Big F’cking Deal

Der Fall #Relotius beschäftigt mich natürlich, und die Fassungslosigkeit hat mich noch im Griff. Die Auswirkungen auf die deutsche Medienwelt lassen sich noch nicht absehen. Gar nicht im Sinne von „das wird unvorstellbare Konsequenzen haben“, sondern: Ich habe keine Ahnung, ob daraus etwas folgen und was das sein wird. Die Angelegenheit lässt sich ja der Person, der Redaktion oder der Situation der Medienbranche als Ganzes zuweisen. Jeder macht sich ja seine eigenen Gedanken über Stärken, Defizite und Wesen der Branche, und der Fall bietet eine riesige Projektionsfläche.

Ich würde mir wünschen, dass Fall als Vorwand dient, die amerikanischen Qualitätsmedien-Standards in Deutschland zu übernehmen. Das ist deshalb ein Vorwand, weil natürlich die ihre ganz eigenen Skandale, Probleme und Geschichtenerfinder hatten und haben. Gerald Kleffmann formuliert den ersten Schritt so:

Jenseits dessen werfe ich zur konkreten Verbesserung der Glaubwürdigkeit einfach mal drei Ideen in den Raum, die sich digital umsetzen lassen.

  • Eine Art „Beipackzettel“ für Geschichten, in der unter dem Text/Video die Recherche-Bestandteile aufgelistet werden. Woher stammen die Infos, mit wem habe ich mich getroffen, wie waren die Rahmenbedingungen, habe ich einen Auftritt am TV oder vor Ort verfolgt etc. Die Idee hat Dirk von Gehlen vor vielen Jahren einmal gehabt und ich bin ein großer Fan, weil sie auch die Recherchequalität anheben würde (dass ich bei Investigativ-Geschichten keine Namen nennen kann, ist klar, btw.). Ich wünsche mir immer ein Digital-Textlayout, in dem Autoren wie bei Genius Anmerkungen zu ihren Absätzen auf einer zweiten Ebene (Mouseover) hinterlassen können, um Formulierungen klarer zu machen, sogar Zweifel am eigenen Ausdruck zu äußern, oder einfach Quellennachweise zu liefern.
  • Die Einführung eines Public Editor, den es auch bei einigen deutschsprachigen Medien bereits gibt. Wie viel weniger angreifbar wäre die Rekonstruktion gewesen, wenn sie ein dem Leser verpflichteter Ombudsmensch geschrieben hätte, statt eines künftigen Mitglieds der Chefredaktion? Ich glaube, wir hätten dann auch die Diskussion über Stilfragen nicht, weil die Herangehensweise eine ganz andere gewesen wäre.
  • Autorenzeilen abschaffen und stattdessen unter dem Text das Team (Reporterin/Autor/betreuende Redakteure) aufführen. Ausnahme: Meinungsartikel/Kolumnen. Ist die nächstbeste Variante zum völligen Verzicht auf Autorennamen (wie es der Economist immer noch pflegt), zu der wir aber glaube ich nicht mehr zurück können. Die Idee dahinter: Die Textarbeiter und Themendesign-Helfer erhalten mehr Aufmerksamkeit, was unterm Strich auch das Niveau heben dürfte.

Das alles sind nur Vorschläge, sicher keine Patentrezepte. Ich überschätze, anders als früher, auch die Zahl derer nicht mehr, die überhaupt etwas ändern wollen. Was mir bleibt, ist meinen Job so gut wie möglich zu machen.

Konvergenz von Magazin-Apps

Der Economist hat eine neue iOS-App und sie scheint mir einen Trend zu bestätigen: Wochen- und Monatsmagazine werden die reinen Bundle-Apps los. Die neuen Varianten haben einen Start-Reiter mit aktuellen Themen (die natürlich auch aus dem „Heft“ sein können), ein weiterer ermöglicht den Zugriff auf das Bundle, ein dritter führt zu den gespeicherten Bookmarks, ein vierter zu den Einstellungen.

Die Navi ist inzwischen ja standardmäßig unten (Smartphone oft sticky, Tablet nicht), und so ähnelt sich das Layout. Sehr sogar, nur die Details sind angepasst. Der Economist-Bildausschnitt oben zeigt die Besonderheit (Lesezeit, Vorlese-Button), am Bildschirmanfang ist dort der Tages-Newsletter festgetackert. Der Atlantic (ebenfalls unterer Bildausschnitt, hier Reiter „Magazine“) legt dagegen auf Ressorts wert, womöglich auch, weil er den meisten Content von den drei genannten Titeln produziert.

Der New Yorker dagegen präsentiert seine bekannten Cartoons als eigene „Rubrik“ („Top Stories“ ist übrigens nur ein Anker für einen Reload der Hauptseite).

Die WWWebseiten der jeweiligen Marken ordnen die Themen identisch und im responsiven Layout an, der Economist und Atlantic verlassen dabei schneller das Schlauchformat, um zweispaltig zu werden. Und im Web gibt es weiter unten noch zusätzliche Ressort-, Artikelkacheln oder Kästen. Logisch.

Was lässt sich daraus ableiten? Alle drei Magazine versuchen, als Wochen- und Monatstitel Aktualität abzubilden – also das Bundle hinter sich zu lassen, ohne Einheitlichkeit aufzugeben. Sie verzichten dabei aber darauf, ein Buffet an Themen anzubieten, sondern verstehen „mobile“ als willentliche Beschränkung der Optionen durch Relevanz und Vorauswahl. Das klingt „magazinig“, ist aber im Kontext allgegenwärtiger Nachrichten zu verstehen. Erleichtert hat die Entscheidung sicherlich der Niedergang der Bannerwerbung. Alle drei Marken sehen sich als Abomedien und stellen vermarktbare Reichweite offensichtlich hinter die Purchase-Funnel-Funktion zurück. Werbung ist eher beim Sponsoring zu entdecken (Marken präsentieren Economist-App, der New Yorker hat begonnen Artikelserien sponsern zu lassen).

Das hat natürlich auch Folgen bei Themenwahl und Aufbereitung: Alle Inhalte, die sich auf tagesaktuelle Ereignisse beziehen, sind analytisch gehalten oder haben eine besondere Perspektive (zum Beispiel geschichtlich, persönlich, stilistisch). Der Economist hat noch etwas stärkere nachrichtliche Elemente (obwohl er in der Praxis das am wenigsten „aktuelle“ Medium ist), in New Yorker und Atlantic verschwindet der Nachrichtengehalt schon fast in der Erzählform. Die Gewohnheit, die der Leser bei aktuellen Ereignissen entwickeln soll: Ich habe mitbekommen, was heute passiert ist, lass‘ mich gucken, wie [Atlantic, New Yorker, Economist] einordnen.

Die Strategie würde ich unterm Strich zusammenfassen: Die Aktualität ist im Zeitgeist, nicht rund um die Nachricht zu finden. Als Magazin online zu sein, heißt zwar an die Echtzeit-Welt anzudocken, aber eben als erstbestes Zweitmedium, selbst wenn das bei kleineren Themen ein, zwei Tage dauert; dem Leser muss kein Weltgeschehen im Sinne von „Das hat stattgefunden“ vermittelt werden, er wird ohnehin überall damit bombardiert. Das publizistische Kerngebiet findet sich im ganzen Rest, vor allem der nirgendwo sonst zu findende Rest. Wo dort die Schwerpunkte liegen, dürfte intern maßgeblich mit Kapazitäten und dem Engagement einzelner Autoren/innen abhängen, die in den USA in der Regel die Idee des „sich als Autor sich digital Gefolgschaft für ein Fachgebiet erarbeiten“ als berufliche Überlebensstrategie verinnerlicht haben.

Das ist noch keine Markenstrategie für neue Vertikalen, kann aber dazu werden. Zunächst ist es erst einmal die Erkenntnis, dass sich in einer Welt des „ubiquitous content“ und sinkender Werbeerlöse Reduziertheit zum neuen Paradigma entwickelt.

Siehe:
Journalismus und das „Wir“
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Medien-Neigungen

Falsche Gegensätze

Kolumne Schlagloch: Der entfesselte Kulturkampf

Georg Seeßlen:

„In der Kulturrevolution von rechts wird allzu deutlich, wie Rechtspopulisten dem neoliberalen Kapital die Drecksarbeit erledigen. (…) Diese Allianz ist offensichtlich. Wie viele Vertreter der ökonomischen Oligarchie sind in den Führungsriegen der Rechtspopulisten? Wie viel Geld und Organisationskraft wird ‚aus Wirtschaftskreisen‘ in Wahlkämpfe, Parteistrukturen und rechte Medien gepumpt? Wie viele Wirtschaftsvertreter in aller Welt ziehen ein Bündnis mit postdemokratischen, autokratischen und halbfaschistischen Regimes jeder demokratischen Kontrolle vor? Und wie viele Vertreter kleptokratischer Clans bringen es zu politischer Macht, von den USA bis Brasilien?“

Der Pinsel ist ein bisschen breit: Wäre diese These stimmig, müsste man dem „neoliberalen Kapital“ unterstellen, an einer Rückabwicklung von Globalisierung und Freihandel interessiert zu sein, die zumindest in einigen Ländern Kernprogramm der neuen Reaktion ist.

Aber was Seeßlen deutlich macht: Die Darstellung der neuen politischen Verhältnisse als Kampf von Anhängern einer „offenen“ mit denen einer „geschlossenen“ Gesellschaft ist völliger Humbug. Er lässt Progressiven die Wahl, Teil eines „Weiter-so“ (also eines Konservatismus im Geist des realexistierenden Neoliberalismus) zu werden oder mit jenen identifiziert zu werden, die in die Schublade der Abschotter und Engstirnigen wandern. Um Hans Kundnani vom Chatham House zu zitieren (Abzüge gibt es für den undefinierten Elitenbegriff):

„Wie der Begriff Populismus selbst wird die Vorstellung eines Kontrasts zwischen offen und geschlossen oft von Eliten verwendet, um Ideen oder Politikentwürfe zu diskreditieren, die sie nicht mögen.“

Graeber interpretiert die Gelbwesten

The “Yellow Vests” Show How Much the Ground Moves Under Our Feet

David Graber mit seiner Perspektive auf die Gelbwesten in Frankreich (Original in Le Monde). Woher kommt die Konfusion darüber, was die Bewegung ist und will? Graeber, selbst einst Teil der Occupy-Bewegung:

„1. In einer Wirtschaft, die auf Finanzinstrumente ausgerichtet ist, können nur diejenigen die Sprache des Universalismus benutzen, die sich in nächster Nähe zu den Mitteln der Geldschaffung befinden (im Kern Investoren und die Akademiker- und Managerklasse). Eine Folge davon ist, dass alle an speziellen Bedürfnissen und Interessen orientierten politischen Ansprüche oft als Erscheinungsform von Identitätspolitik betrachtet wurden. Im Falle der gesellschaftlichen Basis der Gelbwesten kann nach dieser Logik ihre Erscheinungsform einzig als proto-faschistisch interpretiert werden.

2. Seit 2011 hat sich weltweit verändert, was der gesunde Menschenverstand als Zweck einer Teilnahme an einer massendemokratischen Bewegung versteht – zumindest unter denen, die sich am wahrscheinlichsten daran beteiligen. Ältere ‚vertikale‘ oder Vorhut-Modelle der Organisierung sind schnell verschwunden und haben einem Ethos der Horizontalität Platz gemacht, in dem (demokratisch, egalitär) Praxis und Ideologie letztlich zwei Aspekte der selben Sache sind. Die Unfähigkeit, das zu verstehen, erweckt den falschen Eindruck, dass Bewegungen wie die Gelbwesten anti-ideologisch, sogar nihilistisch sind.

(…) Diese neuen Bewegungen brauchen keine intellektuelle Vorhut, um mit einer Ideologie versorgt zu werden, weil sie bereits eine [Ideologie] haben: die Ablehnung intellektueller Vorposten und die Umarmung von Vielfältigkeit und horizontaler Demokratie selbst. Es gibt eine Rolle für Intellektuelle in diesen neuen Bewegungen, sicher. Aber sie wird weniger das Reden als vielmehr das Zuhören beinhalten müssen.“

Weiterhin gilt für mich: es ist zu früh für einheitliche Interpretationen. Nach Graebers Lesart wäre sein Weg der Meta-Interpretation allerdings ohnehin die einzige Form, sich solchen Phänomenen zu nähern. Dieses Wesen machte schon Occupy Wall Street so ungewöhnlich, entzog es doch der Interpretationsmaschinerie und Instant-Kategorisierung das Futter, genau wie dem Zynismus, der bei konkreten systemischen Forderungen sofort aufkommt. Ich habe das 2011 hier mal als „Revolution als Meme“ bezeichnet.

Die Occupy-Erfahrung deute ich aus heutiger Sicht aber so, dass sich diese Form („Prozess statt Plattform“) irgendwann mit dem Konkreten ins Gehege kommt, das ja immer noch für Politik notwendig ist. Und doch hat sich Macron eben – anders als damals Regierungen und Finanzbranche – bewegt. Und damit womöglich diesen unbestimmten „Prozess“ vorerst in Bewegung gehalten.

Siehe auch:
 Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

Hinter der nächsten Anhöhe

Matters of life and death: Rowan Williams and John Gray in conversation

Der Ethik-Philosoph John Gray und der anglikanische Erzbischof (und Philosoph) Rowan Williams haben ein bemerkenswertes Gespräch über Leben und Tod geführt. Ausschnitt:

John Gray: „Die Idee, dass es eine technische Lösung für die Beseitigung des Todes gibt, erscheint mir in Wahrheit eine Absurdität zu sein. Und sie dient dazu, einen der Wege zu vermeiden oder sogar zu verleugnen, die hin zu einem Wunsch oder einer Begründung führen, die der Theismus erfüllt. Soweit er es zumindest kann. Nämlich die Menschen nicht nur mit ihrer eigenen Sterblichkeit zu versöhnen, sondern mehr noch, mit der Sterblichkeit von wem- oder wasauchimmer sie lieben.“

Rowan Williams: „Das Wort, dass sie hier benutzen – Liebe – ist natürlich ausschlaggebend. Denn Liebe, wenn wir sie nicht sentimental und als Abkürzung einsetzen, bedeutet Aufmerksamkeit für das, was hier noch existiert, aber nicht du bist. Nicht unter deiner Kontrolle, nicht deiner Agenda folgend. Das Problem mit vielen dieser apokalyptischen und utopischen Visionen ist glaube ich, dass sie nicht das Selbst lieben, die Welt, die menschliche Spezies, sondern etwas von dem sie glauben, dass es sich auf der anderen Seite der nächsten Anhöhe befinden könnte.“

Ein anderer Ausschnitt aus dem Gespräch kommt in meinem heute erschienen Newsletter vor, der hier lesbar und zu abonnieren ist.

Siehe auch:
John Gray über Niall Fergusons „Türme und Plätze“
John Stuart Mill als Religionsstifter
Identität und das Vakuum unseres Fortschritsbegriffs

Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

First reflections on the French ““événements de décembre”

Branko Milanovic vor einigen Tagen mit seiner Perspektive auf die Proteste und Ausschreitungen in Paris:

„Es ist in der Tat kein Zufall, dass eine Steuer auf Benzin das Fass zum Überlaufen brachte, die ländliche und stadtnahe ländliche Gebiete am stärksten betrafen, genau wie Menschen mit recht bescheidenen Einkommen. Meinem Verständnis nach war dabei nicht das Maß der Erhöhung entscheidend, sondern die Verstärkung des Gefühls unter vielen Franzosen, dass sie ohnehin schon die Kosten von Globalisierung, neoliberaler Politik und Offshoring, dem Wettbewerb mit billigerer ausländischer Arbeitkraft und dem Niedergang sozialer Dienste tragen. Und nun sollen sie auch noch das bezahlen, was in ihren Augen (und nicht ganz falsch) eine elitäre Steuer auf den Klimawandel ist.

Das bringt ein grundsätzlicheres Thema auf (…): Befürworter einer Wachstumsrücknahme (Degrowth) und diejenigen, die dramatische Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern, sind seltsam zurückhaltend und schüchtern, wenn sie benennen müssen, wer die Kosten dieser Veränderungen tragen wird. (…) Wenn sie es ernst meinen würden, sollten sie den Bürgern der westlichen Weltordnung sagen, dass ihre Realeinkommen halbiert werden sollen und ihnen erklären, wie das vonstatten gehen soll. Anhänger der Wachstumsrücknahme wissen natürlich, dass ein solcher Plan politischer Selbstmord wäre und deshalb bevorzugen sie es, die Dinge vage zu halten und diese Fragen hinter einem ‚falschen Kommunitarismus‘ zu verstecken, wonach wir alle betroffen sind und irgendwie die Wirtschaft blühen wird, wenn wir uns nur alle das Problem bewusst machen und angehen würden – ohne dass sie uns aber jemals verraten, welche spezifischen Steuern sie erhöhen würden oder wie genau sie die Einkommen der Menschen senken wollen.“

Nun ist anzumerken, dass sich die Vorgänge in Paris monokausaler Erklärungen entziehen, wahrscheinlich sogar erst in der historischen Aufarbeitung richtig eingeordnet werden können. Aber Milanovic weist als Ökonom mit Schwerpunktthema Ungleichheit auf eine größere Frage hin: Wer wird sie denn tragen, die Umstellung der Konsumwirtschaft? Gerade Verbrauchssteuern schlagen oft bei denen durch, die keinen großen Spielraum haben. Wie so oft fehlt eine Brücke zu einem neuen System. Oder vielleicht auch nur die konkreten Vorschläge, die Milanovic fordert.

Aber wären die gewollt? Vielleicht leben wir die kommenden Jahre im Patt: Der postmoderne Konservatismus predigt erfolgreich das Recht auf Verantwortungslosigkeit, weshalb keine Veränderungen zustande kommen. Die postmateriellen Progressiven rufen „Verhinderer“ und zeigen mit dem Finger auf die Schuldigen, sind aber dadurch ebenfalls in der glücklichen Lage, keine Verantwortung tragen und einen eigenen Degrowth-Beitrag leisten zu müssen (jenseits einiger symbolischer Konsumentscheidungen). Eine zynische Prognose, aber keine unrealistische.

P.S.: Zur Rolle von Facebook-Gruppen bei den Protesten kann ich Casey Newtons Newsletter empfehlen, der die aktuellen Recherchen und Indizien zusammenfasst und kontextualisiert.

P.P.S.ICYMI: Auch von mir erscheint dieser Tage wieder ein neuer Newsletter.

Pre-Launch-Info Newsletter

Nach dreijähriger Abstinenz (Remember „Best Coast„?) gibt es ab Donnerstag einen neuen Newsletter von mir. „10 Questions for the future“ heißt er. Der Titel bedeutet diesmal wirklich, dass der Newsletter in englischer Sprache erscheinen wird.

„For the future“ lässt sich mit „Fragen für“, aber auch „an“ die Zukunft übersetzen. Das ist auch der Geist dahinter: Kein Großchecker-Gestus, sondern kurze Gedankenskizzen zu zehn Entwicklungen, Phänomenen, Ereignissen, Statistiken, die mir untergekommen sind und über deren Bedeutung ich mir oft selber unsicher bin. Der Schwerpunkt wird bei Technologie und Digitalisierung liegen, aber sicher auch in gesellschaftliche Felder gehen. Eher hintergründige Entwicklungen als Hype du jour.

Ich plane das alles als permanente Beta. Ich glaube, das kann ganz lustig werden. Im Idealfall hilft der Newsletter den Empfängern (und mir) mit ein paar Anhaltspunkten, um ihrer geistigen Karte langfristig relevanter Entwicklungen ein paar Details hinzuzufügen. Und ich kann hoffentlich mein Netzwerk nachdenkender Menschen erweitern.

„10Q“ erscheint alle zehn Tage, ich probiere dafür Substack aus, wo es auch zur Registrierung geht.

Borges und ich (und Social Media)

Beim Blättern bin ich vor kurzem wieder auf Jorge Luis Borges’ Miniatur-Kurzgeschichte “Borges y yo” gestoßen (pdf hier). Wer sie nicht kennt: Der Erzähler beschwert sich über einen Charakter (Borges), der ihm immer weniger Raum lässt. Borges passiert immer alles, von Borges liest er dauernd. Letztlich tritt er Borges immer mehr Erfahrungen und am Ende auch seine Existenz ab: Von Borges wird nach dem Tod etwas bleiben (im Gegensatz zum klagenden Erzähler).

Natürlich ist der Autor der Kurzgeschichte nicht von “Borges” dem Autor zu trennen – beide sind ein und dieselbe Person. Was mannigfaltige unterschiedliche philosophische Interpretationen (zum Beispiel hier) eröffnet. Für mich subjektiv: Borges der Autor (der “Andere”) verwertet immer größere Teile seines Lebens für sein Schaffen, während sein “Ich” (der Erzähler) hinter Borges immer weniger erkennbar wird und letztlich keine “eigenen” Erfahrungen mehr machen kann.

Für mich beschreibt das ganz gut unser “Ich” auf Social Media: Wir würden ja heute nicht mehr von einem Avatar reden, das alles sind wir selbst, obwohl wir uns nie mit unserem “Autor” auf Twitter, Instagram oder Facebook verwechseln würden. Wer tief im Sharing-Tunnel lebt, sieht alles durch die Linse der (Mit-)Teilbarkeit – wie der Schriftsteller jede Erfahrung auf ihre Verwendbarkeit für das Werk überprüft (und sei es nur als Tagebuch-Eintrag).

Beide Formen der Kreativität haben ihre Konventionen, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Das Sprechen durch das Werk ist etwas anderes als die relativ direkte Inszenierung als Checkerin oder liebenswerte Person (auch wenn jeweils der Wunsch nach Anerkennung der Antrieb sein mag). Und unser Social-Media-Werk ist nie abgeschlossen, wir müssen uns vielmehr neben dem Zurückdrängen des “Ichs” auch damit abfinden, dass auch vom “Anderen” nichts bleiben wird – außer der Erinnerung an eine Verbundenheit mit anderen Menschen/Selbst-Autoren, positiv oder negativ. Das ist bei näherer Betrachtung eine große Freiheit, denn wir können uns – anders als der Erzähler bei Borges – dafür entscheiden, unser Ich oder den Autoren unseres Selbst wachsen zu lassen.

Siehe auch:
Persönliche Marktanteile
Ein Knopf, den es zu drücken gilt

Small Town America

Covington, Louisiana
Seeing America with Frederick Wiseman

Frederick Wiseman hat Dutzende Dokufilme über die USA gedreht, aktuell läuft „Monrovia, Indiana“ hier in den Kinos, ein Kleinstadt-Porträt. Das Gespräch im verlinkten Podcast halte ich für exemplarisch: Der geschätzte Moderator Christopher Lydon möchte unbedingt wissen, was in „Small Town America“ passiert und wie das mit Trump zusammenhängt. Und Wiseman macht klar, dass er keine Antworten geben kann. Sind die Menschen weniger glücklich? Keine Ahnung. Alleine schon die Annahme, ob eine von 16 000 Kleinstädten für irgendetwas stellvertretend ist, erscheint ihm absurd.

Das deckt sich ungefähr mit meinen Erfahrungen, ob in Besuchen oder Reporting. Als Mensch, der auf dem Dorf aufgewachsen ist, fährt mir diese Vorbeifahr-Anthropologisierung von außerstädtischen Lebensentwürfen ohnehin schräg ein (genau deshalb ist der jüngst prämierte Text von Daniel Schulz so erfrischend).

Wir gehen immer davon aus, dass sich Menschen mit Politik beschäftigen, wenn sie jemanden wie Trump wählen. Aber oft ist das Gegenteil ist richtig, viele konservative Amerikaner meiden politische Themen und wollen oft vor allem ihre Ruhe, kümmern sich lieber um Familie und näheres Umfeld. Die Idee, sich für seine Identität und das Erreichte in irgendeiner Form rechtfertigen oder gar schuldig fühlen zu müssen (vgl. Rassenthematik, Ressourcenvernichtung, Klimawandel, niedrige Steuern), erscheint aus ihrer Perspektive weltfremd und sogar unverschämt. Genau wie die Ablehnung gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, die der postmoderne Konservatismus predigt, nicht im Widerspruch zu Hilfsbereitschaft oder Verantwortung per se steht: sie gilt eben der Familie, der Nachbarschaft, der Community oder auch nur demjenigen, den man gerade trifft.

Das ist nicht selten ein funktionierendes und auch von Herzlichkeit geprägtes System, aber eben auf einem begrenzten Raum und für die Lösung von Problemen geeignet, die in diesem begrenzten Raum ihre Wurzeln haben. So zumindest mein Eindruck, und damit belasse ich es für heute mit den Generalisierungen.

Hier der Trailer zu Monrovia, Indiana: