. Stimmt nicht mehr, Software kannbestehende Daten modulieren (vgl. sowas wie Drehen von Bildern) und dadurch große Datenbasis simulieren.) (9. Januar)

Buzzfeed und Trump

Nach all dem Gerede über Fake News ist es unverantwortlich von Buzzfeed, das Trump-Dossier zu veröffentlichen, obwohl sie nichts davon nachrecherchieren oder durch eine zweite Quelle bestätigen konnten. Wenn eine Redaktion anfängt, für Aufmerksamkeit und den Nachweis einer kritischen Haltung journalistische Standards (und damit auch kritisches Denken) wegzuwerfen, wird das eine unheilvolle Richtung nehmen. Und das Problem ist im Jahr 2017: Ein „Mainstream-Medium“ wird schnell als Beispiel für „alle Mainstream-Medien“ herbeigezogen. (10. Januar)

Fake News: Begriffe als Bumerang

Eine Lehre aus der Trump-PK heute: „Fake News“ ist – wie von diversen Menschen vorhergesehen – ein neuer Kampfbegriff, der von der künftigen US-Regierung für sämtliche Formen kritischer Berichterstattung verwendet werden wird (Buzzfeed hat eine Steilvorlage geliefert, die PK noch mehr als sonst für Meta-Debatte zu nutzen). Genau wie der Begriff „Alt-Right“ unter Propagandisten wie Hannity (sorry, nichts anderes ist er) und Co. zur „Alt Far Left“ wird und sicherlich bald flächendeckend Einsatz findet, um kritische Medien und politische Gegner zu diskreditieren.
P.S.: Ich mag Buzzfeed und halte sie bei Longreads für sehr viel besser und präziser arbeitend als viele deutsche Medien. Genau deshalb ärgert mich die Veröffentlichung des Dossiers so (11. Januar).

Google: Die fetten Jahre sind vorbei?

Charles Arthur hat drüben bei sich ein paar Alphabet-Meldungen der vergangenen Tage verlinkt: Ein möglicher Verkauf des (erst vor drei Jahren übernommenen) Satelliten-Dienstes Skybox, die Suche nach eine Käufer für den Glasfaser-Dienst Fiber, Stellenabbau im ehemaligen Drohnen-Programm Titan. Wir erinnern uns: Für die Robotersparte (Boston Dynamics) sucht Alphabet auch noch Käufer. Von einer Re-Fokussierung der Alphabet-Gruppierung auf absehbare Profit-Projekte war bereits im Dezember in der Businessweek zu lesen. Kombiniert damit, wie Google seine Suche in den vergangenen zwölf Monaten mit neuen Werbeplätzen zugeballert hat, um die Umsatzziele zu erreichen, ergeben sich durchaus Krisensymptome. Nicht Krisensymptome im Yahoo-Sinn, sondern schlicht mittelfristig stagnierende Umsätze. Wenn sich der Goog über die AMP-Linkstruktur gerade mehr oder weniger offensichtlich das mobile Web einverleiben möchte, ist das sogar eher ein defensiver Schachzug.

Jenseits der persönlichen Assistenten sollte ich mich mal ausführlicher mit den unterschiedlichen Android-Systemen beschäftigen. Als Informationsunternehmen muss es ja darum gehen, die Signale der nächsten Generation (vernetzte Geräte, Sensoren, etc.) möglichst vollständig tracken und auswerten zu können. Vielleicht orientierte ich mich aber noch zu sehr an der Idee von Google als digitalem Weltlogistik-Konzern, der über alles beinahe in Echtzeit Infos hat und auf diese Infos Dienste aufsetzt. (12. Januar)

Welchen Trump bekommt die Welt?

Brad DeLong hat vier Politiker im Angebot, mit denen Trump vergleichbar wäre: Reagan, Schwarzenegger, Berlusconi, Mussolini. Sehr interessante Perspektiven, vor allem weil er Reagan und Schwarzenegger jenseits der Klischees betrachtet.
Zu Trump noch eine Anmerkung: Ich bin mit dieser ganzen „roten Gefahr“ weiterhin sehr vorsichtig, weil auf progressiver Seite viel Wunschdenken dabei ist, Illegitimität bestätigt zu sehen, und das ausgerechnet von der CIA (btw: die „Wahl“ wurde nicht gehackt, sondern der Wahlkampf). Gleiches gilt für den unbewiesenen Moskau-Bericht dieses UK-Spions („Buzzfeed-Dossier„). Im Umkehrschluss ist klar: Trumps Schuldenstruktur muss auf den Tisch, um wenigstens einen Bruchteil an Transparenz herzustellen. Ich kann auch nur davor warnen, sich US-Geheimdienste zu wünschen, die den Präsidenten zu Fall bringen, nur weil man selbst ihn für eine Gefahr hält. Es gelten weiterhin die Buchstaben des Gesetzes und der Wille der Wähler. (12. Januar)

Vier Szenarien für die Zukunft der Rassenbeziehungen

Wie verändert sich die Rolle ethnischer Herkunft in den USA? Noah Smith hat verschiedene Szenarien aufgeschrieben, von „wird weniger wichtig“ über „Hispanics und Asiaten werden ‚weiß‘ gezählt“ über eine Rückkehr zu klassischen Definitionen wie „italo-amerikanisch“ bis hin zum düsteren „Politik wird Ethnopolitik“. Als Europäer ist man überrascht und überwältigt, wie ethnische Herkunft hier in vielen unterschiedlichen Facetten eine Rolle spielt, weil Erzählung (sind doch alles Amerikaner!) und Alltag (ah, das ist ja typisch für xyz-Amerikaner) so weit auseinanderklaffen. Aber natürlich ist das Ausverhandeln dieser Verhältnisse Teil eines multiethnischen Staates, weshalb ich die Lektüre von Smiths Text empfehle. (12. Januar)

Bärenfallen der Spracherkennung

Aus dem Economist-Schwerpunkt zur digitalen Spracherkennung und semantischen Fallstricken:
„‚Who plays Thor in ‘Thor’?‘ Your correspondent could not remember the beefy Australian who played the eponymous Norse god in the Marvel superhero film. But when he asked his iPhone, Siri came up with an unexpected reply: ‚I don’t see any movies matching ‘Thor’ playing in Thor, IA, US, today.‘ Thor, Iowa, with a population of 184, was thousands of miles away, and “Thor”, the film, has been out of cinemas for years. Siri parsed the question perfectly properly, but the reply was absurd, violating the rules of what linguists call pragmatics: the shared knowledge and understanding that people use to make sense of the often messy human language they hear.“ (13. Januar)

Lebenslanges digitales Lernen

Dirk von Gehlen schließt drüben @SZ die Debatte über „Wie sollte die Digitalisierungsdebatte aussehen?“ vorläufig ab, was ich sehr begrüße. Er erwähnt ein Bildungssystem für Erwachsene (vgl. „lebenslanges Lernen“) im Zeitalter der Automatisierung, was auch das Economist-Schwerpunktthema diese Woche ist. Dass gleich der erste Artikel mit dem Startup einsteigt, bei dem ich meinen Programmierkurs gemacht habe (General Assembly), ist ein netter Zufall und passt ganz gut. Natürlich mache auch ich mir Gedanken, welche Qualifikationen ich mir aneignen sollte und was ich eigentlich möchte. Dass ich seit Januar nicht mehr Vollzeit arbeite, gibt mir etwas Raum dafür.

Als Journalist ist relativ absehbar, dass in den kommenden drei bis zehn Jahren ein großer Teil der bezahlten Jobs verschwinden, sich von den Kernaufgaben des Journalismus entfernen oder schlicht schlechte Arbeitsbedingungen bieten wird, sich also letztlich bereits sichtbare Entwicklungen fortsetzen und verstärken werden. Natürlich will ich mithelfen, dass die Kernfunktionen des Journalismus (eine informierte Gesellschaft ermöglichen) auch in Zukunft erhalten bleiben. Nur kann dies im Kontext der fortgesetzten Digitalisierung auch etwas völlig anderes bedeuten, als sich in und an der Medienbranche abzuarbeiten. Mehr noch: Viele drängende Probleme der Menschheit erfordern neue Ansätze, die jenseits von Fortschrittsglauben und Veränderungspessimismus liegen. Das ist es, was mich fasziniert, worüber ich mir Gedanken mache und woran ich gerne arbeiten möchte. Ich weiß also noch nicht, wie mein Beruf morgen aussehen oder ob meine Berufung überhaupt ein Beruf sein wird; ich bin mir aber sicher, dass mich die neue Lernphase meines Berufslebens auf den Weg dorthin bringen wird. (15. Januar)

Wird ständig fortgesetzt.

Fußnoten vom Fluss SE 01 E01

Mississippi Pier
Rollendes Notiz-Microblog

Jenseits von Twitter

Ich bin sehr twittermüde. Außerdem genügen 140 Zeichen selten. Deshalb eröffne ich hier eine Art rollendes Blog mit Notizen, die ich einfach immer erweitere, wenn mir etwas einfällt (auch für meine eigene Doku). Der Titel sollte eigentlich auf den Mississippi anspielen, aber passt natürlich auch hervorragend zum Internet-Strom von Dingen und was ich herausfische. Mal sehen, ich habe einfach wieder Lust auf Bloggen mit niedriger Schwelle. (2. Januar)

Microblog

Eigentlich hoffe ich ja auf Micro.blog, die dezentrale Software von Manton Reece, dessen Kickstarter heute online gegangen ist. Dave Winer probiert auch ein paar Sachen. WordPress ist unter dem Strich ungeeignet im Zusammenkuratieren oder schnellen Reaktionsmechanismen.
Ich denke, dass am Ende alles cross-plattform ablaufen wird und hoffe auf eine Silo-Alternative mit weniger als drei Arbeitsschritten für das Teilen. Vielleicht bleibt es eine Nische, aber angesichts der diversen Energien auf FB und TWTR ist semi-öffentlich womöglich sogar ganz gut. (2. Januar)

Köln

Angesichts der – genau ein Jahr zuvor – stattgefundenden Übergriffe durch Täter aus Nordafrika sagt mir mein Rechtsverständnis, dass es sich nicht um Racial Profiling gehandelt hat. Die öffentliche „Nafri“-Klassifizierung der Polizei ist töricht. Update: Prantl ähnlich, ausführlich begründet. Die Diskussion darüber läuft (absehbar, wohl) natürlich aus dem Ruder, ihr zu folgen ist in der Summe nur Emotionskick. Aber ich erinnere kurz daran, dass es nicht zur Beschäftigung der Mehrheit der Bundesbürger gehört, Meinungen im öffentlichen Social Media abzugeben oder zu konsumieren. Ich kann nur vor der Gleichsetzung von aktiver Internetbevölkerung und Gesamtbevölkerung warnen, gerade bei Fragen nach dem Grad der Polarisierung (den Satz kann ich gleich für einige Anlässe in die Copy-Paste-Ablage packen).

Brian Eno und der deutsche Schlager

Jarvis Cocker im Gespräch mit Brian Eno war eines meiner Neujahrshighlights (beginnt ab ca. Minute 38). Sehr entspannt, sympathisch, beinahe weise und ohne jede Vorbehalte gegen Musikstile sondern alles als Teil einer Entwicklung sehend (ein sehr interessanter Exkurs in die Technologie der Musik, btw). Und wer hätte gedacht, dass die Idee für „Music für Airports“ am Flughafen Köln-Bonn entstand (als Reaktion auf schlechte deutsche Schlager, die dort liefen). Eno hat auch ein neues Album. Ich mag es und würde mir die App auch zulegen, würde sie etwas weniger als 39 Euro kosten (eine gute @SZ-Rezension von Juliane Liebert gibt es hier). (2. Januar)

Eliot Weinberger

Obama meinte einmal, dass es in manchen urbanen Gegenden einfacher sei, an eine Waffe als an ein Buch zu kommen. Für New Orleans trifft das definitiv zu, denn jenseits einiger Antiquariate gibt es hier nur wenige Läden mit überschaubarer Auswahl (und natürlich Barnes & Noble draußen in der Shopping-Gegend, eine beeindruckende Auswahl an christlicher Erbauuungsliteratur dort). Die Verbreitung von Waffen dagegen… don’t get me started. Neulich in New York deshalb froh über die Buchkultur und Läden, die Eliot Weinberger im Regal stehen haben. Wahrscheinlich der unbekannteste große Essayist von allen, und ich ich bin mir sicher, dass Daniel Kehlmanns Stil in „Die Vermessung der Welt“ auf Weinbergers federleichte Asssoziationen zurückgeführt werden kann (hier ein Stück in New Yorker über den jüngsten Sammelband). Ohnehin: Amerikanische Essays, so weit entwickelt in Stil, Anspruch und Form… (2. Januar)

Trump und UK: Freihandel? 

In Deutschland bislang völlig unter dem Radar, aber in progressiven US-Kreisen aufgeregt diskutiert: Ein mögliches Freihandelsabkommen USA-UK unter Trump. Das könnte sich schon in den kommenden Wochen konkretisieren. Das Szenario: EU-Firmen verlegen ihren Sitz nach London (ohnehin anstehendes Unternehmenssteuerdumping). Das wäre ein Schlag für die EU und würde den Verbund weiter schwächen, was man natürlich durchaus als im Bannon’schen Sinne von Washington gewollt interpretieren könnte. Der designierte Handelsminister Willbur Ross hat dagegen angedeutet, dass die USA die Finanzindustrie aus London weglocken könnten im Zuge der Brexit-Unsicherheit. Allerdings ist er ein Kandidat für viele widersprüchliche Äußerungen, prognostiziere ich mal. (2. Januar)

Die Welt als Wille und Code

Zwei schöne Titel haben die Kollegen für mein @SZ-Stück über Programmierer im Kontext von Markt und Ethik gefunden. Ich rechne mit viel Feedback, weil sich fast nichts rund um Software-Entwickler verallgemeinern lässt und ich *ta-da* es sogar gewagt habe, die Frage „Was ist Programmieren?“ zu beantworten und das natürlich völlig unexakt und unvollständig. Das Thema aber, ob sich eine Zunft mit klarem ethischen Rahmen herausbildet, finde ich weiterhin sehr spannend. Ich kenne viele Entwickler, die sich über solche Dinge wirklich tiefe Gedanken machen. Andererseits habe ich auch welche getroffen, bei denen ich kein größeres ethisches Bewusstsein gemerkt habe (bzw. teilweise auch eine Fehlinterpretation des ganzen „Hacker“-Freiheitsbegriffs). Und was bedeutet das überhaupt alles im Kontext „Die Firma will…“? Ich würde das Thema gerne mal im Magazin-Stil mit langer Recherche und vielen Gesprächen umsetzen… man wird ja noch träumen dürfen.

Wochenlinks (KW 18-21)

In den vergangenen Wochen mit Erkenntnisgewinn und/oder Genuss gelesen – eine Auswahl

Money, Capitalism and the Slow Death of Social Democracy“ (The Conversation) #Sozialdemokratie
Planet Brussels“ (Demos Quarterly) #Europamüdigkeit
America Has Never Been So Ripe for Tyranny“ (NY Mag) #SullivanDystopie
The Man Who Sold The Right“ (Fox News) #Trumpism
Portland gave its minimum wage workers a raise. Here’s what happened next.“ (Christian Science Monitor) #KomplexeSysteme
Free Speech and the Modern Campus“ (The Smart Set) #Gruppendenken
False Hope“ (Lefsetz Letter) #Spaltungen
I have never known Peace“ (The Bitter Southerner) #BlackLives
A Sense of War“ (Harpers Magazine) #Aleppo
The Secret Pact that became Scapegoat for all the Middle East’s problems“ (Washington Post) #SykesPicotAbkommenExplainer
Show them the Money“ (New Yorker) #SportGesellschaftPsychologieGeschäft
Wer industriekritisch sein will, muss nicht allen Fortschritt verhindern“ (SZ) #Glyphosphat
RIP Bookslut 2002-2016“ (Vulture) #Litblogging
Ernest Hemingway Joins The #Content Industry“ (Fredrik deBoer) #ContentIndustrie
Internet Video Views Is A 100 Percent Buillshit Metric“ (Gawker) #ContentIndustrie
Peter Thiel just gave other billionaires a dangerous blueprint for perverting philanthropy“ (Fusion) #ThielHoganTagteam
Bosch Mania“ (The Easel) #HieronymusRezeption
Drogen III: Biokapitalismus und Askese“ (Der Freitag) #DontBecomeStucki
Don’t Get Rich, Don’t Die Trying: Thriving V. Surviving in the Music Industry“ (The Talkhouse) #Musikerleben
Our Brand Could Be Your Crisis“ (The New Inquiry) #MillenialGenerationen

Wochenlinks (KW 14-17)

Im April mit Erkenntnisgewinn und/oder Genuss gelesen – eine Auswahl. (Tech-Links: hier)

„Kissing Off The Melancholy of the Left“ (Holly Wood via Medium) #USWahl
How To Fix Politics“ (New York Times) #USWahlunddanach
Donald Trump and the Stunts that Expose the GOP“ (New Yorker) #USWahl
Hillary Clinton – one-term wonder?“ (Prospect Magazine) #USWahl
President Obama weighs his economic legacy“ (New York Times) #Rettbarkeit
Intellektuelle und Politiker: Kritik ist keine Hetze“ (NZZ) #Diskurs2016
„Koalition: Die Kraft der Verhältnisse“ (SZ) #GroKo
Zu Besuch bei Götz Kubitschek“ (FAZ) #NeueRechte
SPD: Vorwärts?“ (SZ, $) #Sozialdemokratie2016
Über Sinn und Unsinn eines Begriffs: Wie tot ist der Faschismus?“ (NZZ) #SemantischeDiskursKategorien
Ist ‚Europa‘ noch zu retten?“ (FAZ) #Tellerränder
France has problem with money and wealth“ (Les Echos via Worldcrunch) #Identitäten
Can we replace politicians with robots?“ (The Conversation) #AutomatisierungUndDemokratie
A Murder Rocks New Orleans“ (New Yorker) #LebenInNola
Mississippi, the Two-Flag State“ (New Yorker) #DeepSouth
The People v. O.J. Simpson Will Be With US Forever“ (New Yorker) #ThePeoplevsOJ
Teaching Men To Be Emotionally Honest“ (New York Times) #MannSein
Q Prime’s Burnstein and Mensch, Part 2: On Touring, The Future of Metal, Adele’s Success and Why It’s Okay to Not Sell Out an Arena“ (Billboard) #Musikgeschäft2016
An Excerpt from NOFX: The Hepatitis Bathtub and Other Stories by NOFX and Jeff Alulis“ (Talkhouse) #PunkrockBiografien
Privatisierungsschwindel in Griechenland“ (Le Monde Diplomatique) #AusteritätUndRealität
Die Kapitulation“ (Der Spiegel, $) #DobrindtUndDerAbgasSkandal
Deutsche Unternehmen: Neue Chefs gesucht“ (SZ, $) #Unternehmenskultur
Big question: is reform of international tax law possible?“ (Prospect Magazine) #PanamaPapers
„Leben mit dem Leak“ (ORF) #PanamaPapersBackstage
Newsonomics: With new roadblocks for digital news sites, what happens next?“ (Nieman Lab) #Medienwandel
This is what is really killing digital media“ (Newsweek) #Medienrealitäten
There Are No Writers Here“ (Urbanophile) #UrbanitätOhneGeschichtsschreiber

Von mir @SZ und im Blog:
Bernie Sanders, Nuit Debout, Facebook & Chatbots, Gefängnisrodeo, technologische Komplexität.

Tech-Freitag: kommentierte Links aus der Woche

Ich lese jede Woche eine Menge Tech-Geschichten – das ist der Versuch, ein paar der Sachen zu kuratieren, auf die ich stoße (Links aus der vergangenen Woche hier)

Context collapse and context restoration (Nicholas Carr)
Warum teilen wir immer weniger Privates auf Facebook? Nicholas Carr:
„We’re learning how difficult and exhausting it is to sustain a mass-media presence. The problem with broadcasting everyday experience is that everyday experience is inevitably repetitive, and repetitiveness is, in a media context, the kiss of death. To remain interesting when viewed at a distance, when viewed through media, a person has to display continuing novelty — novelty of experience, novelty of thought. Very few of us can do that for very long. I imagine that, on Facebook, even Oscar Wilde and Dorothy Parker would have worn out their welcomes after a while.“

Nicht der einzige Grund, aber definitiv Teil der Erklärung.

Apple Earnings: Bad News and Good News (Beyond Devices)
Jan Dawson:
„The most important thing to understand about iPhone growth is that it’s temporary and cyclical. That is, the massive growth Apple experienced over the last 18 months or so was entirely down to the introduction of larger phones, and demand is now simply returning to its prior trajectory. The iPhone shipments number Apple reported was bang on with the projections I shared earlier this week and therefore also absolutely in line with the pre-iPhone 6 trend. That suggests (and Apple’s guidance for next quarter confirms) that iPhone growth should be back on track later this year, at high single digits or low double digits. The iPhone SE will depress margins, especially because it’s going to sell best during the annual trough in high-end sales, but for the same reasons, ASPs should recover by the end of the year when a new flagship phone launches. In the meantime, it should help fill that usual trough in sales a little, boosting sales above where they would otherwise be.“

Es sind sehr viele hohle Apple-Analyse zu lesen, die hier ist gut. Marktsättigung und China sind ein Problem, aber der Upgrade-Zyklus funktioniert bestens. Wenn die Zahlen zu Q4/16 kommen, werden wir wieder all die Comeback-Storys lesen (*seufz*).

Anticipating artificial intelligence (Nature)
Editorial der Nature-Redaktion zu künstlicher Intelligenz:
„There are more immediate risks, even with narrow aspects of AI that can already perform some tasks better than humans can. Few foresaw that the Internet and other technologies would open the way for mass, and often indiscriminate, surveillance by intelligence and law-enforcement agencies, threatening principles of privacy and the right to dissent. AI could make such surveillance more widespread and more powerful.
Then there are cybersecurity threats to smart cities, infrastructure and industries that become overdependent on AI — and the all too clear threat that drones and other autonomous offensive weapons systems will allow machines to make lethal decisions alone.“

Überraschend, wie klar sich Nature positioniert. Ich war diese Woche mal wieder auf einer Tech-Konferenz (Collision) und die Debatte ist wirklich über den Punkt „wir sollten eine Debatte haben“ hinaus. Die Frage ist, wie sich in solche komplexe Systeme Ethik einspeisen lässt. Regulierung? Selbstverpflichtung? Design-Guides?

Rocket Internet – A detailed look (Christoph Gerber via Medium)

As with Home24 or Westwing they are not reporting the total customer base vs. active customer base. I can only assume this is because the ratio is somewhat shocking and is not supporting the business model or at least not the valuation of > EUR 3bn. In this case they are reporting only the last quarter of existing customers and everyone that did an order — no matter if the user paid for it or not. Again the question is: Why is Rocket choosing different metrics for their MVP?

Der Autor kommt aus dem Lieferando-Lager, das sollte man beim Lesen beachten. Rocket ist auf fast jeder Ebene undurchsichtig, und das trotz IPO. Wird es den Laden in dieser Form noch in zehn Jahren geben?

Tech-Freitag: kommentierte Links aus der Woche

Ich lese jede Woche eine Menge Tech-Geschichten – das ist der Versuch, ein paar der Sachen zu kuratieren, auf die ich stoße (Links aus der vergangenen Woche hier)

On the Road to Recap (Bill Gurley)

Investor Bill Gurley über den überhitzten Startup-Markt (#Unicorns):
„The reason we are all in this mess is because of the excessive amounts of capital that have poured into the VC-backed startup market. This glut of capital has led to (1) record high burn rates, likely 5-10x those of the 1999 timeframe, (2) most companies operating far, far away from profitability, (3) excessively intense competition driven by access to said capital, (4) delayed or non-existent liquidity for employees and investors, and (5) the aforementioned solicitous fundraising practices. More money will not solve any of these problems — it will only contribute to them. The healthiest thing that could possibly happen is a dramatic increase in the real cost of capital and a return to an appreciation for sound business execution.“

Wer sich mit Tech-Startups beschäftigt, muss diesen Text lesen, Gurley fasst die Entwicklungen mit Insider-Details zusammen. Mehr noch, er sieht ein systemisches Risiko für Tech (ich war bislang optimistischer, dass die Korrektur Sparten und Startups zerstört, nicht aber das System). Der psychologische Effekt solcher Ich glaube, dass der Blogeintrag jetzt auch bei den Cheerleadern in der Branche einen öffentlichen Meinungsumschwung bewirken wird.

Bill Gurley is either the most unselfaware man on the planet or he just wrote an open letter to Uber (Pando Daily)
Sarah Lacey:
„You get the picture that Gurley has sat in every board meeting of every unicorn he’s invested in saying each of these things written in the essay. And because board governance and VC board rights are at historic lows, and early stage investors are now such a tiny amount of capital raised, there is not much more investors like Gurley can do than talk. And now, they are sitting there, watching the best companies of this era put more inflated money on top of more inflated money.
Gurley could have called this memo: How I’ve spent the last year watching great companies sabotage themselves.“

Kleine Dolchstoßlegende: Die „guten“ VCs müssen zusehen, wie gierige Gründer und die „Tech-Touristen“ (= fremde Investoren) Geld verbrennen. Was wahr ist: Es sind eine Menge ahnungsloser Investoren unterwegs, denen niemand einen Cent anvertrauen sollte. Dazu gehören aber auch genügend ehemalige Tech-Angestellte/Gründer aus der Bay Area, die sich durch ihre IPO-Millionen zum Investor berufen sehen. Und gerade Leute wie Marc Andreessen haben wie fahrende Wunderheiler die grenzenlosen Möglichkeiten der aktuellen Digitalisierungswelle angepriesen und Kritiker als ahnungslose Nostalgiker dargestellt.

Uncanny Valley (NPlusOne, $)
Anna Wiener über ihre Zeit (echt oder fiktiv?) bei einem Startup in der Bay Area (hier: auf einer Party):
„Out by the porch cooler, I run into a friend who works at a company — cloud something — that was recently acquired. I make a joke about this being a billionaire boys’ club and he laughs horsily, disproportionate to the humor. I’ve never seen him like this, but then I’ve never met anyone who’s won the lottery, seen anyone so jazzed on his own good luck. He opens a beer using the edge of his lighter and invites me to drive up to Mendocino in his new convertible. What else do you do after a windfall? ‚You know who the real winner was, though?‘ he asks, then immediately names a mutual acquaintance, a brilliant and introverted programmer who was the company’s first engineering hire, very likely the linchpin. ‚Instant multimillionaire,‘ my friend says incredulously, as if hearing his own information for the first time. ‚At least eight figures.‘
‚Wow,‘ I say, handing my beer to him to open. ‚What do you think he wants to do?‘
My friend deftly pops off the bottle cap, then looks at me and shrugs. ‚That’s a good question,‘ he says, tapping the lighter against the side of his beer. ‚I don’t think he wants to do anything.‘

Die Leere des Erfolgs, die Leere der zwischenmenschlichen Interaktionen… nicht nur wegen dieser Szene eine der besten und treffendsten Geschichten über die Kultur in San Francisco und dem Silicon Valley. Es lohnt sich, dafür Geld zu bezahlen.

Postscript: Bill Campbell, 1940-2016 (New Yorker)
Ken Auletta:
„Campbell believed that people in the Valley do a better job today of working in teams and listening. But, he told me, “we have more headstrong people who don’t know what they don’t know.” That’s how he described his close friend Jobs when he returned to work at Apple and Campbell was head of sales. ‚If Steve didn’t get his way, if he was outvoted on a proposal, he would go out of his way to sabotage the decision,‘ he told me. But after Jobs was fired and started his own company, NeXT, Campbell says that he became a better, if still flawed, executive, because he learned the value of cooperation.
Of course, as Campbell understood, the same vices can also be virtues. “Successful startups are not run by collaborative personalities,” Marc Andreessen told me once. In truth, success is often dependent on a velvet-gloved Eisenhower as well as a brass-knuckled Patton. In the more than half a century of Silicon Valley’s digital life, partnerships have been a staple of many digital successes: Hewlett and Packard, Gates and Allen, Grove and Moore, Jobs and Wozniak (and later Ive and Cook), Brin and Page, Andreessen and Horowitz.“

Bill Campbell wird rund um Palo Alto als Mensch fehlen, aber auch als Anker in der Kultur im Valley. Wenn die Bay Area einmal ihre Führungsposition in Tech an Asien verlieren wird, dann nicht wegen fehlenden Geldes oder Know-How, sondern weil es ein gieriger, egoistischer, von Macht betrunkener und abgekapselter Ort wie die Wall Street geworden sein wird.

Google’s EU antitrust battle (Techpionions, $)
Ben Bajarin:
„The main point I landed on as I reflected on this is, even if the EU wins and Google provides even more flexibility than they already do, I honestly don’t think anything would change. This is the main point. Even if someone could bundle an alternate search engine, I doubt most would except for financial benefit which again could hurt the user experience. I don’t think someone is going to create a new startup focusing on search just because now they have an opportunity to be bundled on Android (this is the innovation claim they would). I firmly believe, even if the EU wins and Google changes their tactics, most OEMs would keep doing exactly what they do today.“

Wahrscheinlich wahr, Google-Dienste sind ein Plus für den Kunden. Aber es geht natürlich um etwas anderes und die Gelehrten streiten sich, wie valide das Argument der EU-Kommission wirklich ist. Selbst der Play Store, auf dessen Monopol-Stellung der Vorwurf hinausläuft, lässt sich theoretisch ersetzen. Es hat nur noch nie funktioniert (siehe: Google-Dienste als Plus für den Kunden).

Apple’s Organizational Crossroads (Stratechery)
Ben Thompson:
„The root problem in all these cases is the lack of accountability: as long as the iPhone keeps the money flowing and the captive customers coming, it doesn’t really matter if Apple’s services are as good as they could be. People will still use the App Store, Apple Music, and iCloud, simply because the iPhone is so good.
What they won’t do, though, is use Apple Pay: an extension of Apple’s unitary vision (and another manifestation of the problems underlying my critique of the App Store) is a struggle to partner effectively, particularly with vast ecosystems driven by incentives, not backroom deals. Apple Pay could be the foundation for a tremendous amount of value but Apple isn’t doing the grunt work to get it off the ground (iMessage fits here as well). You can see the same pattern with HomeKit, or Siri.“

Wer für ein Unternehmen arbeitet, der weiß, wie stark die Unternehmensorganisation die Entscheidungen beeinflusst. In Tech wird diese Form der Analyse häufig vernachlässigt, weil die Branche trotz Gegenbeispielen wie Yahoo, HP oder Ebay als flexibler gilt. Ben Thompson zeigt, wie Organisation und Strategie bei Apple zusammenhängen und inzwischen ein Problem sind.

Tech-Freitag: kommentierte Links aus der Woche

Ich lese jede Woche eine Menge Tech-Geschichten – das ist der Versuch, ein paar der Sachen zu kuratieren, auf die ich stoße (Links aus der vergangenen Woche hier)

Female robots: Why this ‚Scarlett Johansson‘ bot is more dangerous than you think (Telegraph)
Der Philosoph Blay Whitby über Roboter, die optisch bestimmten Personen nachempfunden sind:
„Whitby urges us to act now, before it’s too late. ‚We need to have these discussions instead of waking up one day when robot companions are normal and question whether it was a good idea or not,‘ he says.
And as this kind of technology rolls out around the world in the form of 3D printing, he has a stark warning about where the democratisation of technology is taking us: ‚How would you feel about your ex boyfriend getting a robot that looked exactly like you, just in order to beat it up every night?‘
It’s a shocking idea, isn’t it? On the one hand, it’s a machine – it isn’t you. But then, it is you, because it stands for you, and who you are.
Whitby goes on: ‚I mean, it might be alright, it might mean he can be calmer and more normal with you – think about Aristotle’s theory of catharsis. But we really haven’t discussed this as a society. We’re drifting towards it and the technology is very close to being available, but we just aren’t talking about it.`“

Can we replace politicians with robots? (The Conversation)
Frank Mois und Jonathan Roberts:
„Policy-making is and will remain inherently political and policies are at best evidence-informed rather than evidence-based. But can some issues be depoliticised and should we consider deploying robots to perform this task?
Those focusing on technological advances may be inclined to answer “yes”. After all, complex calculations that would have taken years to complete by hand can now be solved in seconds using the latest advances in information technology. (…) Those focusing on social and ethical aspects, on the other hand, will have reservations. Technological advances are of limited use in policy issues involving competing beliefs and value judgements.
A fitting example would be euthanasia legislation, which is inherently bound up religious beliefs and questions about self-determination. We may be inclined to dismiss the issue as exceptional, but this would be to overlook that most policy issues involve competing beliefs and value judgements, and from that perspective robot politicians are of little use.“

Eine sehr interessante Debatte, die zumindest über staatliche Einrichtungen wie Behörden mittelfristig geführt werden wird.

Why the Gig Economy is Sputtering (Steven Hill via Medium)

„Indeed, the reality that the sharing economy visionaries can’t seem to grasp is that not everyone is cut out to be a gig-preneur, or to ‚build out their own businesses,‘ as Leah Busque likes to say. Being an entrepreneur takes a uniquely wired brand of individual with a distinctive skill set, including being ‚psychotically optimistic,‘ as one business consultant put it. Simply being jobless is not a sufficient qualification. In addition, apparently nobody in Silicon Valley ever shared with Kan or Busque the old business secret that ‚you get what you pay for.‘ That’s a lesson that Uber’s Travis Kalanick seems determined to learn the hard way as well.“

Guter Blick auf „Uber für X“ aus den vergangenen Jahren und die Naivität bei Entwicklung und Rezeption der Sharing Economy.

“I had so many advantages, and I barely made it”: Pinterest engineer on Silicon Valley sexism (Quartz)

Tracy Chou:
„It was no wonder that I felt like I didn’t belong: my status as one of the few women in computer science classes was always a subject of discussion. A few of my friends joked that as a girl, I could at least get more attention from the section leaders. They told me about a couple of other girls in my year who had had great success flirting shamelessly with the teaching staff—nerdy awkward guys unaccustomed to female attention, and therefore overly eager to be helpful in office hours. I wondered if the implication was that I ought to do the same—or that in their eyes, I already was.“

Wenn Deine Eltern Programmierer aus dem Silicon Valley sind, Du es nach Stanford schaffst aber trotzdem dort und in den Tech-Firmen „die Frau“ bist.