Texas Pastorale

Ein perfekter Sturm auf dem Meer beginnt meistens, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. In Texas aber kann ich einem Opossum schon begegnen, wenn ich im falschen Moment die Haustür öffne. Was mir neulich passiert ist, als ich die Post holen wollte. Das Opossum saß auf der Türschwelle und guckte hoch. Ich guckte runter. Und machte erschreckt wieder zu.

Dass es Opossums jahrelang gelingt, durch die Maschen der Zivilisation zu schlüpfen, die das dicht besiedelte Austin in Jahrzehnten geknüpft hat, ist leicht zu erklären: Obwohl die Stadt wächst, gibt es noch einige grüne, fast wilde Abschnitte. Wir wohnen zum Beispiel an einer kleinen Waldschlucht, obwohl die Autobahn nur 279 Meter Luftlinie entfernt liegt.

Wie sieht ein Opossum aus? Für ein Foto reichen die kurzen Begegnungen nicht, deshalb ein Stockphoto:

Auch wenn sie einen anderen Eindruck erwecken: Opossums sind genialistische, aber mit schlechtem Augenlicht ausgestattete Speisereste-Finder. Jeder Wahl-Texaner lernt, dass sie aus Grillresten oder liegengebliebenem Katzenfutter-Material vor der Tür Hüftgold spinnen können. Oder erlebt es. Im Sommer hatten wir einen Futterspender für Kolibris aufgestellt. Er ist einer Blüte nachempfunden, aber an das eingefüllte Zuckerwasser kommen nur die spitzen Kolibri-Schnäbel.

Aus intelligentem Design aber folgt nicht unbedingt gute Verarbeitung, unser Futterhaus tropfte und so fanden wir in einer stickigen Sommernacht ein Opossum auf unserer Terrasse, wie es eifrig das Zuckerwasser vom Holzboden schleckte. Und zwar so eifrig, dass wir es gleich zwei Mal vertreiben mussten.

Ein anderes Mal, als wir das Futterhäuschen abends hängen ließen, fanden wir dagegen später eine Gruppe Kakerlaken in der Zuckerpfütze zugange. Dem Eindruck nach ebenso eifrig, aber weit weniger willkommen.

Der Sommer war hier ohnehin brutal, 34 bis 42 Grad, nachts nur selten unter 24. Und vor allem trocken, monatelang. Als würde das Klima im Jahr 2018 das Wetter nutzen, um alte Rechnungen mit dem Öl-Bundesstaat Texas zu begleichen. Nachdem der texanische Sommer Fahrt aufgenommen hatte, hielten wir lange inne, wie jemand der die Wahrheit kennt, aber sie nicht auszusprechen wagt: Die Hitze ist noch unerträglicher als in New Orleans.

Irgendwann ging ich dazu über, nicht nur unsere spärlichen Pflanzen und den dürren Rasen zu wässern, sondern auch die umliegenden Bäume, deren Blätter sich Ende Juli teilweise gelb zu färben begannen.

Die einäugige und furchtbar traumatisierte Streunerkatze, die wir manchmal fütterten, erschien nur noch kurz vor Sonnenuntergang, schnaufend und in ihrem Maine-Coon-Pelz sichtlich zu warm unterwegs. Und auf dem Baum gegenüber legte sich in jenen Abendstunden die dort wohnende Waschbärin erschöpft zur Kühlung auf einen Ast – nach einiger Zeit erschienen auch die drei Waschbär-Welpen, von denen wir nichts gewusst hatten, vor der Baumhöhle (zwei davon im Bild).

Texas Waschbären im Baum

Einmal gingen wir nachts auf die Terrasse und schalteten versehentlich das Licht an. Dabei erwischten wie die ganze Familie bei Kletterübungen in der Baumkrone. Meistens aber finden wir nur draußen, wenn es heller Morgen wird und irgendwo ein Bus die Grenze nach Texas überquert, mit echten oder erfundenen Passagieren, unsere Mülltonnen durchwühlt vor (in der Waschbär-Hauptstadt Toronto wurden 2017 die Mülltonnen aus diesem Grund neu designt).

Nun ist es Winter, das Waldstück ist kahl, die Kolibris sind in den Süden geflüchtet. Doch von den Bäumen singen Vögel, die immer wieder das Futterhaus auf unserer Terrasse ansteuern. Die prächtigsten von allen sind die Rotkardinäle (Football-Fans als Wappentier der Arizona Cardinals bekannt), von denen ein Paar uns immer besucht. Manchmal setzen sich nach Sonnenuntergang Eulen auf unser Dach und rufen in die Nacht.

Neulich gingen bei uns die Alarmglocken an; jemand von der anderen Seite der Waldschlucht hatte gemeldet, dass er eine Gruppe Coyoten auf der Straße gesehen habe – jene Coyoten womöglich, die hier im Sommer in der Nähe des Flusses mehr als ein Dutzend Haustiere verspeist haben.

Verkörpern die Coyoten das Böse? Gibt es das? Oder ist es nicht vielmehr die voranschreitende Zivilisation, die ihnen den Lebensraum nimmt und sie in die Nähe der Menschen zwingt? Unser texanisches Naturidyll ist brüchig, aber es geht ihm immerhin besser als dieser Tage dem ironiefreien Pathos im Journalismus (R.I.P.).

Ich blicke in die Dunkelheit. Kein Insekt fliegt, keine Zikade gibt dem Wald diese Aura des Dschungels, die ihn im Sommer umgibt. Nichts singt, nur das regelmäßige Rauschen der Autobahn ist zu hören. Doch dann ertönt leise ein Song in unserem Wohnzimmer, er ist von den Ramones:

I love you and you love me
And that’s the way it’s got to be
I loved you from the start
Cause Christmas ain’t the time for breaking each other’s hearts

Merry Christmas, I don’t want to fight tonight

Disclosure: Dieser Blogbeitrag wurde mit Text- und Versatzstücken aus Gegenwartsdebatten  angereichert.

Und GOP sprach…

„Möget Ihr das Land der Freien, die Heimat der niedrigen Steuern und geladenen Waffen, den gesegneten Boden der Fracking-Brunnen und die XXL-Pickup-Trucks unserer bei Vollgas SMS schreibenden Autofahrer (Freiheit!) vor den Plagen des Sozialismus bewahren, den die Demokraten mit ihrer teuflischen Idee von einer allgemeinen Krankenversicherung über uns bringen werden. Oder kürzer: Beto, because Socialism sux.“

(Hintergrund)
Who is GOP?

Kaltfront

20 Grad weniger innerhalb der nächsten 18 Stunden. Das Wetter in Central Texas ist für mich weiterhin eine Obsession, langsam verstehe ich ungefähr, warum die Temperaturen sich so schnell ändern (Luft vom Golf vs. Luft aus Kanada und das ungebremst, da die Gebirge dazwischen von Norden nach Süden verlaufen). Im Winter verstärkt sich das Phänomen und ist als „Texas Norther“ oder auch „Blue Norther“ bekannt, wenn unter dunkelblauem Himmel die Temperatur wie ein Stein in Richtung Gefrierpunkt fällt, um teilweise 14 Grad pro Stunde.

Am 11.11.1911 traf der Great Blue Norther auf den Mittleren Westen und den Norden von Texas, in Springfield (Missouri) wurden am Nachmittag noch 27 Grad Celsius gemessen, um Mitternacht waren es minus 11 Grad. Der Temperatursturz löste als Nebenwirkung auch einige Tornados aus.

James Byrd jr.

The Shocking Legacy of America’s Worst Modern-Day Lynching

Heute vor 20 Jahren verprügelten drei weiße Männer in der osttexanischen Kleinstadt Jasper den Afroamerikaner James Byrd jr.. Sie urinierten auf ihn, banden ihn an einen Pick-Up-Truck und schleiften den 49-Jährigen durch die Straßen. James Byrd jr. war Gutachten zufolge noch am Leben, als sein Körper dabei gegen einen Durchlass prallte und ihm der Kopf abgetrennt wurde.

Menschen mit Verwandtschaft dort erzählen mir, dass das Grenzgebiet zwischen Texas und Louisiana in Sachen Rassenhass das schlimmste ist. Weiß und Schwarz stehen sich in unterdrückter Feindseligkeit gegenüber. Dass es noch zur Jahrtausendwende zu einem Lynchmord kommen konnte, symbolisiert dabei die Machtverhältnisse. Genau wie die Schändung von Byrds Grab 2004 durch zwei Teenager. Oder die Aussagen im oben verlinkten Stück aus dem Jahr 2018: „Ich weiß nicht, ob ein Drogendeal falsch gelaufen ist oder so. Aber ich kann sagen, das hatte nichts mit der Rasse zu tun“, sagt ein weißer Bewohner, „die Menschen in Jasper wissen das.“

Der Prozess endete mit zwei Todesurteilen, von denen eines 2011 vollstreckt wurde, sowie einmal lebenslanger Haft. Hinweise auf ein anderes Motiv als Hass gab es nicht. Der Sänger Matthew Mayfield thematisierte die Ermordung Byrds in seinem Song „Still Alive“.

Texanische Nachbarn

Waschbären Central Texas

Austin ist bekannt für seine Creeks – dichte Waldschluchten, die sich um kleine Bäche und Flussbette gruppieren. Wir wohnen an einem solchen Creek, eine für Europäer ungewohnte Nachbarschaft.

Im Baum nebenan wohnt inzwischen ein Waschbär (siehe Foto). Davor lebte dort eine Eichhörnchenfamilie, ich ahne, dass er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat. In der Dämmerung sucht ein Amardillo die Böschung ab und gräbt Löcher in den Boden, sobald er dort Insekten gewittert hat. Bei Regen watschelt manchmal nachts ein Opossum am Wohnzimmer vorbei. Lässt man es in Ruhe, kümmert es sich um die Kakerlaken und Moskitos, die sonst in sicherem Abstand auf einen offenen Türspalt warten.

Im Morgengrauen streift eine verwilderte Perserkatze umher und will Futter schnorren. Die Katze hat nur ein Auge und zeigt deshalb kein Interesse an den knallroten Vögeln, die um sie herum schwirren und abgelegte Teile ihres Katzenpelzes stibitzen, um damit ihre Nester zu verstärken. Die Katze und das Opossum verstehen sich übrigens ganz gut.

Beide müssen wiederum die Coyoten fürchten, die manchmal nachts auf dem Weg durch das weit verzweigte Creek-System die Schlucht durchstreifen. Wir haben noch keine bemerkt, es hatte sich nur einmal ein Fuchs vor unser Fenster verirrt. Doch wer weiß, was dort unten noch alles wohnt… Manchmal höre ich nachts einen neuen, fremden Tierschrei aus der Dunkelheit des Waldes. Für einen Moment zerreißt der Sound der Wildnis das leise Rauschen der Stadtautobahn und ich bin hellwach.