Zarte Blüten des Reformkapitalismus

Goldilocks and the bear
The Future of Capitalism, Paul Collier ($)
US-Rep. Joe Kennedy: Democrats should embrace „moral capitalism“
The next capitalist revolution

Anzeichen für die Lösung eines Problems finden sich weniger an der Vehemenz von Forderungen aus der Meinungswelt, jemand (oft: die Regierung) solle jetzt endlich etwas (bleibt in der Regel unspezifisch) tun. Vielmehr sind sie oft dort zu sehen, wo ein Umdenken in Fach und Politik soweit fortgeschritten ist, dass Reformvorschläge auch aus dem Kreis der Überzeugten einer (problematisch gewordenen) Idee kommen.

Dass der US-Abgeordnete Joe Kennedy jüngst einen „moralischen Kapitalismus“ forderte ist insofern ungewöhnlich, als er zum systemischen „Wird-schon-wieder“-Flügel der Demokraten zu zählen war. Einer nicht unwichtigen Partei im vom Kapitalismus am überzeugtesten Land der Welt. Der Economist als Zentralorgan der globalen Intelligentsia wiederum fordert anlässlich eines seiner Sonderberichte nichts weniger als eine „Revolution des Kapitalismus“ – in Form von weniger Zugangshürden, weniger Marktkonzentration und einer Patent- und Urheberrechtsreform. Und der Ökonom Paul Collier schließlich hat ein ganzes Buch mit Ideen vorgelegt, wie der Kapitalismus zu reformieren ist; darunter sind Vorschläge wie stärkere Haftung für Bankchefs, eine hohe Besteuerung künstlicher Ertragssteigerungen („rent-seeking“) und eine fundamentale Verpflichtung zum Handeln, das Vorteile nicht nur für die eigene Organisation sucht (siehe: Kennedys „moralischer Kapitalismus“).

Allen Ideen gemein ist, dass sie keinen einzelnen großen Wurf in Form des „der Staat muss es regeln“ verlangen (was angesichts der Schwäche von Nationalstaat und Multilateralismus pragmatisch erscheinen kann) und dass sie auf die indirekten Folgen setzen, die ein höherer moralischer Anspruch ebenso zeitigen soll wie eine Rückkehr echter Märkte in unsere allzu etabliertenfreundliche und oft oligopolartig strukturierte Marktwirtschaft. Das ist angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse konservativ, in einigen Punkten als Inkrementalismus wohl nicht ausreichend, aber dafür vielleicht machbar. Für mich signalisiert es zumindest, dass Veränderungen wahrscheinlicher werden und der Druck dazu von innen und außen wächst. Im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise und angesichts unserer schrumpfenden Distanz zu Demokratie-Kipppunkten kommt diese Botschaft keinen Moment zu früh.

Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“

Makala (Dokumentarfilm)
How Loneliness Is Tearing America Apart (Leserkommentare)

Lob der Leserkommentare: Der Chef des American Enterprise Institute versucht, mit einem Gastartikel über Einsamkeit den gemäßigten Republikaner Ben Sasse zu pushen. Und eine Leserin mit Namen Charlotte schreibt einen Kommentar, der sehr viel gehaltvoller und vor allem ehrlicher ist:

„Ich habe jedes Buch über Einsamkeit gelesen. Warum? Weil ich einsam bin. Auf einer Erkenntnisebene bringt der Text sein Argument an. Aber auf einer emotionalen Ebene ist er nur ein kleiner Punkt auf der Spitze der Einsamkeit. Was die Tiefe der Isolation schwieriger macht: Niemand, nicht die Familie, nicht der Freundeskreis, will davon etwas wissen. Einsamkeit versteckt sich, so wie sich Depression einst versteckte. Zuzugeben, dass du einsam bist, ist ein Tabu. Und niemand, der nicht völliges und fortgesetztes Alleinsein erlebt hat, kann sich Tage ohne Kontakt vorstellen. Einige von uns haben niemanden von euch. Und einige von uns sind die gütigsten, einfühlsamsten Seelen. Weil wir wissen, fühlen und erleben, was Leere ist. England hat eine Botschafterin für Einsamkeit ernannt. Wie die Briten sagen: ‚Brillant.‘ Aber lass uns abwarten, wie effektiv die Sensibilisierung sein wird. Denn im Falle von Einsamkeit bedeutet ‚aus den Augen‘ tatsächlich ‚aus dem Sinn‘.“

Während wir langsam die Entstigmatisierung der Depression erleben, die inzwischen als komplexes neurologisches Phänomen wahrgenommen wird, wird die Einsamkeit weiterhin im Tabu versteckt. Als Dauerzustand haftet ihr ein sozialer Makel an, der Verdacht, dass Betroffene doch einfach nur rausgehen und Nähe zu anderen Menschen suchen müssten.

Das verkennt die Komplexität des Zustands, denn Einsamkeit kann aus ganz verschiedenen Formen der Isolation entstehen. Es gibt die Einsamkeit des Fremden in einer anderen Kultur (die ich gut kenne). Die soziale Isolation derjenigen, für die eine Gesellschaft keine passende Schublade findet oder deren Lebenswelt im Normalo-Konsens als No-Go-Zone gilt. Die Einsamkeit der Väter oder Mütter, die sich schämen, zu ihrem Familienleben keine tiefe Bindung herstellen zu können. Das Alleingelassensein vieler Älterer. Der Karriere-und-Feierabend-Kokon der Vielbeschäftigten. Einsamkeit ist nicht auf physische Isolation beschränkt, du kannst sie im Partygespräch genauso erfahren wie allein in deinem Zimmer. Sie muss nicht einmal alle persönlichen Lebenswelten betreffen: Partner können Bett, Leben und Nachwuchs teilen und sich doch einander entfremdet und einsam fühlen. Ein Single kann einen erfülltes soziales Umfeld und sogar Sexleben haben, aber die Nähe der Seelen-Intimität vermissen.

Neben dem Stigma scheint es eine besondere Intimität des Zustands zu sein, die es so schwierig macht, darüber zu reden oder den in ihm verborgenen Gefühlskosmos zumindest halbwegs zu kategorisieren. Im Deutschen können wir nicht einmal zwischen freiwilliger (solitude) und unfreiwilliger (loneliness) Einsamkeit unterscheiden. Robert Burton hat einmal Melancholie als „Rost der Seele“ bezeichnet. Einsamkeit, das sind Leerstellen in unserer Seele. Oft halten wir sie vor uns selbst geheim, weil wir überzeugt sind, sie niemandem zeigen zu können. Obwohl jeder Mensch versteht, wie sie sich anfühlt. Und obwohl wir uns vielleicht als Zivilisation gerade in ein Jahrhundert der chronischen Vereinsamung einleben. Merkwürdig.

Foto: Screenshot aus dem Film „Makala“

Journalismus und das „Wir“

The Club and the Mob

James Meek hat Alan Rusbridgers neues Buch „Breaking News“ gelesen und ausführlich besprochen.

„Das Internet hat nicht so sehr das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern vielmehr das Bewusstsein der Menschen, während sie Nachrichten lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger der Nachrichten; nun sind wir bewusste Mitglieder von Gruppen, die auf die Nachrichten gemeinsam reagieren. Wunderbarerweise ermöglicht das den wirklich Unterdrückten, den Urhebern [gesellschaftlicher] Kampagnen und denjenigen mit Minderheitsinteressen, Solidarität zu erhalten. Aber es bedeutet auch, dass die Paranoiden, die Misstrauischen, die Xenophoben und die Verschwörungsfreunde wissen, dass sie nicht alleine sind. Sie sind sich ihrer selbst als Kollektiv bewusst, als ein Publikum, das in der sicheren Dunkelheit des Parketts weint, jubelt, pöbelt und schreit – und ab und zu eine Maske aufsetzt, um auf die Bühne zu springen und einem der Künstler die Hose runter zu ziehen oder eine Panik auszulösen, dass das Theater in Flammen steht.

Rusbridger gibt zu, dass die Öffentlichkeit als Ganzes – obwohl sie wissen möchte, was wirklich [in der Welt] passiert – sich von den Nachrichtenmedien und besonders den Legacy-Medien entfremdet hat. Er fordert Journalisten zur Bescheidenheit auf und bewundert David Broders Beschreibung einer Zeitungsgeschichte als ‚eine abschlägliche, hastige, unvollständige, unvermeidlich irgendwie mangelhafte und und ungenaue Rauputz-Skizze einiger Dinge, die wir in den vergangenen 24 Stunden gehört haben.‘ Sein Konzept von ‚Open Journalism‘ ist, in Teilen, eine Übung in Bescheidenheit.“

Meek fragt dann, ob Journalismus nicht ohnehin immer offen sein muss: Jemand, der Neuigkeiten mit der Haltung begegnet, schon zu wissen was passiert ist, kann per Definition nicht an „News“ arbeiten. Und er kommt noch einmal zur Bescheidenheit zurück und beschreibt, wie der Guardian enthüllte, dass verdeckte Ermittler in den Achtzigern Affären mit britischen Aktivisten & Aktivistinnen eingingen und sogar Kinder zeugten. Eine Betroffene erfuhr erst acht Monate später davon, dass der Vater ihres Kindes ein Polizist ist – über das Foto in einer anderen Zeitung. Sie selbst und ihre Freunde lesen den Guardian nicht. Meek folgert:

„Es ist die eine Sache, als eingesessene Nachrichten-Organisation bescheiden zu sein im Zusammenhang mit der Kritik des ‚Ihr seid alle gleich‘ an Journalisten als Klasse. Es ist aber etwas anderes, zu akzeptieren, dass bei all deiner globalen Reichweite und der globalen Taten im Kampf für die öffentlichen Interessen jemand in deinem eigenen Hinterhof erst nach acht Monaten erfährt, dass du eine wichtige Geschichte enthüllt hast, die zufällig die wahre Identität des Vaters ihres Kindes enthüllt. Demut gegenüber Menschen, die dich einfach nicht wahrnehmen ist weniger befriedigend als Demut gegenüber feindlich gesinnten Skeptikern.

Die Anstrengung herauszufinden, was wirklich in der Welt passiert, ermüdet weniger als die Erkenntnis: In den seltenen Momenten, in denen du das herausfindest, wartet nicht jeder gebannt darauf, davon zu erfahren. Das bedeutet nicht, dass sich die Mühe nicht lohnt. Vielmehr heißt das: Wenn eine besondere Bescheidenheit in den gewissenhafteren Newsrooms nötig ist, besteht sie in der Anerkennung der Tatsache, dass das ‚Wir‘ einer einzelnen Leserschaft, das ‚Wir‘ als die Überzeugten von einem Journalismus in öffentlichem Interesse und das ‚Wir‘ einer Öffentlichkeit als Ganzes drei sehr unterschiedliche „Wir“ sind. Es ist sogar ein Wagnis, sie verbinden zu wollen.“

Ich habe das so ausführlich zitiert, weil ich die Herleitung für hilfreich halte. Journalismus ist eine unordentliche Angelegenheit, was unsere Verteidigung und Rechtfertigung als Profession nicht gerade einfach macht. Oft nehmen wir das in den Newsrooms gar nicht wahr, weil die Erinnerung an die (selten hart gemessene) Legacy-Wirkung so prägend ist. Dabei hatte die oft mehr mit der Komplexität der vordigitalen Nachrichtenverbreitung zu tun, als mit der Herstellung von Öffentlichkeit zu brisanten Themen. Bob Lefsetz hat einmal über die Filmbosse im Hollywood der Siebziger geschrieben:

„Lebe lange genug im Bauch der Bestie und es fühlt sich alles so wichtig an. Aber wenn du 30 Jahre später zurückblickst und alles auf den Tisch legst, dann erinnerst du dich an die Filme, aber sie sind dir egal und du merkst, dass von ihnen nichts geblieben ist. Als wäre alle Arbeit umsonst. Doch die Typen – und es sind meistens Typen – haben sich damals auf die Brust geklopft, die Lorbeeren für sich beansprucht und sich Schachmatches miteinander geliefert. Sie glaubten, dass sie Gary Kasparow sind, dabei waren sie in Wirklichkeit Kinder, die Sternhalma spielen.“

Eine beruhigende Perspektive, die mich auf das Bild des Handwerkers bringt: Eine Tischlerin schreinert ihre Möbel nicht, um damit prominent zu werden oder auf Panels darüber zu erzählen; sondern um etwas zu schaffen, was funktional, im Idealfall sogar schön und vor allem für den Kunden benutzbar ist. Zusammenfallen sollte das Mobiliar natürlich auch nicht. Nebenbei müssen Tischler heute ziemlich gute, individualisierte Produkte anbieten und in den verschiedenen Formen von Kundenverständnis fit sein, aber das nur am Rande. Ob eine Redaktion sich eher an Hollywood oder an einer Schreinerei orientiert, ist vom Einzelfall abhängig – genau wie der Wert, der dem Handwerk beigemessen wird.

Nun kann man natürlich niemandem verbieten, sich in einer Schreinerei als strategischer Hollywood-Großmeister zu fühlen. Wer sich diese Rolle gibt, sollte aber besser jene Eigenschaft mitbringen, die ich immer an Alan Rusbridger bewundert habe: Herausfinden zu wollen, welches Spiel eigentlich gerade gespielt wird.

Siehe auch:
Longtail, das sind wir alle
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien? (2016)

/Cebit

IT-Standort Deutschland ist um eine weitere Ikone ärmer

„Die Cebit stirbt, weil nicht rechtzeitig genug erkannt worden ist, wie schnell sich die Zeiten auch in der digitalen Welt wandeln können. Der letzte Versuch, die Cebit in diesem Jahr zu einem Festival umzubauen, folgte der richtigen Einschätzung. Aber er kam um Jahre zu spät. Das müssen auch die Aussteller und Unternehmen wissen, die der Cebit in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben. Wenn sie selbst in ihren Strukturen und Geschäftsmodellen nicht schnell genug auf den digitalen Wandel reagieren, wird ihr Schicksal dem der Cebit folgen. Falls die moderne Cebit dem einen oder anderen konservativen deutschen IT-Mittelständler zu modern geworden sein sollte, wäre eine Selbstreflektion über die eigene Position nicht falsch. (…) Die Cebit kann dem Land noch einen letzten Dienst erweisen, nämlich dann, wenn sie das letzte Menetekel für verpasste Chancen in der neuen Welt wird. Alles, was jetzt kommt, muss sitzen.“

Dem gibt es nur wenig hinzuzufügen. Die Bequemlichkeit (auch in einigen Teilen des IT-Mittelstands) war in Deutschland noch weit verbreitet, als die Zeit für die Digitalisierung/Aktualisierung schon davonzulaufen begann. Aus der Ferne habe ich den Eindruck, dass überraschend viele Firmen auch heute noch in der Phase des Code Cleanup stecken, also die strukturelle Modernisierung erst konzeptionell angehen. Oder ist das nur anekdotisch? Wer Studien oder Branchenumfragen zum Thema hat, immer her damit in den Kommentaren!

Facebook – Rauschen und Signale

Facebook’s future: The new Yahoo?

In den vergangenen Tagen sind einige Analysen über die Lage bei Facebook erschienen. Der Economist hat sich als einzige Publikation die Mühe gemacht, sich im Kundenumfeld umzuhören – also in der Werbe- und Marketingbranche.

„Die Marketingbranche hat zwei grundsätzliche Beschwerden: Eine ist, dass Facebook-Anzeigen in Sachen Nutzer-Interaktionen nicht mehr so gut wie früher funktionieren (obwohl die Firma die Preise erhöht hat). Die zweite ist, dass Facebook seine Kunden in die Irre führt. Brian Wieser von Pivotal Research in New York weist zum Beispiel darauf hin, dass das Unternehmen Werbekunden fälschlicherweise versprach, mehr 18- bis 34-Jährige in den USA erreichen zu können, als überhaupt existieren. Facebook hat diese Behauptung immer noch nicht gelöscht, obwohl eine Sammelklage gegen den Konzern angestrengt wurde, wonach dieser seine Publikumszahlen aufgepolstert hat.

Ein führender Marketer für eine amerikanische Bank sagt, dass Facebook bei der Messung von Interaktionen, Reichweite, Views und anderen Daten in nicht weniger als 43 Produkten Fehler gemacht hat. Er merkt an, dass alle Fehler Konsequenzen zugunsten des Netzwerk-Riesen hatten. ‚Wenn das wirkliche Fehler wären, würde man dann nicht erwarten, dass mindestens die Hälfte den Werbekunden zugute kommt?‘, fragt er. Er rechnet damit, die Werbeausgaben auf Facebook zu reduzieren und prognostiziert, dass andere Marketer das im kommenden Jahr ebenfalls tun werden.“

Mit Messungen gab es bei Facebook in den vergangenen Jahren immer wieder Ärger, so wie Digitalwerbung weiterhin ein Problem mit falschen Metriken hat, gerade im Bereich Sichtbarkeit. Ein One-Stop-Shop hat es aber theoretisch natürlich nochmal einfacher, die Parameter in die gewünschte Richtung zu bewegen. Wenn dann dieser One-Stop-Shop noch Teil eines Duopols ist… ich weiß immer noch nicht, wie die Antwort auf diese Frage lautet:

Nun muss man trotz Wissen über die Branche nicht das Schlimmste und Illegalste annehmen, zudem existieren einige Dritt-Audits. Aber die Konstellation „Walled Gardens vs. Daten-Transparenz“ ist auch hier ein Problem*. Die derzeitigen Facebook-Audits durch das Media Rating Council sind eigentlich ungenügend, aber Facebook ist für Werber im Moment recht alternativlos. Nicht nur wegen der Personalisierung und Reichweite, sondern auch, um Bob „Ad Contrarian“ Hoffman zu zitieren: „Chief Growth Officer [der Werbedienstleister] brauchen das Geld, das sie damit verdienen, Facebook-Werbung an ihre Kunden zu verkaufen.“ Es wird also solange stabil bleiben, bis es eine Alternative gibt. War bei Yahoo ja auch so.

Aber irgendwie scheint mir das eh seit jeher die Pointe der Werbebranche gewesen zu sein – es gibt genügend Akteure, die überhaupt kein Interesse an Transparenz und echter Messbarkeit haben. Warum sollte sich das im Kontext einer beschleunigten  Aufmerksamkeitsökonomie geändert haben?

(P.S.: Bob Hoffmans Newsletter kann ich Interessierten an der Werbebranche sehr empfehlen)

*Update 14:30 Uhr – Stelle etwas klarer formuliert

Einsteins Gott-Parabel im Jahr 2018

Über diese Rezension bin ich auf Albert Einsteins Antwort auf die Frage gestoßen, ob er ein Pantheist sei (das Interview dürfte in den 1920ern stattgefunden haben).

„Ihre Frage ist die schwierigste der Welt. Es ist keine Frage, die ich einfach mit ja oder nein beantworten kann. Ich bin kein Atheist. Ich weiß nicht, ob ich mich als Pantheist bezeichnen könnte. Das Problem, um das es geht, ist zu enorm für unseren begrenzten Verstand. Könnte ich nicht mit einer Parabel antworten? Der menschliche Verstand, egal wie sehr er trainiert wurde, kann das Universum nicht begreifen. Wir befinden uns in der Lage eines kleines Kindes, das eine große Bibliothek betritt, deren Wände bis zur Decke mit Büchern in vielen verschiedenen Sprachen voll stehen.

Das Kind weiß, dass jemand die Bücher geschrieben haben muss. Es weiß nicht, wer oder wie. Es versteht die Sprachen nicht, in denen sie geschrieben wurden. Das Kind erkennt die Existenz eines genauen Plans hinter der Anordnung der Bücher, eine geheimnisvolle Ordnung, die es nicht versteht, sondern nur schemenhaft erahnt. Das scheint mir das Verhältnis des menschlichen Verstands, selbst des großartigsten und kultiviertesten Verstands, zu Gott. Wir sehen ein Universum, das fantastisch angeordnet wurde und bestimmten Regeln folgt, aber wir verstehen diese Regeln nur vage. Unser beschränkter Verstand kann die geheimnisvolle Kraft, die diese Konstellationen beeinflusst, nicht begreifen. Mich fasziniert Spinozas Pantheismus. Ich bewundere ihn noch mehr für seinen Anteil an der modernen Gedankenwelt. Spinoza ist der größte der modernen Philosophen, weil er sich als erster Philosoph mit der Seele und dem Körper als Einheit befasst hat und sie nicht als getrennt betrachtet hat.“

Würde ein Naturwissenschaftler, der nicht Einstein heißt, gut Hundert Jahre später öffentlich über den „Gott in allen Dingen“ mutmaßen, er hätte wohl schnell den Ruf als Esoteriker weg. Gerade außerhalb der Naturwissenschaften.

Je mehr wir wissen, desto geringer scheint unsere Toleranz für Zwischenräume, für das Unbeantwortbare zu sein. Unbeantwortbar im Sinne von „nicht heute, nicht morgen, niemals“. Eine verbreitete Form des Atheismus – und darum dreht sich auch die verlinkte Rezension – hat die Metaphysik als Idee völlig beerdigt und sie (und mit ihr die ehemalige Gottesleerstelle) mit einer individuellen Fortschrittsidee ersetzt.

Dieser Fortschritt kann in der Gestalt des „Irgendwann“ erscheinen: Irgendwann finden wir die Theorie von allem, irgendwann erhalten wir durch unsere Weltraum-Empfänger Signale aus anderen Zivilisationen, irgendwann kolonisieren wir den Mars, irgendwann verschmelzen wir mit dem Internet. Aber wenn das Paradies nicht existiert, dann weder im Jenseits, noch in der Zukunft.

Die Demut in Einsteins Parabel hat ihren Kern dort, wo er ein Kind in die Rolle unseres Verstandes schlüpfen lässt. Eines, das immer Kind bleiben und immer wieder rätselnd vor den Bücherregalen stehen wird. Ich mag diese Demut, weil sie dem Wesen der Existenz sachte zunickt, obwohl es sich nicht benennen, überliefern, berechnen oder begreifen lässt.

Der schrumpfende Planet

How Extreme Weather Is Shrinking The Planet

„Bis jetzt haben sich die Menschen ausgebreitet, während unserer Anfänge in Afrika, danach rund um den Globus – zunächst langsam, dann immer schneller. Aber eine Periode der Verengung beginnt, weil wir die bewohnbaren Teile der Erde verlieren. Manchmal wird unser Rückzug hastig und gewaltsam sein; der Versuch, über enge Straßen die brennenden Kleinstädte Kaliforniens zu evakuieren war so chaotisch, dass viele Menschen in ihren Autos starben. Aber der größte Teil des Rückzugs wird langsamer sein, und er wird entlang der Küstenstreifen der Welt beginnen. Jedes Jahr verlassen 24 000 Menschen das unerhört fruchtbare Mekong-Delta in Vietnam, weil die Ackerfrüchte mit Salz verschmutzt werden. Während das Meereis entlang der Küste von Alaska schmilzt, gibt es nichts, was Siedlungen, Städte und die Dörfer der Ureinwohner vor den Wellen schützt. In Mexico Beach, Florida, das Wirbelsturm Michael so gut wie ausgelöscht hat, erzählte ein Bewohner der Washington Post: ‚Die Älteren können das hier nicht mehr wieder aufbauen, es ist zu spät in ihren Leben. Wer wird hier bleiben? Wer wird sich kümmern?‘

In einer Woche Ende vergangenen Jahres las ich Berichte aus Louisiana, wo Regierungsbeamte die Pläne zur Umsiedlung Tausender Menschen abschlossen, die vom steigenden Golf von Mexiko bedroht werden (‚Nicht alle werden dort leben, wo sie heute sind und ihren ihren gewohnten Lebensstil fortführen. Das ist eine schlimme und emotionale Realität, der wir uns stellen müssen‘, sagte ein Offizieller des Bundesstaats). Aus Hawaii, wo einer neuen Studie zufolge 60 Kilometer Küstenstraße in den kommenden Jahrzehnten unpassierbar werden. Und aus Jakarta, einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, wo die steigende Javasee die Straßen überflutete. In den ersten Tagen des Jahres 2018 überflutete ein Sturm Downtown Boston; Mülltonnen und Autos schwammen durch den Finanzbezirk. ‚Wenn jemand die Erderwärmung in Frage stellen möchte, soll er sich ansehen, wo die Flutgebiete liegen‘, erklärte Marty Walsh, der Bürgermeister von Boston vor Reportern. ‚Einige dieser Gegenden wurden vor 30 Jahren nicht überflutet.'“

Ein langes Stück, das aber alle wichtigen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zusammenfasst und nebenbei den Ausdruck „Predatory Delay“ ins Mainstream-Vokabular einführt – die Blockade von Veränderungen, um in der Zwischenzeit mit nicht aufrecht zu erhaltenden und ungerechten Systemen Geld zu verdienen.

Im Zusammenhang mit solchen Katastrophenprognosen, die sich eher an den möglichen Extremen orientieren, sei allerdings auch auf die derzeitige Mediendebatte in Deutschland hingewiesen. Sie dreht sich um die wichtige Frage, wie Journalisten mit den Unschärfen der Modelle umgehen sollen.

Siehe auch:
Klimawandel und die Vermittlung der Folgen
Menschengemacht
Wärme über dem Permafrost

Kids these days

Die Menschen, die unsere unlösbaren Probleme lösen, leben heute schon

„Damit die nächste Generation [zur Lösung zivilisatorischer Probleme] in der Lage ist, sollte man vielleicht erstens aufhören, es ihr unnötig zu erschweren (Stichwort Klimawandel) und zum zweiten an Rahmenbedingungen arbeiten, die diesen Fortschritt auch ermöglichen: Das beginnt damit, dass wir aufhören, in das immer gleiche Muster des kulturellen Niedergangs zu verfallen. Nein, die nächste Generation ist nicht per se dümmer (oder gar digital dement), nur weil sie das Pech hatte nach uns – dem egozentrischen Maßstab unserer Weltsicht – geboren worden zu sein. Und ja, man kann etwas dafür tun, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, die Schülerinnen und Schüler für die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu wappnen.“

Dirk von Gehlen zitiere ich gerne, auch wenn ich es ungern sehe, dass er immer noch gegen den ritualisierten Kulturpessimismus anschreiben muss. Natürlich gibt es einige Gründe, mit Sorge in die Zukunft zu blicken, aber die Kids von heute gehören nicht dazu.

Die gerne kritisierte Selbstbezogenheit ist ja nur die Fortsetzung einer jahrzehntelangen Entwicklung, und ich würde sogar sagen, dass die Generationen davor sich weit rücksichtsloser selbst verwirklicht haben – siehe ökologischer Fußabdruck. Der Vorwurf, zu angepasst zu sein, ist etwas billig, immerhin war es der Zeitgeist seit den Neunzigern, der die ökonomische Verwertbarkeit zum Primat der persönlichen Entwicklung erklärt hat. Was meine Generation unter anderem für die Nachfolger tun kann (neben: gute Eltern zu sein), ist genau diese Boxen zu zerlegen, in denen wir denken und handeln – denn es geht ja tatsächlich um große, kaum zu prognostizierende Veränderungen. „I saw the best minds of my generation thinking about how to make people click ads (and visit caves in Madeira in the summer)“ ist da nicht mehr genug und wäre eine Verschwendung des Potenzials, das gerade heranwächst. Aber das weiß die kommende Generation am besten.

Siehe auch:
 Dirk von Gehlen: Das Pragmatismus-Prinzip
Dunkler
Die Retro-Republik (2008)

Persönliche Marktanteile

Jonathan Franzen Is Fine With All Of It

Jonathan Franzen in diesem feinen Porträt aus dem Sommer:

„‚Ich war nie ein großer Anhänger einer Gesellschaft, die sich vorwiegend nach dem Konsumverhalten strukturiert, aber ich hatte meinen Frieden damit geschlossen‘, so Franzen. ‚Aber als es damit anfing, dass jede individuelle Person auch ein Produkt sein musste, das die Person selbst verkauft, und als Likes von überragender Wichtigkeit wurden – das war für mich sehr besorgniserregend auf einer persönlichen Ebene, als Mensch. Wenn du dich in einem Zustand ständiger Angst befindest, deine Marktanteile als Person zu verlieren, ist das für mich die falsche Haltung, um sich in der Welt zu bewegen.‘ Heißt: Wenn dein Ziel ist, Likes und Retweets zu bekommen, dann modellierst du dich vielleicht zu dieser Person, von der du glaubst, dass sie diese Dinge bekommen wird, egal ob diese Person deinem wirklichen Ich entspricht. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, Dinge zu sagen, die unbequem und schwierig zu vereinfachen sind. Warum würde ein Schriftsteller sich selbst als Produkt formen?“

Wenn es schon soweit ist, dass ich Jonathan Franzen zitiere… aber Spaß beiseite: Natürlich hat er recht, aber die Vergangenheit ist etwas komplexer. Auch vor dem Netzwerk-Zeitalter ging es um Selbstinszenierung und Marktwert, nur eben nicht ständig, in der Regel nicht quantifizierbar und für die meisten Menschen nicht öffentlich und jeweils nach sozialen Anlässen & Kreisen getrennt. Auch für Autoren. Das alles ist jetzt flach, pausenlos und zahlenlastig geworden, sofern man es mitmachen möchte und ernst nimmt.

Was mir bei Social Media in diesem Modus verloren gegangen ist, ist das Persönliche. Es gibt eine Verbindung, aber sie ist eher wie auf einer dieser Medienszene-Partys bei irgendjemandem im Prenzlauer Berg. Oder wie die Abendessen, auf denen Larry David bei Curb Your Enthusiasm immer in die Fettnäpfchen tritt. Vieles ist performativ, gerne wichtigtuerisch und auf das Senden von Signalen ausgelegt. Also eigentlich im Kern ziemlich normiert, weshalb die Aufreger so leicht zu triggern und abzusehen sind, weshalb die ironischen Pointen so routiniert sitzen. Für mich wäre der sinnvollste Schritt, Follower- und Like-/Reaktionszahlen  einfach nicht mehr einzublenden, so wie das Are.na zum Beispiel macht. Aber dann wären Reputation, emotionale Teilnahme und Witzigkeit nicht mehr quantifizierbar, der virale Effekt unsichtbar und das Spiel unterm Strich vorbei.

Siehe auch:
Was Reputation zählt