in Denken

Jens Jessen (und der #MeToo-Moment)

Eine längere Notiz zum „bedrohten Mann“.

Eine Polemik ist in den seltensten Fällen ein ehrliches Debattenangebot, funktioniert aber im Kontext der Aufmerksamkeitsökonomie ungemein besser als ein sachlich gehauchtes “Moment mal, ich hätte da eine Kritik an der Diskussion anzumelden”.

Natürlich, es lässt sich erahnen, rede ich von Jens Jessens Stück zum Gegenwartsfeminismus. Dessen Schicksal entspricht derzeit insofern konsequent dem selbstgewählten Format, als es zunächst entsprechend der Aufmerksamkeitsökonomie vorwiegend nach Verpackung wie Social-Media-Ausschnitten, Überschrift und Aufmachung, nicht nach dem Inhalt beurteilt wurde (o twitter, o mores!). Aber ohnehin, die unter dem Text angemeldete Replik von Bernd Ulrich deutet es an, scheint man bei der Zeit vor allem unter sich debattieren zu wollen.

Leider trägt Jessens Text auch während der Lektüre nicht besonders viel zur Erhellung oder Debatte bei. Die argumentative Schwäche ist bereits darin angelegt, dass Jessen “dem neuen Feminismus” eine verachtende Stereotypisierung von Männern vorwirft. Was natürlich selbst eine Verallgemeinerung ist, “den Feminismus” gibt es schon seit den Siebzigern nicht in jener imaginierten Reinform und nicht jede Feministin der neuen Generation fotografiert männliche Tramper und versieht sie mit dem Hashtag #MöglicherTäter oder auf hält die Übermalung des Gomringer-Gedicht für einen Meilenstein der Emanzipation (um mal zwei Beispiele zu nennen, die ich persönlich für kontraproduktiv halte).

Der überzeichnete Vorwurf, als Mann wie Muslime kollektiv für die Taten Einzelner verantwortlich gemacht zu werden, ließe sich nach diesen Maßstäben also auch in den Gegenstand die Polemik hineinlesen – alle Frauen, die sich für Emanzipation oder einfach nur für ein Leben ohne Furcht vor männlicher Gewalt einsetzen (also eigentlich nicht einmal Feministinnen sind, sondern nur auf Menschenrechte pochen), sind mögliche Hardliner oder “Radikalfeministinnen”, wie JJ sie nennen würde (mich würde übrigens interessieren, ob die Recherche jenseits der Internet-Textexegese Recherche auch aus Gesprächen und Veranstaltungen bestand).

Kleiner Verweis auf die Debatte in den USA: Das Fundament des Harpers-Textes vor wenigen Wochen über “Twitter-Feminismus” war durch eine selektive Online-Zitatauswahl ebenfalls recht wackelig, machte aber zumindest klar, dass sich die Kritik auf die netzpublizistisch-feministische Sphäre bezieht, die auch Jessen offenbar vorwiegend meint – und führte, wenn auch anonym, weibliche Kritikerinnen an oder konnte auf puritanische Entgleisungen wie die “Shitty Media Men List” verweisen.  Wie bei anderen Phänomenen vermischt sich aber auch bei #MeToo die amerikanische Situation und Wahrnehmung mit der Realität im eigenen Land. Was einerseits richtig ist, denn das macht den Moment so universell – und andererseits gefährlich, weil wir eben gerade im Rollenbild-, Berufs- und Uni-Kontext von sehr unterschiedlichen Sozialisationen und Strukturen reden (das heißt nicht, dass sexuelle Diskriminierung häufiger oder seltener ist – das lässt sich gar nicht feststellen, glaube ich. Was es heißt ist, dass wir anders geprägte Akteure in einem anderen Kontext erleben).

Was durch die marketing-gerechte Aufmandelung des “bedrohten Mannes” etwas verschüttgeht, ist die tatsächlich relevante Frage, wie integrativ der aus #MeToo abgeleitete Moment sein kann und muss – und was sich überhaupt gerade ändert.

Die Veränderung der Machtverhältnisse, so hat vor einiger Zeit die Kulturkritikerin Laura Kipnis festgestellt, geschieht heutzutage ja nicht in mehr die Erstürmung der Bastille, sondern in der Veränderung, wie wir über etwas reden und denken.

Mein subjektiver Eindruck ist, dass sich hier nach #MeToo gerade wirklich etwas ändert – und das, ausgelöst durch die öffentliche Debatte, vielleicht am konkretesten im privaten und beruflichen Kontext. Dort ist durchaus Raum für Einzelfallbetrachtungen, Ehrlichkeit, Nuancen, Zwiespältigkeiten und individuellen Erfahrungsabgleich mit dem Narrativ “da draußen”, während der öffentliche Diskurs inzwischen oft von den üblichen Kulturkampf-Ritualen überschattet wird (inklusive der Jessen’schen Pauschalisierungen, dem öden Maskulinisten-Geraune, aber auch des “alten weißen Mannes” und seiner Verwandten als gerne genutztes Rhetorik-Kantholz, das dem “Gutmenschen” ähnelt0). Diese “Backstage”-Bewegung ist vielleicht die langsamere, aber in ihr finden die wirklichen Veränderungen statt.

Wie stark die gesellschaftliche Wirkung allerdings jenseits des akademischen Milieus ist, lässt sich schwerer beantworten: 42 Prozent der Deutschen haben einer Umfrage zufolge von #MeToo noch nie etwas gehört.

Theoretisch wäre der Einstieg simpel: Fehlverhalten ausgesetzt zu sein – vom Alltagssexismus über Normübertretungen bis hin zum Verbrechen – ist eine universelle weibliche Erfahrung unabhängig von der Klassenzugehörigkeit, ob sie Frau, Freundin, Bekannte, Mutter oder Schwester betrifft, und der #MeToo-Moment ist für alle Geschlechter oft ein Empathie-Dynamo. Männern eröffnet sie damit nebenbei die Tür für eine Selbstreflexion von “Männlichkeit 1.

Aber unabhängig davon, dass die Diskussion darüber von Betroffenen eine Menge Mut zur Intimität erfordert, hat die Interpretation von #MeToo meinem Eindruck nach oft zwei Unschärfen: Die eine betrifft die Unterscheidung zwischen den Formen des Fehlverhaltens, die andere die Ausdehnung der Debatte auf den berechtigten Wunsch nach beruflicher Gleichberechtigung.

Beides entspringt natürlich der Kritik an den existierenden Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. Aber es ist schwer vermittelbar, Sexismus und Vergewaltigung als zwei Seiten der gleichen Münze zu beschreiben – die Währung mag identisch sein, die Münze ist es nicht.

Und auch die Kontextualisierung von #MeToo als Symptom für fehlende berufliche Gleichberechtigung mag aus einem kohärenten System stammen, in der Praxis aber halten es weniger theorieaffine Menschen mit Recht für zwei Paar Stiefel, ob ein Chef mir an den Hintern fasst oder sich korrekt verhält, aber die Beförderung verweigert, weil er für die Position einen Mann gewählt hat, mit dem er Bonding-Erfahrung hat.2

Fehlt es also an Differenzierung? Es ließe sich einwenden, dass das insofern unwichtig ist, weil der Lauf der Dinge – also eine “Systemreform” (oder wie auch immer man das nennen mag) sich ohnehin schon vollzieht. Allerdings ignoriert dies die Lehre der vergangenen Jahre, dass es keine “natürliche” und ungebremste zivilisatorische Bewegung zu progressiven Werten gibt. Und selbst ein Resultat mit neuen (oder zurück ins Gedächtnis gerufenen) Verhaltensnormen alleine fällt hinter dem Anspruch des #MeToo-Moments zurück, neben dem Sein des Geschlechterverhältnisses auch das Bewusstsein für Machtsituationen zu verändern (so interpretiere ich das zumindest).

Meine Ableitung daraus ist, dass wie bei allen politischen Veränderungswünschen das Thema natürlich auch jenseits der Peer-Group vermittelt werden muss. Oder, um David Brooks zum Wesen neuer sozialer Bewegungen zu zitieren: “Jede Bewegung, die heute Legitimation verdienen möchte, muss die Urheberschaft streuen. Der Ikea-Effekt lässt sich anwenden: Menschen wertschätzen das, an dessen Aufbau sie beteiligt waren.”

Das ist aber kein Ratschlag, ich bin kein Aktivist und will nicht mansplainen, auch wenn der Vorwurf nach mehr als 7000 Zeichen durchaus glaubwürdig vorgebracht werden kann. Vielleicht kann ich aber trotzdem einen Wunsch formulieren: Ich wünsche mir allgemein weniger Wehrlosigkeit im politischen Diskurswerkzeugkasten, weniger Clickbait in der gedruckten Zeit und mehr von jener erwachsenen Debatte, die ich im Privaten erleben darf.

 Natürlich ist ein Diskussionsbeitrag keine Freikarte für eine Antwort, natürlich symbolisiert der “weiße Mann” auch ein Privileg; aber wer das rhetorische Kantholz schwingt, muss damit leben, einen Vorwand zum Ausstieg zu liefern oder – folgenreicher – das Angebot zur männlichen Selbstreflexion auch interessierten Zeitgenossen (und -genossinnen) nicht ehrlich erscheinen zu lassen.

1  Dass #MeToo auch Männer ermutigt, über ihre Missbrauchserfahrungen zu reden, zeigt das Essay von Junot Díaz.

2 Ich spare mir aus Platzgründen eine Debatte darüber, wie bürgerlich oder nicht der karrierebezogene Feminismus ist und ob wir nicht die Möglichkeit einer Systemreform vergeben, wenn weibliche Führungskräfte letztlich nach den Shareholder-Value-Maßstäben handeln werden, denen auch ihre männlichen Gegenparts folgen.

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