Theorie und digitale Schulpraxis

Aufbruchstimmung oder bleierne Zeit – Momentaufnahmen Digitaler Bildung in Deutschland

„Ernüchternd auch die Erkenntnisse von Prof. Christoph Igel von der Deutschen Forschungsstelle für Künstliche Intelligenz: Digitale Medien finden in der Ausbildung von Lehramtsstudierenden immer noch kaum statt. Immerhin können sich die 25-jährigen noch vorstellen, Tablets und Apps im Unterricht einzusetzen. Kaum sind sie an der Schule angekommen, sinkt diese Bereitschaft angesichts von fehlenden WLAN-Kapazitäten und sonstigen Anforderungen massiv. Zwei Jahre, nachdem sie den Job angefangen haben, tendiert sie sogar gegen Null.“

Der Eindruck, den Verena Gonsch auf diversen Konferenzen zum Schulwesen mitgenommen hat, ist nicht besonders gut. Wenn ich das richtig verstehe, warten alle auf die Gelder aus dem „Digitalpakt Schulen“, wo offenbar ein gewaltiger Betrag offen ist. Und dann gibt es natürlich die kulturell verständliche, aber sehr deutsche Herangehensweise: Erst digitale Lernkonzepte, dann Wlan anknipsen.

Die Probleme im Change-Management, die wir in der Wirtschaft haben, lassen sich parallel in den staatlichen Hoheitsgebieten diagnostizieren. Und anders als bei der Industrialisierung ist nicht gesagt, dass für Deutschland „spät umsetzen, aber dafür richtig“ wieder funktioniert.

Halbvoll ist das Glas, wenn ich auf die offenbar wachsende Anzahl engagierten Lehrer blicke, die sich in Projekten vernetzen und kluge Lösungen finden wollen – nicht für sich, sondern für die Kinder und das Bildungswesen. Aber es darf nicht sein, dass 2018 Eigeninitiative oft an den Strukturen vorbei entwickelt werden muss. In ein paar Jahrzehnten werden wir einmal auf den Fetisch der „Schwarzen Null“ zurückblicken und uns wundern, was wir mit dieser Passivität so alles angerichtet haben.

Siehe auch:

Breitband-Ausbau und der Vectoring-Irrweg
 GroKo-Sommerbilanz
 Deutschland, Euro-Krise, Griechenland

Echokammer, überdacht

How Social media took us from Tahrir Square to Donald Trump

„Die Behauptung, dass wir online nur ähnlichen Sichtweisen wie unseren eigenen begegnen, ist nicht die ganze Wahrheit. Während Algorithmen den Menschen oft das geben, was sie sowieso hören wollen, zeigt die Forschung, dass wir online wahrscheinlich einer größeren Bandbreite an Meinungen begegnen als offline – oder als wir vor der Erfindung digitaler Werkzeuge ausgesetzt waren.

Das Problem ist vielmehr, dass das Aufeinandertreffen mit anderen Meinungen im Kontext von Social Media etwas anderes ist, als bei der einsamen Lektüre einer Zeitung. Es ähnelt eher der Situation in einem Fußballstadion, wenn wir sie von den Gegnern hören, während wir unter den Fans unserer eigenen Mannschaft sitzen. Online sind wir mit unseren Gemeinschaften verbunden und wir suchen die Anerkennung von Gleichgesinnten. Uns verbindet mit unserem Team, dass wir die gegnerischen Fans anschreien.

In soziologischen Begriffen: Wir stärken das Gefühl der Zugehörigkeit zur ‚Eigengruppe‘, indem wir Distanz und Spannungsverhältnis zur ‚Fremdgruppe‘ ausbauen. Wir gegen sie. Unser kognitives Universum ist keine Echokammer, unser soziales Universum schon.“

Optimiert

„Normalerweise funktioniert das so: Der Aufsichtsrat sagt, dass der Umsatz steigen muss. Was hält das Management-Team für am geeignetsten? Die Verweildauer zu steigern. Also geben sie die Marschroute aus, die dann durchsickert. Schließlich arbeiten alle daran, die Verweildauer zu steigern. Das bedeutet, dem Produkt einen höheren Suchtfaktor zu geben, es packender und aufdringlicher zu machen. Und es funktioniert: Der Nutzer verbringt mehr Zeit mit dem Produkt.

Aber jeder, der das umsetzt, weiß: Das ist schlecht. Jeder Entwickler und Designer weiß, dass das furchtbar ist. Sie sind nicht glücklich, solche Features umzusetzen. Aber sie können nichts gegen die Daten sagen. Entwickler und Designer, denen Nutzer am Herzen liegen, wollen solche Funktionen nicht in die Welt setzen. Aber die Daten sagen, dass solche Features die Verweildauer vergrößern – das heißt, sie sind gut. Denn längere Verweildauer bedeutet mehr verkaufte Werbung, was mehr verdientes Geld bedeutet. (…)

Es wäre möglich, dass Firmen in anderen Strukturen dieses Problem vermeiden können. Eine Welt ist vorstellbar, in der diese Firmen der Basis der Belegschaft die Möglichkeit gibt, bestimmte Entscheidungen selbst zu treffen und Nutzern ein Mitspracherecht zu geben. Mitarbeiter und Nutzer könnten zusammen entscheiden, nach welchen Maßzahlen optimiert wird und welche Art von Technologie sie bauen wollen.“

Life Aboard the Rocket Ship: An Interview with an Anonymous Engineer

Siehe auch: Das dunkle Geheimnis deines Data Scientists

Mehr Nutzen aus Technologien

 The blitzscaling illusion

Anders als in manchen Pitch Decks propagiert sind unsere besten und wichtigsten Fortschritte und Technologien nicht per se kostenlos und ein Produkt schneller linearer Entwicklungen. Edward Tenner mit einer historischen Parallele:

„Im 20. Jahrhundert beschleunigten Kriegszeiten oft die Lösung der schwierigsten technischen Probleme: Kunstdünger, Antibiotika, Radar, Kryptographie, Atomenergie, Jet-Antriebe. Aber trotz der Alarmsignale in Sachen Klimawandel und Cybersicherheit existiert heute keine verbreitetes Gefühl der Dringlichkeit, das vergleichbar wäre. (…) Wenn wir zurück an den akuten Druck des zweiten Weltkriegs denken und wie Regierungsabteilungen damals der privaten Wirtschaft halfen, ihre Skepsis zu überwinden und zusammmenzuarbeiten, sollten wir ein vorrangiges Ziel verfolgen: Die systematischere Untersuchung all jener Ideen, die von den Tech-Medien als transformativ identifiziert worden sind. Danach sollten wir bessere Anreize für harte Technologien schaffen, die dem Gemeinwesen Nutzen bringen (zum Beispiel über Preise und bevorzugte steuerliche Behandlung). Was nutzen uns selbstfahrende Autos, wenn unsere Straßen – aus Mangel an langlebigeren Materialien und Straßenpflaster-Techniken – voller Schlaglöcher sind, die von den Autos noch nicht erkannt werden können?“

In der jüngeren Vergangenheit stoße ich häufiger auf Projekte, die Technologie gesellschaftlich denken wollen. Wenige davon denken in so großen Kategorien wie Tenner oben, sondern eher in Software. Und auch interdisziplinär beginnt gerade erst eine tiefere Vernetzung, so etwas wie fächerübergreifende R&D ist mir noch nicht oft untergekommen. Aber ich habe gerade erst begonnen, das zu sammeln – und freue mich auf Projekt-Hinweise in den Kommentaren!

Kommunikative Empathie

I have not been oppressed

„Die wichtigste Sache ist Empathie, kommunikative Empathie. Das bedeutet nicht, Ideen Verständnis entgegen zu bringen, die du widerwärtig findest. Sondern zu untersuchen, ob sie überhaupt wirklich abstoßend sind. Keine falsche Höflichkeit, die auf Bullshit-Normen fußt, sondern eine Verpflichtung, sorgsam zu lesen und im Gegenzug sorgsam zu antworten. Ein Diskurs ist dann einfühlsam, wenn Gedanken erst einmal vollständig gehört werden, bevor wir auf sie antworten. Nicht aus einer ritualisierten Verpflichtung, ‚beide Seiten zu hören‘. Sondern aus dem Wissen heraus, dass keine Antwort – auch nicht völlige Ablehnung – Bedeutung haben kann, bevor sich echtes Verstehen vollzogen hat. (…) Es gibt ein besseres Gespräch zu führen, aber du kannst es nur führen, wenn du es führst. Übe eine einfühlsamere Form der Rede als deine Gegner, und vielleicht ändern sich die Dinge. Oder, wenn es dir wie mir geht und du feststellst, dass deine Teilnahme unergiebig ist, kannst du das Feld räumen. Milliarden von Menschen verbringen jeden Tag, ohne darüber nachzudenken, was Leute im Internet sagen.“

Form erzeugt Form

„Es gibt drei Phasen im modernen Design. Eine der Phasen, oder Ansätze, ist ein Blick auf Design als formale Beziehung, auf die formale Logik des Objekts. Der Akt, etwas eine Form zu geben. Form erzeugt Form. Der zweite Ansatz ist die Perspektive auf die Symbolik und den Inhalt, mit dem du es zu tun hast. Die kleinen Rituale, aus denen das Kaffeekochen besteht. Oder das Verwenden von Messer und Gabel. Oder der kulturelle Symbolismus eines bestimmten Objekts. Diese Dinge kehren wieder, um eine Form zu bewohnen oder sie entstehen zu lassen; um den Designer dahin zu führen, wie diese Form beschaffen sein oder aussehen sollte. Die dritte Phase bedeutet, Design in seinem Kontext zu betrachten, in einem viel größeren Rahmen. Auf den technologischen Zusammenhang zu blicken, auf das Verhältnis des Menschen zum Objekt.“

Andrew Blauvelt in „Objectified“ (2009)

Die große AI-Vereinfachung

‚The discourse is unhinged‘: how the media gets AI alarmingly wrong

Warum wir über völlig falsche Fragen zu lernender Software diskutieren. Die Autorin Joanne McNeil dazu:

„‚Wenn du das Gehalt eines Journalisten mit dem eines AI-Forschers vergleichst, ist ziemlich schnell klar, warum es für Journalisten unmöglich ist, die gut recherchierten Stücke zu schreiben, die Forscher gerne über ihre Arbeit lesen würden.‘ Sie ergänzt, dass viele Forscher von dem Hype profitieren, sie als Autorin aber Probleme hat, wenn sie diese Technologien kritisch unter die Lupe nehmen möchte. ‚Es gibt nur wenige Publikationen, die an nuancierten Stücken interessiert sind und nur wenige Redakteure, die genügend Expertise haben, um Thema zu redigieren. Wenn AI-Forscher wirklich hintergründige und kritische Berichterstattung wollen, sollten sie sich zusammenschließen und eine Publikation finanzieren, bei der die Zeit der Autoren angemessen bezahlt wird, die sie für tieferes Verständnis brauchen.'“

Die Diagnose, dass sich Journalisten oft nur oberflächliches Wissen aneignen können, trifft für viele Technologie-Themen zu. Und nicht nur dort. Und zur Wahrheit gehört auch, dass Stücke über die „Killer-AI-Debatte“ oder Spekulationen über das Ende der Demokratie durch Algorithmen ein größeres Publikum finden als solche über Sachfragen wie z.B. die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen lernender Software.

Twitter: Zurück in der Schule

 The High School We Can’t Log Off From

„Das Problem ist, dass Twitter uns für unsere Fehler belohnt. Es ist nicht dafür ausgelegt, uns erwachsen werden zu lassen. Die Zeit in unseren Leben, die wir so gerne hinter uns gelassen hätten, erleben wir nun nochmal von vorne – eine Zeit, in der Gemeinheiten mit einer besonderen Intensität empfunden werden. Unsere Erfahrung lehrt uns, dass die Folgen dieser neuen Erbarmungslosigkeit, die wir gesät haben, ähnlich schwer zu verarbeiten sein werden.“