Selbstprovinzialisierung als europäische Strategie

Framing Crashed (8): Provincializing Europe?

Adam Tooze mit einem langen Aufriss über die Frage, ob Europa inzwischen weltpolitische Provinz ist. Wie es sich für einen Historiker gehört, nimmt er dabei auch die Rezeptionsgeschichte der 1960er in den Blick und spannt den Bogen zur Finanzkrise 2008. Die hat er ja bereits in seinem Buch „Crashed“ als transatlantische Finanzkrise identifiziert, die mit Asien fast nichts zu tun hatte. Seitdem (aber eben vor allem seitdem) habe Europa wirklich an Einfluss verloren, womit er zur Pointe kommt – dem eigenen Anteil daran in den vergangenen Jahrzehnten:

„Die Europäer produzieren unaufhörlich und aktiv ihre eigene diskursive Provinzialisierung. Globalisierung wird als etwas dargestellt, das Europa von außen ‚passiert‘, statt etwas, zu dem die EU und europäische Firmen als wichtige Handels- und Finanzknotenpunkte beitragen. Ganz zu schweigen von ihrem Beitrag durch die Tolerierung und aktiven Ermunterung zu skandalöser Steuerumgehung globaler Unternehmen. Warum nehmen sie eine solche Position absichtlicher Unklarheit und Marginalisierung ein? Nun, denken wir an die Schweiz. Was könnte provinzieller sein? Was mehr profitabel? Es ist eine Strategie des Mitnehmens auf Kosten der Geschichte und des politischen Handelns.“

Zum Kontext der Erzählung „Wir sind der Globalisierung ausgeliefert“ gehört, dass viele Zentrumskräfte in Europa am Status Quo nichts ändern möchten und sich so einem bequemen Narrativ hingeben, das sie von Verantwortung freispricht und zugleich dafür sorgt, sich nicht aktiv mit dem Fundament der neoliberalen Wirtschaftsordnung auseinandersetzen zu müssen. Diese Entpolitisierung liefert der Europa-Skepsis weit über das Lager der Renationalisten hinaus Futter.

Britischer Rückbau

Austerity: how an ideological project failed on its own terms

George Eaton über den Rückbau des Staates in Großbritannien:

„Die Abteilungsbudgets sind seit 2010 im Durchschnitt um mehr als 20 Prozent gesenkt worden (und die Finanzierung kommunaler öffentlicher Hand um 49 Prozent), während im Sozialwesen mehr als 20 Millionen Pfund gestrichen wurden (das Kindergeld ist zum Beispiel weniger Wert als vor 17 Jahren). Die private Verschuldungsquote steht bei 139 Prozent des verfügbaren Einkommens und wird Vorhersagen zufolge 146 Prozent erreichen (ein Phänomen, das privatisierter Keynesianismus genant wird: während sich der Staat weniger leiht, leihen Bürger mehr, um ihren Lebensstandard zu halten). Übernachtungen im Freien, die unter der letzten Labour-Regierung um drei Viertel fielen, sind seit 2010 um 169 Prozent gestiegen. Fast Tausend Sure-Start-Zentren (staatliche Einrichtungen zur Unterstützung frühkindlichen Versorgung) und 478 Büchereien sind Schätzungen zufolge geschlossen worden.“

Ich denke, Großbritannien und die USA werden der Block sein, der die neoliberale Demontage des Verwaltungsstaats und die Privatisierung weiterer staatlicher Aufgaben im Sinne kommerzieller Interessen auch im 21. Jahrhundert durchzieht. Vielleicht unterschätze ich auch Labour und die Demokraten, aber ihre Rolle liegt momentan eher in der Verlangsamung als in einer Umkehr.

Für Deutschland steht, bisherige Wirtschaftslage sei Dank, ein solcher Richtungstest noch aus. Aber natürlich gibt es in der globalisierten Finanz- und Warenstrom-Welt (siehe Trumps Unternehmenssteuer-Senkungen und entsprechende Forderungen für Deutschland, siehe fortgesetzte Existenz von „Steuerparadiesen“) einen Druck, der (noch) für die Interessen transnationaler Firmen und Vermögensbesitzer arbeitet.

Unbequeme Realitäten

Deutschland versteht nur die Sprache des Geldes

„Es ist nicht zu verstehen, mit welcher Hartleibigkeit sich die Bundesregierung der Tatsache verschließt, dass die Euro-Zone ein gravierendes Problem hat. Der Streit um den Haushalt ist nicht einfach ein Streit darüber, dass ein Land zu viel Geld ausgeben will oder zu wenig reformiert. Dass eine Regierung die Regeln nicht einhält, weil sie Wahlversprechen erfüllen will. Es geht um Grundsätzliches, nämlich darum, ob das Versprechen, dass der Euro die Lebensverhältnisse angleicht, gehalten werden kann.“

Cerstin Gammelin legt anlässlich des Haushaltsstreits mit Italien den Finger in die Wunde, der gesamte Kommentar ist Kandidat für eine Rahmung. Ich habe inzwischen den Eindruck, dass Teile der Bundesregierung und vor allem die Unionsabgeordneten die Sache aussitzen und das im vollen Bewusstsein der Konsequenzen.

Wenn in der nächsten Rezession die Euro-Zone zerbricht, wird kaum jemand rufen „Erinnert Ihr euch noch an 2017/2018, als das Fenster für Veränderungen sich nochmal öffnete?“. Und sollte es zum Bruch kommen, wird man auch daran erinnern müssen: Die deutsche Bevölkerung hat das so gewollt. Denn laut Umfragen gibt es keine Mehrheiten für Ausgleichsmechanismen, und gegen Umfragen wird nur noch selten regiert.

Aber wenn es kracht, ist wahrscheinlich auch das verdrängt worden und wir werden irgendeines von den „Südländern“ verantwortlich machen und irgendwie versuchen, die EU zusammenzuhalten. Ich würde viel dafür geben, Tony Judts Gedanken dazu zu hören.

Griechenland und der späte Sieg des Kapitalismus

Greek Protests Demonstrationen

„No thanks, I won’t do what you tell me“ (via apαs, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Privatisierungen um jeden Preis, Public-Private-Partnerships bei der Nutzung von Staatsdenkmälern, Lohnkürzungen und Beamtenentlassungen, Senkung des Mindestlohns:   Was uns heute als Rosskur für Griechenland verkauft wird, würden wir unter anderen Umständen als Neoliberalisierung einer Ökonomie betrachten. Eigentlich bemerkenswert, betonen die Verantwortlichen für diese Politik doch an anderer Stelle ihren Willen, einen besseren Kapitalismus zu erschaffen.

Nun ist es nicht so, dass dem Land ein niedrigeres Defizit nicht gut und ein schrumpfender öffentlicher Sektor nicht Not tun würde (letzteres gilt aber zum Beispiel auch für Frankreich). Doch wie soll aus einem reinen Sparkurs Wirtschaftswachstum entstehen soll, konnte mir noch niemand erklären. Das Tafelsilber will noch niemand, weil die Preise sinken könnten, dazu fehlt Athen das Geld, um irgendwelche Industrien aufzubauen oder nachhaltige Investitionen anzulocken. Und wenn kein Geld reinkommt, muss eben weiter privatisiert und gekürzt werden.

Wo das enden soll? Ich glaube, dass wir in absehbarer Zeit eine neue Lage haben werden – den „Grexit“, der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone. Weil es für keinen der Beteiligten noch Sinn macht und der wirtschaftliche Preis des Austritts langsam politisch und volkswirtschaftlich schmerzhaft, aber akzeptabel gegenüber einem Schrecken ohne Ende erscheint.

2011 – die Liste

Es ist eine Tradition auf diesem Blog, das Jahr mit meiner persönlichen Liste zu beschließen. Und wie immer ein Feuerwerksbild zu posten.

Fireworks

Tradition verpflichtet (Foto: JohnRawlinson – Flickr, CC BY 2.0)

Themen des Jahres: Veränderung und Verantwortung

Im vergangenen Jahr hatte ich ja die Eurokrise genannt, die in diesem Jahr natürlich noch einmal potenziert unser Bewusstsein bestimmt hat. Aber bei den Revolutionen im arabischen Raum und Fukushima wäre es vermessen, die Krise einer Währung und der europäischen Institutionen hervorheben zu wollen. Eine Klammer über dem ganzen sind jedoch zwei Aspekte: Veränderung (das ist glaube ich selbsterklärend) und Verantwortung – weil es bei all den angesprochenen Ereignissen (plus innenpolitisch Guttenberg, Wulff etc.) um genau darum geht, wie wir Verantwortung definieren. War Fukushima Tepcos Schuld oder schieben wir es auf die Naturgewalten, die das Ganze ja ausgelöst haben? Übernehmen Merkel, Sarkozy, Cameron und Co. Verantwortung für ihr Land, für Europa oder vielleicht doch nur für ihre Macht? Was ist die Entscheidung, auf die Straße zu gehen und unter Einsatz des eigenen Lebens für Veränderung zu demonstrieren anderes als Selbstveranwortung im besten Sinne? Ihr versteht ungefähr, worauf ich hinaus will, hoffe ich.

Person des Jahres: Mohamed Bouazizi

Am 4. Januar 2011 starb der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, nachdem er sich einige Wochen zuvor selbst angezündet hatte. Er hatte es satt, von den Autoritäten drangsaliert zu werden, willkürlich seiner Lebensgrundlage beraubt werden zu können. Ohne ihn hätte es die arabische Revolution vielleicht in dieser Form nicht gegeben. Mohamed Bouazizi steht für mich für die Erkenntnis, dass Freiheit unser höchstes Gut ist und das es manchmal der mutigsten Taten bedarf, um sie zu erreichen.

Ignorierte Ereignisse 2011:
Für mich persönlich, aber auch generell hat die Twitter-Nachrichtenbeschleunigung 2011 nochmals zugenommen, weshalb ich nicht das Gefühl habe, dass mir besondere Dinge entgangen wären. Mir würden spontan die Entwicklungen in Brasilien, Pakistan, Angola, Sri Lanka und im Irak einfallen, wo jeweils mehr passiert ist, als man hierzulande mitbekommen hat. Auch zum Drogenkrieg in Mexiko gab es viel Bodycount und wenig Erklärungen, als ignoriert würde ich das Thema allerdings nicht bezeichnen.

Bester Journalismus 2011:
Leider lässt sich Twitter nicht so gut durchsuchen, weshalb ich nicht besonders viele konkrete Beispiele nennen kann. In diesem Jahr habe ich wie immer Holger Gertz gerne gelesen, aber auch Moritz von Uslar – den ich dem Eindruck nach für wenig sympathisch, aber sehr begnadet halte. Oh, und natürlich Alex Rühle, dem ich das Prädikat „wertvoll“ nicht nur als Autor, sondern auch als Kollegen geben kann.

Desweiteren fallen mir ein:

Adam Gopnik: The Information
Wolfgang Uchatius: Die Riester-Bombe
Mark Leibovich: The Man the White House wakes up to
Philip Faigle: Ohnmacht macht wütend
Hansjürg Zumstein: Der Fall Kachelmann
Tom Noga: Zahnlos glücklich in Vilcabamba

Beste Blogs 2011:
Stellvertretend für die deutschen Wirtschaftsblogger (und -twitterer), die mir die Krise erklärt haben und nicht müde werden, Verlautbarungen, Statistiken und Theorien zu hinterfragen: Dirk Elsner (Blicklog), Egghat (Die wunderbare Welt der Wirtschaft) und die Autoren des Herdentrieb-Blogs. Egghat ist übrigens nach 2008 schon das zweite Mal auf dieser Liste. Schade fand ich, dass Weissgarnix in dieser Form nicht mehr existiert (wobei ein Blick auf Wiesaussieht lohnt) – aber ich fühle mich dennoch bestens informiert.

Prognosen für 2012:
Nach dem unberechenbaren 2011 fällt es mir schwer, etwas zu prognostizieren. Ich will den Euro noch nicht abschreiben, habe aber meine Zweifel, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu verhindern ist (Watch-Länder sind neben Griechenland vor allem Spanien und Italien, außerhalb der Euro-Zone rechne ich mit massiven Problemen für Ungarn).
Barack Obama wird trotz Rezession in den USA (und weiten Teilen Europas) wiedergewählt werden, was nicht an seinen Verdiensten, sondern an der schwachen Konkurrenz liegt. Sarkozy sehe ich nicht mehr im Élysèe-Palast, er hat sich die Abneigung des Volkes langfristig gesichert.

Die Konsolidierung der arabischen Welt ist schwer vorherzusagen, ebenso die Entwicklungen in Iran und Irak. Brasilien wird auf jeden Fall eine größere Rolle spielen, alleine schon durch die zu erwartenden Wachstumsraten. China sehe ich nach dem Machtwechsel politisch eher repressiver werden (deutet sich ja bereits an), allerdings rechne ich dort auch mit einer wirtschaftlichen Schwächephase. In Deutschland sehe ich bei der FDP eine Ablösung von Rösler durch Brüderle, das ist aber keine besonders extravagante Prognose.

Wie waren die Prognosen für 2011?

Richtig lag ich bei:
-Schwarz-Gelb verliert Baden-Württemberg, die FDP ihren Parteivorsitzenden
-Probleme nach der Unabhängigkeit des Südsudan
-Proteste in Großbritannien (wenn auch anders, als gedacht)
-Bürger gegen Berlusconi

Falsch lag ich:
-Eurobonds kommen
-EU konsolidiert sich auf schwachem Niveau (wobei man das im Jahresschnitt ja durchaus so sehen kann)
-Gamal Mubarak tritt zur Wahl an (Boy, was I wrong…)
-Instabilität in Pakistan (jenseits der normalen Instabilität)

Euch allen ein gesundes 2012!

Die Schuldenbremse als institutionalisierte Gefangenschaft

Der EU-Gipfel löst die akuten Probleme nicht.

Herman van Rompuy

Herman und die Nebenwirkungen (Foto: European Parliament, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Auch wenn der Spin in eine andere Richtung geht: Mit den Lösungen der akuten Eurozonen-Probleme haben die Ergebnisse des EU-Gipfels nichts zu tun, wie meiner Ansicht nach spätestens die italienischen Bond-Auktionen im Januar zeigen werden (es sei denn, die EZB ändert bis dahin ihren Kurs). Im Gegenteil. In der EU wurde mit den Beschlüssen eine gefährliche Grundhaltung institutionalisiert, die als “Aus der Krise sparen“ bekannt ist.

Als der Bundestag unter Schwarz-Rot eine Schuldenbremse beschloss, klang das zuerst einmal ethisch korrekt (Haushaltsdisziplin als Staatsziel! Generationengerechtigkeit!). Schon damals aber gab es Kritik von Wirtschaftswissenschaftlern, und das nicht zu knapp und nicht zu unrecht. Auch jetzt weisen diverse Ökonomen darauf hin, dass die auf dem Gipfel beschlossene EU-weite Schuldenbremse die Handlungsmöglichkeiten der Politik in Krisenzeiten nicht vergrößert, sondern deutlich einschränkt – Keynes’sches Deficit Spending ist mit ihr kaum mehr möglich (und eine Transferunion aus politischen Gründen vom Tisch). Das ist fatal: An der wirtschaftlichen Entwicklung in den PIGS-Staaten sehen wir, wie ein Sparkurs in Krisenzeiten einer wirtschaftlichen Erholung entgegensteht und Steuereinnahmen wegbrechen. Die harten Sparmaßnahmen dienen kurzfristig bestenfalls einer moralischen Befriedigung der Bürgen (lese: Deutschland).

Eine institutionalisierte Schuldenbremse lässt den EU-Ländern in steuerschwachen Krisenzeiten vor allem zwei Möglichkeiten: Ausgabenkürzungen und Privatisierungen. Ich mache jetzt nicht das Fass auf, generell über Sinn und Unsinn von Privatisierungen zu diskutieren – sicherlich muss der Staat keine Rennbahnen und Flughäfen besitzen, wie in Griechenland der Fall*. Dennoch ist anzumerken, dass Privatisierungen im wirtschaftlichen Abschwung häufig Erlöse unter dem Marktpreis bringen und wir, die Schuldenbremse über Jahrzehnte weitergedacht, bei einer deutlichen neoliberalen Staatsdefinition sind, in der womöglich auch Kernbereiche der Versorgung von transeuropäischen Konzernen monopolartig verwaltet werden.*

Bei der Lenkung der staatlichen Einnahmen und Ausgaben wird es interessant sein zu sehen, ob Regierungen unter der Aufsicht der “Fiskalunion“ überhaupt die Möglichkeit haben, unter Hinweis auf die Zwänge der Verträge eine für ihr Land individuell gerechtere Steuerpolitik durchzusetzen (und ob sie das wollen, wenn dies signifikante Steuererhöhungen einschließt), oder ob die Definition von Disziplin sich in den klassischen Sozialkürzungen auf der Ausgabenseite erschöpft. Das vage Versprechen, endlich stärker voneinander zu lernen (nicht nur fiskalpolitisch), ist zu Ende gedacht vielleicht der vielversprechendste Punkt der EU-Einigung. Einzig: Eine für künftige Krisen äußerst ungeeignete Schuldenbremse hätte es dafür nicht bedurft.

*Ein Blick auf den griechischen Ausverkauf könnte nahelegen, dass offenbar französische Unternehmen sich dort stark positionieren wollen. Ironischerweise sind gerade diese eng mit dem Staat verbandelt.

Kehrt die Türkei dem Westen den Rücken?

Ankara findet eine mächtige Sonderrolle.

Erdogan Rede

Blickst Du nach Westen oder Osten? (Foto: unaoc, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Als ich auf meiner Bloggertramp-Reise vor einem Jahr mit einem türkischen Fernfahrer unterwegs war, erklärte der mir zu den EU-Ambitionen der Türkei: „Das ist nur Taktik von Erdogan, um bei uns seine Gesetze durchzubringen. In Wirklichkeit will die Türkei gar nicht in die EU.“

Damals kam mir das plausibel, aber auch gewagt vor: Die Türken, mit denen ich davor darüber gesprochen hatte, waren meist von der EU-Mitgliedschaft überzeugt. Heute, da Ankara gerade das Einfrieren aller Beziehungen zur EU androht, falls Zypern die Ratspräsidentschaft übernehmen sollte, da sich Premierminister Erdogan über den Bruch mit Israel ganz klar in Richtung arabischer Welt wendet, scheint die These ihre Bestätigung zu finden (auch, wenn ich sie noch nicht ganz glauben möchte).

Über die Ostwende der Türkei wurde ja bereits länger schon geschrieben, die Revolutionen im arabischen Raum dürften den Prozess beschleunigt haben: Die Türkei kann dort nicht nur pragmatisch wirtschaftliche Interessen verfolgen, sondern sich auch als demokratisches Vorbild präsentieren. Wer die klaren Worte Erdogans in Richtung Syrien gehört hat oder sein Bekenntnis zu säkularen Demokratieformen verfolgt hat, kann ungefähr ermessen, wie eindrucksvoll die türkische Vorreiterrolle in der Region einmal erscheinen könnte. Auch die Entscheidung des Instinktpolitikers Erdogan, das Verhältnis mit Israel dem panislamischen Populismus zu opfern, passt in dieses taktische Schema; sie ist aber gleichzeitig auch ein innenpolitisches Signal, basierte doch das gute Verhältnis der beiden Länder vor allem auf die Beziehungen auf militärischer Ebene – ebenjenes Militär, dessen Einfluss Erdogan jüngst endgültig in die Schranken weisen konnte

Aus Sicht der AKP mag die Umorientierung der Türkei ein brillanter Schachzug gewesen sein. Das Land könnte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Region spielen. Die EU, will sie ihren strategischen Einflussbereich einmal erweitern, könnte im Idealfall (aus Ankaras Sicht) in einigen Jahren die Türkei sogar hofieren, um sie zum Beitritt zur Union bewegen.

Allerdings birgt der populistische Kurs auch ein erhebliches Risiko einer strategischen Überdehnung. Wie will man in die Rolle des Maklers zwischen Palästinensern und Israel zurückkehren, wenn die Hoffnungen auf eine Vermittlung einmal auf Ankara ruhen? Wird das Land wirklich auf Stabilität und Demokratie pochen, wenn Ägypten und Libyen sich zu autoritären Staaten entwickeln oder – im Falle Libyens – sogar zerfallen sollten? Was, wenn der harte Kurs die Türkei im Westen mittelfristig isoliert und darunter Einfluss und Wirtschaftsbeziehungen leiden? Der gesteigerte Nationalstolz wird auch zu Härte in Sachen Kurden, Zypern und Armenien-Aussöhnung führen – keine guten Aussichten für Konfliktlösungen.

Unbestreitbar ist allerdings, dass wir in diesen Wochen die Wiedergeburt der Türkei als außenpolitische Großmacht erleben. Ob der Rest Europa dies möchte oder nicht: Damit werden wir uns auseinandersetzen und es akzeptieren müssen, dass die strategischen Überlegungen dieser Großmacht am Rande des Kontinents noch über Jahre hinweg von Erdogan und der AKP geprägt werden.

Krisendemokratien

USA und Europa, unterschiedlich gelähmt.

Venus und Mars

Venus (oben) und Mars, so nah und doch so fern (via Protiotype, Flickr, CC)

Die USA haben heute die Zahlungsunfähigkeit erst einmal abgewendet, die EU hat sich schon vor anderthalb Wochen etwas Zeit gekauft.Paralysiert sind beide (siehe aktuelles Economist-Titelthema), wenn die derzeitigen Demokratien auch anders nicht sein könnten.

Die EU, ob in Frankreich oder Deutschland auf nationaler Ebene oder in Brüssel als Überbau, versagt aufgrund ihrer Konsensdemokratie: Merkel und Sarkozy suchen wie die meisten EU-Staatschefs nach einem Weg, die Krise ohne Schmerzen und Verpflichtungen zu zu bewältigen – und werden, soviel darf prophezeit werden, damit scheitern.Die Konsensentscheidungen mögen zwar dem Bürgerwillen nicht widersprechen, doch sie verschärfen das Problem nur. Ebensowenig hilfreich ist der bei den EU-Gipfeln gefundene Konsens, hier ist der Weg aufgrund einer größeren Aufspaltung der Partikularinteressen einzelner Länder sogar noch weiter, die Entscheidungskrise struktureller.

In den USA hingegen finden wir eine Spaltungsdemokratie vor, die es so zwar schon öfter gab, aber durch die Spaltung der Rechten eigentlich nochmal eine weitere Partei dazubekommen hat. In diesem Machtvakuum kann auch ein Präsident kaum „durchregieren“, zumal wenn er so schwach wie Barack Obama ist. Kurz gesagt: Die Balance der „Checks and Balances“ ist verloren, viele Strukturprobleme verstärken sich.

Das Positive: Die Paralyse muss nicht ewig andauern. In der Euro-Zone werden bald die Märkte Fakten schaffen, der Wiederaufbau und die Neugestaltung der Europa-Architektur könnten zudem vielleicht neuen Protagonisten in den beiden Schlüsselländern überlassen sein (ob diese jedoch den einigenden Geist der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts atmen, steht auf einem anderen Blatt). In den USA könnten sich die Verhältnisse relativ schnell ändern, nicht nur, wenn die Tea Party sich selbst entzaubert. Eine Fundamentalopposition der Republikaner bis 2016 ist allerdings nicht ausgeschlossen. Und das ist auch das Negative: Die Lähmung der Handelnden wird länger andauern, als die Krise ihnen eigentlich Zeit gibt.

Kleine Sprünge ins Ungewisse

Zwei Männer springen

Jump!, sagte Van Halen. (via Il Quoquo, Flickr, CC)

Es gäbe gerade sehr viele Themen, zu denen gute Blogbeiträge fällig sind: Duisburg und die Folgen, die nähere und fernere Zukunft des Finanzwesens, die anstehenden Wahlen in Ruanda und Mynmar, die Philosophie hinter dem aktuellen Tories-Aktionismus und was Konservative in Europa und den USA davon lernen können … die Liste ist endlos. Doch derzeit ist es auf kopfzeiler.org relativ ruhig, weil ich mitten in einer anderen Baustelle stecke: Bloggertramp.com

Um was es geht, ist drüben genauer umrissen. In wenigen Worten: Ich werde ab Mitte August vier Wochen durch Europa trampen und darüber bloggen, hoffentlich viele Geschichten erleben und erzählen. Für mich ist das eine neue Rolle: Zwar glaube ich, dass regelmäßige kopfzeiler-Leser sich ein Bild darüber machen können, was für ein Mensch ich bin und welche Einstellung ich zum Leben und bestimmten Themen habe – selbst jedoch näher an den Mittelpunkt zu rücken, Teil der Geschichte zu sein, ist eine große Herausforderung. Ich bin gespannt, wie ich mit ihr umgehen werde.

Aber da am Ende sowieso immer alles anders als gedacht kommt, muss ich einfach den Tigersprung ins Ungewisse wagen, um zu sehen, was passiert. Die kopfzeiler-Taktung wird darunter etwas leiden, doch am Ende wird es sich lohnen.

Stunde der Amateure

In der Finanzkrise entpuppen sich Profis als Amateure. Dabei bräuchten wir Könner gerade mehr denn je.
Börsenhändler
Weisheit der Vielen? (via daniel.gene, Flickr)

Im August 2006 verfasste der Journalist Nicholas Lehman für den New Yorker ein Stück mit dem Titel “Amateur Hour“. Darin beklagte er, dass Laien (Bürgerjournalisten) Branche und Gesellschaft ins Unglück stürzen würden, weil sie einfach keine Ahnung vom Metier hätten.

Michael Lewis hat in der aktuellen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins Portfolio einen Artikel geschrieben, in der die Geschichte von Steve Eisman erzählt wird, der die Ignoranz der Finanzbranche gegen sie verwendete und mit seiner Investmentfirma schon früh auf den Kollaps des Wall-Street-Systems setzte.

Auch wenn Form und Thema voneinander entfernt sind, wirkt der Text wie der Konterpart zu Lehmans Theorie. Wer sieht, wie schnell es möglich war, an der Wall Street Karriere zu machen, wie hoch man ohne einen Funken Basiswissen steigen konnte, dem bleibt nur ein Fazit: Die Profis von heute sind Amateure.

Das ist eine Beobachtung, die wahrscheinlich in jeder Branche zu machen ist. Jeder Mensch kennt die Hochstapler, die sich mit Halbwissen und Charme durchschlagen. Und fragt sich, wie weit Menschen damit kommen und weshalb diese Dinge nicht auffliegen.

Lewis’ Artikel zeigt die Summe der Teile, zeigt, wie rücksichtsloses Nichtwissen(wollen) die ganze Welt aus den Fugen heben kann. Und doch ist die Finanzkrise nur eines von vielen Symptomen dafür, wie sich die globale Situation aufgrund von blinden, kurzfristig orientierten Entscheidungen immer wieder und immer mehr verschärft.

Gerade in Krisenzeiten ist der Mensch nicht dafür gemacht, seine Machtlosigkeit einzugestehen. Die lauen politischen Absichtserklärungen, Paulsons & Bernankes offensiv verkauftes Stochern im Nebel, das lächerliche deutsche Konjunkturprogramm oder die Geldverbrennung für die anstehenden Autoindustrie-Subventionen sind Ausdrucksformen einer simulierten Vollkontrolle über die Geschehnisse. Mit Können hat das nur wenig zu tun.

Das ist fatal: Jetzt wäre die Zeit gekommen, schnell und professionell zu handeln. Stattdessen steuern wir tiefer in die Krise, wachsen uns die Probleme so weit über den Kopf, dass sie inzwischen wahrscheinlich selbst von wirklichen Könnern (die es trotz allem in allen Branchen und Institutionen gibt) schwer zu meistern wären.

Ich befürchte, dass schwere Jahre bevorstehen, dazu nicht zuletzt eine Reorganisation des Währungswesens. Ich habe die naive Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dann der Moment kommt, in dem wirkliche Könner ran dürfen, keine faulen Kompromisse und neue Blasen entstehen und auch keine unsinnige Einzelinteressen den Weg zu einer gesunderen Marktwirtschaft stoppen können. Manchmal träume ich auch davon, dass wir schon auf dem Weg dorthin sind, obwohl die aktuellen Entscheidungen zum großen Teil in eine andere Richtung deuten.

Ob die Menschen, die unser System einmal reparieren, “Profis“ oder “Amateure“ sein werden, spielt keine Rolle. Der einsame Mahner Eisman hat kein BWL-Zertifikat, er ist Jurist und übertrieb seine Vorkenntnisse, als er ins Finanzwesen einstieg. Genauso wenig wie viele der Finanzblogger, die eine solch großartige Krisen-Berichterstattung machen, Journalisten sind. Lehmans These hat sich wieder als falsch erwiesen: Der entscheidende Unterschied ist nicht der zwischen Amateuren und Profis, sondern der zwischen Neugier und Ignoranz. Die Finanzblogger und den Skeptiker Eisman vereint der Drang, immer wieder Fragen zu stellen und keine Wahrheit als endgültig zu betrachten.

Das ist eine Eigenschaft, die nicht hoch genug zu bewerten ist – ob im Nachrichtengeschäft, der Finanzindustrie oder irgendeiner anderen Branche. Gerade die “Profis“ sollten sie wieder zu schätzen lernen.

Disclosure: Ich bin Journalist, habe aber mit der Kritik keine bestimmte Person oder Redaktion im Sinn.