Graeber interpretiert die Gelbwesten

The “Yellow Vests” Show How Much the Ground Moves Under Our Feet

David Graber mit seiner Perspektive auf die Gelbwesten in Frankreich (Original in Le Monde). Woher kommt die Konfusion darüber, was die Bewegung ist und will? Graeber, selbst einst Teil der Occupy-Bewegung:

„1. In einer Wirtschaft, die auf Finanzinstrumente ausgerichtet ist, können nur diejenigen die Sprache des Universalismus benutzen, die sich in nächster Nähe zu den Mitteln der Geldschaffung befinden (im Kern Investoren und die Akademiker- und Managerklasse). Eine Folge davon ist, dass alle an speziellen Bedürfnissen und Interessen orientierten politischen Ansprüche oft als Erscheinungsform von Identitätspolitik betrachtet wurden. Im Falle der gesellschaftlichen Basis der Gelbwesten kann nach dieser Logik ihre Erscheinungsform einzig als proto-faschistisch interpretiert werden.

2. Seit 2011 hat sich weltweit verändert, was der gesunde Menschenverstand als Zweck einer Teilnahme an einer massendemokratischen Bewegung versteht – zumindest unter denen, die sich am wahrscheinlichsten daran beteiligen. Ältere ‚vertikale‘ oder Vorhut-Modelle der Organisierung sind schnell verschwunden und haben einem Ethos der Horizontalität Platz gemacht, in dem (demokratisch, egalitär) Praxis und Ideologie letztlich zwei Aspekte der selben Sache sind. Die Unfähigkeit, das zu verstehen, erweckt den falschen Eindruck, dass Bewegungen wie die Gelbwesten anti-ideologisch, sogar nihilistisch sind.

(…) Diese neuen Bewegungen brauchen keine intellektuelle Vorhut, um mit einer Ideologie versorgt zu werden, weil sie bereits eine [Ideologie] haben: die Ablehnung intellektueller Vorposten und die Umarmung von Vielfältigkeit und horizontaler Demokratie selbst. Es gibt eine Rolle für Intellektuelle in diesen neuen Bewegungen, sicher. Aber sie wird weniger das Reden als vielmehr das Zuhören beinhalten müssen.“

Weiterhin gilt für mich: es ist zu früh für einheitliche Interpretationen. Nach Graebers Lesart wäre sein Weg der Meta-Interpretation allerdings ohnehin die einzige Form, sich solchen Phänomenen zu nähern. Dieses Wesen machte schon Occupy Wall Street so ungewöhnlich, entzog es doch der Interpretationsmaschinerie und Instant-Kategorisierung das Futter, genau wie dem Zynismus, der bei konkreten systemischen Forderungen sofort aufkommt. Ich habe das 2011 hier mal als „Revolution als Meme“ bezeichnet.

Die Occupy-Erfahrung deute ich aus heutiger Sicht aber so, dass sich diese Form („Prozess statt Plattform“) irgendwann mit dem Konkreten ins Gehege kommt, das ja immer noch für Politik notwendig ist. Und doch hat sich Macron eben – anders als damals Regierungen und Finanzbranche – bewegt. Und damit womöglich diesen unbestimmten „Prozess“ vorerst in Bewegung gehalten.

Siehe auch:
 Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

Hinter der nächsten Anhöhe

Matters of life and death: Rowan Williams and John Gray in conversation

Der Ethik-Philosoph John Gray und der anglikanische Erzbischof (und Philosoph) Rowan Williams haben ein bemerkenswertes Gespräch über Leben und Tod geführt. Ausschnitt:

John Gray: „Die Idee, dass es eine technische Lösung für die Beseitigung des Todes gibt, erscheint mir in Wahrheit eine Absurdität zu sein. Und sie dient dazu, einen der Wege zu vermeiden oder sogar zu verleugnen, die hin zu einem Wunsch oder einer Begründung führen, die der Theismus erfüllt. Soweit er es zumindest kann. Nämlich die Menschen nicht nur mit ihrer eigenen Sterblichkeit zu versöhnen, sondern mehr noch, mit der Sterblichkeit von wem- oder wasauchimmer sie lieben.“

Rowan Williams: „Das Wort, dass sie hier benutzen – Liebe – ist natürlich ausschlaggebend. Denn Liebe, wenn wir sie nicht sentimental und als Abkürzung einsetzen, bedeutet Aufmerksamkeit für das, was hier noch existiert, aber nicht du bist. Nicht unter deiner Kontrolle, nicht deiner Agenda folgend. Das Problem mit vielen dieser apokalyptischen und utopischen Visionen ist glaube ich, dass sie nicht das Selbst lieben, die Welt, die menschliche Spezies, sondern etwas von dem sie glauben, dass es sich auf der anderen Seite der nächsten Anhöhe befinden könnte.“

Ein anderer Ausschnitt aus dem Gespräch kommt in meinem heute erschienen Newsletter vor, der hier lesbar und zu abonnieren ist.

Siehe auch:
John Gray über Niall Fergusons „Türme und Plätze“
John Stuart Mill als Religionsstifter
Identität und das Vakuum unseres Fortschritsbegriffs

Pre-Launch-Info Newsletter

Nach dreijähriger Abstinenz (Remember „Best Coast„?) gibt es ab Donnerstag einen neuen Newsletter von mir. „10 Questions for the future“ heißt er. Der Titel bedeutet diesmal wirklich, dass der Newsletter in englischer Sprache erscheinen wird.

„For the future“ lässt sich mit „Fragen für“, aber auch „an“ die Zukunft übersetzen. Das ist auch der Geist dahinter: Kein Großchecker-Gestus, sondern kurze Gedankenskizzen zu zehn Entwicklungen, Phänomenen, Ereignissen, Statistiken, die mir untergekommen sind und über deren Bedeutung ich mir oft selber unsicher bin. Der Schwerpunkt wird bei Technologie und Digitalisierung liegen, aber sicher auch in gesellschaftliche Felder gehen. Eher hintergründige Entwicklungen als Hype du jour.

Ich plane das alles als permanente Beta. Ich glaube, das kann ganz lustig werden. Im Idealfall hilft der Newsletter den Empfängern (und mir) mit ein paar Anhaltspunkten, um ihrer geistigen Karte langfristig relevanter Entwicklungen ein paar Details hinzuzufügen. Und ich kann hoffentlich mein Netzwerk nachdenkender Menschen erweitern.

„10Q“ erscheint alle zehn Tage, ich probiere dafür Substack aus, wo es auch zur Registrierung geht.

Borges und ich (und Social Media)

Beim Blättern bin ich vor kurzem wieder auf Jorge Luis Borges’ Miniatur-Kurzgeschichte “Borges y yo” gestoßen (pdf hier). Wer sie nicht kennt: Der Erzähler beschwert sich über einen Charakter (Borges), der ihm immer weniger Raum lässt. Borges passiert immer alles, von Borges liest er dauernd. Letztlich tritt er Borges immer mehr Erfahrungen und am Ende auch seine Existenz ab: Von Borges wird nach dem Tod etwas bleiben (im Gegensatz zum klagenden Erzähler).

Natürlich ist der Autor der Kurzgeschichte nicht von “Borges” dem Autor zu trennen – beide sind ein und dieselbe Person. Was mannigfaltige unterschiedliche philosophische Interpretationen (zum Beispiel hier) eröffnet. Für mich subjektiv: Borges der Autor (der “Andere”) verwertet immer größere Teile seines Lebens für sein Schaffen, während sein “Ich” (der Erzähler) hinter Borges immer weniger erkennbar wird und letztlich keine “eigenen” Erfahrungen mehr machen kann.

Für mich beschreibt das ganz gut unser “Ich” auf Social Media: Wir würden ja heute nicht mehr von einem Avatar reden, das alles sind wir selbst, obwohl wir uns nie mit unserem “Autor” auf Twitter, Instagram oder Facebook verwechseln würden. Wer tief im Sharing-Tunnel lebt, sieht alles durch die Linse der (Mit-)Teilbarkeit – wie der Schriftsteller jede Erfahrung auf ihre Verwendbarkeit für das Werk überprüft (und sei es nur als Tagebuch-Eintrag).

Beide Formen der Kreativität haben ihre Konventionen, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Das Sprechen durch das Werk ist etwas anderes als die relativ direkte Inszenierung als Checkerin oder liebenswerte Person (auch wenn jeweils der Wunsch nach Anerkennung der Antrieb sein mag). Und unser Social-Media-Werk ist nie abgeschlossen, wir müssen uns vielmehr neben dem Zurückdrängen des “Ichs” auch damit abfinden, dass auch vom “Anderen” nichts bleiben wird – außer der Erinnerung an eine Verbundenheit mit anderen Menschen/Selbst-Autoren, positiv oder negativ. Das ist bei näherer Betrachtung eine große Freiheit, denn wir können uns – anders als der Erzähler bei Borges – dafür entscheiden, unser Ich oder den Autoren unseres Selbst wachsen zu lassen.

Siehe auch:
Persönliche Marktanteile
Ein Knopf, den es zu drücken gilt

Small Town America

Covington, Louisiana
Seeing America with Frederick Wiseman

Frederick Wiseman hat Dutzende Dokufilme über die USA gedreht, aktuell läuft „Monrovia, Indiana“ hier in den Kinos, ein Kleinstadt-Porträt. Das Gespräch im verlinkten Podcast halte ich für exemplarisch: Der geschätzte Moderator Christopher Lydon möchte unbedingt wissen, was in „Small Town America“ passiert und wie das mit Trump zusammenhängt. Und Wiseman macht klar, dass er keine Antworten geben kann. Sind die Menschen weniger glücklich? Keine Ahnung. Alleine schon die Annahme, ob eine von 16 000 Kleinstädten für irgendetwas stellvertretend ist, erscheint ihm absurd.

Das deckt sich ungefähr mit meinen Erfahrungen, ob in Besuchen oder Reporting. Als Mensch, der auf dem Dorf aufgewachsen ist, fährt mir diese Vorbeifahr-Anthropologisierung von außerstädtischen Lebensentwürfen ohnehin schräg ein (genau deshalb ist der jüngst prämierte Text von Daniel Schulz so erfrischend).

Wir gehen immer davon aus, dass sich Menschen mit Politik beschäftigen, wenn sie jemanden wie Trump wählen. Aber oft ist das Gegenteil ist richtig, viele konservative Amerikaner meiden politische Themen und wollen oft vor allem ihre Ruhe, kümmern sich lieber um Familie und näheres Umfeld. Die Idee, sich für seine Identität und das Erreichte in irgendeiner Form rechtfertigen oder gar schuldig fühlen zu müssen (vgl. Rassenthematik, Ressourcenvernichtung, Klimawandel, niedrige Steuern), erscheint aus ihrer Perspektive weltfremd und sogar unverschämt. Genau wie die Ablehnung gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, die der postmoderne Konservatismus predigt, nicht im Widerspruch zu Hilfsbereitschaft oder Verantwortung per se steht: sie gilt eben der Familie, der Nachbarschaft, der Community oder auch nur demjenigen, den man gerade trifft.

Das ist nicht selten ein funktionierendes und auch von Herzlichkeit geprägtes System, aber eben auf einem begrenzten Raum und für die Lösung von Problemen geeignet, die in diesem begrenzten Raum ihre Wurzeln haben. So zumindest mein Eindruck, und damit belasse ich es für heute mit den Generalisierungen.

Hier der Trailer zu Monrovia, Indiana:

Zarte Blüten des Reformkapitalismus

Goldilocks and the bear
The Future of Capitalism, Paul Collier ($)
US-Rep. Joe Kennedy: Democrats should embrace „moral capitalism“
The next capitalist revolution

Anzeichen für die Lösung eines Problems finden sich weniger an der Vehemenz von Forderungen aus der Meinungswelt, jemand (oft: die Regierung) solle jetzt endlich etwas (bleibt in der Regel unspezifisch) tun. Vielmehr sind sie oft dort zu sehen, wo ein Umdenken in Fach und Politik soweit fortgeschritten ist, dass Reformvorschläge auch aus dem Kreis der Überzeugten einer (problematisch gewordenen) Idee kommen.

Dass der US-Abgeordnete Joe Kennedy jüngst einen „moralischen Kapitalismus“ forderte ist insofern ungewöhnlich, als er zum systemischen „Wird-schon-wieder“-Flügel der Demokraten zu zählen war. Einer nicht unwichtigen Partei im vom Kapitalismus am überzeugtesten Land der Welt. Der Economist als Zentralorgan der globalen Intelligentsia wiederum fordert anlässlich eines seiner Sonderberichte nichts weniger als eine „Revolution des Kapitalismus“ – in Form von weniger Zugangshürden, weniger Marktkonzentration und einer Patent- und Urheberrechtsreform. Und der Ökonom Paul Collier schließlich hat ein ganzes Buch mit Ideen vorgelegt, wie der Kapitalismus zu reformieren ist; darunter sind Vorschläge wie stärkere Haftung für Bankchefs, eine hohe Besteuerung künstlicher Ertragssteigerungen („rent-seeking“) und eine fundamentale Verpflichtung zum Handeln, das Vorteile nicht nur für die eigene Organisation sucht (siehe: Kennedys „moralischer Kapitalismus“).

Allen Ideen gemein ist, dass sie keinen einzelnen großen Wurf in Form des „der Staat muss es regeln“ verlangen (was angesichts der Schwäche von Nationalstaat und Multilateralismus pragmatisch erscheinen kann) und dass sie auf die indirekten Folgen setzen, die ein höherer moralischer Anspruch ebenso zeitigen soll wie eine Rückkehr echter Märkte in unsere allzu etabliertenfreundliche und oft oligopolartig strukturierte Marktwirtschaft. Das ist angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse konservativ, in einigen Punkten als Inkrementalismus wohl nicht ausreichend, aber dafür vielleicht machbar. Für mich signalisiert es zumindest, dass Veränderungen wahrscheinlicher werden und der Druck dazu von innen und außen wächst. Im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise und angesichts unserer schrumpfenden Distanz zu Demokratie-Kipppunkten kommt diese Botschaft keinen Moment zu früh.

Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“

Makala (Dokumentarfilm)
How Loneliness Is Tearing America Apart (Leserkommentare)

Lob der Leserkommentare: Der Chef des American Enterprise Institute versucht, mit einem Gastartikel über Einsamkeit den gemäßigten Republikaner Ben Sasse zu pushen. Und eine Leserin mit Namen Charlotte schreibt einen Kommentar, der sehr viel gehaltvoller und vor allem ehrlicher ist:

„Ich habe jedes Buch über Einsamkeit gelesen. Warum? Weil ich einsam bin. Auf einer Erkenntnisebene bringt der Text sein Argument an. Aber auf einer emotionalen Ebene ist er nur ein kleiner Punkt auf der Spitze der Einsamkeit. Was die Tiefe der Isolation schwieriger macht: Niemand, nicht die Familie, nicht der Freundeskreis, will davon etwas wissen. Einsamkeit versteckt sich, so wie sich Depression einst versteckte. Zuzugeben, dass du einsam bist, ist ein Tabu. Und niemand, der nicht völliges und fortgesetztes Alleinsein erlebt hat, kann sich Tage ohne Kontakt vorstellen. Einige von uns haben niemanden von euch. Und einige von uns sind die gütigsten, einfühlsamsten Seelen. Weil wir wissen, fühlen und erleben, was Leere ist. England hat eine Botschafterin für Einsamkeit ernannt. Wie die Briten sagen: ‚Brillant.‘ Aber lass uns abwarten, wie effektiv die Sensibilisierung sein wird. Denn im Falle von Einsamkeit bedeutet ‚aus den Augen‘ tatsächlich ‚aus dem Sinn‘.“

Während wir langsam die Entstigmatisierung der Depression erleben, die inzwischen als komplexes neurologisches Phänomen wahrgenommen wird, wird die Einsamkeit weiterhin im Tabu versteckt. Als Dauerzustand haftet ihr ein sozialer Makel an, der Verdacht, dass Betroffene doch einfach nur rausgehen und Nähe zu anderen Menschen suchen müssten.

Das verkennt die Komplexität des Zustands, denn Einsamkeit kann aus ganz verschiedenen Formen der Isolation entstehen. Es gibt die Einsamkeit des Fremden in einer anderen Kultur (die ich gut kenne). Die soziale Isolation derjenigen, für die eine Gesellschaft keine passende Schublade findet oder deren Lebenswelt im Normalo-Konsens als No-Go-Zone gilt. Die Einsamkeit der Väter oder Mütter, die sich schämen, zu ihrem Familienleben keine tiefe Bindung herstellen zu können. Das Alleingelassensein vieler Älterer. Der Karriere-und-Feierabend-Kokon der Vielbeschäftigten. Einsamkeit ist nicht auf physische Isolation beschränkt, du kannst sie im Partygespräch genauso erfahren wie allein in deinem Zimmer. Sie muss nicht einmal alle persönlichen Lebenswelten betreffen: Partner können Bett, Leben und Nachwuchs teilen und sich doch einander entfremdet und einsam fühlen. Ein Single kann einen erfülltes soziales Umfeld und sogar Sexleben haben, aber die Nähe der Seelen-Intimität vermissen.

Neben dem Stigma scheint es eine besondere Intimität des Zustands zu sein, die es so schwierig macht, darüber zu reden oder den in ihm verborgenen Gefühlskosmos zumindest halbwegs zu kategorisieren. Im Deutschen können wir nicht einmal zwischen freiwilliger (solitude) und unfreiwilliger (loneliness) Einsamkeit unterscheiden. Robert Burton hat einmal Melancholie als „Rost der Seele“ bezeichnet. Einsamkeit, das sind Leerstellen in unserer Seele. Oft halten wir sie vor uns selbst geheim, weil wir überzeugt sind, sie niemandem zeigen zu können. Obwohl jeder Mensch versteht, wie sie sich anfühlt. Und obwohl wir uns vielleicht als Zivilisation gerade in ein Jahrhundert der chronischen Vereinsamung einleben. Merkwürdig.

Foto: Screenshot aus dem Film „Makala“

Journalismus und das „Wir“

The Club and the Mob

James Meek hat Alan Rusbridgers neues Buch „Breaking News“ gelesen und ausführlich besprochen.

„Das Internet hat nicht so sehr das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern vielmehr das Bewusstsein der Menschen, während sie Nachrichten lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger der Nachrichten; nun sind wir bewusste Mitglieder von Gruppen, die auf die Nachrichten gemeinsam reagieren. Wunderbarerweise ermöglicht das den wirklich Unterdrückten, den Urhebern [gesellschaftlicher] Kampagnen und denjenigen mit Minderheitsinteressen, Solidarität zu erhalten. Aber es bedeutet auch, dass die Paranoiden, die Misstrauischen, die Xenophoben und die Verschwörungsfreunde wissen, dass sie nicht alleine sind. Sie sind sich ihrer selbst als Kollektiv bewusst, als ein Publikum, das in der sicheren Dunkelheit des Parketts weint, jubelt, pöbelt und schreit – und ab und zu eine Maske aufsetzt, um auf die Bühne zu springen und einem der Künstler die Hose runter zu ziehen oder eine Panik auszulösen, dass das Theater in Flammen steht.

Rusbridger gibt zu, dass die Öffentlichkeit als Ganzes – obwohl sie wissen möchte, was wirklich [in der Welt] passiert – sich von den Nachrichtenmedien und besonders den Legacy-Medien entfremdet hat. Er fordert Journalisten zur Bescheidenheit auf und bewundert David Broders Beschreibung einer Zeitungsgeschichte als ‚eine abschlägliche, hastige, unvollständige, unvermeidlich irgendwie mangelhafte und und ungenaue Rauputz-Skizze einiger Dinge, die wir in den vergangenen 24 Stunden gehört haben.‘ Sein Konzept von ‚Open Journalism‘ ist, in Teilen, eine Übung in Bescheidenheit.“

Meek fragt dann, ob Journalismus nicht ohnehin immer offen sein muss: Jemand, der Neuigkeiten mit der Haltung begegnet, schon zu wissen was passiert ist, kann per Definition nicht an „News“ arbeiten. Und er kommt noch einmal zur Bescheidenheit zurück und beschreibt, wie der Guardian enthüllte, dass verdeckte Ermittler in den Achtzigern Affären mit britischen Aktivisten & Aktivistinnen eingingen und sogar Kinder zeugten. Eine Betroffene erfuhr erst acht Monate später davon, dass der Vater ihres Kindes ein Polizist ist – über das Foto in einer anderen Zeitung. Sie selbst und ihre Freunde lesen den Guardian nicht. Meek folgert:

„Es ist die eine Sache, als eingesessene Nachrichten-Organisation bescheiden zu sein im Zusammenhang mit der Kritik des ‚Ihr seid alle gleich‘ an Journalisten als Klasse. Es ist aber etwas anderes, zu akzeptieren, dass bei all deiner globalen Reichweite und der globalen Taten im Kampf für die öffentlichen Interessen jemand in deinem eigenen Hinterhof erst nach acht Monaten erfährt, dass du eine wichtige Geschichte enthüllt hast, die zufällig die wahre Identität des Vaters ihres Kindes enthüllt. Demut gegenüber Menschen, die dich einfach nicht wahrnehmen ist weniger befriedigend als Demut gegenüber feindlich gesinnten Skeptikern.

Die Anstrengung herauszufinden, was wirklich in der Welt passiert, ermüdet weniger als die Erkenntnis: In den seltenen Momenten, in denen du das herausfindest, wartet nicht jeder gebannt darauf, davon zu erfahren. Das bedeutet nicht, dass sich die Mühe nicht lohnt. Vielmehr heißt das: Wenn eine besondere Bescheidenheit in den gewissenhafteren Newsrooms nötig ist, besteht sie in der Anerkennung der Tatsache, dass das ‚Wir‘ einer einzelnen Leserschaft, das ‚Wir‘ als die Überzeugten von einem Journalismus in öffentlichem Interesse und das ‚Wir‘ einer Öffentlichkeit als Ganzes drei sehr unterschiedliche „Wir“ sind. Es ist sogar ein Wagnis, sie verbinden zu wollen.“

Ich habe das so ausführlich zitiert, weil ich die Herleitung für hilfreich halte. Journalismus ist eine unordentliche Angelegenheit, was unsere Verteidigung und Rechtfertigung als Profession nicht gerade einfach macht. Oft nehmen wir das in den Newsrooms gar nicht wahr, weil die Erinnerung an die (selten hart gemessene) Legacy-Wirkung so prägend ist. Dabei hatte die oft mehr mit der Komplexität der vordigitalen Nachrichtenverbreitung zu tun, als mit der Herstellung von Öffentlichkeit zu brisanten Themen. Bob Lefsetz hat einmal über die Filmbosse im Hollywood der Siebziger geschrieben:

„Lebe lange genug im Bauch der Bestie und es fühlt sich alles so wichtig an. Aber wenn du 30 Jahre später zurückblickst und alles auf den Tisch legst, dann erinnerst du dich an die Filme, aber sie sind dir egal und du merkst, dass von ihnen nichts geblieben ist. Als wäre alle Arbeit umsonst. Doch die Typen – und es sind meistens Typen – haben sich damals auf die Brust geklopft, die Lorbeeren für sich beansprucht und sich Schachmatches miteinander geliefert. Sie glaubten, dass sie Gary Kasparow sind, dabei waren sie in Wirklichkeit Kinder, die Sternhalma spielen.“

Eine beruhigende Perspektive, die mich auf das Bild des Handwerkers bringt: Eine Tischlerin schreinert ihre Möbel nicht, um damit prominent zu werden oder auf Panels darüber zu erzählen; sondern um etwas zu schaffen, was funktional, im Idealfall sogar schön und vor allem für den Kunden benutzbar ist. Zusammenfallen sollte das Mobiliar natürlich auch nicht. Nebenbei müssen Tischler heute ziemlich gute, individualisierte Produkte anbieten und in den verschiedenen Formen von Kundenverständnis fit sein, aber das nur am Rande. Ob eine Redaktion sich eher an Hollywood oder an einer Schreinerei orientiert, ist vom Einzelfall abhängig – genau wie der Wert, der dem Handwerk beigemessen wird.

Nun kann man natürlich niemandem verbieten, sich in einer Schreinerei als strategischer Hollywood-Großmeister zu fühlen. Wer sich diese Rolle gibt, sollte aber besser jene Eigenschaft mitbringen, die ich immer an Alan Rusbridger bewundert habe: Herausfinden zu wollen, welches Spiel eigentlich gerade gespielt wird.

Siehe auch:
Longtail, das sind wir alle
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien? (2016)

/Cebit

IT-Standort Deutschland ist um eine weitere Ikone ärmer

„Die Cebit stirbt, weil nicht rechtzeitig genug erkannt worden ist, wie schnell sich die Zeiten auch in der digitalen Welt wandeln können. Der letzte Versuch, die Cebit in diesem Jahr zu einem Festival umzubauen, folgte der richtigen Einschätzung. Aber er kam um Jahre zu spät. Das müssen auch die Aussteller und Unternehmen wissen, die der Cebit in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben. Wenn sie selbst in ihren Strukturen und Geschäftsmodellen nicht schnell genug auf den digitalen Wandel reagieren, wird ihr Schicksal dem der Cebit folgen. Falls die moderne Cebit dem einen oder anderen konservativen deutschen IT-Mittelständler zu modern geworden sein sollte, wäre eine Selbstreflektion über die eigene Position nicht falsch. (…) Die Cebit kann dem Land noch einen letzten Dienst erweisen, nämlich dann, wenn sie das letzte Menetekel für verpasste Chancen in der neuen Welt wird. Alles, was jetzt kommt, muss sitzen.“

Dem gibt es nur wenig hinzuzufügen. Die Bequemlichkeit (auch in einigen Teilen des IT-Mittelstands) war in Deutschland noch weit verbreitet, als die Zeit für die Digitalisierung/Aktualisierung schon davonzulaufen begann. Aus der Ferne habe ich den Eindruck, dass überraschend viele Firmen auch heute noch in der Phase des Code Cleanup stecken, also die strukturelle Modernisierung erst konzeptionell angehen. Oder ist das nur anekdotisch? Wer Studien oder Branchenumfragen zum Thema hat, immer her damit in den Kommentaren!

Facebook – Rauschen und Signale

Facebook’s future: The new Yahoo?

In den vergangenen Tagen sind einige Analysen über die Lage bei Facebook erschienen. Der Economist hat sich als einzige Publikation die Mühe gemacht, sich im Kundenumfeld umzuhören – also in der Werbe- und Marketingbranche.

„Die Marketingbranche hat zwei grundsätzliche Beschwerden: Eine ist, dass Facebook-Anzeigen in Sachen Nutzer-Interaktionen nicht mehr so gut wie früher funktionieren (obwohl die Firma die Preise erhöht hat). Die zweite ist, dass Facebook seine Kunden in die Irre führt. Brian Wieser von Pivotal Research in New York weist zum Beispiel darauf hin, dass das Unternehmen Werbekunden fälschlicherweise versprach, mehr 18- bis 34-Jährige in den USA erreichen zu können, als überhaupt existieren. Facebook hat diese Behauptung immer noch nicht gelöscht, obwohl eine Sammelklage gegen den Konzern angestrengt wurde, wonach dieser seine Publikumszahlen aufgepolstert hat.

Ein führender Marketer für eine amerikanische Bank sagt, dass Facebook bei der Messung von Interaktionen, Reichweite, Views und anderen Daten in nicht weniger als 43 Produkten Fehler gemacht hat. Er merkt an, dass alle Fehler Konsequenzen zugunsten des Netzwerk-Riesen hatten. ‚Wenn das wirkliche Fehler wären, würde man dann nicht erwarten, dass mindestens die Hälfte den Werbekunden zugute kommt?‘, fragt er. Er rechnet damit, die Werbeausgaben auf Facebook zu reduzieren und prognostiziert, dass andere Marketer das im kommenden Jahr ebenfalls tun werden.“

Mit Messungen gab es bei Facebook in den vergangenen Jahren immer wieder Ärger, so wie Digitalwerbung weiterhin ein Problem mit falschen Metriken hat, gerade im Bereich Sichtbarkeit. Ein One-Stop-Shop hat es aber theoretisch natürlich nochmal einfacher, die Parameter in die gewünschte Richtung zu bewegen. Wenn dann dieser One-Stop-Shop noch Teil eines Duopols ist… ich weiß immer noch nicht, wie die Antwort auf diese Frage lautet:

Nun muss man trotz Wissen über die Branche nicht das Schlimmste und Illegalste annehmen, zudem existieren einige Dritt-Audits. Aber die Konstellation „Walled Gardens vs. Daten-Transparenz“ ist auch hier ein Problem*. Die derzeitigen Facebook-Audits durch das Media Rating Council sind eigentlich ungenügend, aber Facebook ist für Werber im Moment recht alternativlos. Nicht nur wegen der Personalisierung und Reichweite, sondern auch, um Bob „Ad Contrarian“ Hoffman zu zitieren: „Chief Growth Officer [der Werbedienstleister] brauchen das Geld, das sie damit verdienen, Facebook-Werbung an ihre Kunden zu verkaufen.“ Es wird also solange stabil bleiben, bis es eine Alternative gibt. War bei Yahoo ja auch so.

Aber irgendwie scheint mir das eh seit jeher die Pointe der Werbebranche gewesen zu sein – es gibt genügend Akteure, die überhaupt kein Interesse an Transparenz und echter Messbarkeit haben. Warum sollte sich das im Kontext einer beschleunigten  Aufmerksamkeitsökonomie geändert haben?

(P.S.: Bob Hoffmans Newsletter kann ich Interessierten an der Werbebranche sehr empfehlen)

*Update 14:30 Uhr – Stelle etwas klarer formuliert