in Deutschland, Horizont

Lebensgefühl als Politik

Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück: Zeit für Gefühle

„Ich behaupte ja immer, es gebe gar keine Zukunft mehr, aber wenn die Grünen, wie es aussieht, die Partei der Zukunft sind, muss es dann nicht eine geben? Andersherum wird ein Schuh daraus: Eben weil es keine Zukunft gibt, gibt es eine Partei, die die Zukunftslosigkeit grün kaschiert. (…)

Die Grünen vertreten, es stimmt, ein ‚Lebensgefühl‘, das, während das Leben bekanntlich nicht mehr lebt, dafür sorgt, dass es sich wenigstens so anfühlt. (…) Das Lebensgefühl Merkel aus offenem Stillstand als sturem Abwarten hat sich verbraucht, und die Halluzination, dass es gut sei, wie es ist, und es sogar noch besser werden wird, verkörpern die Grünen heute wie sonst niemand; wenn sich der nötige Fortschritt bloß in jedem Fall kaufen lässt (‚Immer mehr Menschen wechseln vom Auto aufs Lastenrad, vor allen in den Städten … Der Faltradspezialist Tern hat mit seinem motorisierten GSD-Modell ein relativ schlankes Modell entwickelt‘, Zeit online, 13.10.) und Politik als Milieu- und Klientelveranstaltung nichts Schlechtes ist, wenn das Milieu nur nicht aus Anlageberatern und Porschefahrerinnen besteht (FDP), sondern juste ist, nämlich gefühlt (sic) ‚links von der Mitte‘ (Hiska Prinz, Grüne Hessen).

Der Vorwurf linksgrünen Moralismus hat insofern seine Wahrheit, als, soweit der Hauptwiderspruch von Arbeit und Kapital keiner ist, der irgendwen um den Schlaf bringt, Politik aus Moral bestehen muss, und da ist die grün-sozialliberale Moral faschistischer ‚Volks-“Moral‘ (wie sie in Ungarn etwa neuerdings Obdachlosigkeit zur Straftat macht) freilich unbedingt vorzuziehen.“

Gärtner haut natürlich drauf und ignoriert zum Beispiel die auch von den Grünen geforderte Vermögenssteuer. Allerdings ist aus progressiver Perspektive der Vorwurf des Inkrementalismus insofern berechtigt, als die Grünen vor allem im Kontrast mit dem gegenwärtigen Stillstand und den reaktionären Gegenbewegungen als Veränderungspartei erscheinen. Und die konservativ-liberale Kritik an Vorschlägen zu größeren Lebensstil-Eingriffen – von der Mineralölsteuer zum Veggie-Day – hat sie auch scheu gemacht, viel mehr als „Anpassung des Konsumverhaltens durch Veränderung der Marktbedingungen durch kleinere politische Hebelgriffe“ zu fordern. Und das ist ja der übliche bürgerliche Reformstandard.

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