Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Post-Lehman und 2020+

A decade after Lehman fell, the global economy is not better. It’s worse

„Einige Ökonomen halten den problematischen Trend niedriger Produktivität und Haushaltseinkommen für die Achillesferse, mit der die Industrienationen in die 2020er Jahre gehen. Dem Trend nach wird die Weltwirtschaft ungefähr 3 bis 3,5 Prozent wachsen, vor einem Jahrzehnt waren es 4 bis 4,5 Prozent. Das Resultat sind langsamere Lohn- und Gewinnsteigerungen, was zu niedrigeren Steuereinnahmen in einer Zeit führt, in denen die Kosten der Schuldenbedienung steigen. Anhaltende Niedrigzinsen blockieren die Möglichkeit der Zentralbanker, die Kreditkosten im Falle eines Abschwungs zu senken; was ihnen bleibt, istdann nicht viel mehr als beruhigende Plattitüden.

Zentralbanken haben vielleicht genügend Spielraum, um eine milde Rezession mit konventionellen Zinssenkungen abzufedern, aber ein stärkerer Abschwung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein weiteres Quantitative Easing benötigen. QE hat nicht mehr die mächtige Wirkung, die es 2008 hatte. Und ohne diese stehen nur Papiersoldaten in der Verteidigungslinie gegen einen weiteren Crash.“

Jenseits aller Debatten über Postwachstum (dessen Übergang ich im gegenwärtigen Systemrahmen für schwierig halte), ist die Logik natürlich entlarvend: Es gäbe genügend Möglichkeiten, die Steuerbasis zu erweitern und Vermögen stärker zu hinzuzuziehen. Aber das erscheint in der gegenwärtigen Mainstream-Denkart (derzeit) unwahrscheinlich, zumal das zumindest teilweise international vernetzt geschehen müsste. Stattdessen lassen sich im Krisenfall weitere Kürzungen in den Sozialsystemen und Privatisierungen absehen. Genau deshalb sind die investitionsschwachen Jahre der schwarzen Null in Deutschland so verschenkt. Ganz abgesehen davon, dass ihr ideologischer Kern in der nächsten Krise mit Sicherheit den Euro sprengen würde.

Siehe auch:

10 Jahre nach dem Crash
Deutschland, Euro-Krise, Griechenland (2015)
GroKo-Sommerbilanz

Probleme @ Change Management (zwei Konzepte)

In den vergangenen Monaten sind mir zwei Konzepte begegnet, die mir helfen, organisatorische Herausforderungen im Change Management besser zu verstehen. Das eine ist von Samo Burja und dreht sich um Bürokratien – also jenen Organisationsformen, die ab einer gewissen Größe fast jedes Unternehmen zu prägen beginnen. Buria unterscheidet zwischen Bürokratien mit „Besitzer“ und solchen, die autonom funktionieren, also nach eigener Logik und unabhängig von der Hierarchie im Organigramm, und deshalb kaum zu reformieren sind (oder in Richtung des nötigen Wandels zu drehen). Der ganze Artikel lohnt sich, hier ein Zitat:

How to Use Bureaucracies

„Beginne bei jeder Organisation mit der Frage, ob es eine Bürokratie ist. Wenn das zutrifft, erwarte von ihr ein höchst stereotypes Verhalten. Sie wird sich neuen Herausforderungen nicht besonders anpassen können und die Dinge außerhalb der vorausgesetzten Ontologie ihrer Büroarbeit und internen Arbeitsteilung nicht akurat bewerten können.

Wenn die Organisation eine Bürokratie ist, können wir fragen: Gehört die Bürokratie jemandem oder wurde sie zurückgelassen? Wenn sie jemandem gehört, kannst Du erwarten, dass eine ausreichend große Herausforderung am Ende dazu führt, dass sie sich reorganisiert. Du wirst dich auch an den Besitzer wenden können, damit er Probleme beseitigt oder eine Form der Kooperation findet, die von der Bürokratie selbst nicht verstanden wird. (…)

Wir finden uns umgeben von einer bürokratisierten Landschaft. Was getan oder nicht getan werden kann, wird von den Organisationen bestimmt, aus der sie sich zusammensetzt. Der ständige Drang talentierter Personen, ihre Macht aufzubauen und mit ungelernten Büro-Mitarbeitern klarzukommen (eine Kategorie, die Ökonomen anerkennen und stärker analysieren sollten) haben die Landschaft mit vielen großen Organisationseinheiten übersät. Einige werden geführt, andere wurden schon lange verlassen. Einige schaffen es weiterhin, lebensnotwendige soziale Funktionen zu erfüllen, andere schleppen sich dahin und machen einem das Leben schwer.“

Das zweite Konzept ist von Arthur L. Stinchcombe zu „Organizational Imprinting“ (organisatorischer Prägung). Zum Nachlesen auf Wikipedia:

Imprinting (Organizational Theory)

Weil ich im Netz keine gute Zusammenfassung gefunden habe, hier kurz meine Beschreibung: Stinchcombe leitet das Verhalten von Unternehmen in verschiedenen Phasen einerseits davon ab, welche Werte, Entscheidungen und Mythen zur Gründungszeit dominiert haben – vereinfacht ausgedrückt eine Prägung wie bei einem Kind (Freud lässt grüßen). Später wurde die Theorie offenbar noch etwas ausgebaut, denn ich habe sie so kennengelernt: Firmen und Organisationen orientieren in ihrem Verhalten an jener Zeit, in der sie am erfolgreichsten waren – zum Beispiel an den Zielen oder an den Strukturen, die damals eingeführt wurden bzw. Träger des Erfolgs waren. All das wird in dem Moment zur Belastung, in dem die Mission sich ändert oder Veränderungen in jenen Abteilungen am notwendigsten sind, die einst Pfeiler des Erfolgs darstellten.

Anders als die Problemdiagnose lässt sich die Lösung nicht so einfach in ein Konzept fassen: Ich kenne aus Firmen-Erzählungen unterschiedliche Herangehensweisen, von Change Agents an Schnittstellen, neuen Zwischen-Hierarchien, firmeninternen Schattennetzwerken bis zu Greenfield-Projekten/-Zukäufen (mit klar festgelegter Strategie über die weitere Integration) oder der völligen Neuplanung der Strukturen.

Ein Knopf, den es zu drücken gilt

 we are not just post-truth, we are post-communication

„Das Problem mit Social Media ist die süchtig machende Konstanz der Impulse. Das Schreiben ist durch eine regelmäßige Abfolge von unregelmäßigen Atemzügen und Irrlichtern ersetzt worden. Kommunikation existiert nicht mehr und daraus folgt, dass es keine Bedingungen gibt, unter denen Wahrheit in irgendeinem bestimmbaren oder umsetzbaren Sinn existiert. Was übrig bleibt ist, dass du sagen kannst, etwas gesehen zu haben. Ich kann einen Knopf drücken und dich wissen lassen, dass ich es auch gesehen habe und dann ist dieser Moment für immer vorbei, sobald er passiert ist. Nichts kann daraus entstehen, weil nichts mehr aus irgendetwas entstehen kann.“

we are post-fiction as well

„Begleitende Kommentare sind nicht unehrlich. Sie sind automatisiert. Niemand vernünftiges kann das Genre mit menschengemachter Prosa vergleichen. Es ‚ehrlich‘ oder ‚unehrlich‘ zu nennen wäre so, als würde man einer Hauspflanze Emotionen zuschreiben. Und doch…so schmerzhaft diese Gegenwartsprosa ist – körperlich, sie tut weh, es tut weh sie zu konsumieren – so wenig sie mich in irgendeiner Weise nährt, ich konsumiere sie weiterhin. Ein beinahe ununterbrochener Strom. Echte, chemische Sucht. Ich muss diese kleinen Stöße und Impulse weiter kriegen. Ich muss dieses kleine Twitter-Herz traktieren, meiner Stimme auf unbedeutende, traurige Art Gehör verschaffen. Ich muss.“

Die große Gespreiztheit

The Democratic Coming Apart

David Runciman im Interview über sein Buch „How Democracy Ends“, in dem er unter anderem eine erschlaffte demokratische Kultur im Jahr 2053 skizziert (Achtung, die historische Perspektive ist sehr britisch zentriert):

„Ich glaube, die Demokratie verspricht den Menschen zwei Dinge: Würde (indem sie eine Stimme erhalten) und Resultate. Sie verspricht, Probleme zu lösen. Ich denke, diese beiden Sachen werden sich in der Demokratie zukünftig weiter und weiter voneinander entfernen. Es wird in dieser Welt Problemlösungen geben, aber sie werden nicht durch die Äußerung der Stimme erreicht, wofür eigentlich Wahlen da sind.
In mancher Hinsicht erleben wir gerade eine Phase, in der die Möglichkeiten der Stimmäußerung nicht zwangsläufig für Würde und Anerkennung da ist. Digitale Technologie verspricht mehr Problemlösung und eine lautere Stimme, aber es verspricht nicht unbedingt eine größere Verbindung zwischen beidem. Meine Beschreibung des Jahres 2053 dient teilweise als Hintergrund für eine Welt, in der beides immer weiter voneinander weg ist: es gibt zahlreiche, unabhängige Kandidaten, Popstar-Kandidaten, und sie verwenden Technologie für neue innovative Wahlkampf-Formen. Vielleicht gibt es auch mehr Problemlösungen, aber das passiert nicht durch diesen Prozess.
(…)
Wenn wir das Spiel historischer Analogien spielen und eine Zeit auswählen sollen, dann wären die 1890er ein viel besserer Leitfaden für die Gegenwart als die 1930er. Das Jahrzehnt nach 1890 war eine große Dekade des Populismus, der Ungleichheit und der technischen Revolution. Genauso wie es viele Verschwörungstheorien und Frieden gab – vor allen Dingen war es das Ende einer relativ langen Friedenszeit. Ich glaube, dass Populismus ein Produkt des Friedens ist, nicht des Kriegs.
Es gibt eine hoffnungsvolle Version der Geschichte der 1890er. Die führt in das frühe 20. Jahrhundert, wo im Grunde die Sozialdemokratie in Europa erfunden und in den Vereinigten Staaten alle möglichen progressiven Politikideen umgesetzt wurden, inklusive der Entflechtung von Monopolen. Ich schreibe in meinem Buch viel darüber, was wir lernen könnten und ich glaube es gibt ähnliche Voraussetzungen um zu erwarten, dass wir etwas Ähnliches tun werden.“

Wem gehört das Wetter?

Volkswagen accused of ruining Mexican crops with weather-altering ‚hail cannons‘

„Volkswagen wird beschuldigt, Ackerpflanzen in der Nähe einer seiner Fabriken in Mexiko ruiniert zu haben, indem es Technologien zur Veränderung des Wetters eingesetzt hat. Örtliche Gruppen haben den deutschen Autobauer beschuldigt, mit dem Einsatz von Hagelkanonen eine Trockenheit ausgelöst zu haben. Die Kanonen schießen mit Überschall in die Luft, um die Bildung von Hagel zu verhindern. Die Geräte werden genutzt, um die auf dem Fabrikgelände abgestellten Autos vor Dellen durch Hagelkörner zu schützen. Nach den Beschwerden hat Volkswagen angekündigt, den Einsatz der Kanonen in seiner Fabrik in Puebla zu reduzieren.“

Tedescos Nachtlied

In Praise of Defensive Football

Yoni Raz Portugali:

„Während wir die Spielzüge nochmals anguckten (…), merkte ich, dass wir beide tatsächlich mehr an den ‚toten‘ Momenten des Spiels interessiert waren, in denen ein verteidigendes Team nicht den Ball hat und nur auf die Bewegungen der angreifenden Mannschaft reagiert. An den faszinierendsten Momente waren für mich jene Teams beteiligt, die über einen längeren Zeitraum als kompakte Gruppe verteidigten: eine exakte Choreographie, in der sie die Richtung nach links und rechts als ein gemeinsamer Organismus wechselten, je nach der Position des Balls. Diese Momente, in denen die individuelle Begabung ihren Kopf vor den Erfordernissen des Teams neigte und das Spiel den Bezug zu den Zuschauern und ihrem Bedürfnis nach Spektakel verlor, empfand ich als magisch. Verteidigende Fußballer sind völlig in den Moment vertieft, in koordinierte Bewegung und eine Begierde versenkt, ihr Ziel um jeden Preis zu erreichen: kein Gegentor zu bekommen.“

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.

Nächste Generation Social Media

 Das Social-Media-Drama

Nico drüben über seine Abkehr von Social Media. Irgendetwas geht gerade in eine andere Phase über, ohne eben wirklich zu enden. Ich habe das Gefühl, die nächste Generation Social Media – also das, wo die Kommunikationskultur geprägt wird – entwickelt sich gerade neben Instagram bei Fortnite (MMO als Mega-Mainstream) und Twitch. Allen gemeinsam ist: semi-öffentlich, Text nur noch Randelement, wenig Politisierung, besser zu kontrollierende Nähe/Distanz.