Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Jedi Mind Tricks

Star Wars: The Last Jedi abuse blamed on Russian trolls and ‚political agendas‘

„Mehr als die Hälfte der feindseligen Reaktionen auf ‚The Last Jedi‘, die achte Episode der Star-Wars-Saga, waren politisch motiviertes Trollen oder das Resultat nicht-menschlicher Bot-Aktivität. Dies ist die Erkenntnis eines wissenschaftlichen Papiers, das ein amerikanischer Digitalmedien-Experte publiziert hat.

Morten Bay, ein Forschungsstipendiat an der University of Southern California (USC), analysierte Twitter-Aktivitäten rund um den Film und kam zu dem Schluss, dass mehr als 50 Prozent der Postings von ‚Bots, Trollen/Sockenpuppen oder jenen politischen Aktivisten kam, die in der Debatte politische Botschaften für rechtsradikale Themen und die Diskriminierung nach Geschlecht, Ethnie oder Sexualität platzieren wollten. Ein Teil der Nutzer schienen russische Trolle gewesen zu sein.“

Filmkritik-Trolling mit politischer Agenda also. Ich kann zur Methodik nichts sagen und offenbar geht die Reihe ja qualitativ ohnehin den Bach runter. Und natürlich ist das Troll-Argument auch eine Möglichkeit, unangenehmen Debatten aus dem Weg zu gehen. Aber unter dem Strich bleibt, dass Twitter ein kaputter Ort ist. Wie fertig ist bitteschön eine Community, in der niemand weiß, ob, was und wie ein Diskurs manipuliert wird. Und in der das wieder und wieder geschieht, während die Community-Manager mehr oder weniger achselzuckend darauf reagieren.

Siehe auch:
Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Media Manipulation, Strategic Amplification, and Responsible Journalism
The Oxygen of Amplification: Better Practices for Reporting on Extremists, Antagonists, and Manipulators
Alternative Influence: Broadcasting the Reactionary Right on YouTube
Infowarzel-Newsletter (9/19/18)

Danah Boyd hat auf der Konferenz der Online News Association jüngst einen Vortrag gehalten, den Journalisten nachlesen sollten (erster Link). Es geht um die Verschiebung des Overton-Fensters durch Medien-Trolling und die Strategie, aus einer Kombination von Provokation und der Verwendung bislang unbenutzter Begriffe („Daten-Fehlstellen“, um die herum Content mit der Verwendung des Begriffs geschaffen wird) Aufmerksamkeit zu erzielen. Hier nur ein kurzer Ausschnitt:

„Manipulierende versuchen nicht, Journalisten dazu zu bringen, dass Zeugen von Waffengewalt und Terrorismus wirklich ‚Crisis Actors‘ [bezahlten Darstellern einer angeblich gefakten Krisensituation, joku] sind. Ihr Ziel ist es, dass die Nachrichtenmedien diesen Frame negieren und mit ihm die Verschwörer, die ihn verbreiten. Das erscheint der Intuition zu widersprechen, aber wenn Nachrichtenmedien einen verschwörerischen Frame entlarven, werden diejenigen, die am empfänglichsten für solch eine Verschwörungsidee sind, der Sache selber nachgehen, weil sie eben den Nachrichtenmedien nicht trauen. Das Resultat der Entlarvung ist also ein Bumerang-Effekt.

Dem Begriff den Weg ins öffentliche Lexikon zu ebnen, ist nur der erste Schritt. Natürlich ist es lustig, einen Versuch zu feiern, die großen Nachrichtenanbieter zu manipulieren. Aber ein nachgelagertes Ziel ist es, die Menschen zur Suche nach einem Begriff zu bringen, über den sie noch nie nachgedacht haben. Als die Medien begannen, die Idee von ‚Crisis Actors‘ zu negieren, schnellten die Suchen danach in die Höhe. Was fanden diejenigen, die danach suchten? In den ersten Tagen nach Parkland zum Beispiel Blog-Postings und Online-Konversationen, die aufgesetzt worden waren, um die Nachrichtenmedien zu verspotten und die Öffentlichkeit zu täuschen.“

Ich habe neulich einmal vom „Kampf um die Bedeutungshoheit“ geschrieben, in dem die rechtsreaktionäre Kultur digital ziemlich erfolgreich ist.  Das Bild des Ökosystems in den USA wird immer vollständiger, die verlinkte neue Studie „Alternative Influence“ zeigt auch, warum Youtube hier in den Fokus rückt. Danah Boyd empfiehlt als ein Gegenmittel „strategisches Schweigen“, wenn es um Akteure wie A. Jones geht.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es so einfach ist. Über das „Phänomen“ nicht zu berichten, ist legitim, es gibt x Youtuber, die keinerlei Aufmerksamkeit erhalten. Dann gibt es andere Tangenten, z.B. die Sperrung oder die Klage der Sandy-Hook-Eltern, die für Debatten über die Verantwortung von Plattformen und die Grenzen der Meinungsfreiheit in den USA relevant sind. Zwingend ist das aber nicht, (schon gar nicht für deutsche Medien).

Das Problem ist glaube ich aber vor allem, dass wir bei der digitalen Relevanzdebatte schnell auf kontextlose Zahlen (Youtube-Abrufe, Tweets zum Thema, Klickzahlen des Themas) kommen, die per se nichts über die Relevanz und die Frage aussagen, ob viele Menschen seine Meinung teilen (oder die Klicks/Meinungen überhaupt echt sind) oder sich das noch irgendwie anders manifestiert. Darin liegt die Gefahr, jemanden relevanter zu machen, als die Person/Organisation ist (vgl. Alt-Right) – oder überhaupt darüber zu berichten.

Das Wesen der Content-Produktion selbst hat auch Einfluss, weil in vielen x Redaktionen bzw. Content-Fabriken die Welt nur noch digital vermittelt ankommt und der Job weitestgehend auf Signalverarbeitung reduziert ist. Am Ende steht dann dort ebenfalls eine Zahl von x Artikeln zum Thema, was in aufmerksamkeitsbasierten Redaktionen ebenfalls Relevanz signalisiert. Und schon kommst du mit einem kleinen Verstärker-Netzwerk relativ schnell über die Wahrnehmungsschwelle. Sei es mit einem viralen Clip oder einem Hass-Stunt.

Siehe auch:

 Neonationalismus ist ein Markt

 

 

McKinley und der erste Wahlwerbespot der Geschichte

Ich arbeite gerade an einem Magazin-Stück über den gegenwärtigen US-Präsidenten und die vernetzte Medienlandschaft. Dabei bin ich auf dieses Video des 25. US-Präsidenten gestoßen: William McKinley spielt hier 1896 nach, wie er von seinem Sekretär die Nachricht erhält, dass ihn die Republikaner als Kandidaten nominiert haben (in Wahrheit war das bereits Monate vorher passiert). Der Stummfilm wurde mit 15 anderen im ganzen Land gezeigt, um den Menschen die neue Technologie vorzustellen. Als McKinley den Brief mit der Nachricht geöffnet hat, nimmt er den Hut ab und wischt sich die Stirn. Das alles ist verständlicherweise überhaupt nicht natürlich, aus den Augenwinkeln guckt er immer wieder in die Kamera. Aber es lässt sich wohl behaupten, dass es sich hierbei um den ersten Wahlkampf-Spot der Geschichte handelt.

Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

Die große AI-Vereinfachung

‚The discourse is unhinged‘: how the media gets AI alarmingly wrong

Warum wir über völlig falsche Fragen zu lernender Software diskutieren. Die Autorin Joanne McNeil dazu:

„‚Wenn du das Gehalt eines Journalisten mit dem eines AI-Forschers vergleichst, ist ziemlich schnell klar, warum es für Journalisten unmöglich ist, die gut recherchierten Stücke zu schreiben, die Forscher gerne über ihre Arbeit lesen würden.‘ Sie ergänzt, dass viele Forscher von dem Hype profitieren, sie als Autorin aber Probleme hat, wenn sie diese Technologien kritisch unter die Lupe nehmen möchte. ‚Es gibt nur wenige Publikationen, die an nuancierten Stücken interessiert sind und nur wenige Redakteure, die genügend Expertise haben, um Thema zu redigieren. Wenn AI-Forscher wirklich hintergründige und kritische Berichterstattung wollen, sollten sie sich zusammenschließen und eine Publikation finanzieren, bei der die Zeit der Autoren angemessen bezahlt wird, die sie für tieferes Verständnis brauchen.'“

Die Diagnose, dass sich Journalisten oft nur oberflächliches Wissen aneignen können, trifft für viele Technologie-Themen zu. Und nicht nur dort. Und zur Wahrheit gehört auch, dass Stücke über die „Killer-AI-Debatte“ oder Spekulationen über das Ende der Demokratie durch Algorithmen ein größeres Publikum finden als solche über Sachfragen wie z.B. die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen lernender Software.

Instagram-Flops

(Nonstopflops, Instagram)

Teens Are Debating The News on Instagram

Flop-Accounts sind Instagram-Konten, die gemeinsam von mehreren Teenagern betrieben werden, um über alles Mögliche zu lästern und zu diskutieren. Was einmal eine Reaktion auf die Reality-Celebrity- und Influencer-Kultur gewesen zu sein scheint, ist inzwischen auch zum Ort für soziale Themen und soziales Verhalten geworden.

Seitdem der Atlantic vor ein paar Tagen darüber geschrieben hat, verfolge ich die Kultur ein bisschen. Faszinierend finde ich die Anpassung einer starren Plattform an die eigenen Bedürfnisse und den Wunsch nach Semi-Öffentlichkeit – also privates Social Media, das doch irgendwie wahrgenommen werden soll. Ein Zwischenraum zwischen dem Aufmerksamkeits-, Marketing- und Mobbing-Overkill der öffentlichen Systeme und dem privaten Sharing via Messenger-Gruppen. Irgendwo dort wird Social Media in der nächsten Entwicklungsstufe wahrscheinlich auch als Default landen, nicht nur wegen des neuen Facebook-Fokus auf Gruppen. Ich bin gespannt, wie das am Ende aussehen wird.

Flops werden kein Mainstream-Phänomen und bald von der nächsten Social-Media-Technik abgelöst, die dann ihrerseits schnell wieder abgelöst wird usw.. Aber was natürlich auffällt: Die Kommunikation schon so weit weg von den linearen/gethreadeten, funktionalen und kategorisierbaren Formen, die ich als jemand der Vor-vor-Generation kennt. Selbst mit den Instagram-Kernfunktionen hat sie eigentlich nur die Plattform gemeinsam, unter der sie als Subkultur agiert. Und die Kommunikation funktioniert völlig meme-isiert, durch die Kommentierung beinahe in einer eigenen Sprache, weil die Referenzrahmen für Außenstehende so komplex sind (was wahrscheinlich seit Anbeginn der Zeit, bis auf die Sache mit der Meme-isierung, jeder Erwachsene über Teenager-Dialoge gesagt hat).

Und dann gibt es noch diesen Absatz, der die vernetzte Aneignung von Wissen und das Crowdsourcing von Glaubwürdigkeit beschreibt und in dem eine große Veränderung steckt (ob in Richtung kritisches Bewusstsein oder Kollektivdenke, wird die Zeit zeigen):

„Was Teenager, die mit den Flop-Accounts interagieren verbindet, ist ein starkes Misstrauen gegenüber Nachrichtenmedien. Teenager sagen, dass sie auf die Flop-Accounts gekommen sind, weil sie nicht glaubten, was sie in den Medien lesen, im Fernsehen sehen oder sogar in ihrem Unterricht zur amerikanischen Geschichte beigebracht bekamen. Das sei so, so drückte es eine Teenager aus, weil ihr Lehrer nur eine Person ist, der seine Meinung vertritt. Teen-Administratoren von Flop-Accounts sagten genau wie die Follower, dass sie die Informationen auf Flopkonten sehr viel verlässlicher fanden, weil sie crowdgesourced und debattiert werden konnten.“

Unbewusste, unterbrechende und unsichtbare Medien

 The Future of Television is being able to pick Shows by Length

„Konsumenten sortieren heute (oft unbewusst) jedes Medien-Produkt vom Podcast über Magazingeschichten bis zum Video in drei Kategorien: Bewusst, unterbrechend und unsichtbar. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind bedeutend. (…)
Bewusste Medien sind jene Handvoll Angebote, deren Konsum wir vorher planen, um dann ein besonderes Stück unserer Zeit dafür zu reservieren. Für mich sind das Couch-Shows wie Better Call Saul und sonst fast nichts. Unterbrechende Medien wiederum sind eine viel größere Kategorie: Diese Programmgestaltung füllt die freien Plätze in unserem Leben – 10 Minuten in der Supermarkt-Schlange, fünf Minuten beim Warten nach dem Kindertraining, 35 Minuten im Zug oder Bus. Für mich sind das Artikel, die ich auf Instapaper gespeichert habe, Hörbücher und Smartphone-Shows wie Billions, das mir sehr gefällt, das ich aber noch nie daheim angeschaut habe und selten in längeren Segmenten als 30 Minuten. Unsichtbare Medien ist die größte Kategorie von allen – das Zeug, das wir niemals sehen, von dem wir kaum wissen, dass es überhaupt existiert.“

Hilfreiche Kategorien. Ich hatte mal ein „Uber für @SZ-Inhalte“ gepitcht, das aus der Kombination von „Zeit zur Verfügung“ (wählbar) und Interessensgebieten redaktionelle Artikel und Videos zeigt. Quasi eine Abwandlung von dem, was die App „NPR One“ im Audiobereich schon gut macht. Die Umsetzung ist komplex, inzwischen würde ich diese Funktion auch eher bei einem der diversen Assistenten da draußen verorten (falls es das nicht schon irgendwie gibt). Wobei ich gar nicht weiß, ob das notwendige flächendeckende API-Ökosytem realistisch wäre, das wäre für App-Anbieter ja quasi ein weiteres zwischengeschaltetes Meta-OS.

Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit

(1) „That is what Power Looks Like“: As Trump prepares for 2020, Democrats are losing the only fight that matters
(2) Facebook, Snapchat and the Dawn of the Post-Truth Era
(3) In the Trump Era, We Are Losing the Ability to Distinguish Reality from Vacuum

Drei Beiträge, die ich in einen Zusammenhang stellen möchte. In (1) beklagt Peter Hamby (ironischerweise inzwischen Snap-Newschef) in Vanity Fair, dass Trump mit seiner ständigen Erzeugung von Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass niemand weiß, was eigentlich die Demokraten gerade machen (und für was sie stehen).

In (2) bilanziert der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez, der seine Erfahrung im Buch  Chaos Monkeys verarbeitet hat, das Social-Media-Zeitalter: Wir kehren demnach in den Modus der vorschriftlichen Epochen zurück, in denen Wahrheit in der Regel eine Sache des Hörensagens war. Zitat: „Dies wird die am besten dokumentierte Epoche in der amerikanischen Geschichte sein, aber niemand wird sich einig sein, was passiert ist.“

In (3) weist Masha Gessen darauf hin, dass die Hyperstimulierung durch Trump-Nachrichten uns (bzw. US-Amerikaner) an die Echtzeit kettet. Einen einzigen Tag zu verpassen, bedeutet Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren – doch was an diesem einzigen Tag passiert, ist in der nächsten Woche bereits wieder abgelöst und irrelevant. Was in dieser gedrängten Zeit verloren geht, ist demnach die Fähigkeit, moralische Urteile zu fällen – denn diese benötigen eine historische Perspektive, die über den Tag oder die Ära hinaus geht.

Die banalste Synthese aus diesen drei Texten lautet vielleicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie netto zu einer gewaltige zivilisatorische Energieverschwendung führt. Im besten Falle. Sollten wir allerdings – Worst Case – in einem neuen Zeitalter westlicher Autokratien bis hin zum Neofaschismus landen, werden Historiker einmal feststellen, dass neben den Verwerfungen von Spätkapitalismus und Klimawandel die Aufmerksamkeitsökonomie eine dritte wichtige Voraussetzung für diese Wende war (sie ist ja letztlich aus der Marktbarmachung aller dezentralen Konstellationen abgeleitet, in denen bisherige Vermittler überflüssig wurden). Damit meine ich nicht Populismus per se, der wie ich finde durchaus seine Berechtigung hat, sondern die zunehmende Irrelevanz der Unterschiede zwischen Ursache und Wirkung, Tatsachen-Kontext und Interpretation – und unsere Anpassung daran.

Die optimistischere Perspektive ist, dass der Zugang zu historischem Wissen, Reflexion  und persönlicher Erfahrung als Fundament eines Gegenentwurfs heute ebenfalls recht einfach herzustellen ist – und auch notwendig, um die planetarischen Herausforderungen zu meistern. Nur ist dieser Weg eben derzeit schwieriger, benötigt mehr Zeit und belohnt uns mit weniger Endorphinen.