in Horizont, Notiz

Neonationalismus als Geschäftsmodell

Wie Regierungen die Geschichte ihrer Völker umdeuten

Der ungarnische Historiker Balázs Trencsényi:

“In Ungarn geht man im nationalen Geschichtsdiskurs nun zurück zu den Sumerern, zu Mesopotamien und behauptet, die einzige Nation, die von den ältesten Zivilisationen abstamme, seien die heutigen Ungarn.”

Und weiter im DLF-Bericht von Suzanne Krause über die Historiker-Tagung in Paris:

“Die Mär von den sumerischen Vorfahren sei von der national-konservativen Orbán-Regierung zum Kult erhoben worden (…). Daraus habe sich eine Marketing-Strategie entwickelt, ein Business-Zweig, speziell für die Jugend. Mit nationalistischer Rockmusik, Sommercamps, Sportangeboten. Balázs Trencsényi: ‘Da werden japanische Kampfsportarten wie Karate und Judo leicht abgewandelt als traditionell ungarische ausgegeben. Die werden nun an der Militärschule gelehrt, bei der Soldatenausbildung. Mehr und mehr verschwimmt der Unterschied zwischen realen historischen Fakten und dem, was offiziell als solches gilt. Und wenn dann der Staat darin investiert, wird nach und nach aus diesem eigentlich alternativen para-historischen Diskurs der normative, dem sich die Leute anschließen müssen.”

Ich will jetzt nicht den ganzen Nationalismus-Diskurs wieder aufrollen, aber einen Aspekt herausgreifen, der hier ganz gut rauskommt: Neben konservativer Identitätspolitik, Kritik an globaler Entgrenzung, Schattierungen von Patriotismus und  Chauvinismus oder sonstigen Formen der Überzeugtheit kann der Neonationalismus eben auch ganz opportunistisch Aussicht auf einen Markt sein. Die Möglichkeit, in der Politik schnell aufzusteigen, als Publizist ein Publikum zu finden oder eben direkt, siehe die Karate-Kurse in Ungarn, eine neu entstandene Kundschaft zu bedienen.

Die alte Gleichung [Wirtschaftlicher Druck/Gier + Wachstumsperspektiven des Zielmarkts =  Bereitschaft zur Umsetzung] gilt natürlich auch hier. Das Problem ist nicht nur, dass Überzeugtheit und Opportunismus von außen oft schwer zu trennen sind1 (diese Kritik also vielleicht angebracht wäre, aber nur selten fundiert erscheinen kann), sondern dass der Mensch sie nach kurzer Zeit selbst nicht auseinanderhalten kann, wenn er über seine eigenen Beweggründe nachdenkt 2.

1 Die Frage ist auch: spielt die Unterscheidung eine Rolle in dem Sinne, dass ein „uneigentlicher“ Naionalismus, Liberalismus, Sozialismus etc. existiert, der sich de facto oder moralisch vom „überzeugten“ unterscheiden würde, vgl. Mitläufer-Debatte.
2 Abgesehen davon, dass „Überzeugtheit“ eben auch ein Produkt unterschiedlicher Faktoren ist.

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