Virtue Signaling

Virtue Signaling

B.D. McClay über den Vorwurf des „Virtue Signaling“ (ungefähr:“Signalisieren von Tugendhaftigkeit“), einem beliebten Argumentationsmuster im Internet. Das Argument: Jemand sagt etwas, weil er damit korrekt/cool/engagiert/interessiert/an der Problemlösung mitwirkend erscheinen möchte, obwohl er in Wahrheit viel weniger korrekt/cool/engagiert/interessiert/an der Problemlösung mitwirkend ist. Der Vorwurf hat von Fall zu Fall seine Berechtigung, aber McClay spiest ganz gut auf, warum er so einfach zu konstruieren ist und damit als rhetorische Ablenkung inflationär verwendet wird:

„Vielleicht magst du die Romane von Leo Tolstoi, weil sie gut sind; vielleicht aber auch, weil dir gesagt wurde, dass schlaue Menschen sie mögen und du für schlau gehalten werden willst. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass es sich um eine unerforschliche Mischung aus beidem handelt – weil dein Geschmack nicht in einem Vakuum existiert und du ihn wahrscheinlich nicht nur aus zynischen Gründen entwickelt hast. Und wenn jede Handlung in einer Situation ein Tugendhaftigkeits-Signal sein kann, ob im Einklang oder gegen deine Prinzipien, dann ist ‚Virtue Signaling‘ als Diagnose-Werkzeug nicht besonders nützlich.

Wie auch das Konzept der Heuchelei sollte der Vorwurf von Tugenhaftigkeits-Signalen Menschen daran erinnern, dass was sie sagen oder schreiben mehr als leere Worte sein sollten. Aber häufiger fordert er implizit dazu auf, den Worten überhaupt keine Beachtung zu schenken, weil sie alle leer sind. Tugendhaftigkeit zu signalisieren ist schlecht, wenn das Signal über der echten Tugend steht. Um mich bei Robin Hanson zu bedienen: Jemand sollte sagen, das es bei X um Y geht und gehen sollte. Aber der Vorwurf des ‚Virtue Signaling‘ ist häufiger eine Methode, die Frage ob es bei X wirklich um Y geht zu vermeiden, indem das Motiv über den Inhalt der Überzeugungen erhoben wird.

Es kein Zufall, dass diese Obsession mit dem Signalisieren in Gemeinschaften des Online-Unbehagens floriert: Etwas zu signalisieren, in einem sehr durchdachten Sinn, lässt sich in digitalen Interaktionen nicht vermeiden. Alles, was du online tust, ist bewusst – in dieser Weise fehlt ihm eine Natur des Offline-Lebens. E-Mails, Tweets und Textnachrichten sind so durchdacht, dass sie keine Spontanität einräumen. Wenn du eine Liste deiner Lieblingsbücher für Facebook ausfüllst, ist dir bewusst, was das über dich aussagt – und was die Betonung von Büchern (anstatt Filmen oder Musik) über dich aussagt. Wenn du ein Profilbild heraussuchst, ist das dein Gesicht, unveränderbar, solange du es benutzt. Wenn du ein Dating-Profil ausfüllst, versuchst du Eigenschaften zu wählen, die dich akkurat repräsentieren – aber die auch eine bestimmte Art Person anziehen werden. Du signalisierst, dass du der Idealmensch deines Idealmenschen bist.“

Die Kritiken, die im Vorwurf des ‚Virtue Signaling‘ mitschwingen, verlangen eine Art von unmöglicher Reinheit des Motivs – die Sicherheit, dass deine Handlung in einem völligen Vakuum genau die gleiche wäre.

Es kommen noch einige Gedanken-Volten, weshalb sich der Text weit über dieses Zitat zu lesen lohnt.

Echokammer, überdacht

How Social media took us from Tahrir Square to Donald Trump

„Die Behauptung, dass wir online nur ähnlichen Sichtweisen wie unseren eigenen begegnen, ist nicht die ganze Wahrheit. Während Algorithmen den Menschen oft das geben, was sie sowieso hören wollen, zeigt die Forschung, dass wir online wahrscheinlich einer größeren Bandbreite an Meinungen begegnen als offline – oder als wir vor der Erfindung digitaler Werkzeuge ausgesetzt waren.

Das Problem ist vielmehr, dass das Aufeinandertreffen mit anderen Meinungen im Kontext von Social Media etwas anderes ist, als bei der einsamen Lektüre einer Zeitung. Es ähnelt eher der Situation in einem Fußballstadion, wenn wir sie von den Gegnern hören, während wir unter den Fans unserer eigenen Mannschaft sitzen. Online sind wir mit unseren Gemeinschaften verbunden und wir suchen die Anerkennung von Gleichgesinnten. Uns verbindet mit unserem Team, dass wir die gegnerischen Fans anschreien.

In soziologischen Begriffen: Wir stärken das Gefühl der Zugehörigkeit zur ‚Eigengruppe‘, indem wir Distanz und Spannungsverhältnis zur ‚Fremdgruppe‘ ausbauen. Wir gegen sie. Unser kognitives Universum ist keine Echokammer, unser soziales Universum schon.“

Kommunikative Empathie

I have not been oppressed

„Die wichtigste Sache ist Empathie, kommunikative Empathie. Das bedeutet nicht, Ideen Verständnis entgegen zu bringen, die du widerwärtig findest. Sondern zu untersuchen, ob sie überhaupt wirklich abstoßend sind. Keine falsche Höflichkeit, die auf Bullshit-Normen fußt, sondern eine Verpflichtung, sorgsam zu lesen und im Gegenzug sorgsam zu antworten. Ein Diskurs ist dann einfühlsam, wenn Gedanken erst einmal vollständig gehört werden, bevor wir auf sie antworten. Nicht aus einer ritualisierten Verpflichtung, ‚beide Seiten zu hören‘. Sondern aus dem Wissen heraus, dass keine Antwort – auch nicht völlige Ablehnung – Bedeutung haben kann, bevor sich echtes Verstehen vollzogen hat. (…) Es gibt ein besseres Gespräch zu führen, aber du kannst es nur führen, wenn du es führst. Übe eine einfühlsamere Form der Rede als deine Gegner, und vielleicht ändern sich die Dinge. Oder, wenn es dir wie mir geht und du feststellst, dass deine Teilnahme unergiebig ist, kannst du das Feld räumen. Milliarden von Menschen verbringen jeden Tag, ohne darüber nachzudenken, was Leute im Internet sagen.“

Weiterbloggen

Diary

Noch nicht geschlossen (Foto via Rebekah Williams, Flickr, CC)

Ich hab mir dieses (deutschsprachige) Internetz jetzt mal drei Wochen mit etwas Abstand angeguckt. Die Versuche vieler Online-Medien, in ruhigen Zeiten Wind zu machen, wo keiner weht und das Scheitern an der Echtzeit-Berichterstattung, wenn wirklich etwas passiert. Die Reflex-Wünsche nach mehr Internet-Überwachung nach den Anschlägen von Norwegen. Die ständige Medien- und Internetkritik-Kritik, die außer neuen Reizwörtern nicht viel Neues zu bieten hat.

Vieles, was durch die „digitale Revolution“ in Bewegung gekommen ist, dreht sich meinem Gefühl nach inzwischen im Kreis. Viel simulierte Kommunikation findet statt, wo echter Austausch möglich und nötig wäre. Vielleicht ist es das Gefühl, das in dem Satz „“The best minds of my generation are thinking about how to make people click ads. That sucks.“ treffend beschrieben wurde.  Oder auch die Langeweile, die sich einstellt, wenn man über Jahre hinweg in einer Branche arbeitet, deren Lust auf Veränderung sich offensichtlich in Grenzen hält, obwohl sie nun so wichtig wäre wie niemals zuvor. Die Langeweile, auf Rivva die ständig gleichen Meta-Themen lesen zu müssen, Beiträge mit Pointen aus dem Jahre 2005.

Aber noch ist nicht die Zeit gekommen, zu resignieren. Vielmehr glaube ich, dass wir langsam in ein Zeitalter der Vernunft einlaufen – in der Argumente zählen und nicht, wer sie verbreitet. In der wir diskutieren, um zu lernen, nicht um Recht zu behalten. In der wir uns endlich den wichtigen Fragen zuwenden können, und die lauten nicht „Ist Google Plus besser als Facebook?“.

Deshalb wird auf diesem Blog hoffentlich wieder etwas mehr passieren, auch wenn viele Dinge fragmentarischer werden (aber was ist ein Blog anderes als ein Steinbruch?), vielleicht auch etwas mehr Meta vorkommen wird (damit wir das Zeitalter der Selbstreferenzialität endlich hinter uns  bringen können), es vielleicht keinen Unterschied machen wird. Solange noch Menschen wie Ben, Egghat oder auch Felix Schwenzel bloggen, wird es immer einen Grund geben, weiterzumachen.