Freundschaftsreste

Facebook: Where Friendships Go to Never Quite Die

Julie Beck mit dem Stück zu „15 Jahre Facebook“, das ich mit Gewinn gelesen habe.

„Die Seite hat eine völlig neue Kategorie von Beziehung hervorgebracht, eine Kategorie, die den Großteil der menschlichen Geschichte einfach nicht hätte existieren können: Die Überbleibsel-Freundschaft. Es ist eine Freundschaft, von der du dich weg entwickelt hast, die normalerweise langsam verklungen wäre, aber die dank Facebook stattdessen immer noch herumhängt. Zugang zu diesem Netzwerk von Menschen zu haben, die du einst kanntest, kann erfreulich sein – ein Kuriositätenkabinett von Erinnerungen. Oder auch nerven: Wenn diese schönen Erinnerungen von den neuen Postings eines alten Freundes verdorben werden. Oder hilfreich, wenn du eine große Gruppe nach Informationen fragen möchtest. Aber sie ist vor allem: neu und ungewöhnlich.“

Facebook (also die blaue App) ist das private Adressbuch des 21. Jahrhunderts. Mit der Möglichkeit, alle kurz anzufunken, ohne dass es persönlich wird. Und wie wir nur selten einen einzelnen Menschen aus unserem Notizbuch nach Jahren anrufen, ohne einen Grund zu haben, gibt es auch auf Facebook Konventionen, die eine Auffrischung solcher Beziehungen verhindern.

Das Stück untersucht solche Konventionen, die Unterschiede in der Tiefe der Freundschaft (unter anderem gilt die Faustregel: je mehr Kommunikationswege, desto enger) und die Vorteile und Nebenwirkungen. Das Fazit:

„[Facebook] gibt dir Kräfte, die bislang kein Mensch hatte: Du kannst mit nur einem Klick eine Versammlung aus allen Menschen einberufen, die du jemals getroffen hast, und sie um Rat in allen großen wie kleinen Dingen fragen. Aber als Gegenleistung musst Du die leeren Hüllen dieser Beziehungen betrachten, wann auch immer du dich einloggst.“

Allerdings beides nur, wenn der Algorithmus es will.

Marktdesign und Augäpfel

The Art of Eyeball Harvesting

Das Logic-Magazin hat mit dem Verhaltensökonom (und Enkel des Staatsgründers von Singapur, es ist kompliziert) Shengwu Li über Marktdesign gesprochen. Konkret geht es um die Werbe-Anzeigenmärkte, in diesem Falle Google, Facebook und sonstige programmatische Werbung. Ich glaube, das ist einer der hilfreichsten Texte für einen Eindruck, wie viele Mittelscomputer die Datenpakete aus einem Cookie anfassen oder warum Facebook einen Mittelsmaschinen-Vorteil hat. In digitalisierten Umfeldern dürfte Marktdesign auch eines der wichtigsten Werkzeuge sein, um „Unwucht via Software“ zu korrigieren (oder auch zu schaffen). Irgendwie ist das ziemlich weit weg von unserer eindimensionalen Markt-Vorstellung oder den Moraldebatten über Tech-Firmen, aber wir lernen ja.

Facebook – Rauschen und Signale

Facebook’s future: The new Yahoo?

In den vergangenen Tagen sind einige Analysen über die Lage bei Facebook erschienen. Der Economist hat sich als einzige Publikation die Mühe gemacht, sich im Kundenumfeld umzuhören – also in der Werbe- und Marketingbranche.

„Die Marketingbranche hat zwei grundsätzliche Beschwerden: Eine ist, dass Facebook-Anzeigen in Sachen Nutzer-Interaktionen nicht mehr so gut wie früher funktionieren (obwohl die Firma die Preise erhöht hat). Die zweite ist, dass Facebook seine Kunden in die Irre führt. Brian Wieser von Pivotal Research in New York weist zum Beispiel darauf hin, dass das Unternehmen Werbekunden fälschlicherweise versprach, mehr 18- bis 34-Jährige in den USA erreichen zu können, als überhaupt existieren. Facebook hat diese Behauptung immer noch nicht gelöscht, obwohl eine Sammelklage gegen den Konzern angestrengt wurde, wonach dieser seine Publikumszahlen aufgepolstert hat.

Ein führender Marketer für eine amerikanische Bank sagt, dass Facebook bei der Messung von Interaktionen, Reichweite, Views und anderen Daten in nicht weniger als 43 Produkten Fehler gemacht hat. Er merkt an, dass alle Fehler Konsequenzen zugunsten des Netzwerk-Riesen hatten. ‚Wenn das wirkliche Fehler wären, würde man dann nicht erwarten, dass mindestens die Hälfte den Werbekunden zugute kommt?‘, fragt er. Er rechnet damit, die Werbeausgaben auf Facebook zu reduzieren und prognostiziert, dass andere Marketer das im kommenden Jahr ebenfalls tun werden.“

Mit Messungen gab es bei Facebook in den vergangenen Jahren immer wieder Ärger, so wie Digitalwerbung weiterhin ein Problem mit falschen Metriken hat, gerade im Bereich Sichtbarkeit. Ein One-Stop-Shop hat es aber theoretisch natürlich nochmal einfacher, die Parameter in die gewünschte Richtung zu bewegen. Wenn dann dieser One-Stop-Shop noch Teil eines Duopols ist… ich weiß immer noch nicht, wie die Antwort auf diese Frage lautet:

Nun muss man trotz Wissen über die Branche nicht das Schlimmste und Illegalste annehmen, zudem existieren einige Dritt-Audits. Aber die Konstellation „Walled Gardens vs. Daten-Transparenz“ ist auch hier ein Problem*. Die derzeitigen Facebook-Audits durch das Media Rating Council sind eigentlich ungenügend, aber Facebook ist für Werber im Moment recht alternativlos. Nicht nur wegen der Personalisierung und Reichweite, sondern auch, um Bob „Ad Contrarian“ Hoffman zu zitieren: „Chief Growth Officer [der Werbedienstleister] brauchen das Geld, das sie damit verdienen, Facebook-Werbung an ihre Kunden zu verkaufen.“ Es wird also solange stabil bleiben, bis es eine Alternative gibt. War bei Yahoo ja auch so.

Aber irgendwie scheint mir das eh seit jeher die Pointe der Werbebranche gewesen zu sein – es gibt genügend Akteure, die überhaupt kein Interesse an Transparenz und echter Messbarkeit haben. Warum sollte sich das im Kontext einer beschleunigten  Aufmerksamkeitsökonomie geändert haben?

(P.S.: Bob Hoffmans Newsletter kann ich Interessierten an der Werbebranche sehr empfehlen)

*Update 14:30 Uhr – Stelle etwas klarer formuliert

Persönliche Marktanteile

Jonathan Franzen Is Fine With All Of It

Jonathan Franzen in diesem feinen Porträt aus dem Sommer:

„‚Ich war nie ein großer Anhänger einer Gesellschaft, die sich vorwiegend nach dem Konsumverhalten strukturiert, aber ich hatte meinen Frieden damit geschlossen‘, so Franzen. ‚Aber als es damit anfing, dass jede individuelle Person auch ein Produkt sein musste, das die Person selbst verkauft, und als Likes von überragender Wichtigkeit wurden – das war für mich sehr besorgniserregend auf einer persönlichen Ebene, als Mensch. Wenn du dich in einem Zustand ständiger Angst befindest, deine Marktanteile als Person zu verlieren, ist das für mich die falsche Haltung, um sich in der Welt zu bewegen.‘ Heißt: Wenn dein Ziel ist, Likes und Retweets zu bekommen, dann modellierst du dich vielleicht zu dieser Person, von der du glaubst, dass sie diese Dinge bekommen wird, egal ob diese Person deinem wirklichen Ich entspricht. Die Aufgabe eines Schriftstellers ist es, Dinge zu sagen, die unbequem und schwierig zu vereinfachen sind. Warum würde ein Schriftsteller sich selbst als Produkt formen?“

Wenn es schon soweit ist, dass ich Jonathan Franzen zitiere… aber Spaß beiseite: Natürlich hat er recht, aber die Vergangenheit ist etwas komplexer. Auch vor dem Netzwerk-Zeitalter ging es um Selbstinszenierung und Marktwert, nur eben nicht ständig, in der Regel nicht quantifizierbar und für die meisten Menschen nicht öffentlich und jeweils nach sozialen Anlässen & Kreisen getrennt. Auch für Autoren. Das alles ist jetzt flach, pausenlos und zahlenlastig geworden, sofern man es mitmachen möchte und ernst nimmt.

Was mir bei Social Media in diesem Modus verloren gegangen ist, ist das Persönliche. Es gibt eine Verbindung, aber sie ist eher wie auf einer dieser Medienszene-Partys bei irgendjemandem im Prenzlauer Berg. Oder wie die Abendessen, auf denen Larry David bei Curb Your Enthusiasm immer in die Fettnäpfchen tritt. Vieles ist performativ, gerne wichtigtuerisch und auf das Senden von Signalen ausgelegt. Also eigentlich im Kern ziemlich normiert, weshalb die Aufreger so leicht zu triggern und abzusehen sind, weshalb die ironischen Pointen so routiniert sitzen. Für mich wäre der sinnvollste Schritt, Follower- und Like-/Reaktionszahlen  einfach nicht mehr einzublenden, so wie das Are.na zum Beispiel macht. Aber dann wären Reputation, emotionale Teilnahme und Witzigkeit nicht mehr quantifizierbar, der virale Effekt unsichtbar und das Spiel unterm Strich vorbei.

Siehe auch:
Was Reputation zählt

Nächste Generation Social Media

 Das Social-Media-Drama

Nico drüben über seine Abkehr von Social Media. Irgendetwas geht gerade in eine andere Phase über, ohne eben wirklich zu enden. Ich habe das Gefühl, die nächste Generation Social Media – also das, wo die Kommunikationskultur geprägt wird – entwickelt sich gerade neben Instagram bei Fortnite (MMO als Mega-Mainstream) und Twitch. Allen gemeinsam ist: semi-öffentlich, Text nur noch Randelement, wenig Politisierung, besser zu kontrollierende Nähe/Distanz.

Echokammer, überdacht

How Social media took us from Tahrir Square to Donald Trump

„Die Behauptung, dass wir online nur ähnlichen Sichtweisen wie unseren eigenen begegnen, ist nicht die ganze Wahrheit. Während Algorithmen den Menschen oft das geben, was sie sowieso hören wollen, zeigt die Forschung, dass wir online wahrscheinlich einer größeren Bandbreite an Meinungen begegnen als offline – oder als wir vor der Erfindung digitaler Werkzeuge ausgesetzt waren.

Das Problem ist vielmehr, dass das Aufeinandertreffen mit anderen Meinungen im Kontext von Social Media etwas anderes ist, als bei der einsamen Lektüre einer Zeitung. Es ähnelt eher der Situation in einem Fußballstadion, wenn wir sie von den Gegnern hören, während wir unter den Fans unserer eigenen Mannschaft sitzen. Online sind wir mit unseren Gemeinschaften verbunden und wir suchen die Anerkennung von Gleichgesinnten. Uns verbindet mit unserem Team, dass wir die gegnerischen Fans anschreien.

In soziologischen Begriffen: Wir stärken das Gefühl der Zugehörigkeit zur ‚Eigengruppe‘, indem wir Distanz und Spannungsverhältnis zur ‚Fremdgruppe‘ ausbauen. Wir gegen sie. Unser kognitives Universum ist keine Echokammer, unser soziales Universum schon.“

Kennt Facebook Nostalgie?

Lose Gedanken zur Aura von Bildern im Facebook-Zeitalter.

Don Draper auf Papier

Mr. Don Draper, analog (via Rakka, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0)

Vor einigen Wochen machte ein Video die Runde, das sich leider nicht einbinden lässt: Don Draper präsentiert darin die Facebook-Timeline. Ich habe viel darüber nachdenken müssen, warum es mir so falsch vorkommt.

Womöglich liegt es daran, dass mir die Serie am Herzen liegt und das Original (dort geht es um einen Diagprojektor) zu den berührendsten Momenten gehört. Womöglich aber liegt es auch daran, dass genau das, was die Timeline vom Diaprojektor übernehmen soll, nicht funktioniert.

Ich weiß nicht, ob es so etwas wie eine Aura der Sozialen Netzwerke gibt. Natürlich kann man Benjamins Begrifflichkeit nicht direkt anwenden, aber in der Mad-Men-Szene ist etwas von einer „einmaligen Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ enthalten. Sie liegt in der Stummheit der Bilder (mit Filmmusik unterlegt, zugegegen), der Unschuld der Hobbyfotos – zwei Dinge, die wir eben im digitalen Zeitalter nicht so einfach reproduzieren können. Die Bilder bei Facebook bleiben nicht stumm, sie sind Kommunikationsaufforderung, was im Video-Mashup ja auch deutlich rüberkommt. Aber wer möchte sich schon von einem Foto faszinieren lassen, unter dem Pete Campbell kommentiert hat?

Die von mir genannte „Unschuld der Hobbyfotos“ ist eine andere Sache – es wäre naiv zu denken, dass eingeübte Posen eine Folge der Digitalfotografie sind. Aber dennoch führt die Kombination aus der Welt der allgegenwärtigen Linse und dem Wissen um die unendliche Verfügbarkeit der Bilder, unsere Geübtheit durch einen viel schnelleren Lernprozess (wir können das Bild direkt danach ansehen), in vielen Fällen zu einer Erstarrung der Pose. Wir sind inzwischen zu Profis geworden, wir kontrollieren den Apparat, von dem es einst hieß, er stehle unsere Seele – weil wir seine Funktionen, seine Ästhetik kennen. Ein Foto ist heute vielleicht noch mehr als früher eine Einladung, uns selbst zu produzieren – häufig im Wissen, im Netz zu erscheinen und dem Bild, das wir dort von uns zeichnen, entsprechen zu können (das meine ich übrigens wertungsfrei).

Womit wir beim Thema Authentizität wären: Konrad Lischka hat bereits angemerkt, dass die in der Facebook-Timeline erzählten Lebensgeschichten alles andere als authentisch sein dürften.  Zum Begriff gibt es einen hörenswerten Podcast,  in dem Djuna Barnes mit folgendem Satz zitiert wird:

One’s life is peculiar to one’s own when one has invented it.

Über „Eigentlichkeit“ lässt sich also immer streiten, die Stilisierung gehörte stets zum Menschen, wenn er sich in einem sozialen Raum (ob im Leben oder im Netz) bewegte. Doch was bedeuten die Begriffe heute? Werden wir im Netz zu den Menschen, die wir im Leben sind, oder doch eher umgekehrt? Was ist der von Don Draper erwähnte Schmerz der Erinnerung, den wir Nostalgie nennen, im digitalen Zeitalter? Und wo finden wir ihn? Ich persönlich – und hier kann ich nur subjektiv urteilen – kenne nur eine einzige Situation, in der Facebook diesen Schmerz auslösen kann: Beim Besuch des Profils eines Verstorbenen.