Spiral Jetty

Spiral Jetty Robert Smithson

Im Rückspiegel verschwindet die Golden Spike, jener Ort, an dem 1869 die Eisenbahnen aus Osten und Westen erstmals verbunden wurden – ein Moment, der jetzt mehrmals täglich für Touristen nachgestellt wird. Bald schon lassen wir Rattern und Dampf der Loks hinter uns, vor uns nur noch trockene Felsen und eine Menge Staub. Hinter einer Kurve steigt ebenfalls Rauch auf, wenn auch in unregelmäßige Intervallen. Kein Feuer wie sich herausstellt, sondern zwei junge Typen, die mit ihrer AR-15 in die öde Landschaft ballern. Was man so macht an einem heißen Samstagmorgen in Utah.

Der Weg zur Spiral Jetty führt in gewisser Weise über meine Vorstellungskraft hinaus. Vor etlichen Jahren – ich weiß nicht mehr, ob ich Teenager oder schon Student war – hatte ich Fotos von ihr in einem Kunstbuch gesehen. Es muss sich um eine Aufnahme aus der Video-Dokumentation gehandelt haben, denn Schöpfer Robert Smithson ist in meiner Erinnerung von oben zu sehen und springt mit fettem Grinsen auf den Steinen herum. Die Idee, aus Basalt eine geometrische Form irgendwo in einem gottverlassenen See aufzuschütten, sprengte mein Kunstverständnis. Land Art. Alleine der Name klang nach Größenwahn. Und wo sollte ich dieses “Land” verorten, das da zu sehen war? Hätte Smithson sein Werk auf dem Mars platziert, es hätte mir nicht weiter entfernt vorkommen können.

Der Weg zur Spiral Jetty führt zum Großen Salzsee, vor allem aber – wie fast alle Wege in Utah – weg von der Zivilisation. Und auf einen Privatpfad, für den das Auto nicht gemacht ist. Was allerdings an Google Maps liegt. Kein Bewohner des amerikanischen Westens vertraut auf Online-Karten. Wege werden je nach Jahreszeit zu Schlammfallen oder Flüssen, Abkürzungen führen ins Nichts und haben schon manchen desorientierten Autofahrer in der Wüste das Leben gekostet. In unserem Fall kostet der Umweg nur Nerven. Dornbüsche bohren sich in den Lack der Seitentüren und machen fiese Kratzgeräusche. Ein gewagtes Wendemanöver später sind wir zurück auf der Hauptstraße, zwei Tierkadaver und einige Meilen weiter am Rand des Salzsees angelangt.

Als Smithson 1970 die Spirale aufschüttete, war es radikaler Protest (finanziert von einer Milliarden-Erbin freilich). Gegen die drückende Enge des Ateliers, das Museale der bildenden Kunst und den Massenkonsum der Pop Art. Land Art gehört niemandem und damit allen, keiner kann mit ihr Handel treiben. “Die Spirale ist ein spiritualisierter Kreis”, heißt es in Nabokovs Autobiografie. In Smithsons Fall ist sie eine Form, die in geologischen und klimatischen Prozesse der Jahrtausende lebt. “Eine blanke Präsenz, gleichgültig gegenüber dem Wasser, dem sie ausgesetzt ist“, wie einmal die New York Times schrieb. 1970 war auch der erste Earth Day.

Gut zwei Jahrzehnte war die Spirale unter der Wasseroberfläche des Sees verschwunden. Seitdem der Westen 2010 in eine “Mega-Trockenheit” eintrat, ist wiederum das Wasser verschwunden. Steine inmitten von Salzkristallen. Wir müssen nicht auf dem Basalt balancieren, um zum Ende der Spirale zu gelangen, der Weg ist ein Spaziergang am Salzstrand. In der Ferne, sicherlich anderthalb, zwei Kilometer weg, leuchtet rötlich der ständig schrumpfende See. Am Horizont flirrend die Berge. Eine Mondlandschaft mit biblischer Note, passend zu den klimatischen Endzeiten, in denen wir uns bewegen. Moses spaltete das Rote Meer. Aber was, wenn das Meer nicht zurückkehrt?

Smithsons Kinderarzt und Bekannter war, wie der New Yorker einmal notiert hat, der Poet William Carlos Williams. “Keine Ideen, sondern in Dingen” (Paterson). Während wir uns auf den Rückweg machen, verfolgt von Tausenden Fliegen, die sich im Herbst rasend an das Leben klammern, geht mir dieser Satz aus der New York Times nicht mehr aus dem Kopf, den ich am Vorabend gelesen hatte. Nachdem Smithson 1973 in einem Flugzeug tödlich verunglückt war, als er gerade ein neues Land-Objekt im Norden von Texas suchte, würdigte Peter Schjeldahl dessen Arbeit mit einem monumentalen Satz: “Er schuf Fantasien, so echt wie Berge.”

Beide Fotos CC BY-SA, Johannes Kuhn.

Wirkliche Freiheit

deeds before words
 Plain old untrendy troubles and emotions (2008)

Irgendwo in meinem Kopf – dort verstecken sich ja immer die besten Blogeinträge – befindet sich noch ein Entwurf für ein paar Fragen an die Gegenwart, mit deren Hilfe sich ein dringendes Bedürfnis nach einer Erneuerung formulieren lässt. Einer Erneuerung, die einen spirituellen Kern hat. Das klingt zunächst hippiesk, entspricht aber meiner Wahrnehmung.

Unsere Gefangenschaft in den Kleinigkeiten, die ständige Verwechslung des Gegenwärtigen mit dem Bedeutsamen, formieren sich zu einer Zeitdiagnose, individuell wie zivilisatorisch. Womöglich war das schon immer so, aber durch die Vernetztheit unserer Wahrnehmung erkennen wir in Umrissen, dass zu den Symptomen gegenwärtig auch ein ego-fixiertes Konzept von Empathie und ein Desinteresse an Nuancen gehört. Vielleicht werden wir irgendwann einmal herausfinden, ob und wie „Information Overflow“ oder die optimierte Denk-Bequemlichkeit einer hyperindividualisierten Gesellschaft das alles verstärkt haben.

Diese Woche ging hier ein Artikel rum, der zum Thema hatte, dass die gesundheitlichen Konsequenzen von Fettleibigkeit gar nicht so dramatisch sind und die Stigmatisierung übergewichtiger Menschen weit schlimmere gesundheitliche Folgen für sie hat. Freddie de Boer hat darauf eine interessante Antwort formuliert: In Social Media gab es viel Zustimmung zu besagtem Text, aber wer unter den Applaudierenden würde das Bekenntnis zur „Body Positivity“ damit unterfüttern, künftig nicht mehr auf seine eigene Figur zu achten und quasi solidarisch zuzunehmen, um die Stigmatisierung zu bekämpfen – also mit echter Verhaltensänderung? Wahrscheinlicher sei, dass die Begeisterten gleich nach dem Applaus-Tweet aufs Laufband steigen und danach einen Low-Carb-Snack essen. Body Positivity ist eben immer für die anderen. Was er meint:

„Es geht nicht darum, den Kampf gegen die Stigmatisierung der Fettleibigen zu beenden. Wir müssen kämpfen, um moralisch zu sein. (…) Der Punkt ist zu erkennen, dass das wirkliche persönliche Verhalten der lautesten Kritiker des Fat-Shamings signalisiert, dass diese Aufgabe viel, viel schwerer als angenommen ist. Und wenn die Aufgabe hart sein und lang dauern wird, wäre es klüger, keine Strategie einzusetzen, die auf der Grundlage basiert, dass es leicht und schnell geht. Ich meine damit die billigen Kicks des selbstgerechten Tweets. Wenn die Arbeit lang und hart sein wird, wäre es viel besser, subtil zu sein, verständig, ruhig, maßvoll. Um das Stigma gegen Übergewichtigkeit zu beenden, so scheint es mir, braucht es Erwachsene, die viele kleine Entscheidungen darüber treffen, wie sie sprechen, denken und handeln – und nichts davon wird das Lob ihrer Peer-Group hervorrufen… anders als besagte Tweets eben. Irgendwann haben die Leute, die unsere Kultur schreiben, sich selbst eingeredet, dass ärgerlich im Internet zu sein ein Mittel der Veränderung ist. Aber es ist nicht einmal ein Mittel, sie selbst zu ändern.“

Was Freddie de Boer schreibt, legt natürlich nicht nur den Mechanismus hinter Meinungsbekundungen zu diesem speziellen Thema offen. Seine Worte speisen sich aus seiner Erfahrung als Aktivist für faire Wohnbedingungen und aus der Tatsache, dass er selber einmal Teil der progressiven US-Twitterati war. Veränderung dauert lange und findet unter komplexen Einflüssen statt; wir sollten nicht erwarten, mit der Summe kommentierender Meinungsäußerungen das gleiche Ergebnis wie mit substanzieller Arbeit zu erreichen.

In diesem Zusammenhang denke ich in letzter Zeit manchmal an David Foster Wallace und seine Rede vor Uni-Absolventen aus dem Jahr 2005 (deutsch: „Das hier ist Wasser“). DFW zu zitieren ist natürlich selbst ein Klischee geworden, aber es ist die vielleicht beste Meditation über die Umrisse eines richtigen Lebens im falschen, die das 21. Jahrhundert hervorgebracht hat.

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist echte Freiheit. Die Alternative ist die Gedankenlosigkeit, die Standardeinstellung, die Tretmühle – das ständige Nagen, etwas Unendliches gehabt und verloren zu haben.“

Was DFW skizziert, sind Wegmarken zur Bewusstheit, und von dort zu täglichem Handeln. So gut es geht, und so konsequent, wie es unsere Menschenpflicht vorgibt. Ich glaube nicht, dass unsere kollektive und vernetzte Echtzeit-Erfahrung der Welt diese Wegmarken zerstört, aber sie lenkt unseren Blick ab, und das in alle möglichen Richtungen. Wenn ich meinem Wunsch nach spiritueller Erneuerung einen Rahmen geben müsste, würde ich ihn deshalb über diesen drei Worten aufspannen: Bewusstheit statt Aufmerksamkeit.

(Übersetzung via)

Sommer-Leseliste (und das Scheitern)

Sommer-Leselisten sind in der Regel ein Schwindel. Eine kleine als Kultursignal getarnte Angeberei. Oder ein guter Vorsatz, dem alles mögliche dazwischen kommt. Die Sonne, das Schwimmbad, die Familie, das Smartphone oder der kürzere aktuelle Text, der weniger Eindenken benötigt.

Das ist natürlich auch bei mir so, die Bücher da oben sind sozusagen meine guten Vorsätze gewesen. Edmund Wilsons „To The Finland Station“ zum Beispiel werde ich nie zu Ende lesen, da bin ich mir ziemlich sicher. Nicht, weil es ein schlechtes Buch wäre, sondern weil die Kulturgeschichte des Kommunismus bis zu Lenins Ankunft in St. Petersburg ziemlich viele Umwege nimmt. Dabei hatten sowohl Bill Clinton (als prägendstes Buch seiner jungen Jahre) als auch Mario Vargas Llosa (der dieses Jahr quasi eine Liberalismus-Version vorgelegt hat) heiß davon geschwärmt.

Oder Martin Amis, den ich schon wieder in die Hände der Bücherei gegeben habe. Vielleicht, weil er ein Snob ist und das gerne durchscheinen lässt. Oder, weil ich heulend niedersinke, weil seine stilistische Gewandtheit jeden meiner Sätze wie einen unfreiwilligen Gewaltakt aussehen lässt. Dann ist da Tommy Oranges vielgelobter Roman „There There“, der die Gegenwartskultur der Native Americans wieder sichtbar macht. Den habe ich gelesen, und das durchaus mit Vergnügen – aber mit einer echten Furcht vor einem sich andeutenden Unglück im Plot. Denn schlimme Sachen passieren inzwischen auch so genug. Eigentlich sollte ich nur noch Stifter lesen, wo die Menschen in die Berge gucken und gut ist es.

Armina Cains „Creature“ wiederum schlage ich so selten auf, weil jede der kleinen Geschichten sich nach der ersten Lektüre in Luft aufzulösen scheint, und mit ihr dieses ungewöhnliche und reizvolle Gefühl, das ich beim Lesen empfinde. Also nasche ich nur davon. Fernando Pessoas Opus „The Book of Disquiet“ dagegen öffne ich immer wieder, obwohl ich seine Ehrlichkeit über die Welt und das Menschliche fürchte. Aber ich lese es nicht von vorne nach hinten, sondern zufällig und nur für wenige Minuten. Ron Butlins „The Sound of My Voice“ habe ich bestellt, weil ich eine Werbung für die Neuauflage in einer britischen Zeitschrift sah. Es ist schön dünn und kam passenderweise aus einem schottischen Antiquariat, denn Butlin ist Schotte und die Hauptfigur ein Alkoholiker, der seinen Alltag mit beinahe kafka’schen Augen betrachtet.

Und James Hawes‘ „Die kürzeste deutsche Geschichte“ ist ein Mitbringsel aus dem deutschen Frühsommer, kurz genug, um es bei zwei Gläsern Wein an einem einzigen Nachmittag zu lesen (und durch die offenbar auch von Churchill vertretene These, dass das ehemalige Preußen und sein Junkertum nie zum gewachsenen Deutschland gepasst hat und für alle geschichtlichen Verwerfungen verantwortlich ist, recht aktuell erscheint. Holzschnitt-Geschichtsschreibung, aber unterhaltsam).

Daneben gäbe es noch einige abgebrochene Anfänge (Ted Chiangs Science Fiction) und angefangene Hörbücher (Tony Judts Europa-Geschichte, !50 Stunden!) zu erwähnen oder die Vorfreude auf die Bücher, die im Herbst auf mich warten (Michael Pollans Geschichte psychedelischer Drogen und David Auerbachs Autobiografie). Oder im Regal stehen, ungelesen bis angelesen, bereit für ihren zweiten Akt. Ich habe mir ja angewöhnt, nicht zu Ende gelesene Bücher als gute Freunde zu betrachten: auch ohne näheren Kontakt ist es gut zu wissen, dass sie da sind.

Info: Das Blog macht Spätsommerpause. Bis bald!

Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

Amerikas Adorno

Kein amerikanischer Denker ist mir in den vergangenen Jahren näher gekommen als Christopher Lasch (1932-1994). Vielleicht, weil sein kritischer Blick auf das Verhältnis von Moderne und Demokratie und der westlichen Conditio Humana noch heute der Realität standhält. Oder weil er in der Tradition des Populismus aus dem Mittleren Westen sowohl Konservative, als auch Progressive heftig kritisierte (und die daraus folgende Isolation in Kauf nahm).

Die völlige Ausrichtung des Menschen auf die Produktions- und Konsumgesellschaft hat er detailliert beschrieben, unseren Fortschrittsglauben als den naiven Wunsch nach Veränderung durch Vorbestimmung entlarvt. Und wenn er an die Kraft des Wissens glaubte, so erkannte er doch den Wesenswandel: aus dem Werkzeug zur Emanzipation wurde vor allem ein Werkzeug zur Beherrschung.

Um aus seinem Hauptwerk “The True and Only Heaven: Progress and Its Critics” (1991) zu zitieren:

“Der Glaube an den ‘Fortschritt’ entspringt keiner uramerikanischen Weltsicht, sondern ist schlicht Jahrzehnten von niemals endenden Verbesserungen in der ‘Lebensqualität’ geschuldet. Diese Verbesserungen sind zwar nur materiell, aber sie wurden erfolgreich erkauft. Der Triumph des industriellen Kapitalismus ist nicht der Sieg eines Ideals, sondern einer Verführung. Wir funktionieren für die Wirtschaft, schamlos zufrieden, entwürdigend schwach, auf den Fortschritt vertrauend und gleichzeitig verloren in der Nostalgie; die Welt verbrennend, um den prekären Status des Gewärmtseins beizubehalten.”

Auch wenn Lasch als Kulturkritiker bekannt wurde, ist seine Haltung nicht unidealistisch. Er lehnt aber moralische und technologische Hybris genauso ab wie den unhinterfragten und oft vorgeschobenen Traditionalismus der Konservativen. Ein Wunder, schreibt er, sei “die Bejahung des Lebens in den Zähnen seiner Grenzen.” Hoffnung bedeute, ein tiefsitzendes Vertrauen in das Leben zu haben, ohne dessen tragischen Charakter zu leugnen. Ein couragiertes Ja zur “Natur der Dinge”, auch während des größten Verlusts und des schlimmsten Herzschmerzes. Und Gerechtigkeit leitet sich schließlich aus der Überzeugung ab, dass die Bösen leiden, die Ungerechtigkeiten berichtigt werden – und dass die unter allem liegende Ordnung der Dinge nicht straflos verspottet werden kann.

Wenn ich Lasch “Amerikas Adorno” nenne, stimmt das nur teilweise. Es passt eher die Parallele zu Horkheimer, der gegen Ende seines Lebens kritisiert wurde, weil er die Modernisierung unseres Familienbilds als Zeichen des kapitalistischen Triumphs deutete, der Marktbarmachung aller menschlichen Institutionen. Solche Konflikte hatte Lasch, der ein ähnliches Familienkonzept vertrat.

Die antimodernen Züge seines Werks sind andere als die der Kritischen Theorie; ähnlich wie diese ist aber auch Laschs Lösung nur eine Denkskizze – ein verantwortungsbewusster Mensch, der sich Gier und übermäßigem Selbstbezug verweigert und nach den ausgearbeiteten und überlieferten Idealen der gemeinschaftlichen Praxis handelt (siehe: populistische Tradition des Mittleren Westens). Und als Fundament könnte ein Satz von Walter Benjamin dienen: “Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.”

10 Jahre nach dem Crash

Ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich in John Lanchesters Stück markiert habe. Ich kann nur vorhersagen, dass das Essay besser und vielschichtiger ist als 95 Prozent der Sachen, die in den kommenden Monaten zum zehnjährigen Jahrestag des Finanzkrisen-Beginns publiziert werden. Der Longread lohnt also.

Auf eine Sache möchte ich eingehen: Die Frage nach der gegenwärtigen Erzählung. Lanchester erinnert sich, wie Thatcher, Reagan und andere in den Achtzigern erfolgreich den Kapitalismus als ein System präsentierten, das seinen Alternativen überlegen ist und für den Großteil der Gesellschaft positive Folgen hat. Was hat sich seit dem geändert? Lanchester:

„In den letzten Jahrzehnten scheinen die Eliten davon abgerückt, Kapitalismus auf einer moralischen Basis zu verteidigen. Stattdessen verteidigen sie mit der Begründung des Realismus. Sie sagen: So funktioniert die Welt nun einmal. Das ist die Realität der modernen Märkte. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb aufbaut. Wir stehen im Wettbewerb mit China, mit Indien, wir haben hungrige Rivalen und wir müssen realistisch sein, wie hart wir arbeiten müssen, wie gut wir uns bezahlen müssen und wie verschwenderisch wir unsere Sozialstaaten gestalten können. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, was mit den Jobs passiert, die jetzt noch hier lokal gemacht werden aber auch in günstig international outgesourced werden könnten.
Das sind keine moralischen Rechtfertigungen. Die ethische Verteidigung des Kapitalismus ist zu wichtig, um sie unabsichtlich aufzugeben. Die moralische Grundlage einer Gesellschaft, das Verständnis ihrer eigenen ethischen Identität, kann nicht einfach lauten: ‚So ist die Welt nun einmal, komm‘ damit klar.'“

Nun gibt es aber diese moralische Begründung noch: Die absolute Armut (nach UN-Definition) ist seit der Krise von 19 Prozent auf unter neun Prozent gesunken – die Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Lanchester führt die Elefanten-Kurve des hier bereits zitierten Branko Milanovic an, mit der dieser das Einkommenswachstum von 1988 bis 2008 erklärt. Dort, wo Gesicht und Stoßzahn liegen ist der Einkommenszuwachs geringer, der Graph geht nach unten. Hier befindet sich die Arbeiter- und Mittelschicht der westlichen Welt. Dort wo der Rüssel ist und steil nach oben geht, sind Oberschicht und Superreiche.

Lanchester fragt:

„Was wäre, wenn die Regierungen der Industrienationen ihren Bürgern einfach sagen würden, das genau das der Deal ist? Der Pitch würde sich ungefähr so anhören: Wir leben in einem globalen Wettbewerb, es gibt Milliarden verzweifelt armer Menschen und damit ihr Lebensstandard sich verbessert, muss unserer im relativen Maßstab sinken. Vielleicht sollten wir das aus moralischen Gründen akzeptieren: Wir waren hier lange genug reich, um nun die Früchte des Wohlstands mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Antwort wäre: Okay, in Ordnung – aber werdet den Rüssel los. Denn wenn wir einen relativen Rückgang erleben, warum sollten die Reichen – warum sollten die ‚Ein-Prozent“ – nicht genaus wie wir schlechter dran sein?“

Der amerikanische Businesskreislauf

Den USA ist es gelungen, ein Perpetuum Mobile der Geschäftemacherei zu entwickeln. Verstanden habe ich das während eines Super Bowls: Der TV-Spot einer Pharmafirma bewarb ein Abführmittel, dessen Zielgruppe dezidiert jene Amerikaner sind, die wegen ihrer Schmerzmittelsucht unter Verstopfung leiden. Ein Medikament gegen die Nebenwirkungen eines Medikaments. Die Schmerzmittel-Epidemie war ja wiederum selber ein künstlicher Markt, entstanden aus schlecht regulierter Verschreibung, ärztlicher Korruption und schlichtem Marketing.

Auf dem Pissoir meines Sportstudios lässt sich gerade eine weitere Variante bewundern: Gynäkomastie, die vergrößerte Männerbrust. Das Geschäft wächst unter Schönheitschirurgen stetig und macht endlich den Mann zum potenziellen Kunden. Einfach mal „gynecomastia“ bei Google oder Social Media eingeben und sich durch die ganzen Angebote und Pseudo-Gesundheitsblogs klicken, die das Problem aufbauschen. Wie bei weiblichen Schönheitsoperationen liegt auch hier der Marketing-Vorteil im Ungefähren: Man kann sich schnell per Selbstdiagnose einreden, die Norm zu verletzen. Wer kann schon sagen, was normal und was „weiblich“ wirkt? Im Gym kommt noch dazu, dass das Kraftraining oft die Brustmuskeln vergrößert, was ebenfalls wieder die Selbstdiagnose „Gyno“ begünstigt. Win-Win, ka-ching, ka-ching.

Das Perfide ist ja, dass der Kreislauf schon viel früher beginnt: Hormone in Fleisch und Milch begünstigen wirklich Brustwachstum. Dazu füttert dieses Land seine Armen mit billigen Zuckerprodukten und uns alle mit verarbeiteten Lebensmitteln, in denen man der Maisstärke kaum entkommen kann (Europa zieht da ja in einigen Produkten nach). Irgendwo müssen die Farmer in Iowa ihr Zeug ja unterbringen. Selbst ohne Hormonbrust sind die Menschen dann irgendwann so fett, dass sie ins Sportstudio rennen und guess what: Wieso nicht gleich noch subtil einen Männerbusen-Komplex insinuieren und mit passendem Chirurgie-Angebot verknüpfen? Win-win, ka-ching, ka-ching.

Das ist alles so absurd, das ich schon wieder lachen könnte, wenn es nicht so perfekt illustrieren würde, wie hier die Prioritäten zwischen Geld und Mensch angeordnet sind.

Zwei empfehlenswerte Tech-Bücher

An neuen Büchern über die Digitalisierung mangelt es nicht, ich kann jedoch nur wenige empfehlen. Zwei aktuelle Bücher haben mir in den vergangenen Monaten aber großen Lesegewinn beschert. Hier seien sie endlich einmal kurz vorgestellt:

Ellen Ullman: Life in Code

Ellen Ullman begann in den Siebzigern als Programmiererin zu arbeiten und hat darüber später für Wired, Harpers und andere Magazine geschrieben. „Close to the Machine“ (1997) machte sie bekannt und die Metapher spielt auch in „Life in Code“ eine Rolle, das die vergangenen Jahrzehnte in autobiografischen Essays nacherzählt. „Nahe an der Maschine“ waren in den Siebzigern eben jene Programmierer, die noch direkt mit der Nullen-Einsen-Ebene zu tun hatten, weit weg von den immer neuen Abstraktionsebenen der Software. Und irgendwann eben dann eben waren wir alle „close to the machine“, wenn auch auf andere Art. Ullmans aktuelles Buch ist eine persönliche Evolutionsgeschichte von Computer und Internet, die Phänomene wie „Frauen in Männerteams 1970-1999“, frühes Maschinenlernen, Y2K-Bug oder die Dotcom-Blase aus der damaligen Gegenwart beschreibt (Ullman lebt in San Francisco, ohne Teil einer „Szene“ zu sein). Und es ist mein erstes Tech-Buch, in dem ich historische Entwicklungen nicht mit der Perspektive von heute im Hinterkopf, sondern eben aus der Sicht von damals nacherleben kann. Was sich verwirrend atemberaubend anfühlt.

Adam Greenfield: Radical Technologies – The Design of Everyday Life

Adam Greenfield ist Urbanist, Designer und seit langem interessierter Begleiter der Digitalisierung. Auch wenn „Radical Technologies“ ein technologiekritisches Buch geworden ist, merkt man Greenfield an, dass es ihm um eine ehrliche Analyse geht, nicht um die These (was ihn wahrscheinlich auf dem deutschen Buchmarkt unvermittelbar machen würde). „Radical Technologies“ ist für mich die bisher präziseste und zugänglichste Darstellung von Technologien wie Automatisierung, Blockchain oder Machine Learning und den ihnen inhärenten Systemen, die ja wiederum auf unsere bisherigen Alltags- und Gesellschaftssysteme treffen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wohltuend sauber Greenfield arbeitet und was es für einen Unterschied macht, wenn ein Autor Technologien durchdringt und aus diesem Wissen klare Gedanken und Fragen formuliert (auch wenn ich mir mehr Antworten im Sinne von Handlungsoptionen gewünscht hätte). Wenn wir eine humanistische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung wagen wollen, die sich nicht in den üblichen Ritualen und banalen Psycholoanalyse-Memes wie „das Silicon Valley hat einen Gott-Komplex“ erschöpft, dann hat Adam Greenfield uns einen vielversprechenden Pfad dorthin eröffnet.

 

 

Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus