Kerngeschäfte

Was This The Biggest Mistake in The History Of The Music Business?

„Ende 1997 veröffentlichte BMG Interactive Grand Theft Auto, ein 2-D-Action-Adventure, in dem Spieler in drei Städten die Aufträge krimineller Oberherren ausführten. Der Titel war ein kommerzieller Hit in den USA und Europa – doch er erschien in Zeiten ernster unternehmerischer Turbulenzen.

Im März 1998 war BMG davon überzeugt, dass die Ausflüge der Firma in den Bereich Videospiele Zeit- und Geldverschwendung seien und erklärte sich auf Anordnung von Eigentümer Bertelsmann dazu bereit, BMG Interactive loszuwerden. Sam Houser [Co-Erfinder von GTA und Mitgründer von Rockstar Games] zufolge verkaufte BMG die Firma an die in New York ansässige Take Two Interactive für eine Summe von insgesamt neun Millionen US-Dollar. Das Geschäft schloss die Mitarbeiter von BMG Interactive und alle Rechte an Grand Theft Auto ein.

(Für diejenigen, die ahnen, wohin diese Erzählung führt: Red Dead Redemption 2 spielte vergangenen Monat diese neun Millionen in der ersten Stunde nach Verkaufsstart wieder ein)“

Späteres besseres Wissen ist manchmal schmerzhafter als Zahnweh…

(via)

„Automatisierung“ und verdeckte Menschenarbeit

The Automation Charade

„Seit Anbeginn der Marktgesellschaft haben Eigentümer und Chefs ihren Mitarbeitern mit Wolllust erzählt, dass sie ersetzbar sind. Roboter verleihen dieser jahrhundertealten Dynamik eine problematische neue Note: Arbeitgeber drohen Arbeitnehmern mit der Aussicht auf maschinelle Konkurrenz und vermeiden damit Verantwortung für ihre eigene habgierige Haltung, können sie sich doch opportunistisch auf Tech-Determinismus berufen. Eine ‚Zukunft ohne Arbeit‘ ist unvermeidbar, heißt es, ein unaufhaltsamer Auswuchs von Innovation, der den Lebensunterhalt auffressende Preis des Fortschritts (traurigerweise ähnelt die Zukunft ohne Arbeit der Massen nicht der Gegenwart ohne Arbeit der Ein Prozent, die von Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen leben, ohne einen Finger zu heben, während ihr Bankkonto wächst).

Obwohl Automatisierung als neutraler Prozess präsentiert wird (…), braucht man nicht einmal genau hinzusehen um zu erkennen, dass (…) Automatisierung eine Realität und eine Ideologie ist, und deshalb auch eine Waffe, die Armen und arbeitenden Menschen vor die Nase gehalten wird, die es wagen, bessere Behandlung oder auch nur das Recht auf Auskommen zu verlangen. Aber wenn Du genauer hinguckst, wird es noch seltsamer: Automatisierte Prozesse sind oft weit weniger beeindruckend als die Marktschreierei und Propaganda um sie herum. Manchmal gibt es sie auch nicht. Jobs werden gestrichen und Gehälter gekürzt, aber Menschen arbeiten immer noch neben oder hinter den Maschinen, auch wenn ihre Arbeit dabei keine Fähigkeiten mehr braucht oder gar nicht bezahlt wird. (…)

Arbeit ist [zum Beispiel] nicht aus den Restaurant-Gasträumen verschwunden, vielmehr übernimmt eine andere Person die Arbeit. Anstatt eines Mitarbeiters, der die Bestellungen der Gäste eintippt, machen die Gäste nun selbst kostenlos diese Arbeit, während junge, freundlich aussehende Mitarbeiter um sie herum schwirren und die Mahlzeiten zu den Tischen bringen. (…) Neulich wartete ich in einem Restaurant auf ein Mitnahme-Essen, das ich altmodisch durch ein Gespräch mit der Frau hinter der Kasse bestellt und mit Bargeld bezahlt hatte. Während ich auf mein Mittagessen wartete, drückte der Mann vor mir seine Verwunderung aus, dass er sein Essen bekam. ‚Woher wusste die App, dass meine Bestellung 20 Minuten früher fertig ist?`, fragte er erstaunt, während er sein Telefon fest umklammerte. ‚Weil ich das bin‘, sagte die Frau, ‚Ich habe ihnen eine Nachricht geschickt, als das Essen fertig war.'“

Was Schmerz bedeutet

The Crisis of Intimacy in the Age of Digital Connectivity

Zur Wochenendlektüre empfohlen: Stephen Marche ohne Klischees über Intimität und Vernetzung. Der Ausschnitt ist nur ein Bruchteil vieler sortierender, fantastischer Gedanken.

„Der grundlegende Widerspruch ist so einfach wie zum Verzweifeln: das Teilen persönlicher Erfahrungen war nie verbreiteter, während Empathie – die Fähigkeit, die Bedeutung der persönlichen Erfahrung eines anderen Menschen zu erkennen – nie seltener war. In Philosophische Untersuchungen hat Wittgenstein genau dieses Problem angesprochen, die Bedeutung von Intimität und die Intimität von Bedeutung. ‚Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes‘, schrieb er. ‚Es wäre also die Annahme möglich – obwohl nicht verifizierbar – ein Teil der Menschheit habe eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.‘ Wittgenstein glaubte, dass das unverifizierbar sei, aber das Internet hat es verifiziert: Ist das Kleid blau oder golden? Hörst du Yanny oder Laurel?“ (…)

Die einsetzende politische Katastrophe in den USA kann in einem Ausdruck beschrieben werden: Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen echt ist. Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen bedeutsam ist. Niemand erkennt den Schmerz des anderen. Das ist das Kernproblem der im Internet provozierten Empörung und Abscheu, der Hyperparteilichkeit, die so viele Rädchen in Bewegung setzt. Niemand ist willens zu akzeptieren, wie der andere seine Gefühle beschreibt. Die Welt der digitalen Konnektivität ist ein Haufen von Käfern in einem Haufen von Schachteln, die mit Drähten verbunden sind.“

Jedi Mind Tricks

Star Wars: The Last Jedi abuse blamed on Russian trolls and ‚political agendas‘

„Mehr als die Hälfte der feindseligen Reaktionen auf ‚The Last Jedi‘, die achte Episode der Star-Wars-Saga, waren politisch motiviertes Trollen oder das Resultat nicht-menschlicher Bot-Aktivität. Dies ist die Erkenntnis eines wissenschaftlichen Papiers, das ein amerikanischer Digitalmedien-Experte publiziert hat.

Morten Bay, ein Forschungsstipendiat an der University of Southern California (USC), analysierte Twitter-Aktivitäten rund um den Film und kam zu dem Schluss, dass mehr als 50 Prozent der Postings von ‚Bots, Trollen/Sockenpuppen oder jenen politischen Aktivisten kam, die in der Debatte politische Botschaften für rechtsradikale Themen und die Diskriminierung nach Geschlecht, Ethnie oder Sexualität platzieren wollten. Ein Teil der Nutzer schienen russische Trolle gewesen zu sein.“

Filmkritik-Trolling mit politischer Agenda also. Ich kann zur Methodik nichts sagen und offenbar geht die Reihe ja qualitativ ohnehin den Bach runter. Und natürlich ist das Troll-Argument auch eine Möglichkeit, unangenehmen Debatten aus dem Weg zu gehen. Aber unter dem Strich bleibt, dass Twitter ein kaputter Ort ist. Wie fertig ist bitteschön eine Community, in der niemand weiß, ob, was und wie ein Diskurs manipuliert wird. Und in der das wieder und wieder geschieht, während die Community-Manager mehr oder weniger achselzuckend darauf reagieren.

Siehe auch:
Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Narziß und Goldmund im 21. Jahrhundert

Gerade aus den internationalen Feuilletons wird der wachsenden Irrelevanz der Geisteswissenschaften mit dem Szenario begegnet, die Digitalisierung wäre menschenfreundlicher verlaufen, wenn doch nur mehr Geisteswissenschaftler beteiligt gewesen wären (also außerhalb der PR-Abteilungen, meine ich).

David Auerbach, Ex-Entwickler bei Microsoft und Google und inzwischen Essayist, in seinem Buch „Bitwise – A Life in Code“ (Seite 81) zu diesem Konflikt:

„In den Augen von Tech-Spezialisten bauen die Gelehrten der Geisteswissenschaften schlecht begründete Luftschlösser, und das mit der Hilfe von bedeutungslosen Worten, um zu beweisen, das nichts etwas bedeutet. Für die Geisteswissenschaftler sind die Tech-Spezialisten gefangen in einer positivistischen Geisteshaltung, die wenig Raum für Kontext, Spekulation oder solche Denkweisen lässt, die nicht auf eine logische Form reduziert werden können. Jede Seite neigt dazu, die andere mit erstaunlicher Lieblosigkeit zu behandeln.

Die Begegnung findet allerdings kaum auf Augenhöhe statt: Der Tech-Boom und die immer zentralere Stellung der computergetriebenen Verarbeitung in unserem Leben hat der Tech-Kultur ein Gefühl von Relevanz und finanziellem Erfolg gegeben, das in starkem Kontrast zum Übermaß an schlecht bezahlter Arbeit in den Hochschulen steht. Universitäre (Geistes-)Wissenschaftler können Tech nicht mehr ignorieren, und Modeerscheinungen wie die ‚Digital Humanities‘ oder auch Technologie-Studien wurden zu neuen Mechanismen, um das prekäre System des amerikanischen Hochschulwesens etwas abzustützen.

Für mich waren die beiden Felder stets gleichberechtigt – und gleichermaßen fremd. Die Exaktheit der Computerwissenschaften gab mir ein Werkzeug, heiße sprachliche Luft zu erkennen. Geisteswissenschaftliche Einbildungskraft jedoch ermöglichte es mir zu verstehen, was ich in diesem technokratischen Labyrinth überhaupt tat – und mich zu fragen, warum ich es tat und wohin es führte. Ich programmiere nicht länger hauptberuflich, aber ich vermisse das geistige Training, das es mir verschaffte und das mir half, meinen Verstand präzise geometrisch zu schärfen.“

Siehe auch:
Tech und seine Kulturen
Fuchs und Igel, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften

McKinley und der erste Wahlwerbespot der Geschichte

Ich arbeite gerade an einem Magazin-Stück über den gegenwärtigen US-Präsidenten und die vernetzte Medienlandschaft. Dabei bin ich auf dieses Video des 25. US-Präsidenten gestoßen: William McKinley spielt hier 1896 nach, wie er von seinem Sekretär die Nachricht erhält, dass ihn die Republikaner als Kandidaten nominiert haben (in Wahrheit war das bereits Monate vorher passiert). Der Stummfilm wurde mit 15 anderen im ganzen Land gezeigt, um den Menschen die neue Technologie vorzustellen. Als McKinley den Brief mit der Nachricht geöffnet hat, nimmt er den Hut ab und wischt sich die Stirn. Das alles ist verständlicherweise überhaupt nicht natürlich, aus den Augenwinkeln guckt er immer wieder in die Kamera. Aber es lässt sich wohl behaupten, dass es sich hierbei um den ersten Wahlkampf-Spot der Geschichte handelt.

Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.

Nächste Generation Social Media

 Das Social-Media-Drama

Nico drüben über seine Abkehr von Social Media. Irgendetwas geht gerade in eine andere Phase über, ohne eben wirklich zu enden. Ich habe das Gefühl, die nächste Generation Social Media – also das, wo die Kommunikationskultur geprägt wird – entwickelt sich gerade neben Instagram bei Fortnite (MMO als Mega-Mainstream) und Twitch. Allen gemeinsam ist: semi-öffentlich, Text nur noch Randelement, wenig Politisierung, besser zu kontrollierende Nähe/Distanz.