Konvergenz von Magazin-Apps

Der Economist hat eine neue iOS-App und sie scheint mir einen Trend zu bestätigen: Wochen- und Monatsmagazine werden die reinen Bundle-Apps los. Die neuen Varianten haben einen Start-Reiter mit aktuellen Themen (die natürlich auch aus dem „Heft“ sein können), ein weiterer ermöglicht den Zugriff auf das Bundle, ein dritter führt zu den gespeicherten Bookmarks, ein vierter zu den Einstellungen.

Die Navi ist inzwischen ja standardmäßig unten (Smartphone oft sticky, Tablet nicht), und so ähnelt sich das Layout. Sehr sogar, nur die Details sind angepasst. Der Economist-Bildausschnitt oben zeigt die Besonderheit (Lesezeit, Vorlese-Button), am Bildschirmanfang ist dort der Tages-Newsletter festgetackert. Der Atlantic (ebenfalls unterer Bildausschnitt, hier Reiter „Magazine“) legt dagegen auf Ressorts wert, womöglich auch, weil er den meisten Content von den drei genannten Titeln produziert.

Der New Yorker dagegen präsentiert seine bekannten Cartoons als eigene „Rubrik“ („Top Stories“ ist übrigens nur ein Anker für einen Reload der Hauptseite).

Die WWWebseiten der jeweiligen Marken ordnen die Themen identisch und im responsiven Layout an, der Economist und Atlantic verlassen dabei schneller das Schlauchformat, um zweispaltig zu werden. Und im Web gibt es weiter unten noch zusätzliche Ressort-, Artikelkacheln oder Kästen. Logisch.

Was lässt sich daraus ableiten? Alle drei Magazine versuchen, als Wochen- und Monatstitel Aktualität abzubilden – also das Bundle hinter sich zu lassen, ohne Einheitlichkeit aufzugeben. Sie verzichten dabei aber darauf, ein Buffet an Themen anzubieten, sondern verstehen „mobile“ als willentliche Beschränkung der Optionen durch Relevanz und Vorauswahl. Das klingt „magazinig“, ist aber im Kontext allgegenwärtiger Nachrichten zu verstehen. Erleichtert hat die Entscheidung sicherlich der Niedergang der Bannerwerbung. Alle drei Marken sehen sich als Abomedien und stellen vermarktbare Reichweite offensichtlich hinter die Purchase-Funnel-Funktion zurück. Werbung ist eher beim Sponsoring zu entdecken (Marken präsentieren Economist-App, der New Yorker hat begonnen Artikelserien sponsern zu lassen).

Das hat natürlich auch Folgen bei Themenwahl und Aufbereitung: Alle Inhalte, die sich auf tagesaktuelle Ereignisse beziehen, sind analytisch gehalten oder haben eine besondere Perspektive (zum Beispiel geschichtlich, persönlich, stilistisch). Der Economist hat noch etwas stärkere nachrichtliche Elemente (obwohl er in der Praxis das am wenigsten „aktuelle“ Medium ist), in New Yorker und Atlantic verschwindet der Nachrichtengehalt schon fast in der Erzählform. Die Gewohnheit, die der Leser bei aktuellen Ereignissen entwickeln soll: Ich habe mitbekommen, was heute passiert ist, lass‘ mich gucken, wie [Atlantic, New Yorker, Economist] einordnen.

Die Strategie würde ich unterm Strich zusammenfassen: Die Aktualität ist im Zeitgeist, nicht rund um die Nachricht zu finden. Als Magazin online zu sein, heißt zwar an die Echtzeit-Welt anzudocken, aber eben als erstbestes Zweitmedium, selbst wenn das bei kleineren Themen ein, zwei Tage dauert; dem Leser muss kein Weltgeschehen im Sinne von „Das hat stattgefunden“ vermittelt werden, er wird ohnehin überall damit bombardiert. Das publizistische Kerngebiet findet sich im ganzen Rest, vor allem der nirgendwo sonst zu findende Rest. Wo dort die Schwerpunkte liegen, dürfte intern maßgeblich mit Kapazitäten und dem Engagement einzelner Autoren/innen abhängen, die in den USA in der Regel die Idee des „sich als Autor sich digital Gefolgschaft für ein Fachgebiet erarbeiten“ als berufliche Überlebensstrategie verinnerlicht haben.

Das ist noch keine Markenstrategie für neue Vertikalen, kann aber dazu werden. Zunächst ist es erst einmal die Erkenntnis, dass sich in einer Welt des „ubiquitous content“ und sinkender Werbeerlöse Reduziertheit zum neuen Paradigma entwickelt.

Siehe:
Journalismus und das „Wir“
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Medien-Neigungen

Form erzeugt Form

„Es gibt drei Phasen im modernen Design. Eine der Phasen, oder Ansätze, ist ein Blick auf Design als formale Beziehung, auf die formale Logik des Objekts. Der Akt, etwas eine Form zu geben. Form erzeugt Form. Der zweite Ansatz ist die Perspektive auf die Symbolik und den Inhalt, mit dem du es zu tun hast. Die kleinen Rituale, aus denen das Kaffeekochen besteht. Oder das Verwenden von Messer und Gabel. Oder der kulturelle Symbolismus eines bestimmten Objekts. Diese Dinge kehren wieder, um eine Form zu bewohnen oder sie entstehen zu lassen; um den Designer dahin zu führen, wie diese Form beschaffen sein oder aussehen sollte. Die dritte Phase bedeutet, Design in seinem Kontext zu betrachten, in einem viel größeren Rahmen. Auf den technologischen Zusammenhang zu blicken, auf das Verhältnis des Menschen zum Objekt.“

Andrew Blauvelt in „Objectified“ (2009)