Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

Die große AI-Vereinfachung

‚The discourse is unhinged‘: how the media gets AI alarmingly wrong

Warum wir über völlig falsche Fragen zu lernender Software diskutieren. Die Autorin Joanne McNeil dazu:

„‚Wenn du das Gehalt eines Journalisten mit dem eines AI-Forschers vergleichst, ist ziemlich schnell klar, warum es für Journalisten unmöglich ist, die gut recherchierten Stücke zu schreiben, die Forscher gerne über ihre Arbeit lesen würden.‘ Sie ergänzt, dass viele Forscher von dem Hype profitieren, sie als Autorin aber Probleme hat, wenn sie diese Technologien kritisch unter die Lupe nehmen möchte. ‚Es gibt nur wenige Publikationen, die an nuancierten Stücken interessiert sind und nur wenige Redakteure, die genügend Expertise haben, um Thema zu redigieren. Wenn AI-Forscher wirklich hintergründige und kritische Berichterstattung wollen, sollten sie sich zusammenschließen und eine Publikation finanzieren, bei der die Zeit der Autoren angemessen bezahlt wird, die sie für tieferes Verständnis brauchen.'“

Die Diagnose, dass sich Journalisten oft nur oberflächliches Wissen aneignen können, trifft für viele Technologie-Themen zu. Und nicht nur dort. Und zur Wahrheit gehört auch, dass Stücke über die „Killer-AI-Debatte“ oder Spekulationen über das Ende der Demokratie durch Algorithmen ein größeres Publikum finden als solche über Sachfragen wie z.B. die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen lernender Software.

Instagram-Flops

(Nonstopflops, Instagram)

Teens Are Debating The News on Instagram

Flop-Accounts sind Instagram-Konten, die gemeinsam von mehreren Teenagern betrieben werden, um über alles Mögliche zu lästern und zu diskutieren. Was einmal eine Reaktion auf die Reality-Celebrity- und Influencer-Kultur gewesen zu sein scheint, ist inzwischen auch zum Ort für soziale Themen und soziales Verhalten geworden.

Seitdem der Atlantic vor ein paar Tagen darüber geschrieben hat, verfolge ich die Kultur ein bisschen. Faszinierend finde ich die Anpassung einer starren Plattform an die eigenen Bedürfnisse und den Wunsch nach Semi-Öffentlichkeit – also privates Social Media, das doch irgendwie wahrgenommen werden soll. Ein Zwischenraum zwischen dem Aufmerksamkeits-, Marketing- und Mobbing-Overkill der öffentlichen Systeme und dem privaten Sharing via Messenger-Gruppen. Irgendwo dort wird Social Media in der nächsten Entwicklungsstufe wahrscheinlich auch als Default landen, nicht nur wegen des neuen Facebook-Fokus auf Gruppen. Ich bin gespannt, wie das am Ende aussehen wird.

Flops werden kein Mainstream-Phänomen und bald von der nächsten Social-Media-Technik abgelöst, die dann ihrerseits schnell wieder abgelöst wird usw.. Aber was natürlich auffällt: Die Kommunikation schon so weit weg von den linearen/gethreadeten, funktionalen und kategorisierbaren Formen, die ich als jemand der Vor-vor-Generation kennt. Selbst mit den Instagram-Kernfunktionen hat sie eigentlich nur die Plattform gemeinsam, unter der sie als Subkultur agiert. Und die Kommunikation funktioniert völlig meme-isiert, durch die Kommentierung beinahe in einer eigenen Sprache, weil die Referenzrahmen für Außenstehende so komplex sind (was wahrscheinlich seit Anbeginn der Zeit, bis auf die Sache mit der Meme-isierung, jeder Erwachsene über Teenager-Dialoge gesagt hat).

Und dann gibt es noch diesen Absatz, der die vernetzte Aneignung von Wissen und das Crowdsourcing von Glaubwürdigkeit beschreibt und in dem eine große Veränderung steckt (ob in Richtung kritisches Bewusstsein oder Kollektivdenke, wird die Zeit zeigen):

„Was Teenager, die mit den Flop-Accounts interagieren verbindet, ist ein starkes Misstrauen gegenüber Nachrichtenmedien. Teenager sagen, dass sie auf die Flop-Accounts gekommen sind, weil sie nicht glaubten, was sie in den Medien lesen, im Fernsehen sehen oder sogar in ihrem Unterricht zur amerikanischen Geschichte beigebracht bekamen. Das sei so, so drückte es eine Teenager aus, weil ihr Lehrer nur eine Person ist, der seine Meinung vertritt. Teen-Administratoren von Flop-Accounts sagten genau wie die Follower, dass sie die Informationen auf Flopkonten sehr viel verlässlicher fanden, weil sie crowdgesourced und debattiert werden konnten.“

Unbewusste, unterbrechende und unsichtbare Medien

 The Future of Television is being able to pick Shows by Length

„Konsumenten sortieren heute (oft unbewusst) jedes Medien-Produkt vom Podcast über Magazingeschichten bis zum Video in drei Kategorien: Bewusst, unterbrechend und unsichtbar. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind bedeutend. (…)
Bewusste Medien sind jene Handvoll Angebote, deren Konsum wir vorher planen, um dann ein besonderes Stück unserer Zeit dafür zu reservieren. Für mich sind das Couch-Shows wie Better Call Saul und sonst fast nichts. Unterbrechende Medien wiederum sind eine viel größere Kategorie: Diese Programmgestaltung füllt die freien Plätze in unserem Leben – 10 Minuten in der Supermarkt-Schlange, fünf Minuten beim Warten nach dem Kindertraining, 35 Minuten im Zug oder Bus. Für mich sind das Artikel, die ich auf Instapaper gespeichert habe, Hörbücher und Smartphone-Shows wie Billions, das mir sehr gefällt, das ich aber noch nie daheim angeschaut habe und selten in längeren Segmenten als 30 Minuten. Unsichtbare Medien ist die größte Kategorie von allen – das Zeug, das wir niemals sehen, von dem wir kaum wissen, dass es überhaupt existiert.“

Hilfreiche Kategorien. Ich hatte mal ein „Uber für @SZ-Inhalte“ gepitcht, das aus der Kombination von „Zeit zur Verfügung“ (wählbar) und Interessensgebieten redaktionelle Artikel und Videos zeigt. Quasi eine Abwandlung von dem, was die App „NPR One“ im Audiobereich schon gut macht. Die Umsetzung ist komplex, inzwischen würde ich diese Funktion auch eher bei einem der diversen Assistenten da draußen verorten (falls es das nicht schon irgendwie gibt). Wobei ich gar nicht weiß, ob das notwendige flächendeckende API-Ökosytem realistisch wäre, das wäre für App-Anbieter ja quasi ein weiteres zwischengeschaltetes Meta-OS.

Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit

(1) „That is what Power Looks Like“: As Trump prepares for 2020, Democrats are losing the only fight that matters
(2) Facebook, Snapchat and the Dawn of the Post-Truth Era
(3) In the Trump Era, We Are Losing the Ability to Distinguish Reality from Vacuum

Drei Beiträge, die ich in einen Zusammenhang stellen möchte. In (1) beklagt Peter Hamby (ironischerweise inzwischen Snap-Newschef) in Vanity Fair, dass Trump mit seiner ständigen Erzeugung von Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass niemand weiß, was eigentlich die Demokraten gerade machen (und für was sie stehen).

In (2) bilanziert der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez, der seine Erfahrung im Buch  Chaos Monkeys verarbeitet hat, das Social-Media-Zeitalter: Wir kehren demnach in den Modus der vorschriftlichen Epochen zurück, in denen Wahrheit in der Regel eine Sache des Hörensagens war. Zitat: „Dies wird die am besten dokumentierte Epoche in der amerikanischen Geschichte sein, aber niemand wird sich einig sein, was passiert ist.“

In (3) weist Masha Gessen darauf hin, dass die Hyperstimulierung durch Trump-Nachrichten uns (bzw. US-Amerikaner) an die Echtzeit kettet. Einen einzigen Tag zu verpassen, bedeutet Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren – doch was an diesem einzigen Tag passiert, ist in der nächsten Woche bereits wieder abgelöst und irrelevant. Was in dieser gedrängten Zeit verloren geht, ist demnach die Fähigkeit, moralische Urteile zu fällen – denn diese benötigen eine historische Perspektive, die über den Tag oder die Ära hinaus geht.

Die banalste Synthese aus diesen drei Texten lautet vielleicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie netto zu einer gewaltige zivilisatorische Energieverschwendung führt. Im besten Falle. Sollten wir allerdings – Worst Case – in einem neuen Zeitalter westlicher Autokratien bis hin zum Neofaschismus landen, werden Historiker einmal feststellen, dass neben den Verwerfungen von Spätkapitalismus und Klimawandel die Aufmerksamkeitsökonomie eine dritte wichtige Voraussetzung für diese Wende war (sie ist ja letztlich aus der Marktbarmachung aller dezentralen Konstellationen abgeleitet, in denen bisherige Vermittler überflüssig wurden). Damit meine ich nicht Populismus per se, der wie ich finde durchaus seine Berechtigung hat, sondern die zunehmende Irrelevanz der Unterschiede zwischen Ursache und Wirkung, Tatsachen-Kontext und Interpretation – und unsere Anpassung daran.

Die optimistischere Perspektive ist, dass der Zugang zu historischem Wissen, Reflexion  und persönlicher Erfahrung als Fundament eines Gegenentwurfs heute ebenfalls recht einfach herzustellen ist – und auch notwendig, um die planetarischen Herausforderungen zu meistern. Nur ist dieser Weg eben derzeit schwieriger, benötigt mehr Zeit und belohnt uns mit weniger Endorphinen.

Drei nachgereichte Medienlinks

(1) Why the “golden age” of newspapers was the exception, not the rule
(2) The Paywall Quandary: How many subscriptions does one really need?
(3) #Journalistenschule 2018

Diese drei Medienlinks aus der vergangenen Woche möchte ich kurz nachreichen. (1) weil er die Erzählung von den „mit ihrer Objektivität massig Geld verdienen Print-Medien“ in den historischen (amerikanischen) Kontext setzt. Journalismus war die meiste Zeit prekär oder von Reichen finanziert.

(2) weil beide Tangenten der Digitalabo-Debatte wichtig sind – die Frage, für was Leser zahlen und die Zahl der Abos, die selbst bei interessierten Zeitgenossen deutlich geringer ist, als ein Journalist denken mag.

(3) weil ich die Aktion der DJS (an der ich früher manchmal Dozent war, Disclosure) gut finde. Und weil mir persönlich Hoffnung macht, dass der interessierte Teil der Schüler den Eindruck macht, einen hohen Anspruch zu haben – sowohl an Fachkenntnis und Tiefe, als auch an persönlicher Relevanz.

Ansonsten können regelmäßige Leser feststellen, dass ich zum Journalismus im Moment wenig zu sagen habe. Die meisten Zukunftsfragen der Medienbranche sind inzwischen weniger von der Erkenntnis abhängig, als von der Handlungsbereitschaft.

NPR und Co. kaufen Pocket Casts

Pocket Casts acquired by NPR, other public radio stations, and This American Life

Die Content-Kaufwelle ist in den USA vorbei und NPR investiert in Software, genauer gesagt kauft es gemeinsam mit anderen Stationen die Podcast-App Pocket Casts. Ich habe schon häufiger darüber geschrieben: Ein Eingangspunkt im Medien-Ökosystem zu sein verspricht Zukunft, am Endpunkt zu stehen (also sich auf die Produktion Content zu konzentrieren) Niedergang. Zumindest, wenn es um Reproduzierbares wie Informationen geht und der Back-Katalog nichts Einzigartiges hat.

Aus dieser Perspektive ist der Schritt natürlich mutig, auch wenn John Gruber wahrscheinlich zurecht vermutet, dass NPR und Co. mit der App vor allem ihre Tracking-Strategie aufbauen werden.

Bye, bye Intro

In eigener Sache: Intro verabschiedet sich

Meine erste Musikzeitschrift war das „WOM Journal“ aus dem WOM im Hertie-Keller, ich hatte ja vorher gar keine Ahnung, dass Menschen überhaupt in Zeitschriften über Musik schreiben und was das für einen Sinn haben sollte. WOM und Hertie, längst beides Karteileichen im Unternehmensregister.

Später dann kam die Visions, die Indie-Musik als glamourös und lebensweltlich relevant präsentierte. Die hatte ich sogar im Abo. Bis ich merkte, dass die Musiker bei genauerer Betrachtung meist ziemlich banale Sachen erzählten und der Geschmack der Visions sich letztlich ziemlich standardisiert am Hype-Kreislauf orientierte. Da hatte ich dann auch schon die Intro gefunden, über deren Stapel man immer irgendwo in Kassen- oder Türnähe von Second-Hand-Läden stolperte.

Intro war eine Spex Light, ein bisschen bissig, ein bisschen überlegte Kulturindustrie-Kritik, ein bisschen Gedanken über die gesellschaftliche Relevanz von Musik, Kino und Videospiel. Ich habe damals eine Menge über Popkultur-Geschichte und Zusammenhänge zwischen den Genres gelernt, auch wenn es manchmal ein bisschen viel (sympathische) Geschmacksangeberei und war. Zur Spex habe ich es übrigens nie geschafft, denn eigentlich wollte ich ja nur wissen, welche Bands gerade interessant sind.

Und das ist halt die Sache, weshalb es mit Musikmagazinen so schwierig wird: Interessante Musik versteckt sich nicht mehr, die Geschmackscodes sind individualisiert. Wer über das Ende der Intro redet, darf den Musikblog-Exodus der vergangenen Jahre nicht verschweigen… 78sYou Ain’t No Picasso, Rote Raupe, Ca Va Cool, auch mein eigenes Musikblog SongdesTages liegt nur noch auf dem Server rum.

Es ergibt eben wirklich kaum noch Sinn, um Musik herum zu schreiben und zu versuchen, damit über eine längere Spanne Aufmerksamkeit zu bekommen (vom Geldverdienen rede ich gar nicht). Natürlich lassen sich Consequence of SoundQuietus, das inzwischen zu Conde Nast gehörende Pitchfork als Gegenbeispiele anführen, aber sie stehen eher für eine andere, Prä-Influencer-Zeit, als für die Zukunft.

Für mich persönlich symbolisiert das Ende der Intro deshalb einen weiteren Kilometerstein auf der Strecke, die in unterschiedlichsten Bereichen weg vom Konzept des Kanons führt. Der Beitrag der Intro zum deutschen Indie-Kanon war beachtlich – zumindest, wenn ich daran zurückdenke, wie viel gute Musik ich auf Empfehlung des Magazins ausprobiert habe.

Vor der Facebook-Distribution

 Ade, Schublade

Im Kampf um die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne des Lesers spielen Eyecatcher und steile Thesen eine immer größere Rolle. Differenzierungen schrecken ab, weil sie nicht zum Hinsehen, Kaufen oder Klicken locken (sowie Arbeitszeit und Manpower benötigen).

Dabei müsste es doch eigentlich genau andersherum sein: Wie David Weinberger bemerkt, dessen Buch “Everything is Miscellaneous“ demnächst in deutscher Sprache (Titel: “Das Ende der Schublade“) erscheint, leben wir in einer Zeit, in der wir uns auf Unschärfen einstellen müssen. Die binäre Welt des Computers hat die binäre Weltsicht des „richtig oder falsch“ zum großen Teil überflüssig gemacht. Das bedeutet, dass die einfache Schlagzeile selbst eigentlich an Wert verlieren müsste, weil sie nicht mehr der Komplexität unserer Welt (und der durch das Netz erreichbaren Informationen) gerecht wird. Als Korrektiv führt Weinberger die Blogosphäre an, die einfache Dinge wieder kompliziert macht und verschiedene Hintergründe zusammenführt.

Soweit, so gut. Aber sind inzwischen nicht alle Formen der „Online-Publizistik“ an die Aufmerksamkeitsökonomie der sekundenschnellen „Pointe“ gekettet, zumindest, wenn es sich um Short-Tailer handelt? „Ja, aber“-Journalismus klickt sich im Netz genauso schlecht wie „Ja, aber“-Blogs.

Notiert habe ich das hier im März 2008, also vor mehr als zehn Jahren. Heute, in der zweiten Hälfte des Social-Media-Zeitalters, wissen wir mehr – zum Beispiel, dass sich ein erstaunlicher Teil der digitalen Öffentlichkeit tatsächlich binär organisiert. Aber viel schlauer sind wir heute nicht.

(Fun fact: Anders als dieses Mal wird in zehn Jahren Journalismus etwas anderes meinen)