Moralischer Bogen vs. moralische Katastrophen

Why Does Jim Holt Exist?

„Das historische Datenmaterial scheint in den vergangenen Jahrtausenden einen Pinker’schen Trend Richtung des moralischen Fortschritts zu zeigen – das ist das Signal. Aber dann gibt es das wachsende Ausmaß moralischer Katastrophen, das sowohl der Technik als auch größeren Formen sozialer Ordnungen geschuldet ist – das ist das Rauschen. (Oder vertausche ich Signal und Rauschen?) Wenn ich mir die nähere Zukunft ansehe bin ich recht zuversichtlich, dass wir gegenwärtige barbarische Praktiken wie die bestrafende Einkerkerung von Menschen oder den Missbrauch von nicht-menschlichen Tieren in Fabrik-Landwirtschaft beenden werden. Aber ich bin nicht willens, den Bogen der moralischen Fortschritte in die fernere Zukunft hochzurechnen, im Gegensatz zu einigen lotus-essenden Visionären.

Es gibt ein abstraktes, quasi-evolutionäres Argument, dass sich moralischer Fortschritt für immer fortsetzen wird. Er beruht auf der Beobachtung, dass in Computer-Simulationen von abgewandelten Gefangenen-Dilemma-Spielen sich die kooperierenden Einheiten gegen die schummelnden Einheiten durchsetzen. Daraus, so das Argument, lässt sich ableiten, dass unsere sehr weit entfernten Nachfahren extrem nett zueinander sein werden. Seit dem Auftauchen unserer Spezies sind schon ungefähr 50 Milliarden Menschen entstanden. Wie viele mehr von uns wird es geben? Nach dem kopernikanischen Prinzip – wonach wir Menschen, die jetzt gerade existieren, wahrscheinlich nicht ‚besonders‘ sind, verglichen mit den allerersten oder den allerletzten Menschen, die jemals existieren – können wir mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, dass es von uns nicht mehr als weitere zwei Billionen geben wird. Wenn wir annehmen, dass die Bevölkerung auf der Erde sich bei ungefähr 10 Milliarden stabilisiert, bedeutet das, dass die menschliche Spezies innerhalb der nächsten 20 Jahrtausende aussterben wird, oder sogar schneller, wenn wir unsere Zahl von Generationen erweitern, indem wir andere Planeten übernehmen. Und wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass unser wahrscheinliches Aussterben selbstzugefügt sein wird und kein kosmischer Unfall. In anderen Worten: Es wird, kollektiv gesprochen, unser eigener Fehler sein. Und das ist ein schwerwiegendes moralisches Versagen.“

Ich liebäugle immer wieder mal damit, ein Interview mit Jim Holt zu machen. Aber er würde die Leser und mich womöglich über den Rand der argumentativen Vorstellungskraft hinaus in den Abgrund führen.

Zum Tod von Robert Basic

Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich Robert Basic gekannt habe. Von ungefähr 2006 bis 2009 war ich viel auf Barcamps und anderen Webveranstaltungen unterwegs und plauderte ein paar Mal kurz mit ihm. Kaum unter vier Augen, denn damals zog er zu solchen Gelegenheiten immer einen Schweif von Männern (und vereinzelt auch Frauen) mit Laptoptaschen hinter sich her. Denn natürlich kannten alle Robert Basic, die damals Teil der “Netzgemeinde” (oder wie auch immer es seinerzeit hieß) waren.

Roberts Seite Basic Thinking hatte zwei Eigenschaften, die dem Großteil der deutschsprachigen Blogosphäre abgingen: Der Traffic floss wie Zuckerwasser von, zu und durch sein Blog. Ich erinnere mich dunkel an jemanden, der schmerzfrei ein T-Shirt mit “Robert, ich will einen Link von dir” bedruckt hatte. Und Basic Thinking verdiente Geld. Das weckte bei DIY-Publizisten und den üblichen Internetchecker-Hochstaplern großes Interesse an möglichen Geheimrezepturen. Ältere Semester erinnern sich an Kommerzdebatten und Schlagworte wie Linktausch, Linkkauf, bezahlte Produkttests, Blogger-Werbenetzwerke etc., und ja, manchmal wurde auch über Inhaltliches diskutiert.

Dabei war Roberts Erfolgsgeheimnis simpel, wenn auch nicht simpel umsetzbar: Persönlichkeit zeigen, rein in die Diskussion, immer schreiben, viel verlinken und, ganz wichtig, auch einfach mal einen raushauen. Bei ihm funktionierte das so gut, weil er selbst über das trockenste Tech-Thema noch was Frisches zu sagen hatte und sich vor allem selbst nicht besonders ernst nahm. Diese Eigenschaft hatten nicht alle Alpha-Blogger damals.

Aus dem Jahr 2018 betrachtet war die damalige Phase erstaunlich kurz: Die Zeit, in der in der Blogosphäre wirklich die Hoffnung herrschte, so etwas wie ein alternatives, dezentrales Mediensystem werden zu können, das öffentliche Aufmerksamkeit erhält (also das, was abgesehen von der Dezentralität später Youtubern gelang). Die Amerikaner hatten Andrew Sullivan, wir hatten Robert Basic. Was beides Vor- und Nachteile hatte. Ich habe vorhin im Archiv einen Blogeintrag gefunden, in dem ich vor ziemlich genau zehn Jahren den “Tod der deutschen Blogosphäre” verkünde und dort über “Themeninzucht und Monokultur” die Augen rolle. Das Posting hatte eine Menge Leser und Trackbacks, weil genau diese Meta-Debatten gierig verfolgt wurden. Aber eben fast ausschließlich von der Blogosphäre selbst. 2009 dann wurde Basic Thinking verkauft, deutschsprachige Blogs diffundierten damals schon Richtung Twitter, Facebook und ein paar Tech-Nischenseiten.

Und doch bleibt mir alles wie so viele Subkulturen im Gedächtnis, in deren Peripherie ich mich im Laufe meines Lebens bewegt habe. Alles schrumpft im Rückblick, statt Zeitzeuge einer Revolution gewesen zu sein, bleibt ein Haufen teils schräger Figuren im Gedächtnis, denen du immer wieder mal begegnet bist und mit denen dich irgendwas verbindet – oft nur Raum und Zeit, manchmal Abneigung, im besten Falle Freundschaft. Viele dieser Figuren vergisst du. Wer in den Nullerjahren irgendwie näher mit der deutschen Internetszene zu tun hatte, wird Robert Basic sicher nicht vergessen. Und wenn die „Geschichte des Internets in Deutschland“ einmal geschrieben werden sollte, steht unter B wie Blogger sicherlich auch: Blogger wie Basic.

Nachrufe im Netzfeuilleton, Speeblick, BasicThinking

Homogenisierte Geisteswelt

Empire’s Raketeers: Pankaj Mishra interviewed by Wajahat Ali ($)

Pankaj Mishra:

„Viele Menschen, die wir als Intellektuelle bezeichnen – unsere ‚Thought Leader‘ – sind im Grunde globale Experten, geschickte Akteure in den Netzwerken von Oxbridge, den amerikanischen Elite-Unis, der London School of Economics, in Think Tanks, Davos und Aspen. Das Resultat, das wir nach Trump klarer erkennen, ist eine stupide Gleichheit in der öffentlichen Geisteswelt: Lärmende Echokammern, in denen eine ganze Kategorie von Autoren und Journalisten immer wieder die gleichen Dinge sagt. Das ist der Grund, warum unsere gegenwärtige politische Krise vor allem eine globale intellektuelle Krise ist – das Resultat einer nutzlosen Homogenisierung von Ideen.

Wir haben diese akademischen Superstars, die dauernd von Wissen und Macht geredet haben, während sie selbst beschäftigt damit waren, die soziale Leiter empor zu steigen. Selbst Autoren und Intellektuelle mit großer Integrität und ausgeprägtem Mut haben sich zu stark professionalisiert, wurden zu karrierefixiert und machten sich Sorgen, ihre Bezugsgruppe verärgern zu können – ganz zu schweigen von denjenigen, die sie als berühmtere und erfolgreichere Menschen wahrnehmen, die über ihnen stehen. Diese professionelle Fügsamkeit hat es Leuten wie [Niall] Ferguson ermöglicht, erfolgreich zu sein. Und sie ist der Grund, weshalb diese Gruppen heute auf Kritik hysterisch reagieren.“

Spiral Jetty

Spiral Jetty Robert Smithson

Im Rückspiegel verschwindet die Golden Spike, jener Ort, an dem 1869 die Eisenbahnen aus Osten und Westen erstmals verbunden wurden – ein Moment, der jetzt mehrmals täglich für Touristen nachgestellt wird. Bald schon lassen wir Rattern und Dampf der Loks hinter uns, vor uns nur noch trockene Felsen und eine Menge Staub. Hinter einer Kurve steigt ebenfalls Rauch auf, wenn auch in unregelmäßige Intervallen. Kein Feuer wie sich herausstellt, sondern zwei junge Typen, die mit ihrer AR-15 in die öde Landschaft ballern. Was man so macht an einem heißen Samstagmorgen in Utah.

Der Weg zur Spiral Jetty führt in gewisser Weise über meine Vorstellungskraft hinaus. Vor etlichen Jahren – ich weiß nicht mehr, ob ich Teenager oder schon Student war – hatte ich Fotos von ihr in einem Kunstbuch gesehen. Es muss sich um eine Aufnahme aus der Video-Dokumentation gehandelt haben, denn Schöpfer Robert Smithson ist in meiner Erinnerung von oben zu sehen und springt mit fettem Grinsen auf den Steinen herum. Die Idee, aus Basalt eine geometrische Form irgendwo in einem gottverlassenen See aufzuschütten, sprengte mein Kunstverständnis. Land Art. Alleine der Name klang nach Größenwahn. Und wo sollte ich dieses “Land” verorten, das da zu sehen war? Hätte Smithson sein Werk auf dem Mars platziert, es hätte mir nicht weiter entfernt vorkommen können.

Der Weg zur Spiral Jetty führt zum Großen Salzsee, vor allem aber – wie fast alle Wege in Utah – weg von der Zivilisation. Und auf einen Privatpfad, für den das Auto nicht gemacht ist. Was allerdings an Google Maps liegt. Kein Bewohner des amerikanischen Westens vertraut auf Online-Karten. Wege werden je nach Jahreszeit zu Schlammfallen oder Flüssen, Abkürzungen führen ins Nichts und haben schon manchen desorientierten Autofahrer in der Wüste das Leben gekostet. In unserem Fall kostet der Umweg nur Nerven. Dornbüsche bohren sich in den Lack der Seitentüren und machen fiese Kratzgeräusche. Ein gewagtes Wendemanöver später sind wir zurück auf der Hauptstraße, zwei Tierkadaver und einige Meilen weiter am Rand des Salzsees angelangt.

Als Smithson 1970 die Spirale aufschüttete, war es radikaler Protest (finanziert von einer Milliarden-Erbin freilich). Gegen die drückende Enge des Ateliers, das Museale der bildenden Kunst und den Massenkonsum der Pop Art. Land Art gehört niemandem und damit allen, keiner kann mit ihr Handel treiben. “Die Spirale ist ein spiritualisierter Kreis”, heißt es in Nabokovs Autobiografie. In Smithsons Fall ist sie eine Form, die in geologischen und klimatischen Prozesse der Jahrtausende lebt. “Eine blanke Präsenz, gleichgültig gegenüber dem Wasser, dem sie ausgesetzt ist“, wie einmal die New York Times schrieb. 1970 war auch der erste Earth Day.

Gut zwei Jahrzehnte war die Spirale unter der Wasseroberfläche des Sees verschwunden. Seitdem der Westen 2010 in eine “Mega-Trockenheit” eintrat, ist wiederum das Wasser verschwunden. Steine inmitten von Salzkristallen. Wir müssen nicht auf dem Basalt balancieren, um zum Ende der Spirale zu gelangen, der Weg ist ein Spaziergang am Salzstrand. In der Ferne, sicherlich anderthalb, zwei Kilometer weg, leuchtet rötlich der ständig schrumpfende See. Am Horizont flirrend die Berge. Eine Mondlandschaft mit biblischer Note, passend zu den klimatischen Endzeiten, in denen wir uns bewegen. Moses spaltete das Rote Meer. Aber was, wenn das Meer nicht zurückkehrt?

Smithsons Kinderarzt und Bekannter war, wie der New Yorker einmal notiert hat, der Poet William Carlos Williams. “Keine Ideen, sondern in Dingen” (Paterson). Während wir uns auf den Rückweg machen, verfolgt von Tausenden Fliegen, die sich im Herbst rasend an das Leben klammern, geht mir dieser Satz aus der New York Times nicht mehr aus dem Kopf, den ich am Vorabend gelesen hatte. Nachdem Smithson 1973 in einem Flugzeug tödlich verunglückt war, als er gerade ein neues Land-Objekt im Norden von Texas suchte, würdigte Peter Schjeldahl dessen Arbeit mit einem monumentalen Satz: “Er schuf Fantasien, so echt wie Berge.”

Beide Fotos CC BY-SA, Johannes Kuhn.

Linux vs. Python (Tech-Kultur)

After Years of Abusive E-mails, the Creator of Linux Steps Aside

Linus Torvalds zieht sich vorläufig zurück, nachdem der New Yorker offenbar eine Geschichte über seinen beleidigenden und krassen Ton auf der Mailingliste der Linux-Kernel-Gruppe im Köcher hatte (was journalistisch wieder einmal zeigt, dass sich schon aus genauem Hinschauen gute Geschichten ergeben können).

Der New Yorker stellt Torvalds den Python-Erfinder und Ex-BDFL Guido van Rossum entgegen, der im Artikel als Gegenmodell erscheint und sich ebenfalls – offensichtlich aus ganz anderen Gründen – zurückgezogen hat (Sidenote: jenseits von Inklusion versuch Python zum Beispiel gerade symbolisch, die Terminologie „Master und Slave“ zu ersetzen).

Ich kann das von außen nur schwer bewerten und Open Source ist natürlich eine eigene Crowd, aber die Symptome von generell wachsender Selbstreflexion in Tech-Organisationen machen mich optimistisch.

Natürlich muss niemand damit rechnen, dass sich an der fundamentalen Ausrichtung der gesamten „Branche“ (und was ist die „Branche“ in einer digitalisierten Welt anyway?) etwas ändert. Aber in einer Zeit, in der sich der Tech als Karikatur  von Werteüberzeugung erscheint und sich zudem der Schwerpunkt zunehmend von den USA Richtung China verlagert, schadet es nicht, der Wachstums- noch eine Nachdenkfunktion vorzuschalten. Die kommenden Monate werden seeeehr interessant, weil Google als Konzern mit starken Prä-2008-Techkultur-Markern vor der China-Entscheidung steht und das sicher heftige Auswirkungen haben wird.

Siehe auch:

IT-Ethik, aber für wen?
Silicon Valley: Wann kommt der Wertewandel? (2016)
Ungleichheit und die Legitimation von VC-Tech (2015)
Tech und seine Kulturen

Amerikas Adorno

Kein amerikanischer Denker ist mir in den vergangenen Jahren näher gekommen als Christopher Lasch (1932-1994). Vielleicht, weil sein kritischer Blick auf das Verhältnis von Moderne und Demokratie und der westlichen Conditio Humana noch heute der Realität standhält. Oder weil er in der Tradition des Populismus aus dem Mittleren Westen sowohl Konservative, als auch Progressive heftig kritisierte (und die daraus folgende Isolation in Kauf nahm).

Die völlige Ausrichtung des Menschen auf die Produktions- und Konsumgesellschaft hat er detailliert beschrieben, unseren Fortschrittsglauben als den naiven Wunsch nach Veränderung durch Vorbestimmung entlarvt. Und wenn er an die Kraft des Wissens glaubte, so erkannte er doch den Wesenswandel: aus dem Werkzeug zur Emanzipation wurde vor allem ein Werkzeug zur Beherrschung.

Um aus seinem Hauptwerk “The True and Only Heaven: Progress and Its Critics” (1991) zu zitieren:

“Der Glaube an den ‘Fortschritt’ entspringt keiner uramerikanischen Weltsicht, sondern ist schlicht Jahrzehnten von niemals endenden Verbesserungen in der ‘Lebensqualität’ geschuldet. Diese Verbesserungen sind zwar nur materiell, aber sie wurden erfolgreich erkauft. Der Triumph des industriellen Kapitalismus ist nicht der Sieg eines Ideals, sondern einer Verführung. Wir funktionieren für die Wirtschaft, schamlos zufrieden, entwürdigend schwach, auf den Fortschritt vertrauend und gleichzeitig verloren in der Nostalgie; die Welt verbrennend, um den prekären Status des Gewärmtseins beizubehalten.”

Auch wenn Lasch als Kulturkritiker bekannt wurde, ist seine Haltung nicht unidealistisch. Er lehnt aber moralische und technologische Hybris genauso ab wie den unhinterfragten und oft vorgeschobenen Traditionalismus der Konservativen. Ein Wunder, schreibt er, sei “die Bejahung des Lebens in den Zähnen seiner Grenzen.” Hoffnung bedeute, ein tiefsitzendes Vertrauen in das Leben zu haben, ohne dessen tragischen Charakter zu leugnen. Ein couragiertes Ja zur “Natur der Dinge”, auch während des größten Verlusts und des schlimmsten Herzschmerzes. Und Gerechtigkeit leitet sich schließlich aus der Überzeugung ab, dass die Bösen leiden, die Ungerechtigkeiten berichtigt werden – und dass die unter allem liegende Ordnung der Dinge nicht straflos verspottet werden kann.

Wenn ich Lasch “Amerikas Adorno” nenne, stimmt das nur teilweise. Es passt eher die Parallele zu Horkheimer, der gegen Ende seines Lebens kritisiert wurde, weil er die Modernisierung unseres Familienbilds als Zeichen des kapitalistischen Triumphs deutete, der Marktbarmachung aller menschlichen Institutionen. Solche Konflikte hatte Lasch, der ein ähnliches Familienkonzept vertrat.

Die antimodernen Züge seines Werks sind andere als die der Kritischen Theorie; ähnlich wie diese ist aber auch Laschs Lösung nur eine Denkskizze – ein verantwortungsbewusster Mensch, der sich Gier und übermäßigem Selbstbezug verweigert und nach den ausgearbeiteten und überlieferten Idealen der gemeinschaftlichen Praxis handelt (siehe: populistische Tradition des Mittleren Westens). Und als Fundament könnte ein Satz von Walter Benjamin dienen: “Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.”

Festival-Metamorphosen

Neulich fand ich in der London Review of Books diese Anzeige. Wilderness 2018, ein Literatur- und Zinefestival in Großbritannien, politisch, mit Live-Podcasts und ziemlich vielen guten Namen und klugen Leuten. Beim Googeln dann fand ich dann heraus, dass das einfach ein Track in einem „normalen“ Festival mit Bands ist.

Ein Blick auf die deutsche Festivalszene zeigt Ähnliches, zum Beispiel haben A Summer’s Tale oder das Open Flair Kultur jenseits von Bands, dazu Workshops und ein paar Lesungen im Programm, die Fusion ist schon lange für ihren praktischen Teil bekannt. Der Unterschied im Lineup ist aber der zwischen Wladimir Kaminer und Linus Volkmann auf der einen (Summer’s Tale) und David Runciman und Benedict Cumberbatch (Wilderness) auf der anderen Seite.

Nicht falsch verstehen, ich schätze beide Erstgenannte, aber sie sind nicht dezidiert politisch oder Stars. Womit wir bei der Dichte an Intellektuellen, politisch aktiven Künstlern und ernstzunehmenden Indie-Verlagen mit gesellschaftlicher Mission und Appeal über den Kulturbetrieb hinaus sind. Da sind die Briten wirklich fantastisch aufgestellt. Vermutlich hat das nicht nur mit Tradition, sondern auch mit der Klassengesellschaft zu tun. Aber verdammt, ich wünschte mir ein Biotop, das so etwas auch in Deutschland möglich macht (falls es so etwas schon gibt, bitte Hinweis in den Kommentaren hinterlassen…aber kommt mir nicht mit den Buchmessen, die sind toll, aber etwas anderes).

Johnny

„Ich will nach Hause, aber ich zögere. Einer der berühmtesten Schauspieler der Welt raucht gerade Dope mit einem Reporter und seinem Anwalt, während sein Koch das Abendessen vorbereitet und seine Bodyguards Fernsehen gucken. Es gibt niemanden hier, der nicht bezahlt wird.
Das Morgenlicht sickert langsam durch die Fenster ein. Waldman geht schlafen (…). Ich erkenne die Gelegenheit zu gehen. Depp sucht nach einem Sicherheitsmitarbeiter, der mir ein Taxi rufen soll, aber sein Klopfen bleibt unbeantwortet. Also bringt er mich raus.
‚Danke, dass du hier warst‘, sagt Depp. ‚Das könnte dein Pulitzer sein.‘
In den nächsten 15 Minuten versucht Depp herauszufinden, wie er die Tore seiner Herrenhaus-Festung öffnet. Er drückt auf Knöpfe und schiebt am Gitter, aber nichts tut sich. Er ist ein verlorener Junge, der nicht rechtzeitig vor der Dunkelheit daheim sein wird. Ich sage ihm schließlich, dass ich über das Gitter klettern kann. Ich hangele mich drüber und springe runter. Durch die Gitterstäbe sagen wir gute Nacht.“

Jordan Peterson

Jordan Peterson: „One Thing I am Not is Naive“
Freedom & Tyranny with Dr. Jordan Peterson
The Intellectual We Deserve
Why Jung Would Not Approve of Jordan Peterson
On Peterson, Political Correctness, and Postmodernism
A Critique of Jordan Peterson (+ Part II)

Vor einigen Monaten war der kanadische Philosoph Jordan Peterson bei Bill Maher (siehe Video). Der Hype wird vielleicht auch noch im deutschen Mainstream ankommen, wenn ein Verlag sein Selbsthilfebuch „12 Rules“ übersetzen wird (die FAZ hatte ihn im April schon einmal angelobt, quasi).

Nachdem ich mich genauer mit seinen Thesen beschäftigt habe, verfestigt sich langsam der Eindruck, dass diese Form von Netz-Konservatismus außer plakativen Feindbildern (böse Marxisten-Postmodernisten-Studenten!) und einer reaktionäreren Form von Neoliberalismus (Hierarchien sind Naturphänomene! Räume Zimmer und Lebenslauf auf, bevor Du demonstrieren gehst!) nichts zu bieten hat, in Petersons Fall offenbar nicht einmal ein fundiertes Wissen über seine (linken) Feindbilder oder Jungs Archetypen-Verständnis. Was nichts daran ändert, dass gefühlige Gegenwartskritik offenbar funktioniert und Peterson Hallen mit jungen Männern füllt. Dass diese intellektuelle Leere so viel Anziehungskraft hat und sich gerade zum Mainstream-Konservatismus hochstapelt, sollte auch progressiven Zeitgenossen Sorgen machen.