/Cebit

IT-Standort Deutschland ist um eine weitere Ikone ärmer

„Die Cebit stirbt, weil nicht rechtzeitig genug erkannt worden ist, wie schnell sich die Zeiten auch in der digitalen Welt wandeln können. Der letzte Versuch, die Cebit in diesem Jahr zu einem Festival umzubauen, folgte der richtigen Einschätzung. Aber er kam um Jahre zu spät. Das müssen auch die Aussteller und Unternehmen wissen, die der Cebit in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben. Wenn sie selbst in ihren Strukturen und Geschäftsmodellen nicht schnell genug auf den digitalen Wandel reagieren, wird ihr Schicksal dem der Cebit folgen. Falls die moderne Cebit dem einen oder anderen konservativen deutschen IT-Mittelständler zu modern geworden sein sollte, wäre eine Selbstreflektion über die eigene Position nicht falsch. (…) Die Cebit kann dem Land noch einen letzten Dienst erweisen, nämlich dann, wenn sie das letzte Menetekel für verpasste Chancen in der neuen Welt wird. Alles, was jetzt kommt, muss sitzen.“

Dem gibt es nur wenig hinzuzufügen. Die Bequemlichkeit (auch in einigen Teilen des IT-Mittelstands) war in Deutschland noch weit verbreitet, als die Zeit für die Digitalisierung/Aktualisierung schon davonzulaufen begann. Aus der Ferne habe ich den Eindruck, dass überraschend viele Firmen auch heute noch in der Phase des Code Cleanup stecken, also die strukturelle Modernisierung erst konzeptionell angehen. Oder ist das nur anekdotisch? Wer Studien oder Branchenumfragen zum Thema hat, immer her damit in den Kommentaren!

Facebook – Rauschen und Signale

Facebook’s future: The new Yahoo?

In den vergangenen Tagen sind einige Analysen über die Lage bei Facebook erschienen. Der Economist hat sich als einzige Publikation die Mühe gemacht, sich im Kundenumfeld umzuhören – also in der Werbe- und Marketingbranche.

„Die Marketingbranche hat zwei grundsätzliche Beschwerden: Eine ist, dass Facebook-Anzeigen in Sachen Nutzer-Interaktionen nicht mehr so gut wie früher funktionieren (obwohl die Firma die Preise erhöht hat). Die zweite ist, dass Facebook seine Kunden in die Irre führt. Brian Wieser von Pivotal Research in New York weist zum Beispiel darauf hin, dass das Unternehmen Werbekunden fälschlicherweise versprach, mehr 18- bis 34-Jährige in den USA erreichen zu können, als überhaupt existieren. Facebook hat diese Behauptung immer noch nicht gelöscht, obwohl eine Sammelklage gegen den Konzern angestrengt wurde, wonach dieser seine Publikumszahlen aufgepolstert hat.

Ein führender Marketer für eine amerikanische Bank sagt, dass Facebook bei der Messung von Interaktionen, Reichweite, Views und anderen Daten in nicht weniger als 43 Produkten Fehler gemacht hat. Er merkt an, dass alle Fehler Konsequenzen zugunsten des Netzwerk-Riesen hatten. ‚Wenn das wirkliche Fehler wären, würde man dann nicht erwarten, dass mindestens die Hälfte den Werbekunden zugute kommt?‘, fragt er. Er rechnet damit, die Werbeausgaben auf Facebook zu reduzieren und prognostiziert, dass andere Marketer das im kommenden Jahr ebenfalls tun werden.“

Mit Messungen gab es bei Facebook in den vergangenen Jahren immer wieder Ärger, so wie Digitalwerbung weiterhin ein Problem mit falschen Metriken hat, gerade im Bereich Sichtbarkeit. Ein One-Stop-Shop hat es aber theoretisch natürlich nochmal einfacher, die Parameter in die gewünschte Richtung zu bewegen. Wenn dann dieser One-Stop-Shop noch Teil eines Duopols ist… ich weiß immer noch nicht, wie die Antwort auf diese Frage lautet:

Nun muss man trotz Wissen über die Branche nicht das Schlimmste und Illegalste annehmen, zudem existieren einige Dritt-Audits. Aber die Konstellation „Walled Gardens vs. Daten-Transparenz“ ist auch hier ein Problem*. Die derzeitigen Facebook-Audits durch das Media Rating Council sind eigentlich ungenügend, aber Facebook ist für Werber im Moment recht alternativlos. Nicht nur wegen der Personalisierung und Reichweite, sondern auch, um Bob „Ad Contrarian“ Hoffman zu zitieren: „Chief Growth Officer [der Werbedienstleister] brauchen das Geld, das sie damit verdienen, Facebook-Werbung an ihre Kunden zu verkaufen.“ Es wird also solange stabil bleiben, bis es eine Alternative gibt. War bei Yahoo ja auch so.

Aber irgendwie scheint mir das eh seit jeher die Pointe der Werbebranche gewesen zu sein – es gibt genügend Akteure, die überhaupt kein Interesse an Transparenz und echter Messbarkeit haben. Warum sollte sich das im Kontext einer beschleunigten  Aufmerksamkeitsökonomie geändert haben?

(P.S.: Bob Hoffmans Newsletter kann ich Interessierten an der Werbebranche sehr empfehlen)

*Update 14:30 Uhr – Stelle etwas klarer formuliert

Der schrumpfende Planet

How Extreme Weather Is Shrinking The Planet

„Bis jetzt haben sich die Menschen ausgebreitet, während unserer Anfänge in Afrika, danach rund um den Globus – zunächst langsam, dann immer schneller. Aber eine Periode der Verengung beginnt, weil wir die bewohnbaren Teile der Erde verlieren. Manchmal wird unser Rückzug hastig und gewaltsam sein; der Versuch, über enge Straßen die brennenden Kleinstädte Kaliforniens zu evakuieren war so chaotisch, dass viele Menschen in ihren Autos starben. Aber der größte Teil des Rückzugs wird langsamer sein, und er wird entlang der Küstenstreifen der Welt beginnen. Jedes Jahr verlassen 24 000 Menschen das unerhört fruchtbare Mekong-Delta in Vietnam, weil die Ackerfrüchte mit Salz verschmutzt werden. Während das Meereis entlang der Küste von Alaska schmilzt, gibt es nichts, was Siedlungen, Städte und die Dörfer der Ureinwohner vor den Wellen schützt. In Mexico Beach, Florida, das Wirbelsturm Michael so gut wie ausgelöscht hat, erzählte ein Bewohner der Washington Post: ‚Die Älteren können das hier nicht mehr wieder aufbauen, es ist zu spät in ihren Leben. Wer wird hier bleiben? Wer wird sich kümmern?‘

In einer Woche Ende vergangenen Jahres las ich Berichte aus Louisiana, wo Regierungsbeamte die Pläne zur Umsiedlung Tausender Menschen abschlossen, die vom steigenden Golf von Mexiko bedroht werden (‚Nicht alle werden dort leben, wo sie heute sind und ihren ihren gewohnten Lebensstil fortführen. Das ist eine schlimme und emotionale Realität, der wir uns stellen müssen‘, sagte ein Offizieller des Bundesstaats). Aus Hawaii, wo einer neuen Studie zufolge 60 Kilometer Küstenstraße in den kommenden Jahrzehnten unpassierbar werden. Und aus Jakarta, einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, wo die steigende Javasee die Straßen überflutete. In den ersten Tagen des Jahres 2018 überflutete ein Sturm Downtown Boston; Mülltonnen und Autos schwammen durch den Finanzbezirk. ‚Wenn jemand die Erderwärmung in Frage stellen möchte, soll er sich ansehen, wo die Flutgebiete liegen‘, erklärte Marty Walsh, der Bürgermeister von Boston vor Reportern. ‚Einige dieser Gegenden wurden vor 30 Jahren nicht überflutet.'“

Ein langes Stück, das aber alle wichtigen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zusammenfasst und nebenbei den Ausdruck „Predatory Delay“ ins Mainstream-Vokabular einführt – die Blockade von Veränderungen, um in der Zwischenzeit mit nicht aufrecht zu erhaltenden und ungerechten Systemen Geld zu verdienen.

Im Zusammenhang mit solchen Katastrophenprognosen, die sich eher an den möglichen Extremen orientieren, sei allerdings auch auf die derzeitige Mediendebatte in Deutschland hingewiesen. Sie dreht sich um die wichtige Frage, wie Journalisten mit den Unschärfen der Modelle umgehen sollen.

Siehe auch:
Klimawandel und die Vermittlung der Folgen
Menschengemacht
Wärme über dem Permafrost

Kids these days

Die Menschen, die unsere unlösbaren Probleme lösen, leben heute schon

„Damit die nächste Generation [zur Lösung zivilisatorischer Probleme] in der Lage ist, sollte man vielleicht erstens aufhören, es ihr unnötig zu erschweren (Stichwort Klimawandel) und zum zweiten an Rahmenbedingungen arbeiten, die diesen Fortschritt auch ermöglichen: Das beginnt damit, dass wir aufhören, in das immer gleiche Muster des kulturellen Niedergangs zu verfallen. Nein, die nächste Generation ist nicht per se dümmer (oder gar digital dement), nur weil sie das Pech hatte nach uns – dem egozentrischen Maßstab unserer Weltsicht – geboren worden zu sein. Und ja, man kann etwas dafür tun, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, die Schülerinnen und Schüler für die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu wappnen.“

Dirk von Gehlen zitiere ich gerne, auch wenn ich es ungern sehe, dass er immer noch gegen den ritualisierten Kulturpessimismus anschreiben muss. Natürlich gibt es einige Gründe, mit Sorge in die Zukunft zu blicken, aber die Kids von heute gehören nicht dazu.

Die gerne kritisierte Selbstbezogenheit ist ja nur die Fortsetzung einer jahrzehntelangen Entwicklung, und ich würde sogar sagen, dass die Generationen davor sich weit rücksichtsloser selbst verwirklicht haben – siehe ökologischer Fußabdruck. Der Vorwurf, zu angepasst zu sein, ist etwas billig, immerhin war es der Zeitgeist seit den Neunzigern, der die ökonomische Verwertbarkeit zum Primat der persönlichen Entwicklung erklärt hat. Was meine Generation unter anderem für die Nachfolger tun kann (neben: gute Eltern zu sein), ist genau diese Boxen zu zerlegen, in denen wir denken und handeln – denn es geht ja tatsächlich um große, kaum zu prognostizierende Veränderungen. „I saw the best minds of my generation thinking about how to make people click ads (and visit caves in Madeira in the summer)“ ist da nicht mehr genug und wäre eine Verschwendung des Potenzials, das gerade heranwächst. Aber das weiß die kommende Generation am besten.

Siehe auch:
 Dirk von Gehlen: Das Pragmatismus-Prinzip
Dunkler
Die Retro-Republik (2008)

Persönliche Marktanteile

Jonathan Franzen Is Fine With All Of It

Jonathan Franzen in diesem feinen Porträt aus dem Sommer:

„‚Ich war nie ein großer Anhänger einer Gesellschaft, die sich vorwiegend nach dem Konsumverhalten strukturiert, aber ich hatte meinen Frieden damit geschlossen‘, so Franzen. ‚Aber als es damit anfing, dass jede individuelle Person auch ein Produkt sein musste, das die Person selbst verkauft, und als Likes von überragender Wichtigkeit wurden – das war für mich sehr besorgniserregend auf einer persönlichen Ebene, als Mensch. Wenn du dich in einem Zustand ständiger Angst befindest, deine Marktanteile als Person zu verlieren, ist das für mich die falsche Haltung, um sich in der Welt zu bewegen.‘ Heißt: Wenn dein Ziel ist, Likes und Retweets zu bekommen, dann modellierst du dich vielleicht zu dieser Person, von der du glaubst, dass sie diese Dinge bekommen wird, egal ob diese Person deinem wirklichen Ich entspricht. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, Dinge zu sagen, die unbequem und schwierig zu vereinfachen sind. Warum würde ein Schriftsteller sich selbst als Produkt formen?“

Wenn es schon soweit ist, dass ich Jonathan Franzen zitiere… aber Spaß beiseite: Natürlich hat er recht, aber die Vergangenheit ist etwas komplexer. Auch vor dem Netzwerk-Zeitalter ging es um Selbstinszenierung und Marktwert, nur eben nicht ständig, in der Regel nicht quantifizierbar und für die meisten Menschen nicht öffentlich und jeweils nach sozialen Anlässen & Kreisen getrennt. Auch für Autoren. Das alles ist jetzt flach, pausenlos und zahlenlastig geworden, sofern man es mitmachen möchte und ernst nimmt.

Was mir bei Social Media in diesem Modus verloren gegangen ist, ist das Persönliche. Es gibt eine Verbindung, aber sie ist eher wie auf einer dieser Medienszene-Partys bei irgendjemandem im Prenzlauer Berg. Oder wie die Abendessen, auf denen Larry David bei Curb Your Enthusiasm immer in die Fettnäpfchen tritt. Vieles ist performativ, gerne wichtigtuerisch und auf das Senden von Signalen ausgelegt. Also eigentlich im Kern ziemlich normiert, weshalb die Aufreger so leicht zu triggern und abzusehen sind, weshalb die ironischen Pointen so routiniert sitzen. Für mich wäre der sinnvollste Schritt, Follower- und Like-/Reaktionszahlen  einfach nicht mehr einzublenden, so wie das Are.na zum Beispiel macht. Aber dann wären Reputation, emotionale Teilnahme und Witzigkeit nicht mehr quantifizierbar, der virale Effekt unsichtbar und das Spiel unterm Strich vorbei.

Siehe auch:
Was Reputation zählt

Forensischer Journalismus

Warnung: Das Video zeigt die Ermordung von Frauen und Kindern durch eine Gruppe von Soldaten in Kamerun. Es dokumentiert, wie die BBC-Rechercheure anhand von Landschaft, Informationen aus der Tonspur und anderen Details den Ort und mutmaßliche Täter identifizieren konnten. Ich hoffe, dass solche Fähigkeiten möglichst bald redaktionelle Kernkompetenzen werden. Angesichts beinahe grenzenloser Möglichkeiten von Bild- und Videobearbeitung wird das zum Handwerkszeug gehören wie die W-Fragen oder heute die Identifikation von gefälschten Social-Media-Augenzeugenberichten bei Katastrophen.

Britischer Rückbau

Austerity: how an ideological project failed on its own terms

George Eaton über den Rückbau des Staates in Großbritannien:

„Die Abteilungsbudgets sind seit 2010 im Durchschnitt um mehr als 20 Prozent gesenkt worden (und die Finanzierung kommunaler öffentlicher Hand um 49 Prozent), während im Sozialwesen mehr als 20 Millionen Pfund gestrichen wurden (das Kindergeld ist zum Beispiel weniger Wert als vor 17 Jahren). Die private Verschuldungsquote steht bei 139 Prozent des verfügbaren Einkommens und wird Vorhersagen zufolge 146 Prozent erreichen (ein Phänomen, das privatisierter Keynesianismus genant wird: während sich der Staat weniger leiht, leihen Bürger mehr, um ihren Lebensstandard zu halten). Übernachtungen im Freien, die unter der letzten Labour-Regierung um drei Viertel fielen, sind seit 2010 um 169 Prozent gestiegen. Fast Tausend Sure-Start-Zentren (staatliche Einrichtungen zur Unterstützung frühkindlichen Versorgung) und 478 Büchereien sind Schätzungen zufolge geschlossen worden.“

Ich denke, Großbritannien und die USA werden der Block sein, der die neoliberale Demontage des Verwaltungsstaats und die Privatisierung weiterer staatlicher Aufgaben im Sinne kommerzieller Interessen auch im 21. Jahrhundert durchzieht. Vielleicht unterschätze ich auch Labour und die Demokraten, aber ihre Rolle liegt momentan eher in der Verlangsamung als in einer Umkehr.

Für Deutschland steht, bisherige Wirtschaftslage sei Dank, ein solcher Richtungstest noch aus. Aber natürlich gibt es in der globalisierten Finanz- und Warenstrom-Welt (siehe Trumps Unternehmenssteuer-Senkungen und entsprechende Forderungen für Deutschland, siehe fortgesetzte Existenz von „Steuerparadiesen“) einen Druck, der (noch) für die Interessen transnationaler Firmen und Vermögensbesitzer arbeitet.

Kerngeschäfte

Was This The Biggest Mistake in The History Of The Music Business?

„Ende 1997 veröffentlichte BMG Interactive Grand Theft Auto, ein 2-D-Action-Adventure, in dem Spieler in drei Städten die Aufträge krimineller Oberherren ausführten. Der Titel war ein kommerzieller Hit in den USA und Europa – doch er erschien in Zeiten ernster unternehmerischer Turbulenzen.

Im März 1998 war BMG davon überzeugt, dass die Ausflüge der Firma in den Bereich Videospiele Zeit- und Geldverschwendung seien und erklärte sich auf Anordnung von Eigentümer Bertelsmann dazu bereit, BMG Interactive loszuwerden. Sam Houser [Co-Erfinder von GTA und Mitgründer von Rockstar Games] zufolge verkaufte BMG die Firma an die in New York ansässige Take Two Interactive für eine Summe von insgesamt neun Millionen US-Dollar. Das Geschäft schloss die Mitarbeiter von BMG Interactive und alle Rechte an Grand Theft Auto ein.

(Für diejenigen, die ahnen, wohin diese Erzählung führt: Red Dead Redemption 2 spielte vergangenen Monat diese neun Millionen in der ersten Stunde nach Verkaufsstart wieder ein)“

Späteres besseres Wissen ist manchmal schmerzhafter als Zahnweh…

(via)

Moralischer Bogen vs. moralische Katastrophen

Why Does Jim Holt Exist?

„Das historische Datenmaterial scheint in den vergangenen Jahrtausenden einen Pinker’schen Trend Richtung des moralischen Fortschritts zu zeigen – das ist das Signal. Aber dann gibt es das wachsende Ausmaß moralischer Katastrophen, das sowohl der Technik als auch größeren Formen sozialer Ordnungen geschuldet ist – das ist das Rauschen. (Oder vertausche ich Signal und Rauschen?) Wenn ich mir die nähere Zukunft ansehe bin ich recht zuversichtlich, dass wir gegenwärtige barbarische Praktiken wie die bestrafende Einkerkerung von Menschen oder den Missbrauch von nicht-menschlichen Tieren in Fabrik-Landwirtschaft beenden werden. Aber ich bin nicht willens, den Bogen der moralischen Fortschritte in die fernere Zukunft hochzurechnen, im Gegensatz zu einigen lotus-essenden Visionären.

Es gibt ein abstraktes, quasi-evolutionäres Argument, dass sich moralischer Fortschritt für immer fortsetzen wird. Er beruht auf der Beobachtung, dass in Computer-Simulationen von abgewandelten Gefangenen-Dilemma-Spielen sich die kooperierenden Einheiten gegen die schummelnden Einheiten durchsetzen. Daraus, so das Argument, lässt sich ableiten, dass unsere sehr weit entfernten Nachfahren extrem nett zueinander sein werden. Seit dem Auftauchen unserer Spezies sind schon ungefähr 50 Milliarden Menschen entstanden. Wie viele mehr von uns wird es geben? Nach dem kopernikanischen Prinzip – wonach wir Menschen, die jetzt gerade existieren, wahrscheinlich nicht ‚besonders‘ sind, verglichen mit den allerersten oder den allerletzten Menschen, die jemals existieren – können wir mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, dass es von uns nicht mehr als weitere zwei Billionen geben wird. Wenn wir annehmen, dass die Bevölkerung auf der Erde sich bei ungefähr 10 Milliarden stabilisiert, bedeutet das, dass die menschliche Spezies innerhalb der nächsten 20 Jahrtausende aussterben wird, oder sogar schneller, wenn wir unsere Zahl von Generationen erweitern, indem wir andere Planeten übernehmen. Und wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass unser wahrscheinliches Aussterben selbstzugefügt sein wird und kein kosmischer Unfall. In anderen Worten: Es wird, kollektiv gesprochen, unser eigener Fehler sein. Und das ist ein schwerwiegendes moralisches Versagen.“

Ich liebäugle immer wieder mal damit, ein Interview mit Jim Holt zu machen. Aber er würde die Leser und mich womöglich über den Rand der argumentativen Vorstellungskraft hinaus in den Abgrund führen.