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Der Tod der deutschen Blogosphäre

Eine Wahrnehmungsblase verhindert den Blick auf die Realität: Die „deutsche Blogosphäre“ liegt im Sterben. Gut so.

In der Hölle regieren, statt im Himmel zu dienen? (Quelle)

Ich meide Meta-Diskussionen und beschränke mich darauf, drei bis viermal im Jahr über Blogs zu bloggen. Dennoch an dieser Stelle ein kurzer Tauchgang in die Sphären der Selbstreferentialität, es soll nicht lange dauern.

Der konkrete Anlass für dieses Posting ist nicht nur das Barcamp vom Wochenende, wo im Gegensatz zu 2007 neben der “Szene“ und den üblichen Web 2.0-Hochstaplern auch viele neue, post-technophile Gesichter zu sehen waren. Denn der Weg solcher Veranstaltungen in den Mainstream ist nur ein Symptom für das, was sich schon länger mit deutschen Blogs abspielt.

Platt gesagt: Der wahrgenommene Teil der deutschen “Blogoshäre“ ist in einem Zustand wie das internationale Finanzsystem vor dem Crash. Es gibt keine objektive Währung, in der Relevanz oder Wahrnehmung gemessen werden. Der Link hat ausgedient, er ist überbewertet wie die Schrottimmobilien in Kalifornien. Das Frontend von Rivva ist, so sehr ich Frank Westphals Arbeit schätze, nur noch ein Structured Investment Vehicle, das öffentliche Aufmerksamkeit und Relevanz suggeriert, dabei aber eigentlich vor allem Themeninzucht und Monokultur honoriert. Ein Blick auf den Diskurs mag in der Düsternis der Echokammer schwarze Zahlen suggerieren, doch nüchtern betrachtet ist die Bilanz gelinde gesagt ernüchternd.

Wenn ich vom Tod der deutschen Blogosphäre schreibe, ist nicht der Tod der deutschen Blogs gemeint – denn die sind in ihrer Gesamtheit quicklebendig. Ein Großteil ist einfach unsichtbar, weil die Themen zu weit weg von den Alphatierchen, ihre Geschichten zu nah am Leben sind, um in die Scheinwährung der Links umgetauscht zu werden. Doch je mehr Bloggen im Mainstream ankommt, eine Kulturtechnik wie jede andere wird, desto weniger kann die Illusion aufrecht erhalten werden, dass der Großteil der Blogger irgendetwas außer des Werkzeugs gemein hat. Diese Illusion entstand durch Medien und Echokammer; in den nächsten Monaten werden wir sehen, wie sie sich langsam aber sicher in Luft auflöst.

Der Sammelbegriff deutsche Blogosphäre muss sterben, weil das, was wir unter ihm verstehen der Diversifizierung und Manigfaltigkeit nicht mehr gerecht wird, eine Scheinhomogenität suggeriert und jede Weiterentwicklung verhindert. Mit ihm stirbt auch das Konzept des “Bloggens als Identität“. Wenn ich als Schreiner in einem Kegelverein bin und mich auf ein Party jemand fragt, was ich mache, werde ich kaum “Ich bin Kegler“ antworten. Genauso wenig wird die Mehrzahl der bloggenden Zeitgenossen künftig auf diese Frage “Ich bin ein Blogger“ entgegnen.

Vor allem bei den A-Bloggern verschwindet inzwischen alles hinter dieser Identität. Es sind meist nicht Unternehmensberater oder Journalisten die bloggen, „Blogger“ sind am Werk. Diese Bezeichnung ist so nichtssagend wie der Begriff des „Experten“. Doch vom „Blogger“ wird eben erwartet, bestimmten Rollen zu entsprechen – und genau über diese Erwartung, „Blogger“ zu sein, konnten die A-Menschen ihre eigentlichen Möglichkeiten nicht ausschöpfen. Sie hatten in den vergangenen Jahren die Chance, sich weiter zu entwickeln – nicht ihre Professionalisierung, sondern ihren Stil, ihre Themenvielfalt. Die meisten haben die Chance verstreichen lassen, was ihr gutes Recht ist. Doch in der Konsequenz hat die erste Generation, welche wir viel zu oft synonymisch mit der “deutschen Blogosphäre“ gleichgesetzt haben, ihr “Exile on Main St.“ bereits hinter sich. Was ihr bleibt, sind endlose Touren vor einem Publikum aus eingefleischten Nostalgikern.

Das Ende der deutschen Blogosphäre wie wir sie kannten nimmt den Druck, die Medienwelt zu verändern, aber sie beseitigt auch die Gefahr des elitären Dünkels. Blogs können alles, müssen aber nichts sein – und die besten dieses Landes hat vielleicht noch niemand entdeckt. Diejenigen, die diese Form mit Leben füllen, werden die etablierte Medienszene noch gehörig durcheinander wirbeln – doch sie werden es mit der gleichen angenehmen Selbstverständlichkeit und Bescheidenheit tun, mit der sie am nächsten Tag eine Geschichte aus ihrem Alltag erzählen – oder beginnen, den nächsten Scoop zu jagen.
Der Blogger ist tot, es lebe der Mensch!

Ben_ bloggt auch zum Thema und hat die Entwicklung etwas pathosfreier beleuchtet.

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Kommentar

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12 Kommentare

  1. Joha, da hast Du völlig Recht. Neulich erst bin ich über den Ruhepuls gefunden. Ein Blog, wie ich schon dachte, dass es sie nicht mehr gibt und das mir derzeit mehr wert ist, alls 95% aller anderen Blogs in meinem Feedreader.

  2. wenn die entwicklung so eintritt, macht sie mir mut. und bin gespannt, welche methoden und techniken dann die gesamtheit der blogs (wenn man den begriff „blogosphäre“ nicht mehr benutzen will) entwickeln wird, um relevante und ähnliche inhalte doch zueinander finden zu lassen.

    spannend wäre es z.b. mal hinter die kulissen von rivva zu sehen und zu beobachten, wer alles es nicht auf die homepage von rivva schafft.

  3. diese entwicklung ist gut!

    Sie wird der bloggosphäre.. pardon, der Medienlandschaft.. pardon, unserer gesellschaftskultur guttun!

  4. Schöner Beitrag, ich würde allerdings ergänzen wollen, dass schon länger eine Klümpchenbildung von Blogs existiert, die sich aus „ähnlich“ gelagerten Blogs bzw. bzw. einander „sympatisch“ findenden Bloggern gebildet hat.

    Bei einer der letzten Lesungen, die wir hier so im Rhein-Main-Gebiet veranstalten, verirrte sich mal ein sogenannter A-Blogger zu uns, der ganz erstaunt war, was hier (und wir) so alles in unserem Kreis („Klümpchen“) aus vielleicht 300 bis 400 Blogs auf die Beine gestellt wird und darüber hinaus anmerkte, dass es darunter ja richtige „Knallerblogs“ gibt – fernab jedem A-Bloggeranspruch 😉

  5. Ironisch, dass dieser Metabeitrag jetzt auf Rivva nach oben wandert.
    @Ben: Danke für den Blogtipp!
    @Phil: Klümpchenbildung ist ein gutes Stichwort, die Frage ist, wie man die vereinfach kann. Ich will nicht zu technisch werden, aber eine Idee wäre eine Social Watchlist, eine Art TimesPeople für WordPress, die in den „Freundesblogs“ Empfehlungen quasi multipliziert. Aber das ist nur so rumgesponnen, vielleicht gibt es das ja schon…

  6. Erstens gut dass du nicht dauernd über Blogs und Blogging bloggst. Interessiert da draussen nämlich niemanden.

    Zweitens: Rivva gefällt mir besser als Yigg. Auch wenn beides Probleme hat. Aber irgendeine Sammel/Such/Übersichtsseite braucht die Blogosphäre.

  7. hallo johannes,

    danke für die infos. ich wusste gar nicht, dass es ein barcamp gibt und sich dort menschen treffen. außerdem ist es doch nicht erstaunlich, dass sich die blogger am liebsten mit sich selbst beschäftigen. wenigstens ist knüwers handelsblatt blog der am meisten kommentierte … . ist ja auch klar. kegler interessieren sich halt für kegler. tatsächlich ist frank wiebe wesentlich relevanter – aber eben nur für mich. ansonsten mit der gemeinsamen währung … . also wir können ja den bloggo einführen. das geldmanagement macht dann otmar issing. schützt uns vor inflationierung.

    gruss

    frank

  8. Ich kann Deinem Beitrag in keinem Punkt beipflichten. Ich verstehe Deine Argumentation nicht. Wenn Du das Wort „Blogosphäre“ nicht magst: geschenkt. Sie ist genauso aussagekräftig wie „die Zeitschriften“ oder „der Zeitungsmarkt“. Und genau wie dieser Zeitungsmarkt sind die Blogs in Deutschland vielfältig.

    Es gibt viel Schrott darunter, viele die glauben, sie wären toll. Sie werden dabei von „Schwanzvergleichssystemen“ bestärkt. Aber genauso wie eine Zeitungsauflage kein Verhältnis zum subjektiv emfundenen Niveau hat, so wenig sagen A- und B-Blogger etwas über den Inhalt der Blogs aus.

    Der Nutzen von Blogs ist unterschiedlich. Die ganzen Privatgeschichten interessieren mich nicht. Aber das bin nur ich. Ich lese Blogs zur fachlichen Weiterbildung. Und genau deshalb schreibe ich eines. In diesem Segment sind Blogs allen Zeitschriften weit überlegen und werden es bleiben. Allein deshalb muss und wird es sie weitergeben.

    Rivva ist für Blogs als Medium unwichtig. Es handelt sich dabei um eine Art Presseschau, wie es sie in Deiner Lokalzeitung gibt. Eine weitergehende inhaltliche Relevanz sehe ich nicht. Es interessiert mich nicht für mein Blog, welche Themen dort angezeigt werden. Die Themen für mein Blog setze ich, nicht Rivva. Also, wo ist das Problem?

    Eigentlich ist Dein Artikel genauso wie dieser Kommentar inhaltlich überflüssig. Es wundert mich, daß es diese Scheindebatte noch immer gibt. Aber das ist wie mit Tabellenlayouts: die sterben auch nicht aus. 🙂

  9. Falls Du mit der Blogosphäre die „Möchtegern-Öffentlichkeit“ der Blogger in der Gesamtheit meinst, stimme ich mit Dir überein. Aber das ist halt bloss die halbe, beziehungsweise die 10-Prozent-Wahrheit. Und so ist es mir ziemlich egal, was mit der Blogosphäre passiert. Sie ist unwichtig und manches mal überflüssig wie ein Pferdefuss. Oder liest Du Zeitungen aufgrund dessen, was Du über sie in andern Medien erfährst? Wohl kaum. Der Inhalt zählt und der ganze „Meta-Brunz“ sind Informationen, die eh bloss die eigenen Zunft interessiert.

    Blogs werden das bleiben, was sie schon immer waren: Nischenschauplätze mit persönlich gefärbten Informationen. Und das ist gut so, finde ich.

  10. @Jens: Ich denke, Einstiegsportale und der Output der großen Blogs sind doch relevant, weil sie die Außenwirkung erheblich prägen. Sie spiegeln eben nur nicht die Realität wider.
    Die Überflüssigkeit von Debatten über Blogs sehe ich genauso, deshalb blogge ich nur selten in Meta.

    @Roman: Ich stimme Dir zum Teil zu, außer, dass ich die weitere Entwicklung von Blogs nicht pauschal einschätzen kann. Ich kann mir vorstellen, dass es künfig mehr Blogs geben wird, die sehr große Nischen besetzen und in diesem Feld sehr einflussreich sein werden. Jenseits von IT-nahen Themen und „Meta-Brunz“. Muss aber nicht so kommen und ist auch nicht zwingend gesellschaftsverbessernd oder whatever.

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