Pre-Launch-Info Newsletter

Nach dreijähriger Abstinenz (Remember „Best Coast„?) gibt es ab Donnerstag einen neuen Newsletter von mir. „10 Questions for the future“ heißt er. Der Titel bedeutet diesmal wirklich, dass der Newsletter in englischer Sprache erscheinen wird.

„For the future“ lässt sich mit „Fragen für“, aber auch „an“ die Zukunft übersetzen. Das ist auch der Geist dahinter: Kein Großchecker-Gestus, sondern kurze Gedankenskizzen zu zehn Entwicklungen, Phänomenen, Ereignissen, Statistiken, die mir untergekommen sind und über deren Bedeutung ich mir oft selber unsicher bin. Der Schwerpunkt wird bei Technologie und Digitalisierung liegen, aber sicher auch in gesellschaftliche Felder gehen. Eher hintergründige Entwicklungen als Hype du jour.

Ich plane das alles als permanente Beta. Ich glaube, das kann ganz lustig werden. Im Idealfall hilft der Newsletter den Empfängern (und mir) mit ein paar Anhaltspunkten, um ihrer geistigen Karte langfristig relevanter Entwicklungen ein paar Details hinzuzufügen. Und ich kann hoffentlich mein Netzwerk nachdenkender Menschen erweitern.

„10Q“ erscheint alle zehn Tage, ich probiere dafür Substack aus, wo es auch zur Registrierung geht.

/Cebit

IT-Standort Deutschland ist um eine weitere Ikone ärmer

„Die Cebit stirbt, weil nicht rechtzeitig genug erkannt worden ist, wie schnell sich die Zeiten auch in der digitalen Welt wandeln können. Der letzte Versuch, die Cebit in diesem Jahr zu einem Festival umzubauen, folgte der richtigen Einschätzung. Aber er kam um Jahre zu spät. Das müssen auch die Aussteller und Unternehmen wissen, die der Cebit in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben. Wenn sie selbst in ihren Strukturen und Geschäftsmodellen nicht schnell genug auf den digitalen Wandel reagieren, wird ihr Schicksal dem der Cebit folgen. Falls die moderne Cebit dem einen oder anderen konservativen deutschen IT-Mittelständler zu modern geworden sein sollte, wäre eine Selbstreflektion über die eigene Position nicht falsch. (…) Die Cebit kann dem Land noch einen letzten Dienst erweisen, nämlich dann, wenn sie das letzte Menetekel für verpasste Chancen in der neuen Welt wird. Alles, was jetzt kommt, muss sitzen.“

Dem gibt es nur wenig hinzuzufügen. Die Bequemlichkeit (auch in einigen Teilen des IT-Mittelstands) war in Deutschland noch weit verbreitet, als die Zeit für die Digitalisierung/Aktualisierung schon davonzulaufen begann. Aus der Ferne habe ich den Eindruck, dass überraschend viele Firmen auch heute noch in der Phase des Code Cleanup stecken, also die strukturelle Modernisierung erst konzeptionell angehen. Oder ist das nur anekdotisch? Wer Studien oder Branchenumfragen zum Thema hat, immer her damit in den Kommentaren!

Facebook – Rauschen und Signale

Facebook’s future: The new Yahoo?

In den vergangenen Tagen sind einige Analysen über die Lage bei Facebook erschienen. Der Economist hat sich als einzige Publikation die Mühe gemacht, sich im Kundenumfeld umzuhören – also in der Werbe- und Marketingbranche.

„Die Marketingbranche hat zwei grundsätzliche Beschwerden: Eine ist, dass Facebook-Anzeigen in Sachen Nutzer-Interaktionen nicht mehr so gut wie früher funktionieren (obwohl die Firma die Preise erhöht hat). Die zweite ist, dass Facebook seine Kunden in die Irre führt. Brian Wieser von Pivotal Research in New York weist zum Beispiel darauf hin, dass das Unternehmen Werbekunden fälschlicherweise versprach, mehr 18- bis 34-Jährige in den USA erreichen zu können, als überhaupt existieren. Facebook hat diese Behauptung immer noch nicht gelöscht, obwohl eine Sammelklage gegen den Konzern angestrengt wurde, wonach dieser seine Publikumszahlen aufgepolstert hat.

Ein führender Marketer für eine amerikanische Bank sagt, dass Facebook bei der Messung von Interaktionen, Reichweite, Views und anderen Daten in nicht weniger als 43 Produkten Fehler gemacht hat. Er merkt an, dass alle Fehler Konsequenzen zugunsten des Netzwerk-Riesen hatten. ‚Wenn das wirkliche Fehler wären, würde man dann nicht erwarten, dass mindestens die Hälfte den Werbekunden zugute kommt?‘, fragt er. Er rechnet damit, die Werbeausgaben auf Facebook zu reduzieren und prognostiziert, dass andere Marketer das im kommenden Jahr ebenfalls tun werden.“

Mit Messungen gab es bei Facebook in den vergangenen Jahren immer wieder Ärger, so wie Digitalwerbung weiterhin ein Problem mit falschen Metriken hat, gerade im Bereich Sichtbarkeit. Ein One-Stop-Shop hat es aber theoretisch natürlich nochmal einfacher, die Parameter in die gewünschte Richtung zu bewegen. Wenn dann dieser One-Stop-Shop noch Teil eines Duopols ist… ich weiß immer noch nicht, wie die Antwort auf diese Frage lautet:

Nun muss man trotz Wissen über die Branche nicht das Schlimmste und Illegalste annehmen, zudem existieren einige Dritt-Audits. Aber die Konstellation „Walled Gardens vs. Daten-Transparenz“ ist auch hier ein Problem*. Die derzeitigen Facebook-Audits durch das Media Rating Council sind eigentlich ungenügend, aber Facebook ist für Werber im Moment recht alternativlos. Nicht nur wegen der Personalisierung und Reichweite, sondern auch, um Bob „Ad Contrarian“ Hoffman zu zitieren: „Chief Growth Officer [der Werbedienstleister] brauchen das Geld, das sie damit verdienen, Facebook-Werbung an ihre Kunden zu verkaufen.“ Es wird also solange stabil bleiben, bis es eine Alternative gibt. War bei Yahoo ja auch so.

Aber irgendwie scheint mir das eh seit jeher die Pointe der Werbebranche gewesen zu sein – es gibt genügend Akteure, die überhaupt kein Interesse an Transparenz und echter Messbarkeit haben. Warum sollte sich das im Kontext einer beschleunigten  Aufmerksamkeitsökonomie geändert haben?

(P.S.: Bob Hoffmans Newsletter kann ich Interessierten an der Werbebranche sehr empfehlen)

*Update 14:30 Uhr – Stelle etwas klarer formuliert

Journalismus, Abomodelle und die Entbündelung

Subscription Fatigue? ($)

Ben Thompson mit seiner Perspektive auf eine Nieman-Lab-Geschichte zur Frage, wer sich wirklich digitale Zweit- und Drittabos leisten wird.

„Lokalzeitungen entstanden in einer Zeit, als das Geschäftsmodell für Journalismus darauf aufbaute, die Verteilung physischer Zeitungen zu kontrollieren. (…) Im Internet ist die Distribution allerdings kostenlos, jede Publikation konkurriert mit jeder anderen Publikation. Das ist ein Problem, wenn ein großer Teil deines Contents Nachrichtenagentur-Stücke über nationale und weltweite Nachrichten sind, so wie das bei Lokalzeitungen der Fall ist. (…) Es gibt einfach zu viele andere, bessere Optionen, selbst wenn du zu zahlen bereit bist.

So weit, so bekannt. Aber wie Geld verdienen? BT weiter:

Die Antwort also lautet: größere Spezialisierung. Eine Publikation, die sich auf Lokalnachrichten konzentriert, sollte zum Beispiel über nichts anderes als Lokalnachrichten berichten. (…) Unter dem Strich verkauft eine Lokalzeitung keine Wörter, sondern ein Gefühl, informiert und ein guter Bürger zu sein. In diesem Zusammenhang kann es sogar ein Service sein, mir zu erzählen, das nichts passiert ist und ich meine Zeit besser damit verbringe, etwas anderes zu lesen.“

Wer Ben Thompson liest (und das sollte jeder, der sich mit den geschäftlichen Komponenten der Digitalisierung beschäftigt), weiß natürlich, dass er selbst ein Beispiel für diese Spezialisierung ist: Seine Seite Stratechery kostet 10 Dollar pro Monat und liefert vier Mal die Woche per E-Mail detaillierte Tech-Analysen, sonst nichts.

„Wenn Menschen gefragt werden, ob sie für Nachrichten zahlen, ist die natürliche Reaktion, sich unter Nachrichten das vorzustellen, was gerade unter dem Konzept verstanden wird. Um ein einschlägiges Beispiel zu nehmen: Stell Dir vor es ist 2013 und jemand fragt dich, ob du eine Tech-Publikation abonnieren würdest. Die meisten hier hätten wahrscheinlich ’nein‘ gesagt, weil der Referenzrahmen aus jenen Tech-Publikationen bestanden hätte, die 2013 populär waren. Diese Publikationen aber wurden alle von Werbung angetrieben, was zu entsprechenden redaktionellen Kompromissen führte.“

Damit meint BT nicht Schleichwerbung oder Ähnliches, sondern den Fokus auf „General Interest Tech“. Also alles, von Branchen-Berichten über Produkttests und Lifestyle-Aspekten bis zu wissenschaftlichen Entwicklungen von Technologien (vgl. Wired). Bei Tech ist sogar schon eine Spezialisierung dabei, was sich bereits 2013 dort nicht fand, sind die klassischen Vermarktungsressorts wie Reise oder Automobil. Aber weiter mit Ben Thompson:

„Spulen wir ins Jahr 2018 vor und siehe da: Du zahlst 10 Dollar pro Monat für eine Tech-Publikation, aber eine, die auf ein Abomodell aufbaut. Mein Ziel besteht nicht aus Seitenaufrufen oder soziale, Sharing, sondern dass du jeden Morgen das Gefühl hast, etwas Einzigartiges zu lesen, dass dich über eine Branche nachdenken lässt, für die du dich interessierst.

Jetzt nehme dieses Gefühl und wende es auf den ganzen Regenbogen menschlicher Interessen an. Jeder Mensch hat etwas, für das er sich interessiert und das von General-Interest-Publikationen schmerzhaft unterbelichtet und missverstanden wird. Wie viel wäre die Person bereit, jemandem zu bezahlen der dieses Thema versteht und sie zum Nachdenken bringt, sei es ihre Stadt, Hobby oder Karriere?“

Nun speist sich dieser Optimismus ein bisschen aus eigener Erfahrung und der fehlenden Sprachbarriere: Ben Thompson ist Amerikaner und schreibt auf Englisch, der mögliche Markt ist also quasi die ganze Welt. Wer alleine journalistisch publiziert, hat in anderen Sprachen derzeit geringe Chancen auf langfristige Refinanzierung, weil die Nische eben nur unter bestimmten Bedingungen skaliert. Chinesisch wäre natürlich auch zu nennen, aber da findet journalistisches Publizieren nur unter den Bedingungen der Partei statt.

Doch zurück zu seiner Idee einer Entbündelung: Entbündelung bedeutet, anders als ich das einmal erwartet hatte, nicht unbedingt Dezentralität. Siehe Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Startnext, Abo-Infrastrukturen wie Patreon, Steady* oder Substack und (Einstiegspunkt-)Plattformen wie Medium. Es wird also ent-bündelt und gleichzeitig ge-bündelt, wenn auch im Moment eher funktional als inhaltlich – Patreon ist erst einmal ein One-Stop-Shop zur Unterstützung von Kreativarbeitern, die Funktion der Aufmerksamkeitslenkung ist fast nicht vorhanden.

Angesichts solcher Schwächen geistert im Hintergrund immer die Idee herum, dass Amazon oder Apple das „Spotify für Journalismus“ bauen könnten. Dann wäre auch die Frage „wie viele Menschen brauchen ein Zweitabo?“ beantwortet – niemand, denn alles wäre im jeweiligen (wahrscheinlich gestaffelten) Preis enthalten.

Ob darin dann aber Einzel-Publisher wie ein „Ben Thompson, der über Skateboarden schreibt“ überhaupt vorkommen würden, ist überhaupt noch nicht gesagt. Und für die Nischen würde sich die Refinanzierung kaum verändern (die Gleichung würde wohl lauten: „mehr Aufmerksamkeit, aber keine Einnahmen-Steigerung verglichen mit Patreon“ – und wir wissen alle, wie endlos der Long Tail auf Patreon ist). Redaktionen wiederum würden sich zumindest Gedanken über Exklusiv-Vertikalen auf den Plattformen machen müssen, während es sich für einzelne Publizistik-Stars wegen der Einstiegsboni lohnen könnte, zu plattformexklusiven Autoren zu werden. Aber das ist eine sehr am amerikanischen Marktverständnis orientierte Prognose, gebe ich zu.

Noch und zumindest mittelfristig erst einmal weiterhin sind die Machtverhältnisse zwischen Apple/Amazon und den größeren Publishern nicht so weit, schon gar nicht in Deutschland. Aber wahrscheinlich würde spätestens die Perspektive eines solchen „Neu-Bündels“ auf der Plattform auch in D-A-CH die jeweiligen Medienhäuser und Verlage dazu bringen, ein eigenes markenübergreifendes Angebot dieser Art zu schaffen. Spätestens damit wäre das bisherige Bundle radikal hinfällig. Allerdings entspricht das Bundle angesichts der sich abzeichnenden oligopolartige Bespielung von Titeln aus einer Handvoll Zentralredaktionen ohnehin nicht mehr der Formel „Eine Redaktion, ein Produkt“.

Diese Backend-Zentralisierung ist eigentlich das genaue Gegenteil einer Entbündelung des Produkts. Die Idee des „Unbundling“ genießt in den meisten Medienhäusern einen ähnlichen Ruf wie Reisegutscheine für die Titanic. Aber die Entbündelung ist nur schwer aufzuhalten und auch logisch, weil sie viele Formen annehmen kann – unter anderem die Gestalt von Vertikalen.

Das New York Magazine, um dessen neue Paywall es im Nieman-Lab-Artikel unter anderem geht, hat es vorgemacht: Es gibt NYMag.com als Content-Hub, dazu die Schwerpunkt-Eigenmarken The Cut (Mode), Intelligencer (Politik/Meinung), Grub Street (Essen), The Strategist (Shopping-Ratgeber) und Vulture (Popkultur). Alle diese Vertikalen haben ein eigenes Layout, Schwerpunkte, unverwechselbare Haltung und einen bestimmten Sound. Teilweise sind sie von Ressorts im Magazin abgeleitet, aber ich wusste zum Beispiel lange nicht, dass Vulture mit dem NYMag zu tun hat, obwohl ich das Heft abonniert habe. Entbündelung kann also dabei helfen, seine Expertise klarer zu identifizieren und auszubauen. Und an Letzterem führt mittelfristig kein Weg vorbei, Nachrichtenübermittlung und -analyse alleine ist kein Alleinstellungsmerkmal. Und wofür würde ich Geld bezahlen: Für ein Digitalabo von NYMag.com oder für ein Digitalabo mit fünf spezialisierten Marken, für deren Inhalt das NYMag bürgt?

Die Antwort darauf, ob wir in den kommenden zehn Jahren Bündelung oder Entbündelung erleben, lautet also womöglich: Es wird ein und dieselbe Bewegung sein, aus der Vogelperspektive kaum unterscheidbar. Kleinere Teile werden vom großen Ganzen abgespalten und dann in das passende Mosaik eingesetzt.

*23.11. Steady nach Hinweis ergänzt (habe die deutschen Sachen nur so im Augenwinkel-Blick)

 

 

 

„Automatisierung“ und verdeckte Menschenarbeit

The Automation Charade

„Seit Anbeginn der Marktgesellschaft haben Eigentümer und Chefs ihren Mitarbeitern mit Wolllust erzählt, dass sie ersetzbar sind. Roboter verleihen dieser jahrhundertealten Dynamik eine problematische neue Note: Arbeitgeber drohen Arbeitnehmern mit der Aussicht auf maschinelle Konkurrenz und vermeiden damit Verantwortung für ihre eigene habgierige Haltung, können sie sich doch opportunistisch auf Tech-Determinismus berufen. Eine ‚Zukunft ohne Arbeit‘ ist unvermeidbar, heißt es, ein unaufhaltsamer Auswuchs von Innovation, der den Lebensunterhalt auffressende Preis des Fortschritts (traurigerweise ähnelt die Zukunft ohne Arbeit der Massen nicht der Gegenwart ohne Arbeit der Ein Prozent, die von Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen leben, ohne einen Finger zu heben, während ihr Bankkonto wächst).

Obwohl Automatisierung als neutraler Prozess präsentiert wird (…), braucht man nicht einmal genau hinzusehen um zu erkennen, dass (…) Automatisierung eine Realität und eine Ideologie ist, und deshalb auch eine Waffe, die Armen und arbeitenden Menschen vor die Nase gehalten wird, die es wagen, bessere Behandlung oder auch nur das Recht auf Auskommen zu verlangen. Aber wenn Du genauer hinguckst, wird es noch seltsamer: Automatisierte Prozesse sind oft weit weniger beeindruckend als die Marktschreierei und Propaganda um sie herum. Manchmal gibt es sie auch nicht. Jobs werden gestrichen und Gehälter gekürzt, aber Menschen arbeiten immer noch neben oder hinter den Maschinen, auch wenn ihre Arbeit dabei keine Fähigkeiten mehr braucht oder gar nicht bezahlt wird. (…)

Arbeit ist [zum Beispiel] nicht aus den Restaurant-Gasträumen verschwunden, vielmehr übernimmt eine andere Person die Arbeit. Anstatt eines Mitarbeiters, der die Bestellungen der Gäste eintippt, machen die Gäste nun selbst kostenlos diese Arbeit, während junge, freundlich aussehende Mitarbeiter um sie herum schwirren und die Mahlzeiten zu den Tischen bringen. (…) Neulich wartete ich in einem Restaurant auf ein Mitnahme-Essen, das ich altmodisch durch ein Gespräch mit der Frau hinter der Kasse bestellt und mit Bargeld bezahlt hatte. Während ich auf mein Mittagessen wartete, drückte der Mann vor mir seine Verwunderung aus, dass er sein Essen bekam. ‚Woher wusste die App, dass meine Bestellung 20 Minuten früher fertig ist?`, fragte er erstaunt, während er sein Telefon fest umklammerte. ‚Weil ich das bin‘, sagte die Frau, ‚Ich habe ihnen eine Nachricht geschickt, als das Essen fertig war.'“

Was Schmerz bedeutet

The Crisis of Intimacy in the Age of Digital Connectivity

Zur Wochenendlektüre empfohlen: Stephen Marche ohne Klischees über Intimität und Vernetzung. Der Ausschnitt ist nur ein Bruchteil vieler sortierender, fantastischer Gedanken.

„Der grundlegende Widerspruch ist so einfach wie zum Verzweifeln: das Teilen persönlicher Erfahrungen war nie verbreiteter, während Empathie – die Fähigkeit, die Bedeutung der persönlichen Erfahrung eines anderen Menschen zu erkennen – nie seltener war. In Philosophische Untersuchungen hat Wittgenstein genau dieses Problem angesprochen, die Bedeutung von Intimität und die Intimität von Bedeutung. ‚Das Wesentliche am privaten Erlebnis ist eigentlich nicht, daß Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, sondern daß keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes‘, schrieb er. ‚Es wäre also die Annahme möglich – obwohl nicht verifizierbar – ein Teil der Menschheit habe eine Rotempfindung, ein anderer Teil eine andere.‘ Wittgenstein glaubte, dass das unverifizierbar sei, aber das Internet hat es verifiziert: Ist das Kleid blau oder golden? Hörst du Yanny oder Laurel?“ (…)

Die einsetzende politische Katastrophe in den USA kann in einem Ausdruck beschrieben werden: Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen echt ist. Niemand glaubt, dass der Schmerz des anderen bedeutsam ist. Niemand erkennt den Schmerz des anderen. Das ist das Kernproblem der im Internet provozierten Empörung und Abscheu, der Hyperparteilichkeit, die so viele Rädchen in Bewegung setzt. Niemand ist willens zu akzeptieren, wie der andere seine Gefühle beschreibt. Die Welt der digitalen Konnektivität ist ein Haufen von Käfern in einem Haufen von Schachteln, die mit Drähten verbunden sind.“

Narziß und Goldmund im 21. Jahrhundert

Gerade aus den internationalen Feuilletons wird der wachsenden Irrelevanz der Geisteswissenschaften mit dem Szenario begegnet, die Digitalisierung wäre menschenfreundlicher verlaufen, wenn doch nur mehr Geisteswissenschaftler beteiligt gewesen wären (also außerhalb der PR-Abteilungen, meine ich).

David Auerbach, Ex-Entwickler bei Microsoft und Google und inzwischen Essayist, in seinem Buch „Bitwise – A Life in Code“ (Seite 81) zu diesem Konflikt:

„In den Augen von Tech-Spezialisten bauen die Gelehrten der Geisteswissenschaften schlecht begründete Luftschlösser, und das mit der Hilfe von bedeutungslosen Worten, um zu beweisen, das nichts etwas bedeutet. Für die Geisteswissenschaftler sind die Tech-Spezialisten gefangen in einer positivistischen Geisteshaltung, die wenig Raum für Kontext, Spekulation oder solche Denkweisen lässt, die nicht auf eine logische Form reduziert werden können. Jede Seite neigt dazu, die andere mit erstaunlicher Lieblosigkeit zu behandeln.

Die Begegnung findet allerdings kaum auf Augenhöhe statt: Der Tech-Boom und die immer zentralere Stellung der computergetriebenen Verarbeitung in unserem Leben hat der Tech-Kultur ein Gefühl von Relevanz und finanziellem Erfolg gegeben, das in starkem Kontrast zum Übermaß an schlecht bezahlter Arbeit in den Hochschulen steht. Universitäre (Geistes-)Wissenschaftler können Tech nicht mehr ignorieren, und Modeerscheinungen wie die ‚Digital Humanities‘ oder auch Technologie-Studien wurden zu neuen Mechanismen, um das prekäre System des amerikanischen Hochschulwesens etwas abzustützen.

Für mich waren die beiden Felder stets gleichberechtigt – und gleichermaßen fremd. Die Exaktheit der Computerwissenschaften gab mir ein Werkzeug, heiße sprachliche Luft zu erkennen. Geisteswissenschaftliche Einbildungskraft jedoch ermöglichte es mir zu verstehen, was ich in diesem technokratischen Labyrinth überhaupt tat – und mich zu fragen, warum ich es tat und wohin es führte. Ich programmiere nicht länger hauptberuflich, aber ich vermisse das geistige Training, das es mir verschaffte und das mir half, meinen Verstand präzise geometrisch zu schärfen.“

Siehe auch:
Tech und seine Kulturen
Fuchs und Igel, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften

Probleme @ Change Management (zwei Konzepte)

In den vergangenen Monaten sind mir zwei Konzepte begegnet, die mir helfen, organisatorische Herausforderungen im Change Management besser zu verstehen. Das eine ist von Samo Burja und dreht sich um Bürokratien – also jenen Organisationsformen, die ab einer gewissen Größe fast jedes Unternehmen zu prägen beginnen. Buria unterscheidet zwischen Bürokratien mit „Besitzer“ und solchen, die autonom funktionieren, also nach eigener Logik und unabhängig von der Hierarchie im Organigramm, und deshalb kaum zu reformieren sind (oder in Richtung des nötigen Wandels zu drehen). Der ganze Artikel lohnt sich, hier ein Zitat:

How to Use Bureaucracies

„Beginne bei jeder Organisation mit der Frage, ob es eine Bürokratie ist. Wenn das zutrifft, erwarte von ihr ein höchst stereotypes Verhalten. Sie wird sich neuen Herausforderungen nicht besonders anpassen können und die Dinge außerhalb der vorausgesetzten Ontologie ihrer Büroarbeit und internen Arbeitsteilung nicht akurat bewerten können.

Wenn die Organisation eine Bürokratie ist, können wir fragen: Gehört die Bürokratie jemandem oder wurde sie zurückgelassen? Wenn sie jemandem gehört, kannst Du erwarten, dass eine ausreichend große Herausforderung am Ende dazu führt, dass sie sich reorganisiert. Du wirst dich auch an den Besitzer wenden können, damit er Probleme beseitigt oder eine Form der Kooperation findet, die von der Bürokratie selbst nicht verstanden wird. (…)

Wir finden uns umgeben von einer bürokratisierten Landschaft. Was getan oder nicht getan werden kann, wird von den Organisationen bestimmt, aus der sie sich zusammensetzt. Der ständige Drang talentierter Personen, ihre Macht aufzubauen und mit ungelernten Büro-Mitarbeitern klarzukommen (eine Kategorie, die Ökonomen anerkennen und stärker analysieren sollten) haben die Landschaft mit vielen großen Organisationseinheiten übersät. Einige werden geführt, andere wurden schon lange verlassen. Einige schaffen es weiterhin, lebensnotwendige soziale Funktionen zu erfüllen, andere schleppen sich dahin und machen einem das Leben schwer.“

Das zweite Konzept ist von Arthur L. Stinchcombe zu „Organizational Imprinting“ (organisatorischer Prägung). Zum Nachlesen auf Wikipedia:

Imprinting (Organizational Theory)

Weil ich im Netz keine gute Zusammenfassung gefunden habe, hier kurz meine Beschreibung: Stinchcombe leitet das Verhalten von Unternehmen in verschiedenen Phasen einerseits davon ab, welche Werte, Entscheidungen und Mythen zur Gründungszeit dominiert haben – vereinfacht ausgedrückt eine Prägung wie bei einem Kind (Freud lässt grüßen). Später wurde die Theorie offenbar noch etwas ausgebaut, denn ich habe sie so kennengelernt: Firmen und Organisationen orientieren in ihrem Verhalten an jener Zeit, in der sie am erfolgreichsten waren – zum Beispiel an den Zielen oder an den Strukturen, die damals eingeführt wurden bzw. Träger des Erfolgs waren. All das wird in dem Moment zur Belastung, in dem die Mission sich ändert oder Veränderungen in jenen Abteilungen am notwendigsten sind, die einst Pfeiler des Erfolgs darstellten.

Anders als die Problemdiagnose lässt sich die Lösung nicht so einfach in ein Konzept fassen: Ich kenne aus Firmen-Erzählungen unterschiedliche Herangehensweisen, von Change Agents an Schnittstellen, neuen Zwischen-Hierarchien, firmeninternen Schattennetzwerken bis zu Greenfield-Projekten/-Zukäufen (mit klar festgelegter Strategie über die weitere Integration) oder der völligen Neuplanung der Strukturen.

Die große Gespreiztheit

The Democratic Coming Apart

David Runciman im Interview über sein Buch „How Democracy Ends“, in dem er unter anderem eine erschlaffte demokratische Kultur im Jahr 2053 skizziert (Achtung, die historische Perspektive ist sehr britisch zentriert):

„Ich glaube, die Demokratie verspricht den Menschen zwei Dinge: Würde (indem sie eine Stimme erhalten) und Resultate. Sie verspricht, Probleme zu lösen. Ich denke, diese beiden Sachen werden sich in der Demokratie zukünftig weiter und weiter voneinander entfernen. Es wird in dieser Welt Problemlösungen geben, aber sie werden nicht durch die Äußerung der Stimme erreicht, wofür eigentlich Wahlen da sind.
In mancher Hinsicht erleben wir gerade eine Phase, in der die Möglichkeiten der Stimmäußerung nicht zwangsläufig für Würde und Anerkennung da ist. Digitale Technologie verspricht mehr Problemlösung und eine lautere Stimme, aber es verspricht nicht unbedingt eine größere Verbindung zwischen beidem. Meine Beschreibung des Jahres 2053 dient teilweise als Hintergrund für eine Welt, in der beides immer weiter voneinander weg ist: es gibt zahlreiche, unabhängige Kandidaten, Popstar-Kandidaten, und sie verwenden Technologie für neue innovative Wahlkampf-Formen. Vielleicht gibt es auch mehr Problemlösungen, aber das passiert nicht durch diesen Prozess.
(…)
Wenn wir das Spiel historischer Analogien spielen und eine Zeit auswählen sollen, dann wären die 1890er ein viel besserer Leitfaden für die Gegenwart als die 1930er. Das Jahrzehnt nach 1890 war eine große Dekade des Populismus, der Ungleichheit und der technischen Revolution. Genauso wie es viele Verschwörungstheorien und Frieden gab – vor allen Dingen war es das Ende einer relativ langen Friedenszeit. Ich glaube, dass Populismus ein Produkt des Friedens ist, nicht des Kriegs.
Es gibt eine hoffnungsvolle Version der Geschichte der 1890er. Die führt in das frühe 20. Jahrhundert, wo im Grunde die Sozialdemokratie in Europa erfunden und in den Vereinigten Staaten alle möglichen progressiven Politikideen umgesetzt wurden, inklusive der Entflechtung von Monopolen. Ich schreibe in meinem Buch viel darüber, was wir lernen könnten und ich glaube es gibt ähnliche Voraussetzungen um zu erwarten, dass wir etwas Ähnliches tun werden.“

Blockchain & Chinas Seidenstraße

Blockchain Is Starting to Show Real Promise Amid the Hype
China has a vastly ambitious plan to connect the world

Vor dem Wochenende noch Lesehinweise zu zwei der wichtigsten und (Stand 2018) in ihren Konsequenzen am schwersten abschätzbaren Infrastrukturprojekte im Moment.

Barrons hatte eine Titelgeschichte über die Blockchain mit einem seriösen Überblick zum Stand der Dinge. Neu für mich: IBM und Microsoft kontrollieren einer Schätzung zufolge 51 Prozent des gegenwärtigen Blockchain-Markts. Aha-Zitat: „Die Blockchain braucht immer noch ihr Cisco“ (= wie das Internet Netzwerk-Hardware und Router).

Der Economist analysierte vor kurzem Chinas Belt-and-Road-Initiative (BRI), in Deutschland auch als „Neue Seidenstraße“ bekannt. Über deren Zweck jenseits wirtschaftlicher Markterschließung wird viel spekuliert. Ist es ein Angeber-Projekt Xis? Ein Outsourcing von Kohlendioxid-Emissionen (=Bau Kraftwerken in Nachbarländer, die den Strom nach China exportieren und die Luftprobleme importieren, quasi). Das Fundament für eine Perlenkette von Militärbasen? Das Briefing wirft solche Fragen auf und liefert eine Menge Hintergrund. Wer im 21. Jahrhundert weiter nur nach Westen blickt, dürfte 10 bis 15 Jahre später ziemlich von der Realität überrascht sein.