in Medienkram, Notiz

Big F’cking Deal

Der Fall #Relotius beschäftigt mich natürlich, und die Fassungslosigkeit hat mich noch im Griff. Die Auswirkungen auf die deutsche Medienwelt lassen sich noch nicht absehen. Gar nicht im Sinne von „das wird unvorstellbare Konsequenzen haben“, sondern: Ich habe keine Ahnung, ob daraus etwas folgen und was das sein wird. Die Angelegenheit lässt sich ja der Person, der Redaktion oder der Situation der Medienbranche als Ganzes zuweisen. Jeder macht sich ja seine eigenen Gedanken über Stärken, Defizite und Wesen der Branche, und der Fall bietet eine riesige Projektionsfläche.

Ich würde mir wünschen, dass Fall als Vorwand dient, die amerikanischen Qualitätsmedien-Standards in Deutschland zu übernehmen. Das ist deshalb ein Vorwand, weil natürlich die ihre ganz eigenen Skandale, Probleme und Geschichtenerfinder hatten und haben. Gerald Kleffmann formuliert den ersten Schritt so:

Jenseits dessen werfe ich zur konkreten Verbesserung der Glaubwürdigkeit einfach mal drei Ideen in den Raum, die sich digital umsetzen lassen.

  • Eine Art „Beipackzettel“ für Geschichten, in der unter dem Text/Video die Recherche-Bestandteile aufgelistet werden. Woher stammen die Infos, mit wem habe ich mich getroffen, wie waren die Rahmenbedingungen, habe ich einen Auftritt am TV oder vor Ort verfolgt etc. Die Idee hat Dirk von Gehlen vor vielen Jahren einmal gehabt und ich bin ein großer Fan, weil sie auch die Recherchequalität anheben würde (dass ich bei Investigativ-Geschichten keine Namen nennen kann, ist klar, btw.). Ich wünsche mir immer ein Digital-Textlayout, in dem Autoren wie bei Genius Anmerkungen zu ihren Absätzen auf einer zweiten Ebene (Mouseover) hinterlassen können, um Formulierungen klarer zu machen, sogar Zweifel am eigenen Ausdruck zu äußern, oder einfach Quellennachweise zu liefern.
  • Die Einführung eines Public Editor, den es auch bei einigen deutschsprachigen Medien bereits gibt. Wie viel weniger angreifbar wäre die Rekonstruktion gewesen, wenn sie ein dem Leser verpflichteter Ombudsmensch geschrieben hätte, statt eines künftigen Mitglieds der Chefredaktion? Ich glaube, wir hätten dann auch die Diskussion über Stilfragen nicht, weil die Herangehensweise eine ganz andere gewesen wäre.
  • Autorenzeilen abschaffen und stattdessen unter dem Text das Team (Reporterin/Autor/betreuende Redakteure) aufführen. Ausnahme: Meinungsartikel/Kolumnen. Ist die nächstbeste Variante zum völligen Verzicht auf Autorennamen (wie es der Economist immer noch pflegt), zu der wir aber glaube ich nicht mehr zurück können. Die Idee dahinter: Die Textarbeiter und Themendesign-Helfer erhalten mehr Aufmerksamkeit, was unterm Strich auch das Niveau heben dürfte.

Das alles sind nur Vorschläge, sicher keine Patentrezepte. Ich überschätze, anders als früher, auch die Zahl derer nicht mehr, die überhaupt etwas ändern wollen. Was mir bleibt, ist meinen Job so gut wie möglich zu machen.

Schreibe einen Kommentar!

Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.