Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.

Nächste Generation Social Media

 Das Social-Media-Drama

Nico drüben über seine Abkehr von Social Media. Irgendetwas geht gerade in eine andere Phase über, ohne eben wirklich zu enden. Ich habe das Gefühl, die nächste Generation Social Media – also das, wo die Kommunikationskultur geprägt wird – entwickelt sich gerade neben Instagram bei Fortnite (MMO als Mega-Mainstream) und Twitch. Allen gemeinsam ist: semi-öffentlich, Text nur noch Randelement, wenig Politisierung, besser zu kontrollierende Nähe/Distanz.

Scheitern und Erfolg in Tech

The Undertakers of Silicon Valley ($)

Adrian Daub, den ich in Sachen Stil und Erkenntnisgewinn inzwischen fast jedem anderen deutschen Autor vorziehe, hat in der neuen Ausgabe des Logic Mags über Scheitern und Erfolg im Silicon Valley geschrieben. Ein Auszug:

„Die Sache mit dem Scheitern ist, dass es unterschiedliche Bedeutungen hat – je nachdem, wem es passiert. Wenn ein konventionelles Unternehmen Geld verliert, während unregulierte digitale Konkurrenz es verdrängt, ist das demnach nur Zeichen dafür, dass die konventionelle Firma zu sterben verdient. Wenn dagegen ein disruptives New-Economy-Startup Milliarden verliert, signalisiert es, wie revolutionär und wagemutig die Macher sind.

Im Silicon Valley existiert eine ganze Hausindustrie, die sich damit beschäftigt, diese Unterscheidung zu treffen. Die kriecherische Hofpresse, die Hype-Maschine und die Angel-Investoren sind sofort bereit zu erklären, warum ein Projekt mit sämtlichen Merkmalen eines kompletten Reinfalls in Wirklichkeit eine geniale Idee ist. (…)

Eine Menge der jüngeren VCs sind selber sehr erfolgreiche Gründer, und die Zufälligkeit ihres eigenen Erfolgs ist ihnen noch nicht bewusst. Ich habe festgestellt, das normalerweise Menschen, die im Silicon Valley reich geworden sind, von ihrem Erfolg umgehauen werden. Er kommt so früh, so unberechenbar, so lautlos – ein Blitzeinschlag aus heiterem Himmel. Aber Menschen müssen dem, was ihnen passiert, einen Sinn geben. Einige distanzieren sich beinahe schüchtern von ihrem Schicksal. Aber diejenigen, die das nicht tun, müssen eine Geschichte dazu finden. Warum verdienen sie ihr günstiges Los? Was bedeutet es?

Das ist deshalb wichtig, weil nur diejenigen die nächste Generation von Startups finanzieren werden, die dem verblüffendsten und unerklärlichsten Erfolg begegnet sind. Wenn du deine Firma abwickelst, dein Team ein Aqui-Hire wird oder du irgendeinen anderen „sanften Exit“ hinlegst, hast du normalerweise nicht das Geld, um Risikokapital-Investments zu tätigen. Unter denjenigen, die dieses Geld haben, kann die Perspektive auf die Realität stark verzerrt sein – vielleicht muss sie es sogar, so geschockt wie sie alle über ihr erstaunliches Glück sind.“

Nicht nur wegen dieses Textes ist die neue Ausgabe von Logic wieder ein enormer Gewinn.

Update:  Hier ist das Stück beim Guardian frei zugänglich.

Agile Kultur

Das Problem mit der Agilität

„Agile Prozesse funktionieren nur, wenn Umgebung und Kultur dazu passen. Wenn diese Bedingungen nicht passen, muss man sie ändern. Aber können Softwarearchitekten, Entwickler oder Projektleiter eine Organisation so grundlegend ändern? Auch für Manager sind Änderungen in der Kultur schwierig, denn die Kultur ist fundamental für ein Unternehmen als soziales Gefüge. Die Unternehmen sind mit ihren alten Vorgehensmodellen und ihrer Kultur meistens am Markt gut positioniert, sodass gar kein Druck zum Wandel besteht – schon gar nicht zu einem radikalen Kulturwandel, wenn es doch „nur“ um ein Software-Entwicklungsprojekt geht.“

Eberhard Wolff mit einem sehr reflektierten Stück über agile Entwicklung, in den Kommentaren finden sich auch einige gute Erfahrungsberichte. Als Außenstehendem kommt mir Waterfall vs. Agile manchmal wie ein (meistens) freundlicher Religionskonflikt vor.

Auf struktureller Ebene scheint mir agile Entwicklung fast zweitrangig den Wunsch nach kürzeren und flexibleren Zyklen innerhalb von Projekten zusammenzuhängen. Eigentlich handelt es sich um einen Puffer gegen Stakeholder, die Projekte allzu optimistisch planen, die Roadmap durch ständige Änderungswünsche umschmeißen und an unterschiedlicher Stelle Druck ausüben. Also quasi eine Eindämmung von Irrationalität. Neulich hat ein Nutzer bei HackerNews das hier geschrieben:

„Am jetzigen Punkt meiner Karriere bin ich überzeugt davon, dass das Problem immer darin besteht, dass irgendwo in der Befehlskette jemand ist, der willkürliche Deadlines setzt und dann ständig die Anforderungen ändert. Als Entwickler habe ich das gehasst – uns wurde einfach mehr und mehr Arbeit aufgehalst, Änderungen von willkürlich über kontraproduktiv bis schlicht dumm. Produktmanager, die die Nutzer nicht verstanden und einfach zufällige Ideen ohne Überprüfung umsetzen ließen.

Als ich CTO wurde, stellte ich fest, dass meinem CEO die Realität scheissegal war, er einfach mehr forderte, Änderungen veranlasste und überhaupt nicht interessiert war, wie sich der Arbeitsaufwand zum Zeitplan verhielt. Ihm war es einfach egal, dass er verhinderte, dass das Produkt fertig wurde und er machte einfach die Entwickler (und schließlich mich) dafür verantwortlich. Mein Vertrag war so, dass ich kein Problem damit hatte, der Sündenbock zu sein, aber die Beschimpfungen, die die Entwickler über sich ergehen lassen mussten, waren sinnlos.

Das war nicht das einzige Mal. In mehr als 20 Jahren habe ich das bei Firmen wie Microsoft oder Amazon erlebt (von Bezos direkt, inkompetentester CEO aller Zeiten). Auch bei vielen Startups.
Mir kommt es vor, als wäre nicht-technischen „Leadern“ die Tatsache völlig egal, dass Software Zeit braucht. Sie glauben, dass es doch einfach möglich sein muss, alles zu jeder Zeit ändern zu können.

Ich habe deshalb unterm Strich aufgehört, für andere Leute zu arbeiten. Es ist nicht so, dass Software schwierig zu managen wäre – aber die MBA-Typen haben keinen Respekt für die Entwickler-Teams und wollen Entwickler nur ausbeuten. Wenn du in einer guten Situation bist, ist das deshalb, weil jemand zwischen dir und dem MBA-A*loch dich schützt. Oder weil dein CEO ein Entwickler ist. Ich arbeite nicht mehr für CEOs, die keine echten Entwickler sind (dabei wurde ich auch angelogen. Nein, deine HTML-Seite aus der Schule mit einem bisschen JavaScript macht dich noch nicht ‚technisch‘).“

Aus dieser (genervten) Perspektive ist ein guter Projektleiter theoretisch ein besserer Puffer als ein ausgeklügeltes Scrum-System. Umgekehrt würde ich (Achtung, ich = organisationspsychologisch interessierter Laie) aber in einem Umfeld, in dem alle die Funktionsweisen von Software-Entwicklung und ihre eigene Rolle in der Zusammenarbeit verstehen, einem agilen Projektmanagement bessere Erfolgsaussichten geben.

Aber in all dem spielen x Faktoren eine Rolle, zum Beispiel auch die Frage nach dem Lerneffekt: Denn selbst wenn ich zum Beispiel als Produktmanager den Bedarf eines größeren Zeitbudgets verstehe, kann ich meinerseits unter Druck stehen, diesen Faktor völlig zu ignorieren. „Kultur“ ist in diesem Falle eben Verpflichtung zum Respekt des Prinzips nicht nur in einer Abteilung, sondern auf allen Ebenen inklusive des externen Kunden.

Siehe auch:  Tech und seine Kulturen

Echokammer, überdacht

How Social media took us from Tahrir Square to Donald Trump

„Die Behauptung, dass wir online nur ähnlichen Sichtweisen wie unseren eigenen begegnen, ist nicht die ganze Wahrheit. Während Algorithmen den Menschen oft das geben, was sie sowieso hören wollen, zeigt die Forschung, dass wir online wahrscheinlich einer größeren Bandbreite an Meinungen begegnen als offline – oder als wir vor der Erfindung digitaler Werkzeuge ausgesetzt waren.

Das Problem ist vielmehr, dass das Aufeinandertreffen mit anderen Meinungen im Kontext von Social Media etwas anderes ist, als bei der einsamen Lektüre einer Zeitung. Es ähnelt eher der Situation in einem Fußballstadion, wenn wir sie von den Gegnern hören, während wir unter den Fans unserer eigenen Mannschaft sitzen. Online sind wir mit unseren Gemeinschaften verbunden und wir suchen die Anerkennung von Gleichgesinnten. Uns verbindet mit unserem Team, dass wir die gegnerischen Fans anschreien.

In soziologischen Begriffen: Wir stärken das Gefühl der Zugehörigkeit zur ‚Eigengruppe‘, indem wir Distanz und Spannungsverhältnis zur ‚Fremdgruppe‘ ausbauen. Wir gegen sie. Unser kognitives Universum ist keine Echokammer, unser soziales Universum schon.“

Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

Optimiert

„Normalerweise funktioniert das so: Der Aufsichtsrat sagt, dass der Umsatz steigen muss. Was hält das Management-Team für am geeignetsten? Die Verweildauer zu steigern. Also geben sie die Marschroute aus, die dann durchsickert. Schließlich arbeiten alle daran, die Verweildauer zu steigern. Das bedeutet, dem Produkt einen höheren Suchtfaktor zu geben, es packender und aufdringlicher zu machen. Und es funktioniert: Der Nutzer verbringt mehr Zeit mit dem Produkt.

Aber jeder, der das umsetzt, weiß: Das ist schlecht. Jeder Entwickler und Designer weiß, dass das furchtbar ist. Sie sind nicht glücklich, solche Features umzusetzen. Aber sie können nichts gegen die Daten sagen. Entwickler und Designer, denen Nutzer am Herzen liegen, wollen solche Funktionen nicht in die Welt setzen. Aber die Daten sagen, dass solche Features die Verweildauer vergrößern – das heißt, sie sind gut. Denn längere Verweildauer bedeutet mehr verkaufte Werbung, was mehr verdientes Geld bedeutet. (…)

Es wäre möglich, dass Firmen in anderen Strukturen dieses Problem vermeiden können. Eine Welt ist vorstellbar, in der diese Firmen der Basis der Belegschaft die Möglichkeit gibt, bestimmte Entscheidungen selbst zu treffen und Nutzern ein Mitspracherecht zu geben. Mitarbeiter und Nutzer könnten zusammen entscheiden, nach welchen Maßzahlen optimiert wird und welche Art von Technologie sie bauen wollen.“

Life Aboard the Rocket Ship: An Interview with an Anonymous Engineer

Siehe auch: Das dunkle Geheimnis deines Data Scientists

Mehr Nutzen aus Technologien

 The blitzscaling illusion

Anders als in manchen Pitch Decks propagiert sind unsere besten und wichtigsten Fortschritte und Technologien nicht per se kostenlos und ein Produkt schneller linearer Entwicklungen. Edward Tenner mit einer historischen Parallele:

„Im 20. Jahrhundert beschleunigten Kriegszeiten oft die Lösung der schwierigsten technischen Probleme: Kunstdünger, Antibiotika, Radar, Kryptographie, Atomenergie, Jet-Antriebe. Aber trotz der Alarmsignale in Sachen Klimawandel und Cybersicherheit existiert heute keine verbreitetes Gefühl der Dringlichkeit, das vergleichbar wäre. (…) Wenn wir zurück an den akuten Druck des zweiten Weltkriegs denken und wie Regierungsabteilungen damals der privaten Wirtschaft halfen, ihre Skepsis zu überwinden und zusammmenzuarbeiten, sollten wir ein vorrangiges Ziel verfolgen: Die systematischere Untersuchung all jener Ideen, die von den Tech-Medien als transformativ identifiziert worden sind. Danach sollten wir bessere Anreize für harte Technologien schaffen, die dem Gemeinwesen Nutzen bringen (zum Beispiel über Preise und bevorzugte steuerliche Behandlung). Was nutzen uns selbstfahrende Autos, wenn unsere Straßen – aus Mangel an langlebigeren Materialien und Straßenpflaster-Techniken – voller Schlaglöcher sind, die von den Autos noch nicht erkannt werden können?“

In der jüngeren Vergangenheit stoße ich häufiger auf Projekte, die Technologie gesellschaftlich denken wollen. Wenige davon denken in so großen Kategorien wie Tenner oben, sondern eher in Software. Und auch interdisziplinär beginnt gerade erst eine tiefere Vernetzung, so etwas wie fächerübergreifende R&D ist mir noch nicht oft untergekommen. Aber ich habe gerade erst begonnen, das zu sammeln – und freue mich auf Projekt-Hinweise in den Kommentaren!