Das Standard-Narrativ genügt

Fragmentary Thoughts on Politics

„Mancher analysiert die Trump-Anhänger, als würden sie an seinen Lippen hängen und jede seiner bösartigen Lügen verteidigen. Aber das beschreibt nur einen kleinen Hardcore-Anteil, der zu viel Zeit online verbringt. In Wirklichkeit schenken die meisten dem Ganzen keine größere Aufmerksamkeit und müssen nicht viel mehr als das Standard-Narrativ von der „Voreingenommenheit liberaler Medien“ glauben (in dem alles, das zu ‚extrem‘ ist, erfunden sein muss, weil es gar nicht so schlimm sein kann), um die kognitive Dissonanz gering zu halten. Es geht nicht darum, dauernd die Lügen zu glauben, sondern darum, glaubwürdiges die Kenntnis eines Sachverhalts aus Ignoranz abstreiten zu können. Und das könnte ein schwierigeres Problem sein. Es geht nicht einmal darum, sie von der Wahrheit zu überzeugen. Sondern darum, sie davon zu überzeugen, dass sie möglicherweise Zugang zur Wahrheit haben und – noch schlimmer! – dafür verantwortlich gemacht werden, sie auch zu finden.“

Der amerikanische Businesskreislauf

Den USA ist es gelungen, ein Perpetuum Mobile der Geschäftemacherei zu entwickeln. Verstanden habe ich das während eines Super Bowls: Der TV-Spot einer Pharmafirma bewarb ein Abführmittel, dessen Zielgruppe dezidiert jene Amerikaner sind, die wegen ihrer Schmerzmittelsucht unter Verstopfung leiden. Ein Medikament gegen die Nebenwirkungen eines Medikaments. Die Schmerzmittel-Epidemie war ja wiederum selber ein künstlicher Markt, entstanden aus schlecht regulierter Verschreibung, ärztlicher Korruption und schlichtem Marketing.

Auf dem Pissoir meines Sportstudios lässt sich gerade eine weitere Variante bewundern: Gynäkomastie, die vergrößerte Männerbrust. Das Geschäft wächst unter Schönheitschirurgen stetig und macht endlich den Mann zum potenziellen Kunden. Einfach mal „gynecomastia“ bei Google oder Social Media eingeben und sich durch die ganzen Angebote und Pseudo-Gesundheitsblogs klicken, die das Problem aufbauschen. Wie bei weiblichen Schönheitsoperationen liegt auch hier der Marketing-Vorteil im Ungefähren: Man kann sich schnell per Selbstdiagnose einreden, die Norm zu verletzen. Wer kann schon sagen, was normal und was „weiblich“ wirkt? Im Gym kommt noch dazu, dass das Kraftraining oft die Brustmuskeln vergrößert, was ebenfalls wieder die Selbstdiagnose „Gyno“ begünstigt. Win-Win, ka-ching, ka-ching.

Das Perfide ist ja, dass der Kreislauf schon viel früher beginnt: Hormone in Fleisch und Milch begünstigen wirklich Brustwachstum. Dazu füttert dieses Land seine Armen mit billigen Zuckerprodukten und uns alle mit verarbeiteten Lebensmitteln, in denen man der Maisstärke kaum entkommen kann (Europa zieht da ja in einigen Produkten nach). Irgendwo müssen die Farmer in Iowa ihr Zeug ja unterbringen. Selbst ohne Hormonbrust sind die Menschen dann irgendwann so fett, dass sie ins Sportstudio rennen und guess what: Wieso nicht gleich noch subtil einen Männerbusen-Komplex insinuieren und mit passendem Chirurgie-Angebot verknüpfen? Win-win, ka-ching, ka-ching.

Das ist alles so absurd, das ich schon wieder lachen könnte, wenn es nicht so perfekt illustrieren würde, wie hier die Prioritäten zwischen Geld und Mensch angeordnet sind.

Diese Tage

 Reaktionär für Jahrzehnte?

Es gibt diese Tage, an denen mir das hier drüben ganz schräg einfährt. So schräg, dass ich die Tage zu zählen beginne, die noch bis zu meiner Rückkehr vergehen. Der verlinkte Scotus-Rücktritt vom Mittwoch war einer davon. Weil er die Macht einer strukturellen Minderheit zementiert, durch fortgesetzte konzertierte Demokratiezerstörung, Manipulation und letztlich aus dem Motiv schlichter Gier, für der Präsident nur ein Symbol ist.

Natürlich gibt es in den USA immer die Chance auf Erneuerung. Aber eben auch ein kulturelles Gedächtnis, das die historischen Lehren vergisst, sobald etwas mal zehn Jahre her ist. Viele Kids, die jetzt aufwachsen, sind in Ordnung und politisch. Vielleicht kümmern sie sich auch um den Rest des Landes, sobald die eigenen Schäfchen im Trockenen sind (anders als die Baby Boomer). Aber wenn wir jetzt schon nicht mehr in Jahren, sondern in Jahrzehnten denken, die eine Korrektur benötigt… Mir fehlen leider Gelassenheit und Apathie, unser zivilisatorisches Geschehen einfach als das absurde Schauspiel wahrzunehmen, das es ist. Dann wäre ich zumindest gut unterhalten im Moment.

Vereinigte STAATEN von Amerika

Die Welt blickt in diesen – wie in den meisten – Tagen auf Washington. Natürlich zurecht, einerseits. Andererseits sind die deutschen Interessensorte Washington, New York, LA und San Francisco eben nur ein kleiner Teil dieses Landes. Ich will nicht sagen, dass die anderen Landstriche nun völlig anders sind, aber es gibt eben doch eine Regionalgeschichte, unterschiedliche Mentalitäten, ethnische Zusammensetzungen, Traditionen, Konflikten. Je länger ich hier bin (und je näher die Rückkehr im kommenden Jahr rückt), desto stärker vertiefe ich mich in die Geschichte und Geschichten der Bundesstaaten.

Ich bin dabei immer wieder verblüfft, wie detailliert und anspruchsvoll die Sozialgeschichte der USA bis ins Kleinste dokumentiert ist, und dass sich immer wieder jemand findet, der das aufgreift und weiter forscht oder die Gegenwart aus dieser Perspektive betrachtet. Eine derart zugängliche Regionalgeschichte, kombiniert mit echten Geschichten vor Ort, kenne ich aus Deutschland nicht.

Unterdessen

‘Children are being used as a tool’ in Trump’s effort to stop border crossings

„Die Trump-Regierung sagt, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden, weil sie mit dem illegalen Grenzübertritt eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, was wiederum Gewahrsam in den Händen der Bundesbehörden bedeutet. Dort sind Kinder nicht zugelassen. Aber sobald Eltern ihre Zeit für dieses kleine Vergehen abgesessen haben, drohen ihnen immer noch Monate in den Abschiebeeinrichtungen, oft ohne eine Ahnung darüber, wo ihre Kinder sind. (…) Die Pflichtverteidigerin Azalea Aleman-Bendiks erzählt, einige ihrer Klientinnen hätten ihr gesagt, dass Grenzschützer ihnen die Kinder weggenommen und behauptet hätten, sie würden nun gebadet. Nach einigen Stunden dämmerte es den Müttern, dass die Kinder nicht zurückkommen werden. ‚Es ist unglaublich‘, sagte sie, ‚ich kann nicht glauben, was hier passiert.'“

James Byrd jr.

The Shocking Legacy of America’s Worst Modern-Day Lynching

Heute vor 20 Jahren verprügelten drei weiße Männer in der osttexanischen Kleinstadt Jasper den Afroamerikaner James Byrd jr.. Sie urinierten auf ihn, banden ihn an einen Pick-Up-Truck und schleiften den 49-Jährigen durch die Straßen. James Byrd jr. war Gutachten zufolge noch am Leben, als sein Körper dabei gegen einen Durchlass prallte und ihm der Kopf abgetrennt wurde.

Menschen mit Verwandtschaft dort erzählen mir, dass das Grenzgebiet zwischen Texas und Louisiana in Sachen Rassenhass das schlimmste ist. Weiß und Schwarz stehen sich in unterdrückter Feindseligkeit gegenüber. Dass es noch zur Jahrtausendwende zu einem Lynchmord kommen konnte, symbolisiert dabei die Machtverhältnisse. Genau wie die Schändung von Byrds Grab 2004 durch zwei Teenager. Oder die Aussagen im oben verlinkten Stück aus dem Jahr 2018: „Ich weiß nicht, ob ein Drogendeal falsch gelaufen ist oder so. Aber ich kann sagen, das hatte nichts mit der Rasse zu tun“, sagt ein weißer Bewohner, „die Menschen in Jasper wissen das.“

Der Prozess endete mit zwei Todesurteilen, von denen eines 2011 vollstreckt wurde, sowie einmal lebenslanger Haft. Hinweise auf ein anderes Motiv als Hass gab es nicht. Der Sänger Matthew Mayfield thematisierte die Ermordung Byrds in seinem Song „Still Alive“.

Cocktails und Chauvinismus (Trump)

A Four-Star Dumpster Fire’: More on America’s Current Foreign Policy

James Fallows vom Atlantic muss keine Leserkonferenzen veranstalten, sondern hat schon seit Jahren eine Community aus schlauen Lesern aufgebaut, mit denen er öffentlich über seine Stücke und Notizen diskutiert.

In diesem Falle meldet sich u.a. ein Militärangehöriger mit seiner Theorie zu Wort. Er glaubt, dass drei Faktoren die außenpolitischen Entscheidungen der aktuellen US-Regierungen beeinflussen:

(1) Die Annahme, dass amerikanische Macht und Ressourcen unendlich sind (was nicht stimmt).
(2) Die Annahme, dass die USA als außergewöhnliche Nation (vgl. American Exceptionalism) tatsächlich alles fordern und bekommen kann, das sie will. Das alle Gegner alles aufgeben und dankbar dafür sein müssen, dass sie weiter existieren dürfen. (siehe: Chauvinismus)
(3) Die Annahme, dass militärische Macht alles löst und die einzige Art ist, Stärke zu zeigen – also eine Ignoranz gegenüber „Soft Power“.

Er folgert:

„Diese Annahmen sind zu einem gefährlichen Cocktail geworden, weil POTUS [Trump] glaubt, dass kurzfristige Siege langfristiges Scheitern wert sind; dass Außenpolitik einzig ein Bereich des Theaters ist; und dass, womöglich der größte Egoisimus dieser Perspektive, die Welt sich von Natur aus um die Launen der USA dreht, die sich dadurch abschotten kann, aber immer noch den Ton angibt.“

Der Militärangehörige ist am Ende optimistisch, dass sich die Fehler nach der Trump-Ära korrigieren lassen. Aber natürlich stellt sich die Frage, welchen Sinn dann die Erwartung von Spielräumen oder sogar Verhandlungen an sich machen (die Strategie, auf seine Eitelkeit zu setzen, ist ja trotz nur zufallsbasierter Erfolge die derzeit gängige).

Oder, um auf einen gerade viel geteilten Twitter-Thread mit vereinfachend-psychologisierender Note zu verweisen:

Seine Wähler wollten jemanden, der mit einem Schraubenschlüssel das System verkantet. Die Welt hat ihn bekommen.

Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit

(1) „That is what Power Looks Like“: As Trump prepares for 2020, Democrats are losing the only fight that matters
(2) Facebook, Snapchat and the Dawn of the Post-Truth Era
(3) In the Trump Era, We Are Losing the Ability to Distinguish Reality from Vacuum

Drei Beiträge, die ich in einen Zusammenhang stellen möchte. In (1) beklagt Peter Hamby (ironischerweise inzwischen Snap-Newschef) in Vanity Fair, dass Trump mit seiner ständigen Erzeugung von Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass niemand weiß, was eigentlich die Demokraten gerade machen (und für was sie stehen).

In (2) bilanziert der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez, der seine Erfahrung im Buch  Chaos Monkeys verarbeitet hat, das Social-Media-Zeitalter: Wir kehren demnach in den Modus der vorschriftlichen Epochen zurück, in denen Wahrheit in der Regel eine Sache des Hörensagens war. Zitat: „Dies wird die am besten dokumentierte Epoche in der amerikanischen Geschichte sein, aber niemand wird sich einig sein, was passiert ist.“

In (3) weist Masha Gessen darauf hin, dass die Hyperstimulierung durch Trump-Nachrichten uns (bzw. US-Amerikaner) an die Echtzeit kettet. Einen einzigen Tag zu verpassen, bedeutet Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren – doch was an diesem einzigen Tag passiert, ist in der nächsten Woche bereits wieder abgelöst und irrelevant. Was in dieser gedrängten Zeit verloren geht, ist demnach die Fähigkeit, moralische Urteile zu fällen – denn diese benötigen eine historische Perspektive, die über den Tag oder die Ära hinaus geht.

Die banalste Synthese aus diesen drei Texten lautet vielleicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie netto zu einer gewaltige zivilisatorische Energieverschwendung führt. Im besten Falle. Sollten wir allerdings – Worst Case – in einem neuen Zeitalter westlicher Autokratien bis hin zum Neofaschismus landen, werden Historiker einmal feststellen, dass neben den Verwerfungen von Spätkapitalismus und Klimawandel die Aufmerksamkeitsökonomie eine dritte wichtige Voraussetzung für diese Wende war (sie ist ja letztlich aus der Marktbarmachung aller dezentralen Konstellationen abgeleitet, in denen bisherige Vermittler überflüssig wurden). Damit meine ich nicht Populismus per se, der wie ich finde durchaus seine Berechtigung hat, sondern die zunehmende Irrelevanz der Unterschiede zwischen Ursache und Wirkung, Tatsachen-Kontext und Interpretation – und unsere Anpassung daran.

Die optimistischere Perspektive ist, dass der Zugang zu historischem Wissen, Reflexion  und persönlicher Erfahrung als Fundament eines Gegenentwurfs heute ebenfalls recht einfach herzustellen ist – und auch notwendig, um die planetarischen Herausforderungen zu meistern. Nur ist dieser Weg eben derzeit schwieriger, benötigt mehr Zeit und belohnt uns mit weniger Endorphinen.

Texanische Nachbarn

Waschbären Central Texas

Austin ist bekannt für seine Creeks – dichte Waldschluchten, die sich um kleine Bäche und Flussbette gruppieren. Wir wohnen an einem solchen Creek, eine für Europäer ungewohnte Nachbarschaft.

Im Baum nebenan wohnt inzwischen ein Waschbär (siehe Foto). Davor lebte dort eine Eichhörnchenfamilie, ich ahne, dass er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat. In der Dämmerung sucht ein Amardillo die Böschung ab und gräbt Löcher in den Boden, sobald er dort Insekten gewittert hat. Bei Regen watschelt manchmal nachts ein Opossum am Wohnzimmer vorbei. Lässt man es in Ruhe, kümmert es sich um die Kakerlaken und Moskitos, die sonst in sicherem Abstand auf einen offenen Türspalt warten.

Im Morgengrauen streift eine verwilderte Perserkatze umher und will Futter schnorren. Die Katze hat nur ein Auge und zeigt deshalb kein Interesse an den knallroten Vögeln, die um sie herum schwirren und abgelegte Teile ihres Katzenpelzes stibitzen, um damit ihre Nester zu verstärken. Die Katze und das Opossum verstehen sich übrigens ganz gut.

Beide müssen wiederum die Coyoten fürchten, die manchmal nachts auf dem Weg durch das weit verzweigte Creek-System die Schlucht durchstreifen. Wir haben noch keine bemerkt, es hatte sich nur einmal ein Fuchs vor unser Fenster verirrt. Doch wer weiß, was dort unten noch alles wohnt… Manchmal höre ich nachts einen neuen, fremden Tierschrei aus der Dunkelheit des Waldes. Für einen Moment zerreißt der Sound der Wildnis das leise Rauschen der Stadtautobahn und ich bin hellwach.