in Denken, Medienkram, Notiz

Hyperrealität und Medienwirklichkeit

Media Manipulation, Strategic Amplification, and Responsible Journalism
The Oxygen of Amplification: Better Practices for Reporting on Extremists, Antagonists, and Manipulators
Alternative Influence: Broadcasting the Reactionary Right on YouTube
Infowarzel-Newsletter (9/19/18)

Danah Boyd hat auf der Konferenz der Online News Association jüngst einen Vortrag gehalten, den Journalisten nachlesen sollten (erster Link). Es geht um die Verschiebung des Overton-Fensters durch Medien-Trolling und die Strategie, aus einer Kombination von Provokation und der Verwendung bislang unbenutzter Begriffe („Daten-Fehlstellen“, um die herum Content mit der Verwendung des Begriffs geschaffen wird) Aufmerksamkeit zu erzielen. Hier nur ein kurzer Ausschnitt:

„Manipulierende versuchen nicht, Journalisten dazu zu bringen, dass Zeugen von Waffengewalt und Terrorismus wirklich ‚Crisis Actors‘ [bezahlten Darstellern einer angeblich gefakten Krisensituation, joku] sind. Ihr Ziel ist es, dass die Nachrichtenmedien diesen Frame negieren und mit ihm die Verschwörer, die ihn verbreiten. Das erscheint der Intuition zu widersprechen, aber wenn Nachrichtenmedien einen verschwörerischen Frame entlarven, werden diejenigen, die am empfänglichsten für solch eine Verschwörungsidee sind, der Sache selber nachgehen, weil sie eben den Nachrichtenmedien nicht trauen. Das Resultat der Entlarvung ist also ein Bumerang-Effekt.

Dem Begriff den Weg ins öffentliche Lexikon zu ebnen, ist nur der erste Schritt. Natürlich ist es lustig, einen Versuch zu feiern, die großen Nachrichtenanbieter zu manipulieren. Aber ein nachgelagertes Ziel ist es, die Menschen zur Suche nach einem Begriff zu bringen, über den sie noch nie nachgedacht haben. Als die Medien begannen, die Idee von ‚Crisis Actors‘ zu negieren, schnellten die Suchen danach in die Höhe. Was fanden diejenigen, die danach suchten? In den ersten Tagen nach Parkland zum Beispiel Blog-Postings und Online-Konversationen, die aufgesetzt worden waren, um die Nachrichtenmedien zu verspotten und die Öffentlichkeit zu täuschen.“

Ich habe neulich einmal vom „Kampf um die Bedeutungshoheit“ geschrieben, in dem die rechtsreaktionäre Kultur digital ziemlich erfolgreich ist.  Das Bild des Ökosystems in den USA wird immer vollständiger, die verlinkte neue Studie „Alternative Influence“ zeigt auch, warum Youtube hier in den Fokus rückt. Danah Boyd empfiehlt als ein Gegenmittel „strategisches Schweigen“, wenn es um Akteure wie A. Jones geht.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es so einfach ist. Über das „Phänomen“ nicht zu berichten, ist legitim, es gibt x Youtuber, die keinerlei Aufmerksamkeit erhalten. Dann gibt es andere Tangenten, z.B. die Sperrung oder die Klage der Sandy-Hook-Eltern, die für Debatten über die Verantwortung von Plattformen und die Grenzen der Meinungsfreiheit in den USA relevant sind. Zwingend ist das aber nicht, (schon gar nicht für deutsche Medien).

Das Problem ist glaube ich aber vor allem, dass wir bei der digitalen Relevanzdebatte schnell auf kontextlose Zahlen (Youtube-Abrufe, Tweets zum Thema, Klickzahlen des Themas) kommen, die per se nichts über die Relevanz und die Frage aussagen, ob viele Menschen seine Meinung teilen (oder die Klicks/Meinungen überhaupt echt sind) oder sich das noch irgendwie anders manifestiert. Darin liegt die Gefahr, jemanden relevanter zu machen, als die Person/Organisation ist (vgl. Alt-Right) – oder überhaupt darüber zu berichten.

Das Wesen der Content-Produktion selbst hat auch Einfluss, weil in vielen x Redaktionen bzw. Content-Fabriken die Welt nur noch digital vermittelt ankommt und der Job weitestgehend auf Signalverarbeitung reduziert ist. Am Ende steht dann dort ebenfalls eine Zahl von x Artikeln zum Thema, was in aufmerksamkeitsbasierten Redaktionen ebenfalls Relevanz signalisiert. Und schon kommst du mit einem kleinen Verstärker-Netzwerk relativ schnell über die Wahrnehmungsschwelle. Sei es mit einem viralen Clip oder einem Hass-Stunt.

Siehe auch:

 Neonationalismus ist ein Markt

 

 

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