Hinter der nächsten Anhöhe

Matters of life and death: Rowan Williams and John Gray in conversation

Der Ethik-Philosoph John Gray und der anglikanische Erzbischof (und Philosoph) Rowan Williams haben ein bemerkenswertes Gespräch über Leben und Tod geführt. Ausschnitt:

John Gray: „Die Idee, dass es eine technische Lösung für die Beseitigung des Todes gibt, erscheint mir in Wahrheit eine Absurdität zu sein. Und sie dient dazu, einen der Wege zu vermeiden oder sogar zu verleugnen, die hin zu einem Wunsch oder einer Begründung führen, die der Theismus erfüllt. Soweit er es zumindest kann. Nämlich die Menschen nicht nur mit ihrer eigenen Sterblichkeit zu versöhnen, sondern mehr noch, mit der Sterblichkeit von wem- oder wasauchimmer sie lieben.“

Rowan Williams: „Das Wort, dass sie hier benutzen – Liebe – ist natürlich ausschlaggebend. Denn Liebe, wenn wir sie nicht sentimental und als Abkürzung einsetzen, bedeutet Aufmerksamkeit für das, was hier noch existiert, aber nicht du bist. Nicht unter deiner Kontrolle, nicht deiner Agenda folgend. Das Problem mit vielen dieser apokalyptischen und utopischen Visionen ist glaube ich, dass sie nicht das Selbst lieben, die Welt, die menschliche Spezies, sondern etwas von dem sie glauben, dass es sich auf der anderen Seite der nächsten Anhöhe befinden könnte.“

Ein anderer Ausschnitt aus dem Gespräch kommt in meinem heute erschienen Newsletter vor, der hier lesbar und zu abonnieren ist.

Siehe auch:
John Gray über Niall Fergusons „Türme und Plätze“
John Stuart Mill als Religionsstifter
Identität und das Vakuum unseres Fortschritsbegriffs

Zarte Blüten des Reformkapitalismus

Goldilocks and the bear
The Future of Capitalism, Paul Collier ($)
US-Rep. Joe Kennedy: Democrats should embrace „moral capitalism“
The next capitalist revolution

Anzeichen für die Lösung eines Problems finden sich weniger an der Vehemenz von Forderungen aus der Meinungswelt, jemand (oft: die Regierung) solle jetzt endlich etwas (bleibt in der Regel unspezifisch) tun. Vielmehr sind sie oft dort zu sehen, wo ein Umdenken in Fach und Politik soweit fortgeschritten ist, dass Reformvorschläge auch aus dem Kreis der Überzeugten einer (problematisch gewordenen) Idee kommen.

Dass der US-Abgeordnete Joe Kennedy jüngst einen „moralischen Kapitalismus“ forderte ist insofern ungewöhnlich, als er zum systemischen „Wird-schon-wieder“-Flügel der Demokraten zu zählen war. Einer nicht unwichtigen Partei im vom Kapitalismus am überzeugtesten Land der Welt. Der Economist als Zentralorgan der globalen Intelligentsia wiederum fordert anlässlich eines seiner Sonderberichte nichts weniger als eine „Revolution des Kapitalismus“ – in Form von weniger Zugangshürden, weniger Marktkonzentration und einer Patent- und Urheberrechtsreform. Und der Ökonom Paul Collier schließlich hat ein ganzes Buch mit Ideen vorgelegt, wie der Kapitalismus zu reformieren ist; darunter sind Vorschläge wie stärkere Haftung für Bankchefs, eine hohe Besteuerung künstlicher Ertragssteigerungen („rent-seeking“) und eine fundamentale Verpflichtung zum Handeln, das Vorteile nicht nur für die eigene Organisation sucht (siehe: Kennedys „moralischer Kapitalismus“).

Allen Ideen gemein ist, dass sie keinen einzelnen großen Wurf in Form des „der Staat muss es regeln“ verlangen (was angesichts der Schwäche von Nationalstaat und Multilateralismus pragmatisch erscheinen kann) und dass sie auf die indirekten Folgen setzen, die ein höherer moralischer Anspruch ebenso zeitigen soll wie eine Rückkehr echter Märkte in unsere allzu etabliertenfreundliche und oft oligopolartig strukturierte Marktwirtschaft. Das ist angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse konservativ, in einigen Punkten als Inkrementalismus wohl nicht ausreichend, aber dafür vielleicht machbar. Für mich signalisiert es zumindest, dass Veränderungen wahrscheinlicher werden und der Druck dazu von innen und außen wächst. Im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise und angesichts unserer schrumpfenden Distanz zu Demokratie-Kipppunkten kommt diese Botschaft keinen Moment zu früh.

Journalismus und das „Wir“

The Club and the Mob

James Meek hat Alan Rusbridgers neues Buch „Breaking News“ gelesen und ausführlich besprochen.

„Das Internet hat nicht so sehr das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern vielmehr das Bewusstsein der Menschen, während sie Nachrichten lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger der Nachrichten; nun sind wir bewusste Mitglieder von Gruppen, die auf die Nachrichten gemeinsam reagieren. Wunderbarerweise ermöglicht das den wirklich Unterdrückten, den Urhebern [gesellschaftlicher] Kampagnen und denjenigen mit Minderheitsinteressen, Solidarität zu erhalten. Aber es bedeutet auch, dass die Paranoiden, die Misstrauischen, die Xenophoben und die Verschwörungsfreunde wissen, dass sie nicht alleine sind. Sie sind sich ihrer selbst als Kollektiv bewusst, als ein Publikum, das in der sicheren Dunkelheit des Parketts weint, jubelt, pöbelt und schreit – und ab und zu eine Maske aufsetzt, um auf die Bühne zu springen und einem der Künstler die Hose runter zu ziehen oder eine Panik auszulösen, dass das Theater in Flammen steht.

Rusbridger gibt zu, dass die Öffentlichkeit als Ganzes – obwohl sie wissen möchte, was wirklich [in der Welt] passiert – sich von den Nachrichtenmedien und besonders den Legacy-Medien entfremdet hat. Er fordert Journalisten zur Bescheidenheit auf und bewundert David Broders Beschreibung einer Zeitungsgeschichte als ‚eine abschlägliche, hastige, unvollständige, unvermeidlich irgendwie mangelhafte und und ungenaue Rauputz-Skizze einiger Dinge, die wir in den vergangenen 24 Stunden gehört haben.‘ Sein Konzept von ‚Open Journalism‘ ist, in Teilen, eine Übung in Bescheidenheit.“

Meek fragt dann, ob Journalismus nicht ohnehin immer offen sein muss: Jemand, der Neuigkeiten mit der Haltung begegnet, schon zu wissen was passiert ist, kann per Definition nicht an „News“ arbeiten. Und er kommt noch einmal zur Bescheidenheit zurück und beschreibt, wie der Guardian enthüllte, dass verdeckte Ermittler in den Achtzigern Affären mit britischen Aktivisten & Aktivistinnen eingingen und sogar Kinder zeugten. Eine Betroffene erfuhr erst acht Monate später davon, dass der Vater ihres Kindes ein Polizist ist – über das Foto in einer anderen Zeitung. Sie selbst und ihre Freunde lesen den Guardian nicht. Meek folgert:

„Es ist die eine Sache, als eingesessene Nachrichten-Organisation bescheiden zu sein im Zusammenhang mit der Kritik des ‚Ihr seid alle gleich‘ an Journalisten als Klasse. Es ist aber etwas anderes, zu akzeptieren, dass bei all deiner globalen Reichweite und der globalen Taten im Kampf für die öffentlichen Interessen jemand in deinem eigenen Hinterhof erst nach acht Monaten erfährt, dass du eine wichtige Geschichte enthüllt hast, die zufällig die wahre Identität des Vaters ihres Kindes enthüllt. Demut gegenüber Menschen, die dich einfach nicht wahrnehmen ist weniger befriedigend als Demut gegenüber feindlich gesinnten Skeptikern.

Die Anstrengung herauszufinden, was wirklich in der Welt passiert, ermüdet weniger als die Erkenntnis: In den seltenen Momenten, in denen du das herausfindest, wartet nicht jeder gebannt darauf, davon zu erfahren. Das bedeutet nicht, dass sich die Mühe nicht lohnt. Vielmehr heißt das: Wenn eine besondere Bescheidenheit in den gewissenhafteren Newsrooms nötig ist, besteht sie in der Anerkennung der Tatsache, dass das ‚Wir‘ einer einzelnen Leserschaft, das ‚Wir‘ als die Überzeugten von einem Journalismus in öffentlichem Interesse und das ‚Wir‘ einer Öffentlichkeit als Ganzes drei sehr unterschiedliche „Wir“ sind. Es ist sogar ein Wagnis, sie verbinden zu wollen.“

Ich habe das so ausführlich zitiert, weil ich die Herleitung für hilfreich halte. Journalismus ist eine unordentliche Angelegenheit, was unsere Verteidigung und Rechtfertigung als Profession nicht gerade einfach macht. Oft nehmen wir das in den Newsrooms gar nicht wahr, weil die Erinnerung an die (selten hart gemessene) Legacy-Wirkung so prägend ist. Dabei hatte die oft mehr mit der Komplexität der vordigitalen Nachrichtenverbreitung zu tun, als mit der Herstellung von Öffentlichkeit zu brisanten Themen. Bob Lefsetz hat einmal über die Filmbosse im Hollywood der Siebziger geschrieben:

„Lebe lange genug im Bauch der Bestie und es fühlt sich alles so wichtig an. Aber wenn du 30 Jahre später zurückblickst und alles auf den Tisch legst, dann erinnerst du dich an die Filme, aber sie sind dir egal und du merkst, dass von ihnen nichts geblieben ist. Als wäre alle Arbeit umsonst. Doch die Typen – und es sind meistens Typen – haben sich damals auf die Brust geklopft, die Lorbeeren für sich beansprucht und sich Schachmatches miteinander geliefert. Sie glaubten, dass sie Gary Kasparow sind, dabei waren sie in Wirklichkeit Kinder, die Sternhalma spielen.“

Eine beruhigende Perspektive, die mich auf das Bild des Handwerkers bringt: Eine Tischlerin schreinert ihre Möbel nicht, um damit prominent zu werden oder auf Panels darüber zu erzählen; sondern um etwas zu schaffen, was funktional, im Idealfall sogar schön und vor allem für den Kunden benutzbar ist. Zusammenfallen sollte das Mobiliar natürlich auch nicht. Nebenbei müssen Tischler heute ziemlich gute, individualisierte Produkte anbieten und in den verschiedenen Formen von Kundenverständnis fit sein, aber das nur am Rande. Ob eine Redaktion sich eher an Hollywood oder an einer Schreinerei orientiert, ist vom Einzelfall abhängig – genau wie der Wert, der dem Handwerk beigemessen wird.

Nun kann man natürlich niemandem verbieten, sich in einer Schreinerei als strategischer Hollywood-Großmeister zu fühlen. Wer sich diese Rolle gibt, sollte aber besser jene Eigenschaft mitbringen, die ich immer an Alan Rusbridger bewundert habe: Herausfinden zu wollen, welches Spiel eigentlich gerade gespielt wird.

Siehe auch:
Longtail, das sind wir alle
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien? (2016)

/Cebit

IT-Standort Deutschland ist um eine weitere Ikone ärmer

„Die Cebit stirbt, weil nicht rechtzeitig genug erkannt worden ist, wie schnell sich die Zeiten auch in der digitalen Welt wandeln können. Der letzte Versuch, die Cebit in diesem Jahr zu einem Festival umzubauen, folgte der richtigen Einschätzung. Aber er kam um Jahre zu spät. Das müssen auch die Aussteller und Unternehmen wissen, die der Cebit in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben. Wenn sie selbst in ihren Strukturen und Geschäftsmodellen nicht schnell genug auf den digitalen Wandel reagieren, wird ihr Schicksal dem der Cebit folgen. Falls die moderne Cebit dem einen oder anderen konservativen deutschen IT-Mittelständler zu modern geworden sein sollte, wäre eine Selbstreflektion über die eigene Position nicht falsch. (…) Die Cebit kann dem Land noch einen letzten Dienst erweisen, nämlich dann, wenn sie das letzte Menetekel für verpasste Chancen in der neuen Welt wird. Alles, was jetzt kommt, muss sitzen.“

Dem gibt es nur wenig hinzuzufügen. Die Bequemlichkeit (auch in einigen Teilen des IT-Mittelstands) war in Deutschland noch weit verbreitet, als die Zeit für die Digitalisierung/Aktualisierung schon davonzulaufen begann. Aus der Ferne habe ich den Eindruck, dass überraschend viele Firmen auch heute noch in der Phase des Code Cleanup stecken, also die strukturelle Modernisierung erst konzeptionell angehen. Oder ist das nur anekdotisch? Wer Studien oder Branchenumfragen zum Thema hat, immer her damit in den Kommentaren!

Der schrumpfende Planet

How Extreme Weather Is Shrinking The Planet

„Bis jetzt haben sich die Menschen ausgebreitet, während unserer Anfänge in Afrika, danach rund um den Globus – zunächst langsam, dann immer schneller. Aber eine Periode der Verengung beginnt, weil wir die bewohnbaren Teile der Erde verlieren. Manchmal wird unser Rückzug hastig und gewaltsam sein; der Versuch, über enge Straßen die brennenden Kleinstädte Kaliforniens zu evakuieren war so chaotisch, dass viele Menschen in ihren Autos starben. Aber der größte Teil des Rückzugs wird langsamer sein, und er wird entlang der Küstenstreifen der Welt beginnen. Jedes Jahr verlassen 24 000 Menschen das unerhört fruchtbare Mekong-Delta in Vietnam, weil die Ackerfrüchte mit Salz verschmutzt werden. Während das Meereis entlang der Küste von Alaska schmilzt, gibt es nichts, was Siedlungen, Städte und die Dörfer der Ureinwohner vor den Wellen schützt. In Mexico Beach, Florida, das Wirbelsturm Michael so gut wie ausgelöscht hat, erzählte ein Bewohner der Washington Post: ‚Die Älteren können das hier nicht mehr wieder aufbauen, es ist zu spät in ihren Leben. Wer wird hier bleiben? Wer wird sich kümmern?‘

In einer Woche Ende vergangenen Jahres las ich Berichte aus Louisiana, wo Regierungsbeamte die Pläne zur Umsiedlung Tausender Menschen abschlossen, die vom steigenden Golf von Mexiko bedroht werden (‚Nicht alle werden dort leben, wo sie heute sind und ihren ihren gewohnten Lebensstil fortführen. Das ist eine schlimme und emotionale Realität, der wir uns stellen müssen‘, sagte ein Offizieller des Bundesstaats). Aus Hawaii, wo einer neuen Studie zufolge 60 Kilometer Küstenstraße in den kommenden Jahrzehnten unpassierbar werden. Und aus Jakarta, einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, wo die steigende Javasee die Straßen überflutete. In den ersten Tagen des Jahres 2018 überflutete ein Sturm Downtown Boston; Mülltonnen und Autos schwammen durch den Finanzbezirk. ‚Wenn jemand die Erderwärmung in Frage stellen möchte, soll er sich ansehen, wo die Flutgebiete liegen‘, erklärte Marty Walsh, der Bürgermeister von Boston vor Reportern. ‚Einige dieser Gegenden wurden vor 30 Jahren nicht überflutet.'“

Ein langes Stück, das aber alle wichtigen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zusammenfasst und nebenbei den Ausdruck „Predatory Delay“ ins Mainstream-Vokabular einführt – die Blockade von Veränderungen, um in der Zwischenzeit mit nicht aufrecht zu erhaltenden und ungerechten Systemen Geld zu verdienen.

Im Zusammenhang mit solchen Katastrophenprognosen, die sich eher an den möglichen Extremen orientieren, sei allerdings auch auf die derzeitige Mediendebatte in Deutschland hingewiesen. Sie dreht sich um die wichtige Frage, wie Journalisten mit den Unschärfen der Modelle umgehen sollen.

Siehe auch:
Klimawandel und die Vermittlung der Folgen
Menschengemacht
Wärme über dem Permafrost

Kids these days

Die Menschen, die unsere unlösbaren Probleme lösen, leben heute schon

„Damit die nächste Generation [zur Lösung zivilisatorischer Probleme] in der Lage ist, sollte man vielleicht erstens aufhören, es ihr unnötig zu erschweren (Stichwort Klimawandel) und zum zweiten an Rahmenbedingungen arbeiten, die diesen Fortschritt auch ermöglichen: Das beginnt damit, dass wir aufhören, in das immer gleiche Muster des kulturellen Niedergangs zu verfallen. Nein, die nächste Generation ist nicht per se dümmer (oder gar digital dement), nur weil sie das Pech hatte nach uns – dem egozentrischen Maßstab unserer Weltsicht – geboren worden zu sein. Und ja, man kann etwas dafür tun, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, die Schülerinnen und Schüler für die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu wappnen.“

Dirk von Gehlen zitiere ich gerne, auch wenn ich es ungern sehe, dass er immer noch gegen den ritualisierten Kulturpessimismus anschreiben muss. Natürlich gibt es einige Gründe, mit Sorge in die Zukunft zu blicken, aber die Kids von heute gehören nicht dazu.

Die gerne kritisierte Selbstbezogenheit ist ja nur die Fortsetzung einer jahrzehntelangen Entwicklung, und ich würde sogar sagen, dass die Generationen davor sich weit rücksichtsloser selbst verwirklicht haben – siehe ökologischer Fußabdruck. Der Vorwurf, zu angepasst zu sein, ist etwas billig, immerhin war es der Zeitgeist seit den Neunzigern, der die ökonomische Verwertbarkeit zum Primat der persönlichen Entwicklung erklärt hat. Was meine Generation unter anderem für die Nachfolger tun kann (neben: gute Eltern zu sein), ist genau diese Boxen zu zerlegen, in denen wir denken und handeln – denn es geht ja tatsächlich um große, kaum zu prognostizierende Veränderungen. „I saw the best minds of my generation thinking about how to make people click ads (and visit caves in Madeira in the summer)“ ist da nicht mehr genug und wäre eine Verschwendung des Potenzials, das gerade heranwächst. Aber das weiß die kommende Generation am besten.

Siehe auch:
 Dirk von Gehlen: Das Pragmatismus-Prinzip
Dunkler
Die Retro-Republik (2008)

Merkel, Macht und Nostalgie

Halbherzig (€)

„Es geht um das Land, nicht um sie. Ihre nicht ganz freiwillige Abdankung als Parteivorsitzende ist in Wahrheit ein egozentrischer Akt. Mit dem Verzicht auf die eine Macht will sich Merkel die andere Macht erhalten, die größere, die Kanzlerschaft. Aber es gibt keinen Grund mehr, dass sie bleiben muss. Deutschland kommt jetzt ohne sie aus, bei allen Verdiensten. Neuwahlen ohne Merkel wären eine Chance für einen echten Neuanfang.

Altgediente Kanzler gehen oft davon aus, dass die anderen noch nicht so weit sind, dass sie es noch nicht können, aber das ist die Hybris verköniglichter Demokraten. Auch Merkel wurde die Kanzlerschaft nicht zugetraut, dann hat sie über viele Jahre das Gegenteil bewiesen. Daran sollte sie sich erinnern und sich einen würdigen Abgang verschaffen. Der ist nicht halb, sondern ganz.“

Zitierter Kurbjuweit war in seinen Bewertungskriterien der Merkel’schen Kanzlerschaft stets sehr stringent und ich nehme nicht an, dass seine kritische Haltung daraus resultiert, dass er im Pressetross des Kanzlerinnenflugzeugs immer neben das Bordklo gesetzt worden wäre. Allerdings ist im Berliner Politikbetrieb nichts ausgeschlossen.

Natürlich ist das angekündigte „bis zum Ende der Legislaturperiode“ nicht der Endpunkt, sondern ein strategisch gewähltes Datum, Verhandlungsmasse sozusagen. Das Leitmotto „So lange es eben gut geht“ lässt sich sicher nicht über alle, aber über allzu viele Politikfelder der Ära Angela Merkels setzen.

Es liegt in der Natur demokratischer Macht, dass Merkel in ihrer Amtszeit vor allem jenen Menschen als Projektionsfläche diente, die sie nicht gewählt hatten. Auch die Würdigungen der vergangenen beiden Wochen kamen eher selten aus dem konservativen Lager (konservative Nostalgie setzt eher spät, dafür aber heftig ein, siehe: Merz, Friedrich).

Unterm Strich hat Merkel trotz der Hass-Kampagne der harten politischen Rechten davon profitiert, dass sie weniger wegen konkret messbarer Ergebnisse, als wegen ihrer Symbolhaftigkeit bewertet und ja, nicht selten auch gewählt wurde. Sie hat dies mit ihrem Schweigen und dem „über den Dingen schweben“ ja auch selbst gefördert. Aber lässt sich zum Beispiel ihre Rolle als erste Frau im wichtigsten Staatsamt wirklich ehrlich bewerten, wenn man die (bei Konservativen erwartbare) spärliche Bilanz ihrer Regierungen in Sachen Frauenförderung ausklammert? Ihr internationales Standing im Kontext einer immer irrationaleren Weltpolitik lässt kurz vergessen, dass ihr der Mut fehlte, eine strukturelle Lösung der EU- und Euro-Krisen anzuschieben. Natürlich waren es zumindest weitestgehend seriöse Amtszeiten, aber Merkel-Jahre sind auch maßgeblich Jahre der schwarzen Null, der Fixierung auf den Status Quo, der fehlenden Politik-Erklärungen und des Regierens nach Umfragen.

Von außen ist das deutlicher erkennbar. Um Thomas Meaney zu zitieren: „Merkels Trick ist es, die Wurzel der Probleme ihres Landes zu vermeiden, während sie die Symptome geschickter behandelt, als je ein konservativer Politiker vor ihr.“ In vielen Politikfeldern werden sich die Folgen solcher Verschleppungen erst weit nach dem Ende ihrer Amtszeit zeigen, aber sie werden sichtbar.

Die Nostalgie, die nun mit ihrem schrittweisen Rückzug einhergeht, fehlte bei Helmut Kohl. Auch der regierte noch, als die Berliner Republik zwar nicht geografisch, aber bereits gesellschaftlich begonnen hatte. So wie Merkel in die zweite Berliner Republik hineinregiert, die mit dem Einzug einer sechsten Fraktion (der AfD) in den Bundestag begonnen hat. Beide Kanzler erschienen in diesen Anfängen einer neuen Zeit aus ebenjener Zeit gefallen. Der Unterschied: Ende der Neunziger schien etwas zu beginnen, 2018 treibt viele Bundesbürger die Sorge um, dass etwas zu Ende geht.

Hungersnot als Kriegsinstrument


Yemen war: US presses Saudi Arabia to agree ceasefire

Eine von Saudi-Arabien geführte Koalition kämpft im Jemen gegen die Huthi-Bewegung, die 2015 den damaligen Präsidenten vertrieb. Es ist ein Kampf, der nicht mit einem Einmarsch enden wird. Vielmehr blockieren die Saudis und ihre Verbündeten den Zugang zu den Huthi-Gegenden, zuletzt über den größten Hafen des Landes, und schaffen so Hungersnöte. Und zwar auf zweifache Weise: Neben der Blockade druckte die Zentralbank auf Anweisung des Nachbarlandes Geld, die teuren Lebensmittel werden also auch durch den Verfall des Geldes unbezahlbar. Dazu wirft die UN den Saudis vor, Hochzeiten, Beerdigungen, Krankenhäuser, Wohngegenden, Märkte und Gefängnisse bombardiert zu haben.

Wir in Europa bringen Hungersnöte als Kriegsinstrument oft mit dem zweiten Weltkrieg in Verbindung und können uns kaum vorstellen, das die Menschheit noch im 21. Jahrhundert auf solche barbarischen Mittel zurückgreift. Aber es geschieht und das vor den Augen der Welt, im Falle des Jemen schon seit langem.

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.

Leben ohne Arbeit

Warum Deutschland lernen muss, dass Arbeit nicht das Zentrum des Daseins ist.

Fabrik NorddeutschlandNicht zur Sonne, nur zum Licht, Brüder (via st4rbucks, Flickr)

Jüngst sprach ich in einer Regionalbahn durch Franken mit einem LKW-Fahrer. Er war mit der Bahn unterwegs, weil er Lastwägen von A nach B überführt und dann von B mit dem Zug nach Hause fährt. Der Mann hat sich, wie die meisten Franken, einem pessimistischen Realismus verschrieben  – weshalb er sich noch zwei Tage vor Heiligabend auf den Weg von München nach Dänemark macht, um dort einen Sattelschlepper abzugeben, das Risiko, seine Familie allein unterm Tannenbaum zu lassen inklusive. “Ich weiß doch nicht, ob es für mich nächstes Jahr überhaupt etwas zu tun gibt“, so die schulterzuckende Begründung.

Das nächste Jahr wird hart, sehr hart. Die ersten Januarwochen wird Deutschlands Industrie stillstehen, und ob Sie im ersten Halbjahr 2009 überhaupt wieder halbwegs in Gang kommt, ist äußerst fraglich. Wenn ich mich an die populistische Vollbeschäftigungs-Rhetorik erinnere, die von Seiten der Großen Koalition noch im Frühjahr zu vernehmen war, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Das ist nicht die erste Krise, die eines klar macht: Deutschland muss ein Leben ohne Arbeit lernen. Wir hätten schon im vergangenen Jahrzehnt die Chance ergreifen sollen, stattdessen haben wir mit Hartz IV* den Weg der Stigmatisierung von Arbeitslosen gewählt. Vielleicht muss eine Gesellschaft, die auf der Maloche der späten Vierziger und Fünfziger gründet, die Illusion aufrecht erhalten, dass Arbeit Weg und Ziel eines erstrebenswerten Daseins ist. Im Umkehrschluss kann das Ende der klassischen Erwerbsarbeit zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen, die unser gesamtes Zusammenleben in Frage stellen.

Deutschland wird sich deshalb umstellen müssen; wir können mit Milliarden neuer Arbeitskräfte weltweit in vielen Feldern nicht konkurrieren, Subventionierung des Standorts hin oder her. Selbst wenn die bislang noch nicht sichtbare Bildungsinitiative kommt, werden wir viele Menschen haben, für die solche Maßnahmen zu spät kommen, weil ihnen dafür die Grundbildung fehlt oder an ihren Qualitäten schlicht kein Bedarf mehr herrscht. Wir können diese Menschen mit dem Privatfernsehen alleine lassen oder ihnen eine Grundsicherung bieten, verbunden mit der Pflicht zum gesellschaftlichen Engagement, mit dem Akt der Bewusstseinswerdung des Bürger-seins.

Wäre das ein bedingungsloses Grundeinkommen, gekoppelt an gemeinnütziges Engagement? Würde eine solch idealistische Idee funktionieren? Bislang habe ich zum bedingungslosen Grundeinkommen kaum belastbare Modelle gesehen. Und wie sollten wir eine Zivilgesellschaft ausbauen, nachdem wir sie schon so lange Zeit die Entsolidarisierung predigen und leben?

Ich habe auf diese Fragen keine Antwort. Doch Weihnachten ist die Zeit für Utopien, auch wenn sie im Kontext der konkreten Realität allzu illusorisch scheinen mögen. Und wann, wenn nicht in der Wirtschaftskrise von 2008 bis 201x könnte sich die postindustrielle Gesellschaft in einem noch-industriellen Staat wie Deutschland fundamentieren? Es scheint mir die Zeit gekommen, uns der Grundpfeiler unseres Zusammenlebens zu vergewissern und darauf eine Gesellschaft zu bauen, die auch in den kommenden Wirren des 21. Jahrhunderts bestand haben wird. Jetzt ist vor allem die Zeit, fundamentale Fragen zu stellen.

*ich halte übrigens die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe generell für eine sinnvolle Idee, die Ausführung hingegen für total missraten