Amerikas Adorno

Kein amerikanischer Denker ist mir in den vergangenen Jahren näher gekommen als Christopher Lasch (1932-1994). Vielleicht, weil sein kritischer Blick auf das Verhältnis von Moderne und Demokratie und der westlichen Conditio Humana noch heute der Realität standhält. Oder weil er in der Tradition des Populismus aus dem Mittleren Westen sowohl Konservative, als auch Progressive heftig kritisierte (und die daraus folgende Isolation in Kauf nahm).

Die völlige Ausrichtung des Menschen auf die Produktions- und Konsumgesellschaft hat er detailliert beschrieben, unseren Fortschrittsglauben als den naiven Wunsch nach Veränderung durch Vorbestimmung entlarvt. Und wenn er an die Kraft des Wissens glaubte, so erkannte er doch den Wesenswandel: aus dem Werkzeug zur Emanzipation wurde vor allem ein Werkzeug zur Beherrschung.

Um aus seinem Hauptwerk “The True and Only Heaven: Progress and Its Critics” (1991) zu zitieren:

“Der Glaube an den ‘Fortschritt’ entspringt keiner uramerikanischen Weltsicht, sondern ist schlicht Jahrzehnten von niemals endenden Verbesserungen in der ‘Lebensqualität’ geschuldet. Diese Verbesserungen sind zwar nur materiell, aber sie wurden erfolgreich erkauft. Der Triumph des industriellen Kapitalismus ist nicht der Sieg eines Ideals, sondern einer Verführung. Wir funktionieren für die Wirtschaft, schamlos zufrieden, entwürdigend schwach, auf den Fortschritt vertrauend und gleichzeitig verloren in der Nostalgie; die Welt verbrennend, um den prekären Status des Gewärmtseins beizubehalten.”

Auch wenn Lasch als Kulturkritiker bekannt wurde, ist seine Haltung nicht unidealistisch. Er lehnt aber moralische und technologische Hybris genauso ab wie den unhinterfragten und oft vorgeschobenen Traditionalismus der Konservativen. Ein Wunder, schreibt er, sei “die Bejahung des Lebens in den Zähnen seiner Grenzen.” Hoffnung bedeute, ein tiefsitzendes Vertrauen in das Leben zu haben, ohne dessen tragischen Charakter zu leugnen. Ein couragiertes Ja zur “Natur der Dinge”, auch während des größten Verlusts und des schlimmsten Herzschmerzes. Und Gerechtigkeit leitet sich schließlich aus der Überzeugung ab, dass die Bösen leiden, die Ungerechtigkeiten berichtigt werden – und dass die unter allem liegende Ordnung der Dinge nicht straflos verspottet werden kann.

Wenn ich Lasch “Amerikas Adorno” nenne, stimmt das nur teilweise. Es passt eher die Parallele zu Horkheimer, der gegen Ende seines Lebens kritisiert wurde, weil er die Modernisierung unseres Familienbilds als Zeichen des kapitalistischen Triumphs deutete, der Marktbarmachung aller menschlichen Institutionen. Solche Konflikte hatte Lasch, der ein ähnliches Familienkonzept vertrat.

Die antimodernen Züge seines Werks sind andere als die der Kritischen Theorie; ähnlich wie diese ist aber auch Laschs Lösung nur eine Denkskizze – ein verantwortungsbewusster Mensch, der sich Gier und übermäßigem Selbstbezug verweigert und nach den ausgearbeiteten und überlieferten Idealen der gemeinschaftlichen Praxis handelt (siehe: populistische Tradition des Mittleren Westens). Und als Fundament könnte ein Satz von Walter Benjamin dienen: “Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.”

2x Blick nach vorn

Der kommende Grenzkonflikt
Kampf gegen Arme statt Kampf gegen Armut

Zwei Stücke von mir aus den vergangenen Tagen, die einen Blick voraus werfen: Einmal auf die Zukunft der amerikanisch-mexikanische Grenze (Antwort: es ist kompliziert) im Kontext von Klimawandel und Militarisierung. Und auf die Demontage des verbliebenen amerikanischen Sozialstaats, die in den kommenden Jahren wieder ein konservatives Kernprojekt sein wird, mit wachsenden Erfolgsaussichten.

Deglobalisierung der Zulieferketten

Globalised business is a US security issue

„Die Wahrheit ist komplizierter und dem Ego Mr. Trumps weniger schmeichelnd. Es gibt eine weit größere Gruppe, sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor, die gerne eine Abkehr von der ökonomischen Integration zwischen China und den USA aus strategischen Gründen sehen würden.
Das zeigte sich auf einer zweitägigen Konferenz vergangenen Monat, die von der National Defense University gesponsert wurde, die militärische und zivile Führungskräfte zusammenbringt, um die großen Herausforderungen der Gegenwart zu diskutieren. Dutzende Experten, Regierungsoffizielle und Wirtschaftsführer trafen sich, um über den Niedergang der Nachkriegsordnung, den Aufstieg Chinas und Strategien zur Stärkung der amerikanischen Produktions- und Rüstungsindustrien zu diskutieren. Das Ziel werde es sein, widerstandsfähige Zulieferketten zu entwickeln, die nicht nur einen Handelskrieg überstehen könnten, sondern auch einen echten Krieg.“

Das Standard-Narrativ genügt

Fragmentary Thoughts on Politics

„Mancher analysiert die Trump-Anhänger, als würden sie an seinen Lippen hängen und jede seiner bösartigen Lügen verteidigen. Aber das beschreibt nur einen kleinen Hardcore-Anteil, der zu viel Zeit online verbringt. In Wirklichkeit schenken die meisten dem Ganzen keine größere Aufmerksamkeit und müssen nicht viel mehr als das Standard-Narrativ von der „Voreingenommenheit liberaler Medien“ glauben (in dem alles, das zu ‚extrem‘ ist, erfunden sein muss, weil es gar nicht so schlimm sein kann), um die kognitive Dissonanz gering zu halten. Es geht nicht darum, dauernd die Lügen zu glauben, sondern darum, glaubwürdiges die Kenntnis eines Sachverhalts aus Ignoranz abstreiten zu können. Und das könnte ein schwierigeres Problem sein. Es geht nicht einmal darum, sie von der Wahrheit zu überzeugen. Sondern darum, sie davon zu überzeugen, dass sie möglicherweise Zugang zur Wahrheit haben und – noch schlimmer! – dafür verantwortlich gemacht werden, sie auch zu finden.“

Der amerikanische Businesskreislauf

Den USA ist es gelungen, ein Perpetuum Mobile der Geschäftemacherei zu entwickeln. Verstanden habe ich das während eines Super Bowls: Der TV-Spot einer Pharmafirma bewarb ein Abführmittel, dessen Zielgruppe dezidiert jene Amerikaner sind, die wegen ihrer Schmerzmittelsucht unter Verstopfung leiden. Ein Medikament gegen die Nebenwirkungen eines Medikaments. Die Schmerzmittel-Epidemie war ja wiederum selber ein künstlicher Markt, entstanden aus schlecht regulierter Verschreibung, ärztlicher Korruption und schlichtem Marketing.

Auf dem Pissoir meines Sportstudios lässt sich gerade eine weitere Variante bewundern: Gynäkomastie, die vergrößerte Männerbrust. Das Geschäft wächst unter Schönheitschirurgen stetig und macht endlich den Mann zum potenziellen Kunden. Einfach mal „gynecomastia“ bei Google oder Social Media eingeben und sich durch die ganzen Angebote und Pseudo-Gesundheitsblogs klicken, die das Problem aufbauschen. Wie bei weiblichen Schönheitsoperationen liegt auch hier der Marketing-Vorteil im Ungefähren: Man kann sich schnell per Selbstdiagnose einreden, die Norm zu verletzen. Wer kann schon sagen, was normal und was „weiblich“ wirkt? Im Gym kommt noch dazu, dass das Kraftraining oft die Brustmuskeln vergrößert, was ebenfalls wieder die Selbstdiagnose „Gyno“ begünstigt. Win-Win, ka-ching, ka-ching.

Das Perfide ist ja, dass der Kreislauf schon viel früher beginnt: Hormone in Fleisch und Milch begünstigen wirklich Brustwachstum. Dazu füttert dieses Land seine Armen mit billigen Zuckerprodukten und uns alle mit verarbeiteten Lebensmitteln, in denen man der Maisstärke kaum entkommen kann (Europa zieht da ja in einigen Produkten nach). Irgendwo müssen die Farmer in Iowa ihr Zeug ja unterbringen. Selbst ohne Hormonbrust sind die Menschen dann irgendwann so fett, dass sie ins Sportstudio rennen und guess what: Wieso nicht gleich noch subtil einen Männerbusen-Komplex insinuieren und mit passendem Chirurgie-Angebot verknüpfen? Win-win, ka-ching, ka-ching.

Das ist alles so absurd, das ich schon wieder lachen könnte, wenn es nicht so perfekt illustrieren würde, wie hier die Prioritäten zwischen Geld und Mensch angeordnet sind.

Diese Tage

 Reaktionär für Jahrzehnte?

Es gibt diese Tage, an denen mir das hier drüben ganz schräg einfährt. So schräg, dass ich die Tage zu zählen beginne, die noch bis zu meiner Rückkehr vergehen. Der verlinkte Scotus-Rücktritt vom Mittwoch war einer davon. Weil er die Macht einer strukturellen Minderheit zementiert, durch fortgesetzte konzertierte Demokratiezerstörung, Manipulation und letztlich aus dem Motiv schlichter Gier, für der Präsident nur ein Symbol ist.

Natürlich gibt es in den USA immer die Chance auf Erneuerung. Aber eben auch ein kulturelles Gedächtnis, das die historischen Lehren vergisst, sobald etwas mal zehn Jahre her ist. Viele Kids, die jetzt aufwachsen, sind in Ordnung und politisch. Vielleicht kümmern sie sich auch um den Rest des Landes, sobald die eigenen Schäfchen im Trockenen sind (anders als die Baby Boomer). Aber wenn wir jetzt schon nicht mehr in Jahren, sondern in Jahrzehnten denken, die eine Korrektur benötigt… Mir fehlen leider Gelassenheit und Apathie, unser zivilisatorisches Geschehen einfach als das absurde Schauspiel wahrzunehmen, das es ist. Dann wäre ich zumindest gut unterhalten im Moment.

Vereinigte STAATEN von Amerika

Die Welt blickt in diesen – wie in den meisten – Tagen auf Washington. Natürlich zurecht, einerseits. Andererseits sind die deutschen Interessensorte Washington, New York, LA und San Francisco eben nur ein kleiner Teil dieses Landes. Ich will nicht sagen, dass die anderen Landstriche nun völlig anders sind, aber es gibt eben doch eine Regionalgeschichte, unterschiedliche Mentalitäten, ethnische Zusammensetzungen, Traditionen, Konflikten. Je länger ich hier bin (und je näher die Rückkehr im kommenden Jahr rückt), desto stärker vertiefe ich mich in die Geschichte und Geschichten der Bundesstaaten.

Ich bin dabei immer wieder verblüfft, wie detailliert und anspruchsvoll die Sozialgeschichte der USA bis ins Kleinste dokumentiert ist, und dass sich immer wieder jemand findet, der das aufgreift und weiter forscht oder die Gegenwart aus dieser Perspektive betrachtet. Eine derart zugängliche Regionalgeschichte, kombiniert mit echten Geschichten vor Ort, kenne ich aus Deutschland nicht.

Unterdessen

‘Children are being used as a tool’ in Trump’s effort to stop border crossings

„Die Trump-Regierung sagt, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden, weil sie mit dem illegalen Grenzübertritt eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, was wiederum Gewahrsam in den Händen der Bundesbehörden bedeutet. Dort sind Kinder nicht zugelassen. Aber sobald Eltern ihre Zeit für dieses kleine Vergehen abgesessen haben, drohen ihnen immer noch Monate in den Abschiebeeinrichtungen, oft ohne eine Ahnung darüber, wo ihre Kinder sind. (…) Die Pflichtverteidigerin Azalea Aleman-Bendiks erzählt, einige ihrer Klientinnen hätten ihr gesagt, dass Grenzschützer ihnen die Kinder weggenommen und behauptet hätten, sie würden nun gebadet. Nach einigen Stunden dämmerte es den Müttern, dass die Kinder nicht zurückkommen werden. ‚Es ist unglaublich‘, sagte sie, ‚ich kann nicht glauben, was hier passiert.'“

James Byrd jr.

The Shocking Legacy of America’s Worst Modern-Day Lynching

Heute vor 20 Jahren verprügelten drei weiße Männer in der osttexanischen Kleinstadt Jasper den Afroamerikaner James Byrd jr.. Sie urinierten auf ihn, banden ihn an einen Pick-Up-Truck und schleiften den 49-Jährigen durch die Straßen. James Byrd jr. war Gutachten zufolge noch am Leben, als sein Körper dabei gegen einen Durchlass prallte und ihm der Kopf abgetrennt wurde.

Menschen mit Verwandtschaft dort erzählen mir, dass das Grenzgebiet zwischen Texas und Louisiana in Sachen Rassenhass das schlimmste ist. Weiß und Schwarz stehen sich in unterdrückter Feindseligkeit gegenüber. Dass es noch zur Jahrtausendwende zu einem Lynchmord kommen konnte, symbolisiert dabei die Machtverhältnisse. Genau wie die Schändung von Byrds Grab 2004 durch zwei Teenager. Oder die Aussagen im oben verlinkten Stück aus dem Jahr 2018: „Ich weiß nicht, ob ein Drogendeal falsch gelaufen ist oder so. Aber ich kann sagen, das hatte nichts mit der Rasse zu tun“, sagt ein weißer Bewohner, „die Menschen in Jasper wissen das.“

Der Prozess endete mit zwei Todesurteilen, von denen eines 2011 vollstreckt wurde, sowie einmal lebenslanger Haft. Hinweise auf ein anderes Motiv als Hass gab es nicht. Der Sänger Matthew Mayfield thematisierte die Ermordung Byrds in seinem Song „Still Alive“.