Konvergenz von Magazin-Apps

Der Economist hat eine neue iOS-App und sie scheint mir einen Trend zu bestätigen: Wochen- und Monatsmagazine werden die reinen Bundle-Apps los. Die neuen Varianten haben einen Start-Reiter mit aktuellen Themen (die natürlich auch aus dem „Heft“ sein können), ein weiterer ermöglicht den Zugriff auf das Bundle, ein dritter führt zu den gespeicherten Bookmarks, ein vierter zu den Einstellungen.

Die Navi ist inzwischen ja standardmäßig unten (Smartphone oft sticky, Tablet nicht), und so ähnelt sich das Layout. Sehr sogar, nur die Details sind angepasst. Der Economist-Bildausschnitt oben zeigt die Besonderheit (Lesezeit, Vorlese-Button), am Bildschirmanfang ist dort der Tages-Newsletter festgetackert. Der Atlantic (ebenfalls unterer Bildausschnitt, hier Reiter „Magazine“) legt dagegen auf Ressorts wert, womöglich auch, weil er den meisten Content von den drei genannten Titeln produziert.

Der New Yorker dagegen präsentiert seine bekannten Cartoons als eigene „Rubrik“ („Top Stories“ ist übrigens nur ein Anker für einen Reload der Hauptseite).

Die WWWebseiten der jeweiligen Marken ordnen die Themen identisch und im responsiven Layout an, der Economist und Atlantic verlassen dabei schneller das Schlauchformat, um zweispaltig zu werden. Und im Web gibt es weiter unten noch zusätzliche Ressort-, Artikelkacheln oder Kästen. Logisch.

Was lässt sich daraus ableiten? Alle drei Magazine versuchen, als Wochen- und Monatstitel Aktualität abzubilden – also das Bundle hinter sich zu lassen, ohne Einheitlichkeit aufzugeben. Sie verzichten dabei aber darauf, ein Buffet an Themen anzubieten, sondern verstehen „mobile“ als willentliche Beschränkung der Optionen durch Relevanz und Vorauswahl. Das klingt „magazinig“, ist aber im Kontext allgegenwärtiger Nachrichten zu verstehen. Erleichtert hat die Entscheidung sicherlich der Niedergang der Bannerwerbung. Alle drei Marken sehen sich als Abomedien und stellen vermarktbare Reichweite offensichtlich hinter die Purchase-Funnel-Funktion zurück. Werbung ist eher beim Sponsoring zu entdecken (Marken präsentieren Economist-App, der New Yorker hat begonnen Artikelserien sponsern zu lassen).

Das hat natürlich auch Folgen bei Themenwahl und Aufbereitung: Alle Inhalte, die sich auf tagesaktuelle Ereignisse beziehen, sind analytisch gehalten oder haben eine besondere Perspektive (zum Beispiel geschichtlich, persönlich, stilistisch). Der Economist hat noch etwas stärkere nachrichtliche Elemente (obwohl er in der Praxis das am wenigsten „aktuelle“ Medium ist), in New Yorker und Atlantic verschwindet der Nachrichtengehalt schon fast in der Erzählform. Die Gewohnheit, die der Leser bei aktuellen Ereignissen entwickeln soll: Ich habe mitbekommen, was heute passiert ist, lass‘ mich gucken, wie [Atlantic, New Yorker, Economist] einordnen.

Die Strategie würde ich unterm Strich zusammenfassen: Die Aktualität ist im Zeitgeist, nicht rund um die Nachricht zu finden. Als Magazin online zu sein, heißt zwar an die Echtzeit-Welt anzudocken, aber eben als erstbestes Zweitmedium, selbst wenn das bei kleineren Themen ein, zwei Tage dauert; dem Leser muss kein Weltgeschehen im Sinne von „Das hat stattgefunden“ vermittelt werden, er wird ohnehin überall damit bombardiert. Das publizistische Kerngebiet findet sich im ganzen Rest, vor allem der nirgendwo sonst zu findende Rest. Wo dort die Schwerpunkte liegen, dürfte intern maßgeblich mit Kapazitäten und dem Engagement einzelner Autoren/innen abhängen, die in den USA in der Regel die Idee des „sich als Autor sich digital Gefolgschaft für ein Fachgebiet erarbeiten“ als berufliche Überlebensstrategie verinnerlicht haben.

Das ist noch keine Markenstrategie für neue Vertikalen, kann aber dazu werden. Zunächst ist es erst einmal die Erkenntnis, dass sich in einer Welt des „ubiquitous content“ und sinkender Werbeerlöse Reduziertheit zum neuen Paradigma entwickelt.

Siehe:
Journalismus und das „Wir“
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Medien-Neigungen

Journalismus und das „Wir“

The Club and the Mob

James Meek hat Alan Rusbridgers neues Buch „Breaking News“ gelesen und ausführlich besprochen.

„Das Internet hat nicht so sehr das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern vielmehr das Bewusstsein der Menschen, während sie Nachrichten lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger der Nachrichten; nun sind wir bewusste Mitglieder von Gruppen, die auf die Nachrichten gemeinsam reagieren. Wunderbarerweise ermöglicht das den wirklich Unterdrückten, den Urhebern [gesellschaftlicher] Kampagnen und denjenigen mit Minderheitsinteressen, Solidarität zu erhalten. Aber es bedeutet auch, dass die Paranoiden, die Misstrauischen, die Xenophoben und die Verschwörungsfreunde wissen, dass sie nicht alleine sind. Sie sind sich ihrer selbst als Kollektiv bewusst, als ein Publikum, das in der sicheren Dunkelheit des Parketts weint, jubelt, pöbelt und schreit – und ab und zu eine Maske aufsetzt, um auf die Bühne zu springen und einem der Künstler die Hose runter zu ziehen oder eine Panik auszulösen, dass das Theater in Flammen steht.

Rusbridger gibt zu, dass die Öffentlichkeit als Ganzes – obwohl sie wissen möchte, was wirklich [in der Welt] passiert – sich von den Nachrichtenmedien und besonders den Legacy-Medien entfremdet hat. Er fordert Journalisten zur Bescheidenheit auf und bewundert David Broders Beschreibung einer Zeitungsgeschichte als ‚eine abschlägliche, hastige, unvollständige, unvermeidlich irgendwie mangelhafte und und ungenaue Rauputz-Skizze einiger Dinge, die wir in den vergangenen 24 Stunden gehört haben.‘ Sein Konzept von ‚Open Journalism‘ ist, in Teilen, eine Übung in Bescheidenheit.“

Meek fragt dann, ob Journalismus nicht ohnehin immer offen sein muss: Jemand, der Neuigkeiten mit der Haltung begegnet, schon zu wissen was passiert ist, kann per Definition nicht an „News“ arbeiten. Und er kommt noch einmal zur Bescheidenheit zurück und beschreibt, wie der Guardian enthüllte, dass verdeckte Ermittler in den Achtzigern Affären mit britischen Aktivisten & Aktivistinnen eingingen und sogar Kinder zeugten. Eine Betroffene erfuhr erst acht Monate später davon, dass der Vater ihres Kindes ein Polizist ist – über das Foto in einer anderen Zeitung. Sie selbst und ihre Freunde lesen den Guardian nicht. Meek folgert:

„Es ist die eine Sache, als eingesessene Nachrichten-Organisation bescheiden zu sein im Zusammenhang mit der Kritik des ‚Ihr seid alle gleich‘ an Journalisten als Klasse. Es ist aber etwas anderes, zu akzeptieren, dass bei all deiner globalen Reichweite und der globalen Taten im Kampf für die öffentlichen Interessen jemand in deinem eigenen Hinterhof erst nach acht Monaten erfährt, dass du eine wichtige Geschichte enthüllt hast, die zufällig die wahre Identität des Vaters ihres Kindes enthüllt. Demut gegenüber Menschen, die dich einfach nicht wahrnehmen ist weniger befriedigend als Demut gegenüber feindlich gesinnten Skeptikern.

Die Anstrengung herauszufinden, was wirklich in der Welt passiert, ermüdet weniger als die Erkenntnis: In den seltenen Momenten, in denen du das herausfindest, wartet nicht jeder gebannt darauf, davon zu erfahren. Das bedeutet nicht, dass sich die Mühe nicht lohnt. Vielmehr heißt das: Wenn eine besondere Bescheidenheit in den gewissenhafteren Newsrooms nötig ist, besteht sie in der Anerkennung der Tatsache, dass das ‚Wir‘ einer einzelnen Leserschaft, das ‚Wir‘ als die Überzeugten von einem Journalismus in öffentlichem Interesse und das ‚Wir‘ einer Öffentlichkeit als Ganzes drei sehr unterschiedliche „Wir“ sind. Es ist sogar ein Wagnis, sie verbinden zu wollen.“

Ich habe das so ausführlich zitiert, weil ich die Herleitung für hilfreich halte. Journalismus ist eine unordentliche Angelegenheit, was unsere Verteidigung und Rechtfertigung als Profession nicht gerade einfach macht. Oft nehmen wir das in den Newsrooms gar nicht wahr, weil die Erinnerung an die (selten hart gemessene) Legacy-Wirkung so prägend ist. Dabei hatte die oft mehr mit der Komplexität der vordigitalen Nachrichtenverbreitung zu tun, als mit der Herstellung von Öffentlichkeit zu brisanten Themen. Bob Lefsetz hat einmal über die Filmbosse im Hollywood der Siebziger geschrieben:

„Lebe lange genug im Bauch der Bestie und es fühlt sich alles so wichtig an. Aber wenn du 30 Jahre später zurückblickst und alles auf den Tisch legst, dann erinnerst du dich an die Filme, aber sie sind dir egal und du merkst, dass von ihnen nichts geblieben ist. Als wäre alle Arbeit umsonst. Doch die Typen – und es sind meistens Typen – haben sich damals auf die Brust geklopft, die Lorbeeren für sich beansprucht und sich Schachmatches miteinander geliefert. Sie glaubten, dass sie Gary Kasparow sind, dabei waren sie in Wirklichkeit Kinder, die Sternhalma spielen.“

Eine beruhigende Perspektive, die mich auf das Bild des Handwerkers bringt: Eine Tischlerin schreinert ihre Möbel nicht, um damit prominent zu werden oder auf Panels darüber zu erzählen; sondern um etwas zu schaffen, was funktional, im Idealfall sogar schön und vor allem für den Kunden benutzbar ist. Zusammenfallen sollte das Mobiliar natürlich auch nicht. Nebenbei müssen Tischler heute ziemlich gute, individualisierte Produkte anbieten und in den verschiedenen Formen von Kundenverständnis fit sein, aber das nur am Rande. Ob eine Redaktion sich eher an Hollywood oder an einer Schreinerei orientiert, ist vom Einzelfall abhängig – genau wie der Wert, der dem Handwerk beigemessen wird.

Nun kann man natürlich niemandem verbieten, sich in einer Schreinerei als strategischer Hollywood-Großmeister zu fühlen. Wer sich diese Rolle gibt, sollte aber besser jene Eigenschaft mitbringen, die ich immer an Alan Rusbridger bewundert habe: Herausfinden zu wollen, welches Spiel eigentlich gerade gespielt wird.

Siehe auch:
Longtail, das sind wir alle
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien? (2016)

Forensischer Journalismus

Warnung: Das Video zeigt die Ermordung von Frauen und Kindern durch eine Gruppe von Soldaten in Kamerun. Es dokumentiert, wie die BBC-Rechercheure anhand von Landschaft, Informationen aus der Tonspur und anderen Details den Ort und mutmaßliche Täter identifizieren konnten. Ich hoffe, dass solche Fähigkeiten möglichst bald redaktionelle Kernkompetenzen werden. Angesichts beinahe grenzenloser Möglichkeiten von Bild- und Videobearbeitung wird das zum Handwerkszeug gehören wie die W-Fragen oder heute die Identifikation von gefälschten Social-Media-Augenzeugenberichten bei Katastrophen.

Gewöhnungseffekte

How The War Against The Press Went From Bias To Enemy of The People

Charlie Warzel:

„Die Gewöhnung an die medienfeindliche Rhetorik hat zu einem Anstieg der Belästigungen von Journalisten geführt, sowohl online als auch offline, darunter auch unverhohlene Drohungen. Im Frühsommer, kurz vor einem in anderem Zusammenhang stehenden Schusswaffen-Angriff auf eine Redaktion in Annapolis, Maryland, antwortete der professionelle Troll und gefeuerte Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos auf mehrere Stellungnahme-Anfragen von Journalisten mit dem Statement: ‚Ich kann es kaum erwarten, dass Bürgerwehr-Truppen anfangen, Journalisten schon beim ersten Sichtkontakt abzuknallen.“

Nach dem Annapolis-Vorfall erzählte Yiannopoulos Reportern, dass der Kommentar nur ‚Trollerei‘ gewesen sei. Andere finden die Sprache dezidiert weniger ironisch. Im August wurde ein Kalifornier verhaftet, nachdem er 14 Drohanrufe beim Boston Globe abgesetzt und mit einem Massaker gedroht hatte und sich dabei bei Trumps Aussage bediente, dass Journalisten die ‚Feinde des Volkes‘ seien. Außerhalb des Gerichtsgebäudes gab er während seiner Anhörung ein Statement ab: ‚Amerika wurde gerettet, als Donald J. Trump zum Präsidenten gewählt wurde.‘ Milo seinerseits wiederholte sein Verhalten diese Woche: ‚Kriege jetzt erst die Nachrichten über die Rohrbomben mit‘, schrieb Yiannopoulos in einem Instagram-Posting am Donnerstag. ‚Widerlich und traurig (dass sie nicht hochgingen und dass Daily Beast keine bekommen hat).‘ (…)

Der Wandel der Vorstellung von einer einseitigen Medienlandschaft zu Medien, die eine Gefahr sind, kommt nicht aus einer Quelle oder gar von direkten Aufrufen. Er kommt von einem politischen Ethos, der Kritik, Faktenprüfung und Entlarvungen mit Feindlichkeit gleichsetzt. Er ist auch das Produkt ständiger Wiederholung; eine Botschaft, die – immer und immer wieder wiederholt – eine neue Bedeutung und Dringlichkeit entwickelt. Langsam ändert das die Wahrnehmung und die Normen, senkt das soziale Stigma, ‚Lügenpresse‘ zu rufen oder ironisch zur Erschießung von Journalisten aufzurufen. Die lautesten Stimmen mögen nicht tieferliegende bösartige Beweggründe haben, was aber nichts daran ändert, dass diese Sprache diejenigen ermutigt, die die schlimmsten Absichten haben.“

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Jedi Mind Tricks

Star Wars: The Last Jedi abuse blamed on Russian trolls and ‚political agendas‘

„Mehr als die Hälfte der feindseligen Reaktionen auf ‚The Last Jedi‘, die achte Episode der Star-Wars-Saga, waren politisch motiviertes Trollen oder das Resultat nicht-menschlicher Bot-Aktivität. Dies ist die Erkenntnis eines wissenschaftlichen Papiers, das ein amerikanischer Digitalmedien-Experte publiziert hat.

Morten Bay, ein Forschungsstipendiat an der University of Southern California (USC), analysierte Twitter-Aktivitäten rund um den Film und kam zu dem Schluss, dass mehr als 50 Prozent der Postings von ‚Bots, Trollen/Sockenpuppen oder jenen politischen Aktivisten kam, die in der Debatte politische Botschaften für rechtsradikale Themen und die Diskriminierung nach Geschlecht, Ethnie oder Sexualität platzieren wollten. Ein Teil der Nutzer schienen russische Trolle gewesen zu sein.“

Filmkritik-Trolling mit politischer Agenda also. Ich kann zur Methodik nichts sagen und offenbar geht die Reihe ja qualitativ ohnehin den Bach runter. Und natürlich ist das Troll-Argument auch eine Möglichkeit, unangenehmen Debatten aus dem Weg zu gehen. Aber unter dem Strich bleibt, dass Twitter ein kaputter Ort ist. Wie fertig ist bitteschön eine Community, in der niemand weiß, ob, was und wie ein Diskurs manipuliert wird. Und in der das wieder und wieder geschieht, während die Community-Manager mehr oder weniger achselzuckend darauf reagieren.

Siehe auch:
Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Media Manipulation, Strategic Amplification, and Responsible Journalism
The Oxygen of Amplification: Better Practices for Reporting on Extremists, Antagonists, and Manipulators
Alternative Influence: Broadcasting the Reactionary Right on YouTube
Infowarzel-Newsletter (9/19/18)

Danah Boyd hat auf der Konferenz der Online News Association jüngst einen Vortrag gehalten, den Journalisten nachlesen sollten (erster Link). Es geht um die Verschiebung des Overton-Fensters durch Medien-Trolling und die Strategie, aus einer Kombination von Provokation und der Verwendung bislang unbenutzter Begriffe („Daten-Fehlstellen“, um die herum Content mit der Verwendung des Begriffs geschaffen wird) Aufmerksamkeit zu erzielen. Hier nur ein kurzer Ausschnitt:

„Manipulierende versuchen nicht, Journalisten dazu zu bringen, dass Zeugen von Waffengewalt und Terrorismus wirklich ‚Crisis Actors‘ [bezahlten Darstellern einer angeblich gefakten Krisensituation, joku] sind. Ihr Ziel ist es, dass die Nachrichtenmedien diesen Frame negieren und mit ihm die Verschwörer, die ihn verbreiten. Das erscheint der Intuition zu widersprechen, aber wenn Nachrichtenmedien einen verschwörerischen Frame entlarven, werden diejenigen, die am empfänglichsten für solch eine Verschwörungsidee sind, der Sache selber nachgehen, weil sie eben den Nachrichtenmedien nicht trauen. Das Resultat der Entlarvung ist also ein Bumerang-Effekt.

Dem Begriff den Weg ins öffentliche Lexikon zu ebnen, ist nur der erste Schritt. Natürlich ist es lustig, einen Versuch zu feiern, die großen Nachrichtenanbieter zu manipulieren. Aber ein nachgelagertes Ziel ist es, die Menschen zur Suche nach einem Begriff zu bringen, über den sie noch nie nachgedacht haben. Als die Medien begannen, die Idee von ‚Crisis Actors‘ zu negieren, schnellten die Suchen danach in die Höhe. Was fanden diejenigen, die danach suchten? In den ersten Tagen nach Parkland zum Beispiel Blog-Postings und Online-Konversationen, die aufgesetzt worden waren, um die Nachrichtenmedien zu verspotten und die Öffentlichkeit zu täuschen.“

Ich habe neulich einmal vom „Kampf um die Bedeutungshoheit“ geschrieben, in dem die rechtsreaktionäre Kultur digital ziemlich erfolgreich ist.  Das Bild des Ökosystems in den USA wird immer vollständiger, die verlinkte neue Studie „Alternative Influence“ zeigt auch, warum Youtube hier in den Fokus rückt. Danah Boyd empfiehlt als ein Gegenmittel „strategisches Schweigen“, wenn es um Akteure wie A. Jones geht.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es so einfach ist. Über das „Phänomen“ nicht zu berichten, ist legitim, es gibt x Youtuber, die keinerlei Aufmerksamkeit erhalten. Dann gibt es andere Tangenten, z.B. die Sperrung oder die Klage der Sandy-Hook-Eltern, die für Debatten über die Verantwortung von Plattformen und die Grenzen der Meinungsfreiheit in den USA relevant sind. Zwingend ist das aber nicht, (schon gar nicht für deutsche Medien).

Das Problem ist glaube ich aber vor allem, dass wir bei der digitalen Relevanzdebatte schnell auf kontextlose Zahlen (Youtube-Abrufe, Tweets zum Thema, Klickzahlen des Themas) kommen, die per se nichts über die Relevanz und die Frage aussagen, ob viele Menschen seine Meinung teilen (oder die Klicks/Meinungen überhaupt echt sind) oder sich das noch irgendwie anders manifestiert. Darin liegt die Gefahr, jemanden relevanter zu machen, als die Person/Organisation ist (vgl. Alt-Right) – oder überhaupt darüber zu berichten.

Das Wesen der Content-Produktion selbst hat auch Einfluss, weil in vielen x Redaktionen bzw. Content-Fabriken die Welt nur noch digital vermittelt ankommt und der Job weitestgehend auf Signalverarbeitung reduziert ist. Am Ende steht dann dort ebenfalls eine Zahl von x Artikeln zum Thema, was in aufmerksamkeitsbasierten Redaktionen ebenfalls Relevanz signalisiert. Und schon kommst du mit einem kleinen Verstärker-Netzwerk relativ schnell über die Wahrnehmungsschwelle. Sei es mit einem viralen Clip oder einem Hass-Stunt.

Siehe auch:

 Neonationalismus ist ein Markt

 

 

McKinley und der erste Wahlwerbespot der Geschichte

Ich arbeite gerade an einem Magazin-Stück über den gegenwärtigen US-Präsidenten und die vernetzte Medienlandschaft. Dabei bin ich auf dieses Video des 25. US-Präsidenten gestoßen: William McKinley spielt hier 1896 nach, wie er von seinem Sekretär die Nachricht erhält, dass ihn die Republikaner als Kandidaten nominiert haben (in Wahrheit war das bereits Monate vorher passiert). Der Stummfilm wurde mit 15 anderen im ganzen Land gezeigt, um den Menschen die neue Technologie vorzustellen. Als McKinley den Brief mit der Nachricht geöffnet hat, nimmt er den Hut ab und wischt sich die Stirn. Das alles ist verständlicherweise überhaupt nicht natürlich, aus den Augenwinkeln guckt er immer wieder in die Kamera. Aber es lässt sich wohl behaupten, dass es sich hierbei um den ersten Wahlkampf-Spot der Geschichte handelt.

Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.