IT-Ethik (aber für wen?)

Computer science faces an ethics crisis. The Cambridge Analytica scandal proves it.

Ex-Googler Yonathan Zunger schreibt nach dem Facebook-Datenmissbrauch über die Notwendigkeit ethischer Richtlinien in der IT-Branche – und vergleicht es mit den Feldern der Chemie (nach dem Dynamit) und Physik (nach der Atombombe).

Das ist alles sehr richtig und sehr gut, aber was er nur andeutet: Die Verantwortung trifft eben auch die MBAs/BWLer, die in Tech aktiv sind und eine Menge der Entscheidungen und Kennzahlen festlegen, nach denen optimiert wird (siehe auch: „Tech und seine Kulturen“).

Ich will die Techies gar nicht ausnehmen, im Gegenteil: die Debatte ist überfällig, wichtig und wird viel zu leise geführt – ich schreibe ja seit ein paar Jahren immer mal wieder darüber. Aber warum haben wir es schon vor Jahrzehnten aufgegeben, bei Kindern der Betriebswirtschaft irgendwelchen ethischen Haltungen einzufordern, als würden sie nur mit Bilanzzahlen und nicht mit Menschen und Ressourcen hantieren?

5 Gedanken zu „<span class='p-name'>IT-Ethik (aber für wen?)</span>“

  1. Würde man in den Schulen den Ethikunterricht genauso forcieren wie die MINT-Fächer, könnte ich mir hier eine gewisse Waffengleichheit vorstellen. So bleibt es aber beim ewigen nachsehen der Philosophie gegenüber des Marktes.

  2. @Libralop: Findest Du, dass die naturwissenschaftliche Lehre hier schon ideologisch eingefärbt daherkommt oder meinst Du das Fehlen jeglichen Rahmens? Ich bin zu weit weg davon, beim Nachdenken kommt mir der Überbau als „Logik und Ableitung+Rationalität+Überprüfung von Behauptungen“ vor. Was ja theoretisch zum kritischen Denken beiträgt (vgl. auch Popper etc., da gibt es schon ein Erbe). Zumindest eher als die Inhalte des Wirtschaftszweigs und nachgeordnet des BWL-Studiums. Nach der Finanzkrise gab es ja in den Business Schools einige Diskussionen darüber, ob man nicht Jahrzehnte falsche Modelle und Werte gelehrt hat.

  3. @Joha: In deutschen Schulen wurde und wird das naturwissenschaftliche Fach stets höher als der Ethikunterricht gewertet. Auf der Universität setzt sich das als Konzentration auf den Wissenschaftsgegenstand fort, so dass sich hier ganz eigene *Bubbles* und Wertesysteme bilden, die allesamt mit den Ansätzen Gemeinnutz und Solidarität nichts zu tun haben.

    (Einschub: Woher kommen die Informatiker, die Firmen helfen, Massendaten für politische Zwecke abzuschnorcheln? Woher kommen die Mediziner, die berechnen, welche Dosis Gift man für eine Hinrichtung benötigt? Woher kommen die Ingenieure, die im Abgasskandal wissentlich technische Systeme manipulieren?)

    Insofern würde ich behaupten, dass es sich um eine fehlende Verbindung der Naturwissenschaftler zu einem ethischen Referenzrahmen der eigenen Gesellschaft handelt. Ein wissenschaftlicher Staat im Staat bildet sich aus, wenn die Reflexion der sozialen Umstände im Bezug aufs eigene Handeln fehlt.

    Ja: Dessen interne Gesetze sind regelhaft, logisch ableitbar und in einem recht wasserdichten Kohärenzsystem eingeschlossen. Aber „Logik und Ableitung+Rationalität+Überprüfung von Behauptungen“ sind hierbei nur Werkzeuge, die jedoch nicht außerhalb der eigenen Werkstatt angewandt werden.

    Vielleicht ist es zu viel von der Wissenschaft an sich verlangt, moralische Fragestellungen in die eigenen Abläufe zu integrieren. Von den Wissenschaftlern als Person verlange ich dies aber. Und bedaure, dass es so oft zu fehlen scheint.

  4. @Libralop: Danke für die schlüssigen Ausführungen! Interessanterweise war Ethik eher als Ersatz für den Religionsunterricht angedacht, zumindest zu meiner Zeit (Dinge wie Gemeinwesen etc. waren eher Sozialkunde, wenn auch nur schematisch).
    Einschub: vor der Verschulung des Uni-Wesens gab es glaube ich genügend Möglichkeiten, über Wertefundamente etc. zu lernen, aber vorwiegend individuell natürlich.

    Ich würde allerdings die These wagen, dass selbst ein ethischer Unter- oder Überbau im Bildungswesen nicht zwangsläufig zu ethischer Handlungsfähigkeit führen würde, sobald ein Mensch dann bei einem Akteur im Wirtschaftssystem arbeitet, das solche Fragen ja quasi an Regulierung oder Konsumenten-Entscheidungen auslagert.
    Selbst am oberen Ende der Hierarchie ist die Entscheidungsfreiheit im Kontext von Shareholder-Value und „Marktdruck“ sehr eingeschränkt (und auch illegale Aktionen werden eher im Bezug auf Risiko für Entdeckung, Marktwert, Markenruf und Management-Haftbarkeit getroffen, aber vielleicht ist es zynisch von mir, dahinter als Außenstehender nicht mehr zu vermuten).
    Aber Ideen für eine systematische Ethikvermittlung im Bildungswesen sind ein sehr interessantes Thema, das werde ich im Auge behalten.

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