Die Evolution des Suchmaschinen-Menschen

Die Auslagerung unseres Gedächtnisses in ein Suchfeld führt die Menschheit in eine Falle, meint Nicholas Carr. Die Lösung des Problems liegt in einer alten Kulturtechnik, meine ich.
2001 - Space Odyssee
Humanistische Bildunterzeile: Der Homo Machina Quaestionis (via dioboss, Flickr)

Das Sein bestimmt das Bewusstsein und das Medium ist die Botschaft. Soweit, so klar. Oder doch nicht? Im aktuellen Atlantic versucht Nicholas Carr, diese These auf das www bzw. das suchmaschinenoptimierte Internet anzuwenden. “Is Google making us stoopid?“ fragt er und kommt zu dem Schluss, dass die Auslagerung unseres Gedächtnisses in das Google-Suchfeld uns nicht gut bekommt.

Statt der Tiefe der eingeprägten Informationen, des Weltwissens in der Nuss- bzw. Hirnschale, das sich der vor-digitale Mensch aneignen musste, um es präsent zu halten, haben wir es im Web-Zeitalter mit einer oberflächlicheren Informationsverarbeitung zu tun. “Lesen“ wird zur Nutzbarmachung einer sehr kurzen Aufmerksamkeitsspanne, um Informationen schnell zu dekodieren. Was bei diesem Konsum von Bruchstücken auf der Strecke bleibt, ist eine tiefere und logische Verknüpfung dieser Informationen mit dem gespeicherten Weltwissen.

Nicht nur, weil Carr darin folgerichtig eine Erfüllung von Frederick Winslow Taylor industriellem Rationalisierungsgedanken auf der Ebene des Geistes sieht und noch sonst allerhand geschichtliche Parallelen aufzeigt, ist dieser Text so lesenswert (und, ironischerweise, zu kurz!). Es sind Passagen wie diese, die zu denken geben:

“Ich fühle mich von dieser Szene aus dem Film 2001 verfolgt. Was sie so schmerzlich, und so seltsam macht, ist die emotionale Antwort des Computers auf die Abschaltung seines Geistes: seine Verzweiflung, als ein Schaltkreis nach dem anderen erlischt, sein kindhaftes Anflehen des Astronauten – “Ich kann es fühlen, ich kann es fühlen. Ich habe Angst“ – und seine letzte Verwandlung zu etwas, das nur ein Zustand der Unschuld genannt werden kann. HAL’s Gefühlsausbruch kontrastiert die Emotionslosigkeit, welche die menschlichen Figuren im Film charakterisiert, die ihrer Arbeit mit beinahe roboterhafter Effizienz nachgehen. Ihre Gedanken und und Handlungen wirken vorherbestimmt, als würden sie den Schritten eines Algorithmus nachgehen. In der Welt von 2001 sind Menschen so maschinenartig geworden, dass sich der menschlichste Charakter als eine Maschine entpuppt. Das ist die Essenz von Kubrick’s dunkler Prophezeiung: Während wir uns mehr auf Computer verlassen, um uns das Verständnis der Welt zu vermitteln, ist es unsere eigene Intelligenz, die zur künstlichen Intelligenz verflacht.“

(Übersetzung von mir)

Carrs Kulturpessimismus beim Auftreten neuer Medien ist nicht unbekannt, sein Blick nicht die einzige Interpretationsart: Anderen Theorien zufolge (wenn jemand die Ursprungsquelle weiß, bitte in den Kommentaren melden) wird sich das Internet auf die Entwicklung unseres Gehirns positiv auswirken. Ähnlich, wie der Buchdruck zur Alphabetisierung breiter Kreise führte und eine Speicherung des Wissens jenseits der oralen Tradierung einleitete (und diese zudem demokratisierte), könnte die “elektronische Auslagerung“ von Informationen unser Gehirn dazu befähigen, Bezüge schneller zu knüpfen und das Aufgenommene sofort zu evaluieren. Dies wäre sozusagen das Negativ von Carrs Bild – eine deutliche positivere Version des menschlichen Netzgehirns.

Wahrscheinlich liegt der schmale Grat zwischen den beiden Polen in einer anderen Kulturtechnik: Dem Schreiben bzw. Berichten. Weil das Internet allen von uns die Möglichkeit zur Publikation der eigenen Gedanken bietet, schafft es auch Anreize, Informationen zu verknüpfen, Ideen auszuformulieren und genau den Schritt zu machen, der den effizienten aber oberflächlichen Konsum von der tieferen Verarbeitung trennt.

Die zukünftigen Aufgabe unserer Gesellschaft bezüglich des Internets müsste deshalb um zwei Punkte erweitert werden: Eine Alphabetisierung der Menschen zur Publizierung eigener Ausdrucksformen, auch und vor allem im Internet, und die Befähigung des Einzelnen, sich Informationen auch in einer Offline-Welt zu beschaffen. Denn in der Tat ist die Vorstellung eines Suchmaschinen-Gehirns ohne Suchmaschine eine ziemlich angsteinflößende.

Zur Diskussion zwischen Nicholas Carr und Clay Shirky. Deutsche Blogger schreiben u.a. hier und hier

1 Gedanke zu „<span class='p-name'>Die Evolution des Suchmaschinen-Menschen</span>“

  1. Mjamm, mjamm, meine liebste Speise. Texttheorie, Wissenswissenschaft und Kulturtechnologien. Da kann ich nicht widerstehen.

    Ich glaube, Carr macht bereits mit seiner ersten Annahme einen Denkfehler. Dass Google-Suchfeld der modus Operandi des Internets ist, ist unbestritten. Die Suchmaschine ist die Kernapplikation fürs Internet. Und Google hat sie ebenso einfach wie schlicht gehalten. Das läßt aber nicht auf eine (kommende) Schlichtheit seiner Verwender schließen. Das Buch als Medium ist ein kaum weniger schlichtes. Erst der Inhalt führt zur Kultur und zum Wissen.

    Und hier können Google und das Netz punkten. Google ist deshalb so erfolgreich, weil soviele Leute etwas wissen wollen, sich nicht zufrieden geben damit, etwas nicht zu wissen, und weil Google es ihnen gibt. Google hat alle andere Suchmaschinen verdrängt, weil sie uns das gaben, was wir wissen wollten.

    Über den Rest muss ich nochmal nachdenken. Vielleicht selber bloggen. Illich hat da bestimmt auch ein Wort zu zusagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.