Datengewerkschaften

What if people were paid for their data?
We Must Not Treat Data As A Natural Resource

Ludwig Siegele vom Economist bringt die Idee einer Datengewerkschaft einem größeren Publikum nahe. Kurz gesagt: Ein Zusammenschluss von datenproduzierenden Bürgern, die in etwas ähnlichem wie Tarifrunden Preise für die Auswertung ihrer Daten ausverhandeln.

Die kanadische Jura-Professorin Lisa Austin (Link 2) versucht in ähnlichem Zusammenhang das Prinzip der Datengerechtigkeit einzuführen und so einen Rahmen zu entwickeln, der „Daten sind nach Einwilligung in die AGB frei auswertbar“ ablöst.

Wenn ich das alles richtig deute, ändert sich gerade etwas in unserer Vorstellung von „Daten“: Erst waren sie ein digitales Nebenprodukt, dann ein Rohstoff, und nun rücken Daten näher an etwas, das einen Besitzer hat, aber aggregiert auch dem Allgemeinwohl dienen soll. Und wie dieser Beitrag zum Allgemeinwohl (jenseits klarer Fälle wie Open Data) aussehen kann, wird jetzt langsam ausdiskutiert.

Die DSGVO trägt dieser Entwicklung in der Praxis noch nicht Rechnung, aber scheint mir immerhin zum fortgesetzten Nachdenken über das Wesen der Daten geführt zu haben.

Domainfactory from hell

Domainfactory-Kundendaten waren als XML-Feed offen im Netz

Nur fürs Protokoll: Das Datenschutz-Desaster der Domainfactory offenbart, wie kaputt dieser Laden intern offenbar ist. Die Menschen im Kundendienst sind immer hilfsbereit, aber offensichtlich ist man inzwischen unterm Strich eine vernachlässigte Abteilung von Host Europe, das wiederum eine Abteilung von Go Daddy ist. Alles optimiert, aber eben nicht auf eine nachhaltige digitale Architektur inklusive Testing (wo so ein gravierender Fehler auffallen müsste), sondern auf Kosteneffizienz. Ziemlich schade das alles, wird wohl Zeit für einen Umzug.

Drei Varianten der Internet-Kontrolle

Three Approaches to Internet Content ($)

Ben Thompson hat vor der heutigen Entscheidung des Europaparlaments noch einmal den Stand der Internet-Balkanisierung zusammengefasst. Seine Übersicht der drei Schulen:

„Die amerikanische Position der Internetkontrolle: Plattformen sind für user-generated Content nicht haftbar, sie können allerdings ihre eigenen Regeln dazu formulieren. In anderen Worten, das amerikanische Internet wird vorwiegend von großen Plattformen beaufsichtigt, die Einschränkungen entstehen vor allem durch die öffentliche Meinung und die Haltung der Mitarbeiter.

Die EU andererseits – vielleicht, weil sie keine eigenen großen Plattformen hat – erlegt den großen Plattformen beschwerliche Regulierungen auf, die wahrscheinlich dazu führen werden, das user-generierter Inhalt zugunsten der plattformlosen Urheberrechtsinhaber stark eingeschränkt wird.

Es gibt auch noch ein drittes Modell, in China: dort beschäftigt sich die Regierung vor allem mit politischen Meinungen, das Urheberrecht interessiert sie nicht. Das Resultat ist, dass die großen Internet-Plattformen sich verstärkt mit der Regierung zusammenschließen und gezwungen werden, sich um die Zensur politischer Inhalte zu kümmern.“

Der aktuelle Entwurf ist nun erst einmal vom Tisch, aber eine Trendumkehr kann ich mir kaum vorstellen: Der Schutz angestammter Branchen und Industrien ist ein zentraler Bestandteil der europäischen Politik. Das darf ein Wirtschaftsblock erst einmal, und es kann sogar Erfolg versprechen, wenn es sich nicht nur um Zeitspiel handelt. Allerdings gibt es in diesem Fall offensichtlich nicht genügend Korrektive und Kompetenz, um Klientelismus und Symbolik zugunsten einer schlüssigen Digitalpolitik aufzugeben (was, angesichts der europäischen Defizite bei der digitalen Wertschöpfung, zugegeben nicht einfach ist, aber in anderen Feldern ja durchaus funktioniert).

Siehe auch Jannis Brühl @SZ: Bis das letzte Bild gescannt ist

Private Daten, öffentlicher Besitz

Let’s Make Private Data Into A Public Good

„Lasst uns nicht vergessen, dass ein großer Teil der Technologie und der notwendigen Daten von uns allen geschaffen wurde, und deshalb uns gehören sollte. Die darunter liegende Infrastruktur, auf der all diese Firmen aufbauen, wurde kollektiv aufgebaut (durch die Steuergelder, die das Internet ermöglichten), und sie funktioniert ebenfalls von Netzwerkeffekten, die kollektiv produziert werden. Es gibt in der Tat keinen Grund, warum die Daten der Allgemeinheit nicht in einem öffentlichen Speicher lagern sollten, der die Daten an die Technologie-Giganten verkauft, anstatt umgekehrt.  Aber der zentrale Punkt ist, dass es nicht nur darum geht, den Bürgern einen Teil der Profite durch Daten zurück zu geben, sondern damit auch die Digitalwirtschaft so zu entwickeln, dass sie öffentlichen Bedürfnissen zugute kommt. Big Data und AI zur Verbesserung der Dienstleistungen des Sozialstaats einzusetzen, ist dabei nur ein Beispiel.“

Die Ökonomin Mariana Mazzucato versucht schon länger, den Dualismus privat-öffentlich aufzubrechen und zu modernisieren. Grundlagenforschung als Argument für de facto Enteignung anzuführen, ist natürlich etwas wacklig. Allerdings ist die Eigentümerschaft der Tech-Anbieter an den Backend-Daten bei genauerem Hinsehen eine Orthodoxie, die sich durch Markt und AGBs ergeben hat.

Nun bräuchte es für die Umsetzung des Gemeinwohl-Arguments in den USA einen politischen Willen oder ein funktionierendes Regulierungssystem; in der EU wäre wiederum der Bezug auf Grundlagenforschung bei US-Firmen nicht vollständig gegeben, auch wenn das Konzept „Internet als Wissensallmende“ sicherlich global ist. Ideal wäre also eine transnationale Struktur für die Umsetzung dieser Idee (und dann wäre man bei der Definition von „öffentliche Daten-Speicher“ im Kontext der Überwachbarkeit).

Die rechtlichen und praktischen Überlegungen ist das ziemlich spannend. Allerdings führt das gerade gern verwendete Argument „Daten sind wichtig für unsere nationale Wettbewerbsfähigkeit“ zur Stärkung einer Struktur, in der Speicherung und Weiterverarbeitung von Daten in einer (privaten) Hand bleiben. Woraus ich wiederum ableite, dass wir in einer vernetzten Digitalwirtschaft den Begriff „Teilhabe“ vermutlich viel radikaler interpretieren müssen als Weiterqualifizierung in Zeiten der Automatisierung oder dem Recht auf Download der eigenen Profil-Excel.

Uploadfilter statt Fair Use

Upload-Filter sind eine Schnapsidee

Dass die EU sich anschickt, weiterhin Politik für Akteure der vordigitalen Vergangenheit zu machen, überrascht nach den vergangenen Jahren nicht. Wenn man mich allerdings vor einem Jahrzehnt gefragt hätte, wäre meine Erwartung gewesen, dass die Digitalisierung in Europa zu größeren Spielräumen im Sinne eines „Fair Use“ führt. Ich nehme an, dass der EuGH Uploadfilter kippen wird, wenn sie denn kommen. Aber der Verlust von „sozialem Stammkapital“, von dem ich im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht geschrieben habe, scheint auch den verantwortlichen politischen Entscheidungsträger in Straßburg nicht zu interessieren. Dabei scheinen mir die Digitalistas mehrheitlich durchaus ein Publikum, das die europäische Institutionen schätzt und gerne stärken würde.

Zwei empfehlenswerte Tech-Bücher

An neuen Büchern über die Digitalisierung mangelt es nicht, ich kann jedoch nur wenige empfehlen. Zwei aktuelle Bücher haben mir in den vergangenen Monaten aber großen Lesegewinn beschert. Hier seien sie endlich einmal kurz vorgestellt:

Ellen Ullman: Life in Code

Ellen Ullman begann in den Siebzigern als Programmiererin zu arbeiten und hat darüber später für Wired, Harpers und andere Magazine geschrieben. „Close to the Machine“ (1997) machte sie bekannt und die Metapher spielt auch in „Life in Code“ eine Rolle, das die vergangenen Jahrzehnte in autobiografischen Essays nacherzählt. „Nahe an der Maschine“ waren in den Siebzigern eben jene Programmierer, die noch direkt mit der Nullen-Einsen-Ebene zu tun hatten, weit weg von den immer neuen Abstraktionsebenen der Software. Und irgendwann eben dann eben waren wir alle „close to the machine“, wenn auch auf andere Art. Ullmans aktuelles Buch ist eine persönliche Evolutionsgeschichte von Computer und Internet, die Phänomene wie „Frauen in Männerteams 1970-1999“, frühes Maschinenlernen, Y2K-Bug oder die Dotcom-Blase aus der damaligen Gegenwart beschreibt (Ullman lebt in San Francisco, ohne Teil einer „Szene“ zu sein). Und es ist mein erstes Tech-Buch, in dem ich historische Entwicklungen nicht mit der Perspektive von heute im Hinterkopf, sondern eben aus der Sicht von damals nacherleben kann. Was sich verwirrend atemberaubend anfühlt.

Adam Greenfield: Radical Technologies – The Design of Everyday Life

Adam Greenfield ist Urbanist, Designer und seit langem interessierter Begleiter der Digitalisierung. Auch wenn „Radical Technologies“ ein technologiekritisches Buch geworden ist, merkt man Greenfield an, dass es ihm um eine ehrliche Analyse geht, nicht um die These (was ihn wahrscheinlich auf dem deutschen Buchmarkt unvermittelbar machen würde). „Radical Technologies“ ist für mich die bisher präziseste und zugänglichste Darstellung von Technologien wie Automatisierung, Blockchain oder Machine Learning und den ihnen inhärenten Systemen, die ja wiederum auf unsere bisherigen Alltags- und Gesellschaftssysteme treffen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wohltuend sauber Greenfield arbeitet und was es für einen Unterschied macht, wenn ein Autor Technologien durchdringt und aus diesem Wissen klare Gedanken und Fragen formuliert (auch wenn ich mir mehr Antworten im Sinne von Handlungsoptionen gewünscht hätte). Wenn wir eine humanistische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung wagen wollen, die sich nicht in den üblichen Ritualen und banalen Psycholoanalyse-Memes wie „das Silicon Valley hat einen Gott-Komplex“ erschöpft, dann hat Adam Greenfield uns einen vielversprechenden Pfad dorthin eröffnet.

 

 

Unbewusste, unterbrechende und unsichtbare Medien

 The Future of Television is being able to pick Shows by Length

„Konsumenten sortieren heute (oft unbewusst) jedes Medien-Produkt vom Podcast über Magazingeschichten bis zum Video in drei Kategorien: Bewusst, unterbrechend und unsichtbar. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind bedeutend. (…)
Bewusste Medien sind jene Handvoll Angebote, deren Konsum wir vorher planen, um dann ein besonderes Stück unserer Zeit dafür zu reservieren. Für mich sind das Couch-Shows wie Better Call Saul und sonst fast nichts. Unterbrechende Medien wiederum sind eine viel größere Kategorie: Diese Programmgestaltung füllt die freien Plätze in unserem Leben – 10 Minuten in der Supermarkt-Schlange, fünf Minuten beim Warten nach dem Kindertraining, 35 Minuten im Zug oder Bus. Für mich sind das Artikel, die ich auf Instapaper gespeichert habe, Hörbücher und Smartphone-Shows wie Billions, das mir sehr gefällt, das ich aber noch nie daheim angeschaut habe und selten in längeren Segmenten als 30 Minuten. Unsichtbare Medien ist die größte Kategorie von allen – das Zeug, das wir niemals sehen, von dem wir kaum wissen, dass es überhaupt existiert.“

Hilfreiche Kategorien. Ich hatte mal ein „Uber für @SZ-Inhalte“ gepitcht, das aus der Kombination von „Zeit zur Verfügung“ (wählbar) und Interessensgebieten redaktionelle Artikel und Videos zeigt. Quasi eine Abwandlung von dem, was die App „NPR One“ im Audiobereich schon gut macht. Die Umsetzung ist komplex, inzwischen würde ich diese Funktion auch eher bei einem der diversen Assistenten da draußen verorten (falls es das nicht schon irgendwie gibt). Wobei ich gar nicht weiß, ob das notwendige flächendeckende API-Ökosytem realistisch wäre, das wäre für App-Anbieter ja quasi ein weiteres zwischengeschaltetes Meta-OS.

The Stack

Delete Your Account: On the Theory of Platform Capitalism

Leif Weitherby bespricht ein paar Bücher, darunter Benjamin Brattons „The Stack“ – das vielleicht wegweisendste Werk zur Struktur unserer Gegenwart (an dessen theorieschwerer Lektüre ich aber gescheitert bin).

Brattons „Stack“, der als Metapher schwer passend zu übersetzend ist und doch jedem Code-Arbeiter sofort einleuchtet, ist die gerade entstehende Megastruktur: Sechs Schichten aus Erde, Cloud, Adresse, Stadt, Interface und Nutzer. Im Stack vollzieht sich der Kollaps bislang unterscheidbarer Sphären: das Soziale und der Profit, Kultur und das Kapital, die Unterscheidung zwischen Information und Materie. Alles ist Teil des „Stack“.

Wenn wir also über die Regulierung des Plattform-Kapitalismus sprechen oder über die Kontrolle der Klimawandel-Folgen, reden wir über System-Design. Design, das als Grundlage bereits diesen Kollaps der unterschiedlichen Sphären nachvollzogen hat. Bratton macht dafür offensichtlich nur wenige konstruktive Vorschläge. Weatherby kommt deshalb zu dem deprimierenden Fazit, dass wir „von Katastrophe zu Katastrophe stolpern werden, die schlimmsten Konsequenzen vermeidend  und dabei die niemals endende Aufgabe ignorierend, Theorie und Politik in der Ära der Plattform auf den gleichen Stand zu bringen“. Das klingt logisch. Und ernüchternd.

Smartphone-Stories als prägendes Genre

Why „Stories“ Took Over Your Smartphone

Ian Bogost formuliert drüben im Atlantic seine Gedanken über Stories (auf Instagram, Snapchat und Co.) als erstes genuine Smartphone-Genre – und als prägendes Format der kommenden Jahre. Aber was genau sind sie?

„‚Fotografie handelt nicht von dem Objekt, das fografiert wird‘, sagte einst der [bekannte Straßenfotograf Garry] Winogrand, ’sondern davon, wie das Objekt fotografiert aussieht.‘ Genauso handelt eine Story nicht von den Sachen, die in der Story angereiht wurden. Sondern davon, wie diese Sachen durch die Sensoren und Software eines Smartphones aussehen. Es ist eine seltsame Empfindung, in den Lauf dieser Zukunft hinab zu blicken. Auf der einen Seite ist das Smartphone eindeutig populär und wichtig genug, seine Vorfahren zu Fall zu bringen und sie zu ersetzen, während es sich die DNS ihrer Medien einverleibt. Auf der anderen Seite aber kann sich das Smartphone schon jetzt wie ein beklemmendes, krankmachendes Fenster in die Welt anfühlen.“

Internet-Ordnungen: Der Garten und der Fluss

„Der Garten ist das Web als Topologie. Das Web als Raum. Es ist das integrative, iterative Web, das Web als Anordnung und Neu-Anordnung von Dingen im Verhältnis zueinander. (…) Jeder Gang durch den Garten erschafft neue Pfade, neue Bedeutungen. (…) In der Fluss-Metapher (…) springst Du hinein und lässt dich treiben. Du fühlst seine Kraft, während die Dinge vorbei treiben. Es ist nicht so, dass Du im Fluss passiv bist. Du kannst aktiv sein, aber deine Handlungen – deine Blog-Postings, @-Mentions, Foren-Kommentare – existieren in einem Kontext, der auf eine einfache Zeitleiste von Ereignissen zusammengefaltet wurde, die zusammen ein Narrativ ergeben. In anderen Worten: Der Fluss ersetzt Topologie mit Serialisierung. Statt einer zeitlosen Welt von Verbindungen und unterschiedlichen Pfaden präsentiert der Fluss uns einen einzigen, zeitlich angeordneten Pfad mit unserer Erfahrung (und nur unserer Erfahrung) im Mittelpunkt.“