Grausamer Optimismus

The Best of a Bad Situation

Marco Roth von N+1 über Klimawandel und Anthropozän. „Wir sind Alltagsleugner des Klimawandels in dem Sinn, wie wir auch Alltagsleugner des Todes sind.“ Eine lange Achterbahnfahrt. Hier noch ein Auszug:

„Es ist eine Tragödie im postmodernen Sinn, in der die Tragik nicht dort liegt, wo Hegel dachte – im Konflikt zwischen zwei identisch gewichteten Sachverhalten, zwei gleichermaßen stichhaltigen Forderungen, die nur im nächsten Zeitalter oder Paradigma aufgelöst werden können. Vielmehr liegt sie in einem Kampf zwischen sinnlosen Sehnsüchten und verschiedenen Sets menschlicher Beschränktheiten.

Das existentielle Problem des nuklearen Zeitalters, und nun des Klimawandels, ist eine Abwandlung von dem, was Lauren Berlant grausamen Optimismus nennt: Die Instinkte und Gewohnheiten, die einmal unserem Überleben und Gedeihen dienten, wirken nun auf unsere Zerstörung hin – und enthüllen sich in vieler Hinsicht als etwas, das schon immer in diese Richtung gewirkt hat. So fühlt sich Aussterben von innen an.“

Radikal kompliziert

Finding the Future in Radical Rural America

Elizabeth Catte über die Appalachen, die ja gerne als Proto-Trump-Region porträtiert werden:

„Wir behalten immer noch die Narrative bei, die so hart daran gearbeitet haben, den Zustand des Landes zu vereinfachen und genaue Linien zu ziehen: blaue Städte, rote ländliche Gegenden, ein paar Wechselwähler-Vororte. ‚In einer Zeit politischen Tumults sehnen wir uns nach schnellen Sicherheiten‘, schrieb die Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihrem Buch ‚Strangers in Their Own Land‘ (2016). Und wirklich, das größte Geschenk, das sich immer weiter verschenkt, hat die Linke der politischen Rechten seit 2016 nicht mit ein paar überzeugten Sozialisten gemacht, sondern mit dem Mythos, das Trump-Wähler unerforscht und monolithisch sind. (…) Ländliche Orte werden oft als Orte der Abwesenheit imaginiert, von farbigen Menschen über moderne Annehmlichkeiten bis zu radikalen Politikideen. Die Wahrheit ist wie üblich komplizierter.“

Sie erzählt dann von der Gewerkschaftstradition und dem progressiven Aktivismus, der dort heute noch vereinzelt zu erleben ist, zum Beispiel im Bildungswesen. Wenn es um die Wahl „Geld oder Menschen“ geht, wird immer noch die Frage gestellt: Auf welcher Seite stehst du? Diese Nuancen aber verschwinden oft hinter dem Klischee, alle werden in die armselige bis reaktionäre Schublade gesteckt.

Ähnliches habe ich in meiner Zeit im Süden erlebt: An den Küsten verdächtigen viele Zeitgenossen die weißen Southerner erst einmal, sämtlich rassistisch zu sein und blickt auf sie herab. Aber auch die Afroamerikaner werden von Afroamerikanern anderswo oft mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet: Warum leben sie immer noch im Landstrich der ehemaligen Sklaverei und sind nicht wie so viele andere nach Norden oder Westen gezogen? Ziel solcher Vorurteile zu sein verbindet Schwarz und Weiß und bindet an ihre Heimat.

Ob in Louisiana, West Virginia, Texas, Oregon oder Kansas: Die Regionalgeschichte ist zu facettenreich, die Kämpfe waren zu hart, um einfach nur Schubladen aufzumachen und zu glauben, man könne eine Region auf gegenwärtige Klischees schrumpfen, dort verstauen und ihr oder ihren Bewohnern damit gerecht werden.

Das Veto der Oligarchen

The audacity of America’s oligarchy

„Die Demokraten sind gewarnt: Wenn sie nächstes Jahr einen Pro-Steuer-Kandidaten wählen, um gegen Donald Trump abzulösen, wird vermutlich ein Milliardär als Spielverderber antreten. Ob der ehemalige Starbucks-Chef Howard Schultz oder jemand anderes, ist zweitrangig. Jeder Drittparteien-Plutokrat hätte die Mittel, den Demokraten die notwendigen Stimmen abzunehmen, um Mr. Trumps Wiederwahl zu ermöglichen. Der Rückschluss ist klar: Ein großer Teil der amerikanischen Plutokratie würde eine zweite Trump-Amtszeit riskieren, damit ihre Steuern niedrig bleiben.“

Das schreibt nicht ein Linker auf Jacobin, sondern Edward Luce von der Financial Times. Ich verwende in Texten über die USA bereits länger analog zu Russland das Wort „Oligarchen“. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil das Wort die realen Verhältnisse am besten wiedergibt.

Batman, Gesetzesbrecher

Anwälte gehören zu den unbeliebtesten Personengruppen in den USA. Zumindest ist das mein Eindruck („He’s such a lawyer“ ist kein Kompliment). Was die Juristen aber nicht davon abhält (oder vielmehr dazu nötigt), extrem viel Werbung zu machen. Auf riesigen Plakaten entlang von Freeways, auf Social Media und im Lokalfernsehen. „Better Call Saul“ ist noch einer der seriöseren Kampagnen.

Im Zeitalter der Viralität aber muss natürlich alles eine Stufe interessanter sein. Der Anwalt Ed Herman aus St. Louis nimmt sich der Sache an und versucht herauszufinden, wie viele Gesetze Batman gebrochen hat.

(via)

Wenn es genug wäre?

The Miracle of the Mundane

Ich habe Heather Havrileskys Essayband („What If This Were Enough?“) dieses Jahr mit großem Genuss gelesen, auch wenn der Spätkapitalismus ein trostloses Thema ist. Ein Auszug:

„Viele von uns lernen, eine klare und präzise Vision von dem zu konstruieren, was wir wollen. Aber uns wurde niemals beigebracht, wie wir das genießen, was wir wirklich haben. Es wird immer mehr Siege geben, um die es zu kämpfen gilt; mehr Fremde zu überzeugen; mehr Bilder zu sammeln und an unsere Visionstafeln zu hängen. Es ist hart, das zu wollen, was wir haben; es ist einfacher, alles auf der Welt haben zu wollen. Das ist also, wie wir heute leben: Wir stopfen uns bis obenhin voll, aber irgendwie macht das uns nur nervöser, verwirrter und hungriger. Wir rasen nach vorne – manisch, unzufrieden und im Dauerzustand der Verlorenheit. 

Unser verwirrter Zustand verletzt uns nicht nur individuell; er behindert unsere Fähigkeit, zusammen an einer besseren Welt zu arbeiten. Wir können nicht für Gerechtigkeit aufstehen und Veränderungen beeinflussen, solange wir nicht gelernt haben, leere Versuchungen, schillernde Wegweiser in die Sackgasse und banale Ablenkungen fortzustoßen. (…)

Vor dem Hintergrund dieser Landschaft gilt es alles zu feiern, was die Wildheit und Komplexität der menschlichen Seele feiert. Das gilt global, in Lebensgemeinschaften, und es ist wahr in einem einzelnen Menschen. Das Gegenmittel für eine Welt, die uns kranke Geschichten über uns selbst erzählt und uns das Gift einträufelt, uns hilflos zu fühlen, ist der Glaube an unsere eigene Welt und unsere Community und an uns selbst. Wir müssen wieder mit dem in Verbindung treten, was es heißt, menschlich zu sein: zerbrechlich, furchtbar fehlbar und ständig Demut lernend. Wir müssen an die widersprüchliche Natur der Menschheit glauben und sie umarmen.“

„Es ist genug“, schreibt sie am Ende. Und meint dabei uns alle und uns selbst. Wir genügen uns, um uns aufeinander zu bewegen zu können.

 

Bekenntniszivilisation

Machine Politics

Der Computerhistoriker Fred Turner in seinem langen, lesenswerten Essay:

„Mit der Zeit, nachdem neue Medien unser öffentliches Leben getränkt haben, und nachdem die Kinder der 1960er zu den Eliten von heute geworden sind, haben wir verstanden: Wenn wir einen Platz auf der politischen Bühne haben wollen, müssen wir unsere Innenleben nach außen sichtbar machen. Wir müssen sagen, wer wir sind. Wir müssen uns bekennen.

Wenn [der prominente US-Neonazi] Richard Spencer sich Vertreter einer schikanierten Minderheit nennt oder wenn Donald Trump seinen Ärger auf Twitter herauslässt, benutzen sie die gleichen Strategien wie die Demonstranten der 1960er oder auch der #MeToo-Bewegung heute. Diese Beobachtung zu treffen bedeutet nicht, die Anliegen zu vergleichen – überhaupt nicht. Aber ob wir wie Trump lügen oder lang verborgene Wahrheiten wie die Mitglieder von #MeToo offenlegen: Diejenigen, die Macht in der öffentlichen Sphäre von heute erhalten wollen, müssen in einem zutiefst persönlichen Idiom sprechen. Sie müssen jene authentische Individualität ausstrahlen, von der das Committee for National Morale glaubte, dass es das einzige Bollwerk gegen den Totalitarismus im Ausland und daheim sei.“

Ich kann – die kommenden Tage bieten sich an – die Lektüre dieser Parallelgeschichte des Internets als Geistesgeschichte nur empfehlen. Einige der Themen sind auch Teil dieser Blogskizzen.

Zu meinen vielleicht stärksten Eindrücken der jüngeren Vergangenheit gehört unser gebrochenes Verhältnis zum Individualismus: Als Konsumbürger-Individualismus Ressourcen zerstörend und spirituell entleerend; als Selbstverwirklichungsindividualismus Solidarität erschwerend und kollektives Handeln verunmöglichend; als Grundprinzip und Fundament unseres Strebens aber in der westlichen Zivilisation aus unterschiedlichen Lagern und Erfahrungen für alternativlos erklärt. Zitierter Absatz scheint mir nahe zu legen, dass nun der Individualismus einen stärker charismatischen Akzent erhält. Die Weltbilder sind ja ohnehin schon personalisiert, nun kommt offensichtlich das Sendungsbewusstsein hinzu.

Was sich daraus ableiten lässt – ich kann es nicht überblicken. Die mächtigste Gegenbewegung zum Individualismus wurzelt zumindest nicht in einem neuen Kommunitarismus oder einer solidarischen Kapitalismusreform, sondern in einem Wunsch nach Homogenisierung, die ja oft eine Vorstufe des Kollektivismus ist*. Dass dabei „authentische Individualität“ ein wichtiger Faktor bei der Umsetzung ist, gehört allerdings nicht zu den neuen Phänomenen.

*Die Ironie ist, dass Progressive wie Reaktionäre der jeweils anderen Seite den Homogenisierungs-Vorwurf machen.

Big F’cking Deal

Der Fall #Relotius beschäftigt mich natürlich, und die Fassungslosigkeit hat mich noch im Griff. Die Auswirkungen auf die deutsche Medienwelt lassen sich noch nicht absehen. Gar nicht im Sinne von „das wird unvorstellbare Konsequenzen haben“, sondern: Ich habe keine Ahnung, ob daraus etwas folgen und was das sein wird. Die Angelegenheit lässt sich ja der Person, der Redaktion oder der Situation der Medienbranche als Ganzes zuweisen. Jeder macht sich ja seine eigenen Gedanken über Stärken, Defizite und Wesen der Branche, und der Fall bietet eine riesige Projektionsfläche.

Ich würde mir wünschen, dass Fall als Vorwand dient, die amerikanischen Qualitätsmedien-Standards in Deutschland zu übernehmen. Das ist deshalb ein Vorwand, weil natürlich die ihre ganz eigenen Skandale, Probleme und Geschichtenerfinder hatten und haben. Gerald Kleffmann formuliert den ersten Schritt so:

Jenseits dessen werfe ich zur konkreten Verbesserung der Glaubwürdigkeit einfach mal drei Ideen in den Raum, die sich digital umsetzen lassen.

  • Eine Art „Beipackzettel“ für Geschichten, in der unter dem Text/Video die Recherche-Bestandteile aufgelistet werden. Woher stammen die Infos, mit wem habe ich mich getroffen, wie waren die Rahmenbedingungen, habe ich einen Auftritt am TV oder vor Ort verfolgt etc. Die Idee hat Dirk von Gehlen vor vielen Jahren einmal gehabt und ich bin ein großer Fan, weil sie auch die Recherchequalität anheben würde (dass ich bei Investigativ-Geschichten keine Namen nennen kann, ist klar, btw.). Ich wünsche mir immer ein Digital-Textlayout, in dem Autoren wie bei Genius Anmerkungen zu ihren Absätzen auf einer zweiten Ebene (Mouseover) hinterlassen können, um Formulierungen klarer zu machen, sogar Zweifel am eigenen Ausdruck zu äußern, oder einfach Quellennachweise zu liefern.
  • Die Einführung eines Public Editor, den es auch bei einigen deutschsprachigen Medien bereits gibt. Wie viel weniger angreifbar wäre die Rekonstruktion gewesen, wenn sie ein dem Leser verpflichteter Ombudsmensch geschrieben hätte, statt eines künftigen Mitglieds der Chefredaktion? Ich glaube, wir hätten dann auch die Diskussion über Stilfragen nicht, weil die Herangehensweise eine ganz andere gewesen wäre.
  • Autorenzeilen abschaffen und stattdessen unter dem Text das Team (Reporterin/Autor/betreuende Redakteure) aufführen. Ausnahme: Meinungsartikel/Kolumnen. Ist die nächstbeste Variante zum völligen Verzicht auf Autorennamen (wie es der Economist immer noch pflegt), zu der wir aber glaube ich nicht mehr zurück können. Die Idee dahinter: Die Textarbeiter und Themendesign-Helfer erhalten mehr Aufmerksamkeit, was unterm Strich auch das Niveau heben dürfte.

Das alles sind nur Vorschläge, sicher keine Patentrezepte. Ich überschätze, anders als früher, auch die Zahl derer nicht mehr, die überhaupt etwas ändern wollen. Was mir bleibt, ist meinen Job so gut wie möglich zu machen.