Katastrophe am Rande der Wahrnehmung

BP und das Ölleck im Golf von Mexiko: Vertuschungen, Verschwörungen und eine Katastrophe, an die wir uns viel zu schnell gewöhnt haben.

Deepwater Horizon

Die Wahrheit liegt tiefer (via KK+, Flickr, CC)

Seit 76 Tagen fließt das Öl dort, wo früher die Ölplattform Deepwater Horizon stand. Fast ungehindert, inzwischen auch fast unbemerkt:  Wie so oft verliert eine Katastrophe ihren Schrecken, wenn wir uns an sie gewöhnt haben.Bis zu den Entlastungsbohrungen sind es noch einige Wochen, in denen nichts passieren wird. Außer weiterhin Öl, viel Öl, zerstörte Ökosysteme, dunkle Strände und tote Vögel.

Doch von all dem sehen wir wenig, was nicht nur daran liegen könnte, dass die Berichterstattung jenseits der lokalen Medien an Bedeutung verliert: Immer wieder erzählen Reporter, dass Sicherheitskräfte ihnen den Zugang zu den Katastrophengebieten verwehren (eine Übersicht gibt es auf dieser Seite). Glaubt man der Mother-Jones-Reporterin Mac McClelland (hier ein Interview als Stream oder Transkript), deutet vieles auf eine unselige Art des Private-Public-Partnership hin: Die lokalen Behörden erscheinen in vielen der geschilderten Fälle als Handlanger für BP; ein Eindruck, der durch die jüngste Entscheidung, Medienvertreter nicht näher als 20 Meter an die Ölsperren zu lassen, verstärkt.

Längst hat BP jede Glaubwürdigkeit verloren, und wo es keine Glaubwürdigkeit gibt, machen schnell die wildesten Gerüchte die Runde: Da wird ein Bericht des Hoax-Autoren „Sorcha Faal“ herumgereicht, wonach das Öl bereits aus dem Meeresboden austritt und nur mit einer nuklearen Sprengung zu stoppen ist; da nimmt Keith Olbermann bei MSNBC einen anonymen wie spekulativen Bericht aus einem Ölforum auf, um ihn von einem Fachmann ebenso spekulativ als mögliches Szenario bestätigen zu lassen; da wird weiterhin behauptet, Obama würde keine fremde Hilfe wegen seiner Nähe zu den Gewerkschaften zulassen, obwohl dies offensichtlich nicht der Wahrheit entspricht.

Jenseits des Spins, der Vertuschung und der eigenen Projektion bleibt derzeit nur das Wissen, dass weiter Rohöl in großen Mengen ins Meer fließt. Die ganze Wahrheit werden wir erst in einigen Monaten erfahren. Wir können nur hoffen, dass bis dahin die Deepwater Horizon nicht in Vergessenheit geraten ist. Und, dass BP zur Rechenschaft gezogen wird und eine unabhängige Untersuchungskommission sämtliche Ungereimtheiten und Vorwürfe aufklärt. Denn BP zerstört gerade nicht nur ein Ökosystem, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen und womöglich die Gesundheit der Anwohner. Denn nach dem PB-Syndrom während des ersten Golfkriegs könnte die Welt bald Bekanntschaft mit dem BP-Syndrom und den Folgen des giftigen Dispersionsmittels Corexit auf Ökosysteme und Lebewesen machen.

5 Gedanken zu „<span class='p-name'>Katastrophe am Rande der Wahrnehmung</span>“

  1. Es ist interessant, dass das BP Desaster kaum mehr in die deutsche Wirklichkeit gelangt. Fussball überblendet alles. Sparmaßnahmen, Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen sind egal so lange wir im Halbfinale stehen.

  2. Hast du eine gute Quelle, die die Hoax-Geschichte bestätigt? Finde nur irgendwelche Foren, die genauso vertrauenswürdig wirken wie der ursprüngliche Artikel.

  3. Pingback: kopfzeiler.org » Blog Archive » Zu Fukushima

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