Hurrikan-Saison an der Golfküste

Von Ende August bis Anfang Oktober ist die Hochphase der Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko. Anders als ein kalifornisches Erdbeben kommen Stürme mit Ankündigung, aber halbwegs Gewissheit gibt es meist erst etwa 48 Stunden vor dem Eintreffen an der Küste – und selbst dann kann sich die Route noch etwas ändern. Und die Folgen können je nach Windstärke andauernde tropische Regenfälle, Stromausfall (von wenigen Stunden bis hin zu mehreren Wochen) oder Evakuierung sein.

Wenn du hier lebst, lernst du, was wichtig ist. Wenn du verreist, packst du die wichtigsten Dokumente in eine verschließbare Box und verstaust sie weit weg vom Boden, falls es während der Abwesenheit Überschwemmungen gibt. Am besten steckst du vor dem Urlaub den Kühlschrank aus, weil deine Wohnung sonst nach einem mehrtägigen Stromausfall sehr unangenehm riechen wird und Kakerlaken eingezogen sind.

Bei den Vorräten ist die Faustregel mindestens eine Woche Wasser und für drei Tage Essen, das nicht gekocht werden muss oder auf dem Gartengrill funktioniert. Dazu Taschenlampen, Kerzen und ein Radio. Es gibt erstaunliche Erfindungen, die Taschenlampe, Radio und Solar-Ladegerät verbinden (U-S-A! U-S-A!).

Doch das größte Problem ist bei Temperaturen von 27 Grad nachts, 32+ Grad tagsüber und 60+ Prozent Luftfeuchtigkeit natürlich, dass die Klimaanlage ausfallen wird. Und New Orleans ist im Sommer ohne Klimatisierung ziemlich schwer erträglich, zumindest im 21. Jahrhundert und für verweichlichte Zugereiste wie uns. Neulich haben wir für andauernde Stromausfälle den Tipp „in die kalte Badewanne legen und sich abends in den Schlaf trinken“ bekommen.

Und der Sturm stellt dich irgendwann vor die Frage, ob du bleibst oder gehst. Das Auto muss aufgetankt sein, du packst die wichtigsten Dokumente und etwas Nahrung ein und fährst los. Du solltest wissen, in welche Richtung. Wenn du Pech und keine Verwandten hast, sind die Motels in einem Umkreis von mehreren Hundert Kilometern ausgebrucht. Wenn du viel Pech hast und dich zu spät entscheidest, stehst du im Mega-Stau, weil hier nur drei Straßen aus der Stadt führen (nördlich von hier ist der riesige Lake Pontchartrain, der nur über zwei Brücken überquert werden kann)

All das bleibt uns hoffentlich erspart. Ich habe in den vergangenen Wochen viel über Stürme gelernt, wie sie sich bilden, was sie begünstigt und ihre Route beeinflusst. Ich verstehe jetzt das Spaghetti-Modell mit den verschiedenen Routen-Prognosen. Naja, ein bisschen zumindest. Der Golf von Mexiko ist sehr heiß dieses Jahr, die Regenfälle und Überschwemmungen westlich von hier zeugen davon. Eine tropische Depression kann hier zu einem Sturm wachsen.

Im Moment ist ein solches System (Bezeichnung „Tropical Depression 9“, bis es Sturmstärke und einen Namen bekommt) an die amerikanische Küste unterwegs, aber es trifft am Donnerstag wohl Florida. Ich habe viel gelernt über Stürme, aber das theoretische Wissen genügt mir ehrlich gesagt. Aber natürlich wird irgendwann wieder ein Hurrikan die Stadt treffen, das ist sicher.

Die Menschen von hier haben von Kleinauf gelernt, was zu tun ist und wie sie sich versorgen müssen, soweit sie dazu in der Lage sind. Aber der Rest? Neulich meinte jemand von hier, die ganze „New Orleans Renaissance“ durch die jungen Zugezogenen aus New York und sonstwo werde spätestens nach dem nächsten größeren Sturm vorbei sein. „Sie werden alle verschwinden, sobald sie mal vier Wochen ohne Strom gelebt haben.“

2 Gedanken zu „<span class='p-name'>Hurrikan-Saison an der Golfküste</span>“

  1. Beim letzten Satz musste ich mit sehr tiefer Stimme lachen. Das sieht Dir ähnlich, dass Du da wohnst und auch nach der nächsten Hurricane-Saisons bleibst … sehr schöne Inspiration überigens, für mein Kurzgeschichten Projekt. Danke!

  2. @Ben: Mal abwarten – so gut es uns gefällt, wir sind ja nicht ewig im Ausland und überlegen, noch ein anderes Land kennenzulernen.

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