Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

Amerikas Adorno

Kein amerikanischer Denker ist mir in den vergangenen Jahren näher gekommen als Christopher Lasch (1932-1994). Vielleicht, weil sein kritischer Blick auf das Verhältnis von Moderne und Demokratie und der westlichen Conditio Humana noch heute der Realität standhält. Oder weil er in der Tradition des Populismus aus dem Mittleren Westen sowohl Konservative, als auch Progressive heftig kritisierte (und die daraus folgende Isolation in Kauf nahm).

Die völlige Ausrichtung des Menschen auf die Produktions- und Konsumgesellschaft hat er detailliert beschrieben, unseren Fortschrittsglauben als den naiven Wunsch nach Veränderung durch Vorbestimmung entlarvt. Und wenn er an die Kraft des Wissens glaubte, so erkannte er doch den Wesenswandel: aus dem Werkzeug zur Emanzipation wurde vor allem ein Werkzeug zur Beherrschung.

Um aus seinem Hauptwerk “The True and Only Heaven: Progress and Its Critics” (1991) zu zitieren:

“Der Glaube an den ‘Fortschritt’ entspringt keiner uramerikanischen Weltsicht, sondern ist schlicht Jahrzehnten von niemals endenden Verbesserungen in der ‘Lebensqualität’ geschuldet. Diese Verbesserungen sind zwar nur materiell, aber sie wurden erfolgreich erkauft. Der Triumph des industriellen Kapitalismus ist nicht der Sieg eines Ideals, sondern einer Verführung. Wir funktionieren für die Wirtschaft, schamlos zufrieden, entwürdigend schwach, auf den Fortschritt vertrauend und gleichzeitig verloren in der Nostalgie; die Welt verbrennend, um den prekären Status des Gewärmtseins beizubehalten.”

Auch wenn Lasch als Kulturkritiker bekannt wurde, ist seine Haltung nicht unidealistisch. Er lehnt aber moralische und technologische Hybris genauso ab wie den unhinterfragten und oft vorgeschobenen Traditionalismus der Konservativen. Ein Wunder, schreibt er, sei “die Bejahung des Lebens in den Zähnen seiner Grenzen.” Hoffnung bedeute, ein tiefsitzendes Vertrauen in das Leben zu haben, ohne dessen tragischen Charakter zu leugnen. Ein couragiertes Ja zur “Natur der Dinge”, auch während des größten Verlusts und des schlimmsten Herzschmerzes. Und Gerechtigkeit leitet sich schließlich aus der Überzeugung ab, dass die Bösen leiden, die Ungerechtigkeiten berichtigt werden – und dass die unter allem liegende Ordnung der Dinge nicht straflos verspottet werden kann.

Wenn ich Lasch “Amerikas Adorno” nenne, stimmt das nur teilweise. Es passt eher die Parallele zu Horkheimer, der gegen Ende seines Lebens kritisiert wurde, weil er die Modernisierung unseres Familienbilds als Zeichen des kapitalistischen Triumphs deutete, der Marktbarmachung aller menschlichen Institutionen. Solche Konflikte hatte Lasch, der ein ähnliches Familienkonzept vertrat.

Die antimodernen Züge seines Werks sind andere als die der Kritischen Theorie; ähnlich wie diese ist aber auch Laschs Lösung nur eine Denkskizze – ein verantwortungsbewusster Mensch, der sich Gier und übermäßigem Selbstbezug verweigert und nach den ausgearbeiteten und überlieferten Idealen der gemeinschaftlichen Praxis handelt (siehe: populistische Tradition des Mittleren Westens). Und als Fundament könnte ein Satz von Walter Benjamin dienen: “Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.”

10 Jahre nach dem Crash

Ich kann gar nicht so viel zitieren, wie ich in John Lanchesters Stück markiert habe. Ich kann nur vorhersagen, dass das Essay besser und vielschichtiger ist als 95 Prozent der Sachen, die in den kommenden Monaten zum zehnjährigen Jahrestag des Finanzkrisen-Beginns publiziert werden. Der Longread lohnt also.

Auf eine Sache möchte ich eingehen: Die Frage nach der gegenwärtigen Erzählung. Lanchester erinnert sich, wie Thatcher, Reagan und andere in den Achtzigern erfolgreich den Kapitalismus als ein System präsentierten, das seinen Alternativen überlegen ist und für den Großteil der Gesellschaft positive Folgen hat. Was hat sich seit dem geändert? Lanchester:

„In den letzten Jahrzehnten scheinen die Eliten davon abgerückt, Kapitalismus auf einer moralischen Basis zu verteidigen. Stattdessen verteidigen sie mit der Begründung des Realismus. Sie sagen: So funktioniert die Welt nun einmal. Das ist die Realität der modernen Märkte. Wir haben ein Wirtschaftssystem, das auf Wettbewerb aufbaut. Wir stehen im Wettbewerb mit China, mit Indien, wir haben hungrige Rivalen und wir müssen realistisch sein, wie hart wir arbeiten müssen, wie gut wir uns bezahlen müssen und wie verschwenderisch wir unsere Sozialstaaten gestalten können. Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen, was mit den Jobs passiert, die jetzt noch hier lokal gemacht werden aber auch in günstig international outgesourced werden könnten.
Das sind keine moralischen Rechtfertigungen. Die ethische Verteidigung des Kapitalismus ist zu wichtig, um sie unabsichtlich aufzugeben. Die moralische Grundlage einer Gesellschaft, das Verständnis ihrer eigenen ethischen Identität, kann nicht einfach lauten: ‚So ist die Welt nun einmal, komm‘ damit klar.'“

Nun gibt es aber diese moralische Begründung noch: Die absolute Armut (nach UN-Definition) ist seit der Krise von 19 Prozent auf unter neun Prozent gesunken – die Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Lanchester führt die Elefanten-Kurve des hier bereits zitierten Branko Milanovic an, mit der dieser das Einkommenswachstum von 1988 bis 2008 erklärt. Dort, wo Gesicht und Stoßzahn liegen ist der Einkommenszuwachs geringer, der Graph geht nach unten. Hier befindet sich die Arbeiter- und Mittelschicht der westlichen Welt. Dort wo der Rüssel ist und steil nach oben geht, sind Oberschicht und Superreiche.

Lanchester fragt:

„Was wäre, wenn die Regierungen der Industrienationen ihren Bürgern einfach sagen würden, das genau das der Deal ist? Der Pitch würde sich ungefähr so anhören: Wir leben in einem globalen Wettbewerb, es gibt Milliarden verzweifelt armer Menschen und damit ihr Lebensstandard sich verbessert, muss unserer im relativen Maßstab sinken. Vielleicht sollten wir das aus moralischen Gründen akzeptieren: Wir waren hier lange genug reich, um nun die Früchte des Wohlstands mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Die Antwort wäre: Okay, in Ordnung – aber werdet den Rüssel los. Denn wenn wir einen relativen Rückgang erleben, warum sollten die Reichen – warum sollten die ‚Ein-Prozent“ – nicht genaus wie wir schlechter dran sein?“

Der amerikanische Businesskreislauf

Den USA ist es gelungen, ein Perpetuum Mobile der Geschäftemacherei zu entwickeln. Verstanden habe ich das während eines Super Bowls: Der TV-Spot einer Pharmafirma bewarb ein Abführmittel, dessen Zielgruppe dezidiert jene Amerikaner sind, die wegen ihrer Schmerzmittelsucht unter Verstopfung leiden. Ein Medikament gegen die Nebenwirkungen eines Medikaments. Die Schmerzmittel-Epidemie war ja wiederum selber ein künstlicher Markt, entstanden aus schlecht regulierter Verschreibung, ärztlicher Korruption und schlichtem Marketing.

Auf dem Pissoir meines Sportstudios lässt sich gerade eine weitere Variante bewundern: Gynäkomastie, die vergrößerte Männerbrust. Das Geschäft wächst unter Schönheitschirurgen stetig und macht endlich den Mann zum potenziellen Kunden. Einfach mal „gynecomastia“ bei Google oder Social Media eingeben und sich durch die ganzen Angebote und Pseudo-Gesundheitsblogs klicken, die das Problem aufbauschen. Wie bei weiblichen Schönheitsoperationen liegt auch hier der Marketing-Vorteil im Ungefähren: Man kann sich schnell per Selbstdiagnose einreden, die Norm zu verletzen. Wer kann schon sagen, was normal und was „weiblich“ wirkt? Im Gym kommt noch dazu, dass das Kraftraining oft die Brustmuskeln vergrößert, was ebenfalls wieder die Selbstdiagnose „Gyno“ begünstigt. Win-Win, ka-ching, ka-ching.

Das Perfide ist ja, dass der Kreislauf schon viel früher beginnt: Hormone in Fleisch und Milch begünstigen wirklich Brustwachstum. Dazu füttert dieses Land seine Armen mit billigen Zuckerprodukten und uns alle mit verarbeiteten Lebensmitteln, in denen man der Maisstärke kaum entkommen kann (Europa zieht da ja in einigen Produkten nach). Irgendwo müssen die Farmer in Iowa ihr Zeug ja unterbringen. Selbst ohne Hormonbrust sind die Menschen dann irgendwann so fett, dass sie ins Sportstudio rennen und guess what: Wieso nicht gleich noch subtil einen Männerbusen-Komplex insinuieren und mit passendem Chirurgie-Angebot verknüpfen? Win-win, ka-ching, ka-ching.

Das ist alles so absurd, das ich schon wieder lachen könnte, wenn es nicht so perfekt illustrieren würde, wie hier die Prioritäten zwischen Geld und Mensch angeordnet sind.

Zwei empfehlenswerte Tech-Bücher

An neuen Büchern über die Digitalisierung mangelt es nicht, ich kann jedoch nur wenige empfehlen. Zwei aktuelle Bücher haben mir in den vergangenen Monaten aber großen Lesegewinn beschert. Hier seien sie endlich einmal kurz vorgestellt:

Ellen Ullman: Life in Code

Ellen Ullman begann in den Siebzigern als Programmiererin zu arbeiten und hat darüber später für Wired, Harpers und andere Magazine geschrieben. „Close to the Machine“ (1997) machte sie bekannt und die Metapher spielt auch in „Life in Code“ eine Rolle, das die vergangenen Jahrzehnte in autobiografischen Essays nacherzählt. „Nahe an der Maschine“ waren in den Siebzigern eben jene Programmierer, die noch direkt mit der Nullen-Einsen-Ebene zu tun hatten, weit weg von den immer neuen Abstraktionsebenen der Software. Und irgendwann eben dann eben waren wir alle „close to the machine“, wenn auch auf andere Art. Ullmans aktuelles Buch ist eine persönliche Evolutionsgeschichte von Computer und Internet, die Phänomene wie „Frauen in Männerteams 1970-1999“, frühes Maschinenlernen, Y2K-Bug oder die Dotcom-Blase aus der damaligen Gegenwart beschreibt (Ullman lebt in San Francisco, ohne Teil einer „Szene“ zu sein). Und es ist mein erstes Tech-Buch, in dem ich historische Entwicklungen nicht mit der Perspektive von heute im Hinterkopf, sondern eben aus der Sicht von damals nacherleben kann. Was sich verwirrend atemberaubend anfühlt.

Adam Greenfield: Radical Technologies – The Design of Everyday Life

Adam Greenfield ist Urbanist, Designer und seit langem interessierter Begleiter der Digitalisierung. Auch wenn „Radical Technologies“ ein technologiekritisches Buch geworden ist, merkt man Greenfield an, dass es ihm um eine ehrliche Analyse geht, nicht um die These (was ihn wahrscheinlich auf dem deutschen Buchmarkt unvermittelbar machen würde). „Radical Technologies“ ist für mich die bisher präziseste und zugänglichste Darstellung von Technologien wie Automatisierung, Blockchain oder Machine Learning und den ihnen inhärenten Systemen, die ja wiederum auf unsere bisherigen Alltags- und Gesellschaftssysteme treffen. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wohltuend sauber Greenfield arbeitet und was es für einen Unterschied macht, wenn ein Autor Technologien durchdringt und aus diesem Wissen klare Gedanken und Fragen formuliert (auch wenn ich mir mehr Antworten im Sinne von Handlungsoptionen gewünscht hätte). Wenn wir eine humanistische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung wagen wollen, die sich nicht in den üblichen Ritualen und banalen Psycholoanalyse-Memes wie „das Silicon Valley hat einen Gott-Komplex“ erschöpft, dann hat Adam Greenfield uns einen vielversprechenden Pfad dorthin eröffnet.

 

 

Der Platz der Religion

Making Room for God

Der Historiker (und ehemalige kanadische Oppositionsführer) Michael Ignatieff wagt sich in obigem Essay daran, den zentralen Konflikt unserer Gegenwart zu ordnen: das Verhältnis zwischen „Liberalismus“ (also der säkularen, demokratischen Ordnung) und Religion. Er leitet drei Punkte ab, die ich für relevant halte:

(1) Wir als liberale Gesellschaft machen immer noch den Fehler, Religion als prägend für das ganze Leben eines Menschen zu sehen – und machen dadurch ihren Schutz zur zentralen Aufgabe der politischen Ordnung. Aber wie wäre es, wenn wir religiöse Bekenntnisse nicht getrennt von säkularen wie Veganismus oder Umweltschutz betrachten würden? Er zitiert den Philosophen Tim Crane: „Näher an der Wahrheit ist, dass alle Menschen, nicht ihre Meinungen, Respekt verdienen.“

(2) Seit der Aufklärung glaubt der Liberalismus, dass er am Ende zwangsläufig über den Glauben siegen wird und ihn in die private Sphäre zurückdrängen kann . Diese Idee der Säkularisierung verliert aber an Glaubwürdigkeit: Während sich einige Religionen (oder vielmehr ihre Interpretation) dem liberalen Verständnis öffnen (und sich das liberale Verständnis auch ständig neu austariert), definieren sich Evangelikale, konservative Katholiken und muslimische Fundamentalisten explizit gegen das, was sie als individualistische und hedonistische Ordnung betrachten. „Liberale Gesellschaften fahren nicht auf eisernen Schienen Richtung Freiheit – sie können das Gleis wechseln.“

(3) Zur Wirklichkeit liberaler Gesellschaften gehört, dass sie enttäuschen müssen. Es gibt keine glühenden Utopien, keine Erlösung, sondern (in den sozialdemokratisch-geprägten Staaten) nur die Verringerung von unverdientem Leid und von Ungerechtigkeit und die Vermehrung von Wohlstand und persönlicher Selbstverwirklichung. Der Sehnsucht vieler Menschen nach kollektiver Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu Gemeinschaft und Traditionen können sie nicht befriedigen, und diese Lücken werden oft durch nicht-liberale Ideen gefüllt.

Ignatieffs Pointe ist, dass inzwischen auch manch Liberaler in der Religion flüchtet, während er den „immerfort kleiner werdenden Horizont der säkular-demokratische Ordnung“ betrachtet.

Über (1) lässt sich am längsten grübeln. Tatsächlich geben wir gerade in Deutschland der religiösen Prägung einen besonderen Platz, dessen Genese im Nachkriegsdeutschland-Kontext interessant zu verfolgen wäre. Ich persönlich tue mir qua Biografie und Spiritualität noch schwer, Lebensstil und Religion in die gleiche Schublade einzusortieren, weil religiöse Prägung mir „horizontal“ über alle Lebensbereiche zu verlaufen erscheint, Veganismus dagegen „vertikal“, also als „eine Entscheidung über einen bestimmten Teil meines Lebens“ betreffend. Vielleicht ist aber auch „Veganismus“ gar nicht die richtige Kategorie, sondern „Respekt vor dem Leben“ oder ähnliches.

In (3) wiederum hat sich meines Eindrucks nach in Europa auch über das progressive Spektrum hinaus die Erhaltung unserer Spezies durch den Kampf gegen Umwelt- und Klimaschäden als eine Art verbindendes Element durchgesetzt, wenn auch eher theoretisch als in der gelebten Praxis. Was wiederum zum Liberalismus passt: Die Verhinderung der Katastrophe als verbliebene Utopie.

Siehe auch:

 Westen ohne Gott
Identitätsmythen und das Vakuum unseres Fortschrittsbegriffs
John Stuart Mill als Religionsstifter

Freihandel

Der Deal im Freihandel lautet: Günstigere Waren und größere Auswahl gegen den Verlust von Arbeitsplätzen in einigen Branchen, in der Regel im produzierenden Gewerbe. In Schwellenländern bedeuten Freihandel und Globalisierung die Möglichkeit, in die Mittelschicht aufzusteigen. Oft geschieht das erst in der nächsten Generation, wohlgemerkt: Wer heute in den Technologie- und Textilfabriken Asiens arbeitet, verdient zwar überdurchschnittlich Geld, sein Leben gleicht aber eher dem eines europäischen Fabrikarbeiters im Jahre 1850 als dem von 2018. Dennoch ist der gestiegene Lebensstandard, den viele Regionen in den vergangenen Jahrzehnten verbuchen konnten, ohne die globale Arbeitsteilung nicht zu denken.

Zum Begriff: Was einst als “Abwesenheit von Handelszöllen auf Produkte” bedeutete, wurde schon vor längerem auf die Harmonisierung von Regulierung und Deregulierung, auf das Urheber- und Patentrecht sowie das Finanzwesen ausgedehnt. Klauseln zu Arbeits- und Umweltstandards sind in den meisten Freihandelsabkommen dagegen in der Regel standardisiert unbestimmt formuliert und nicht einklagbar.

Zudem bedeutet Freihandel nicht zwingend ein Verbot von Subventionen, die Industrienationen in Regel weiter für den Agrarsektor sowie im Aufbau befindliche Industrien aufbringen. So brach in Mexiko nach der Einführung nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den 1990ern die Mais-Wirtschaft ein, das Land wurde zum Importeur: der Mais vom großen Nachbarn, den die Bauern in den US-Bundesstaaten des mittleren Westens anbauen, war durch die Subventionen aus Washington günstiger. In der Folge kam es in einigen Regionen Mexikos zu einem regelrechten Exodus arbeitslos gewordener Bauern, die sich auf den Weg nach Norden machten, um in den USA illegal als Tagelöhner Geld zu verdienen.

Ein ähnliches Muster zeigt sich an den Verhandlungen der Europäische Union mit den afrikanischen Staaten über das Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA). Auch wegen der Androhung von Strafzöllen in die EU haben bereits zahlreiche Länder unterschrieben. Das WPA sieht vor, dass afrikanische Länder die Zölle auf Grundnahrungsmittel wie Getreide (außer Reis) und Milchpulver innerhalb von fünf Jahren abschaffen sowie keine neuen Schutzzölle verabschieden. Zugleich subventioniert die EU weiterhin Milchpulver oder Getreide, kann solche Agrarprodukte also günstiger anbieten. Dies dürfte Konsequenzen haben: 60 Prozent der Erwerbstätigen im Subsahara-Nationen Afrikas arbeiten in der Landwirtschaft, die Zollausfälle der Staaten Westafrikas summieren sich Schätzungen zufolge bis zum Jahr 2035 auf mehr als 32 Milliarden Euro.

Die Beispiele sind bereits vereinfacht dargestellt. Sie zeigen aber, dass Freihandel auch Nebenwirkungen hat (no shit, Sherlock) und es auf systemischer Ebene Grundsatzfragen gibt  – zum Beispiel, welche Rolle Sozialstandards spielen oder ob Abkommen zwischen Regionen mit unterschiedlicher wirtschaftlicher Stärke Sinn ergeben. Und dabei ist noch nicht einmal vom chinesischen Modell des Schutzes heimischer Firmen durch Auflagen und Eigentums-Regelungen die Rede. Oder von globalen Firmenstrukturen und Steuervermeidung. Oder vom ökologischen Fußabdruck und Fragen des Postwachstums. Oder von Deutschland, das nicht nur durch Luxus-Produkte oder (noch) der Produktion von Maschinen und Anlagen in alle Welt ein Mega-Exporteur ist, sondern eben auch vom günstigen Euro-Wechselkurs profitiert, den das Land mit der DM nicht halten könnte.

Aber natürlich wird das alles im angebrochenen Handelskonflikt keine Rolle spielen, er wirft den Erkenntnisprozess sogar zurück: Ganz nach der Philosophie des US-Präsidenten geht es um das Recht des Stärkeren. Das Narrativ wird entlang der bekannten Orthodoxie verlaufen, die ja unter dem Stichwort „Friede durch Vernetzung“ zumindest innerhalb des Westens auch eine historisch-politische Komponente hat (allerdings nicht so sehr im Kolonial-Kontext).

Spätestens bei Autozöllen werden wir dann eine Patriotismus-Welle erleben und vielleicht für ein paar Monate sogar eine neue Legitimationserzählung für das vereinte Europa. Hyper-Aktivität rund um Symptome bei gleichzeitiger Stagnation in systemischen Fragen charakterisiert wohl auf absehbare Zeit unsere Gegenwart.

Siehe auch:
Ehrlichkeit und Freihandel
Freihandel II
Cocktails und Chauvinismus

Trump, Aufmerksamkeit und die unendliche Echtzeit

(1) „That is what Power Looks Like“: As Trump prepares for 2020, Democrats are losing the only fight that matters
(2) Facebook, Snapchat and the Dawn of the Post-Truth Era
(3) In the Trump Era, We Are Losing the Ability to Distinguish Reality from Vacuum

Drei Beiträge, die ich in einen Zusammenhang stellen möchte. In (1) beklagt Peter Hamby (ironischerweise inzwischen Snap-Newschef) in Vanity Fair, dass Trump mit seiner ständigen Erzeugung von Aufmerksamkeit dafür sorgt, dass niemand weiß, was eigentlich die Demokraten gerade machen (und für was sie stehen).

In (2) bilanziert der ehemalige Facebook-Produktmanager Antonio García Martínez, der seine Erfahrung im Buch  Chaos Monkeys verarbeitet hat, das Social-Media-Zeitalter: Wir kehren demnach in den Modus der vorschriftlichen Epochen zurück, in denen Wahrheit in der Regel eine Sache des Hörensagens war. Zitat: „Dies wird die am besten dokumentierte Epoche in der amerikanischen Geschichte sein, aber niemand wird sich einig sein, was passiert ist.“

In (3) weist Masha Gessen darauf hin, dass die Hyperstimulierung durch Trump-Nachrichten uns (bzw. US-Amerikaner) an die Echtzeit kettet. Einen einzigen Tag zu verpassen, bedeutet Anschluss an die Entwicklungen zu verlieren – doch was an diesem einzigen Tag passiert, ist in der nächsten Woche bereits wieder abgelöst und irrelevant. Was in dieser gedrängten Zeit verloren geht, ist demnach die Fähigkeit, moralische Urteile zu fällen – denn diese benötigen eine historische Perspektive, die über den Tag oder die Ära hinaus geht.

Die banalste Synthese aus diesen drei Texten lautet vielleicht, dass die Aufmerksamkeitsökonomie netto zu einer gewaltige zivilisatorische Energieverschwendung führt. Im besten Falle. Sollten wir allerdings – Worst Case – in einem neuen Zeitalter westlicher Autokratien bis hin zum Neofaschismus landen, werden Historiker einmal feststellen, dass neben den Verwerfungen von Spätkapitalismus und Klimawandel die Aufmerksamkeitsökonomie eine dritte wichtige Voraussetzung für diese Wende war (sie ist ja letztlich aus der Marktbarmachung aller dezentralen Konstellationen abgeleitet, in denen bisherige Vermittler überflüssig wurden). Damit meine ich nicht Populismus per se, der wie ich finde durchaus seine Berechtigung hat, sondern die zunehmende Irrelevanz der Unterschiede zwischen Ursache und Wirkung, Tatsachen-Kontext und Interpretation – und unsere Anpassung daran.

Die optimistischere Perspektive ist, dass der Zugang zu historischem Wissen, Reflexion  und persönlicher Erfahrung als Fundament eines Gegenentwurfs heute ebenfalls recht einfach herzustellen ist – und auch notwendig, um die planetarischen Herausforderungen zu meistern. Nur ist dieser Weg eben derzeit schwieriger, benötigt mehr Zeit und belohnt uns mit weniger Endorphinen.

Texanische Nachbarn

Waschbären Central Texas

Austin ist bekannt für seine Creeks – dichte Waldschluchten, die sich um kleine Bäche und Flussbette gruppieren. Wir wohnen an einem solchen Creek, eine für Europäer ungewohnte Nachbarschaft.

Im Baum nebenan wohnt inzwischen ein Waschbär (siehe Foto). Davor lebte dort eine Eichhörnchenfamilie, ich ahne, dass er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat. In der Dämmerung sucht ein Amardillo die Böschung ab und gräbt Löcher in den Boden, sobald er dort Insekten gewittert hat. Bei Regen watschelt manchmal nachts ein Opossum am Wohnzimmer vorbei. Lässt man es in Ruhe, kümmert es sich um die Kakerlaken und Moskitos, die sonst in sicherem Abstand auf einen offenen Türspalt warten.

Im Morgengrauen streift eine verwilderte Perserkatze umher und will Futter schnorren. Die Katze hat nur ein Auge und zeigt deshalb kein Interesse an den knallroten Vögeln, die um sie herum schwirren und abgelegte Teile ihres Katzenpelzes stibitzen, um damit ihre Nester zu verstärken. Die Katze und das Opossum verstehen sich übrigens ganz gut.

Beide müssen wiederum die Coyoten fürchten, die manchmal nachts auf dem Weg durch das weit verzweigte Creek-System die Schlucht durchstreifen. Wir haben noch keine bemerkt, es hatte sich nur einmal ein Fuchs vor unser Fenster verirrt. Doch wer weiß, was dort unten noch alles wohnt… Manchmal höre ich nachts einen neuen, fremden Tierschrei aus der Dunkelheit des Waldes. Für einen Moment zerreißt der Sound der Wildnis das leise Rauschen der Stadtautobahn und ich bin hellwach.

Bye, bye Intro

In eigener Sache: Intro verabschiedet sich

Meine erste Musikzeitschrift war das „WOM Journal“ aus dem WOM im Hertie-Keller, ich hatte ja vorher gar keine Ahnung, dass Menschen überhaupt in Zeitschriften über Musik schreiben und was das für einen Sinn haben sollte. WOM und Hertie, längst beides Karteileichen im Unternehmensregister.

Später dann kam die Visions, die Indie-Musik als glamourös und lebensweltlich relevant präsentierte. Die hatte ich sogar im Abo. Bis ich merkte, dass die Musiker bei genauerer Betrachtung meist ziemlich banale Sachen erzählten und der Geschmack der Visions sich letztlich ziemlich standardisiert am Hype-Kreislauf orientierte. Da hatte ich dann auch schon die Intro gefunden, über deren Stapel man immer irgendwo in Kassen- oder Türnähe von Second-Hand-Läden stolperte.

Intro war eine Spex Light, ein bisschen bissig, ein bisschen überlegte Kulturindustrie-Kritik, ein bisschen Gedanken über die gesellschaftliche Relevanz von Musik, Kino und Videospiel. Ich habe damals eine Menge über Popkultur-Geschichte und Zusammenhänge zwischen den Genres gelernt, auch wenn es manchmal ein bisschen viel (sympathische) Geschmacksangeberei und war. Zur Spex habe ich es übrigens nie geschafft, denn eigentlich wollte ich ja nur wissen, welche Bands gerade interessant sind.

Und das ist halt die Sache, weshalb es mit Musikmagazinen so schwierig wird: Interessante Musik versteckt sich nicht mehr, die Geschmackscodes sind individualisiert. Wer über das Ende der Intro redet, darf den Musikblog-Exodus der vergangenen Jahre nicht verschweigen… 78sYou Ain’t No Picasso, Rote Raupe, Ca Va Cool, auch mein eigenes Musikblog SongdesTages liegt nur noch auf dem Server rum.

Es ergibt eben wirklich kaum noch Sinn, um Musik herum zu schreiben und zu versuchen, damit über eine längere Spanne Aufmerksamkeit zu bekommen (vom Geldverdienen rede ich gar nicht). Natürlich lassen sich Consequence of SoundQuietus, das inzwischen zu Conde Nast gehörende Pitchfork als Gegenbeispiele anführen, aber sie stehen eher für eine andere, Prä-Influencer-Zeit, als für die Zukunft.

Für mich persönlich symbolisiert das Ende der Intro deshalb einen weiteren Kilometerstein auf der Strecke, die in unterschiedlichsten Bereichen weg vom Konzept des Kanons führt. Der Beitrag der Intro zum deutschen Indie-Kanon war beachtlich – zumindest, wenn ich daran zurückdenke, wie viel gute Musik ich auf Empfehlung des Magazins ausprobiert habe.