in Denken, Notiz, Technologie

Narziß und Goldmund im 21. Jahrhundert

Gerade aus den internationalen Feuilletons wird der wachsenden Irrelevanz der Geisteswissenschaften mit dem Szenario begegnet, die Digitalisierung wäre menschenfreundlicher verlaufen, wenn doch nur mehr Geisteswissenschaftler beteiligt gewesen wären (also außerhalb der PR-Abteilungen, meine ich).

David Auerbach, Ex-Entwickler bei Microsoft und Google und inzwischen Essayist, in seinem Buch „Bitwise – A Life in Code“ (Seite 81) zu diesem Konflikt:

„In den Augen von Tech-Spezialisten bauen die Gelehrten der Geisteswissenschaften schlecht begründete Luftschlösser, und das mit der Hilfe von bedeutungslosen Worten, um zu beweisen, das nichts etwas bedeutet. Für die Geisteswissenschaftler sind die Tech-Spezialisten gefangen in einer positivistischen Geisteshaltung, die wenig Raum für Kontext, Spekulation oder solche Denkweisen lässt, die nicht auf eine logische Form reduziert werden können. Jede Seite neigt dazu, die andere mit erstaunlicher Lieblosigkeit zu behandeln.

Die Begegnung findet allerdings kaum auf Augenhöhe statt: Der Tech-Boom und die immer zentralere Stellung der computergetriebenen Verarbeitung in unserem Leben hat der Tech-Kultur ein Gefühl von Relevanz und finanziellem Erfolg gegeben, das in starkem Kontrast zum Übermaß an schlecht bezahlter Arbeit in den Hochschulen steht. Universitäre (Geistes-)Wissenschaftler können Tech nicht mehr ignorieren, und Modeerscheinungen wie die ‚Digital Humanities‘ oder auch Technologie-Studien wurden zu neuen Mechanismen, um das prekäre System des amerikanischen Hochschulwesens etwas abzustützen.

Für mich waren die beiden Felder stets gleichberechtigt – und gleichermaßen fremd. Die Exaktheit der Computerwissenschaften gab mir ein Werkzeug, heiße sprachliche Luft zu erkennen. Geisteswissenschaftliche Einbildungskraft jedoch ermöglichte es mir zu verstehen, was ich in diesem technokratischen Labyrinth überhaupt tat – und mich zu fragen, warum ich es tat und wohin es führte. Ich programmiere nicht länger hauptberuflich, aber ich vermisse das geistige Training, das es mir verschaffte und das mir half, meinen Verstand präzise geometrisch zu schärfen.“

Siehe auch:
Tech und seine Kulturen
Fuchs und Igel, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften

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Kommentar

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  1. Ha-haaa! Da muss ich laut und bitter lachen. In Deutschland findet in der Wissenschaft seit fast 30 Jahren der Rechtsruck statt, den wir jetzt auch politisch erleben: Reformansätze aus den 60ern und 70er wie „Interdisziplinarität“ werden zu Gunsten er klassischen Wagenburgen wie die Philologien zurückgebaut, in den Curricula wird wieder der alte Kanon vor moderne Autoren und Thesen gerückt. Goethe statt McLuhan. Interdisziplinäre Studiengänge und Fächer wie „Computerphilologie“ oder „Texttechnologie“ haben praktisch keine Chance.

    Mal ganz davon zu schweigen, dass der Rückbau von verlässlichen Budgets an deutschen Unis zu Gunsten von temporären, kompetitiv ausgeschriebenen Budgets dazu führt, dass diejenigen Forscher, die eine Stelle haben, nicht mehr forschen, sondern praktisch nur noch damit beschäftigt sind, Anträge für Drittmittelprojekte zu schreiben. Das ist der Stand in den Geisteswissenschaften.

  2. @Ben: Ehrlich gesagt kenne ich gar keine anderen Geisteswissenschaften als die der ausgetretenen Pfade und atomisierten Forschung. Wobei mir diese Atomisierung ein Grundsatzproblem im Hochschulwesen zu sein scheint.
    Der fehlende Mittelbau (vgl. dein Absatz über temporäre Budgets) ist allerdings nicht nur in den GW ein Problem. Ich habe hier schon mehrere deutsche Wissenschaftler & Wissenschaftlerinnen unter 45 & aus unterschiedlichen Feldern kennengelernt, die in die USA gekommen sind, weil es in Deutschland in diesem Alter nichts gibt. Junior-Professur wird nicht angenommen, die Profs und ihre Vorlieben dominieren die Lehrstühle und verwenden Jung-Wissenschaftler mehr oder weniger als Zuträger (und dann reden wir in STEM noch nicht einmal über die Ausstattung…). Das ist halt auch brutal, diese Hierarchisierung des Betriebs, die sich immer wieder selbst erneuert…