in New Orleans

Jahreszeiten ohne Jahreszeiten

Bayou
Freitagnacht hat es hier an der Tür geklopft. Wenn es sich nicht um einen besoffenen Bekannten handelt, ist das in dieser Stadt ein Alarmsignal. Es gibt zu viele Schusswaffen, um während eines Einbruchs zuhause sein zu wollen. Doch es war nur der Wind aus Norden, der den Herbst mitgebracht hatte.

Oder das, was der Herbst hier dieses Jahr ist: Erstmals seit Mitte April tagsüber weniger als 25 und nachts unter 20 Grad. Ich musste erstmal Inventur im Schrank machen, weil ich wirklich nicht mehr wusste, welche langärmligen Kleidungsstücke ich noch besitze.

Das klingt fantastisch und ist es durchaus auch. Andererseits bin ich mit den Jahreszeiten groß geworden und vermisse sie ein wenig. Dieses Jahr habe ich Ende September in den Bergen hinter San Antonio das erste Herbstlaub gesehen, wie ich es aus Europa kenne. Es hat sich vertraut angefühlt. Und seltsam: Sowohl in Kalifornien, als auch jetzt in Louisiana funktionieren Jahreszeiten als Konzept nicht. In San Francisco war das Wetter immer ähnlich und selten gut, der Sommer völlig vernebelt. Hier in New Orleans breitet sich Sommerwetter über weite Teile des Kalenders aus und bringt die Zeit zum Schmelzen.

Ich erinnere mich noch, als ich im Mai auf dem Fahrrad durch die Stadt gefahren bin und es wie Hochsommer in Deutschland gerochen hat. Dieser Duft aus Sonne und in der Hitze röstendem Gras. Diese Tage daheim, wenn du weißt, dass die Sonne heute keine Gefangenen macht und selbst die Abende heiß werden.

Oh Junge, was wusste ich schon, was noch kommen würde.

Wir kannten den Sommer in New Orleans von Besuchen. Aber ihn zu leben – eine ganz andere Sache.

Der Sommer in New Orleans ist 35 Grad schwer, feucht wie ein gebrauchtes Handtuch und er macht deine Gedanken müde.

Ein damn hot motherfucker.

Oder, wie ein Einheimischer erklärte: “Du brauchst mich vor vier gar nicht für irgendwas anzurufen, ich gehe nicht aus dem Haus.”

Die Geckos flüchten in den Schatten und die Katzen machen unter dem Haus ein Dauerschläfchen, bis die Sonne unter lautem Protest-Zirpen der Grillen untergeht. Die Kakerlaken krabbeln durch den Garten und du bist froh, dass sie nicht die Flügel ausbreiten und in dein Haus flattern oder dir ins Gesicht klatschen. Sommer ist, wenn die Klimaanlage arbeitet und der Rest des Lebens stillzustehen scheint. Wenn Du dich immer umguckst, wo gerade Gewitterwolken aufziehen (August, damn you!). Wenn die Hinterhöfe den sauren Duft annehmen, der dich an den Italien-Urlaub deiner Kindheit erinnert.

Lake Ponchartrain

Wenn die Pimm’s Cup in den Bars den Sacerac verdrängt.

Wenn der beste Barbecue-Platz nicht in Deinem Garten, sondern unter dem Freeway ist.

Wenn du Sonntagnachmittag durch die Straßen läufst und auf der Veranda die Drinks geschlürft werden. Denn was gibt es sonst zu erledigen?

Wenn du mit Eisbeutel im Bett einschläfst.

Teile des Sommers waren hier wie der deutsche Winter: Du kannst eigentlich nicht aus dem Haus. Und Schnupfen hast du auch, von der wie immer viel zu ambitioniert operierenden Klimaanlage im Einkaufszentrum.

Deshalb beginnt jetzt eigentlich die gute Zeit, selbst wenn ich mich wieder in die Funktionsweise einer Jacke einarbeiten muss. Beim Blick auf die Temperaturen hat sich irgendwann die nostalgische Vorstellung des Heimat-Herbstes vom realexistierenden “einstellige Temperaturen, und das tagsüber”-Herbst geschieden. Andererseits, der Frühling dann wieder…

Ninth Ward

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