in Medienkram, Notiz, USA

Die Gefahr des anthropologischen Journalismus

Besuch in Roberts County, Texas

Unsere Gesellschaft tendiert Lebenswelt-Segregation, spezialisierte Berufsgruppen zu Strukturen, in denen sich die Vertreter immer “ähnlicher” werden. Für den Journalismus bedeutet das eine wachsende Gefahr, über Lebenswelten “anthropologisch” zu berichten: Besuche auf dem Land, in anderen sozialen Schichten oder bestimmten Milieus verwandeln sich in Texte, die sich wie Exkursionen lesen.

Als Korrespondent hat die Sache noch einmal einen Kniff: Auslandsberichterstattung hat immer einen anthropologischen Hauch, dies liegt auch in der Übersetzungsfunktion, die wir weiterhin zu leisten versuchen.

Als wir nun neulich im Norden von Texas waren, um über den Wahlkreis mit den prozentual meisten Trump-Wählern zu berichten, war die Frage nach dem Ansatz der zentrale Knackpunkt: Andere Medien – unter anderem die Bild – waren dorthin gefahren und hatten einfach Kurzmeinungen abgegriffen, eine Art Trump-Wähler-Freakshow. Wir wollten dagegen das Dorfleben dort darstellen, die Probleme und Haltung zur Welt (und, nebenbei, zum US-Präsidenten). Soweit das geht, wenn man nicht dort wohnt. Genau das wird aber genau in dem Moment wieder anthropologisch, wo wir dem deutschen Leser das ihm fremde Milieu vermitteln.

Herausgekommen ist oben verlinkte Reportage und das Fazit, dass den Menschen dort die Politik eigentlich ziemlich egal ist. So wie es weiterhin ein ziemlicher Balanceakt ist, in einem Land mit 300+ Millionen Menschen einen Ausschnitt zu finden, der ehrlich als Stellvertreter-Ausschnitt für etwas Allgemeines, Verbreitetes gelten kann.

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