in Denken

Einsteins Gott-Parabel im Jahr 2018

Über diese Rezension bin ich auf Albert Einsteins Antwort auf die Frage gestoßen, ob er ein Pantheist sei (das Interview dürfte in den 1920ern stattgefunden haben).

„Ihre Frage ist die schwierigste der Welt. Es ist keine Frage, die ich einfach mit ja oder nein beantworten kann. Ich bin kein Atheist. Ich weiß nicht, ob ich mich als Pantheist bezeichnen könnte. Das Problem, um das es geht, ist zu enorm für unseren begrenzten Verstand. Könnte ich nicht mit einer Parabel antworten? Der menschliche Verstand, egal wie sehr er trainiert wurde, kann das Universum nicht begreifen. Wir befinden uns in der Lage eines kleines Kindes, das eine große Bibliothek betritt, deren Wände bis zur Decke mit Büchern in vielen verschiedenen Sprachen voll stehen.

Das Kind weiß, dass jemand die Bücher geschrieben haben muss. Es weiß nicht, wer oder wie. Es versteht die Sprachen nicht, in denen sie geschrieben wurden. Das Kind erkennt die Existenz eines genauen Plans hinter der Anordnung der Bücher, eine geheimnisvolle Ordnung, die es nicht versteht, sondern nur schemenhaft erahnt. Das scheint mir das Verhältnis des menschlichen Verstands, selbst des großartigsten und kultiviertesten Verstands, zu Gott. Wir sehen ein Universum, das fantastisch angeordnet wurde und bestimmten Regeln folgt, aber wir verstehen diese Regeln nur vage. Unser beschränkter Verstand kann die geheimnisvolle Kraft, die diese Konstellationen beeinflusst, nicht begreifen. Mich fasziniert Spinozas Pantheismus. Ich bewundere ihn noch mehr für seinen Anteil an der modernen Gedankenwelt. Spinoza ist der größte der modernen Philosophen, weil er sich als erster Philosoph mit der Seele und dem Körper als Einheit befasst hat und sie nicht als getrennt betrachtet hat.“

Würde ein Naturwissenschaftler, der nicht Einstein heißt, gut Hundert Jahre später öffentlich über den „Gott in allen Dingen“ mutmaßen, er hätte wohl schnell den Ruf als Esoteriker weg. Gerade außerhalb der Naturwissenschaften.

Je mehr wir wissen, desto geringer scheint unsere Toleranz für Zwischenräume, für das Unbeantwortbare zu sein. Unbeantwortbar im Sinne von „nicht heute, nicht morgen, niemals“. Eine verbreitete Form des Atheismus – und darum dreht sich auch die verlinkte Rezension – hat die Metaphysik als Idee völlig beerdigt und sie (und mit ihr die ehemalige Gottesleerstelle) mit einer individuellen Fortschrittsidee ersetzt.

Dieser Fortschritt kann in der Gestalt des „Irgendwann“ erscheinen: Irgendwann finden wir die Theorie von allem, irgendwann erhalten wir durch unsere Weltraum-Empfänger Signale aus anderen Zivilisationen, irgendwann kolonisieren wir den Mars, irgendwann verschmelzen wir mit dem Internet. Aber wenn das Paradies nicht existiert, dann weder im Jenseits, noch in der Zukunft.

Die Demut in Einsteins Parabel hat ihren Kern dort, wo er ein Kind in die Rolle unseres Verstandes schlüpfen lässt. Eines, das immer Kind bleiben und immer wieder rätselnd vor den Bücherregalen stehen wird. Ich mag diese Demut, weil sie dem Wesen der Existenz sachte zunickt, obwohl es sich nicht benennen, überliefern, berechnen oder begreifen lässt.

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