Konvergenz von Magazin-Apps

Der Economist hat eine neue iOS-App und sie scheint mir einen Trend zu bestätigen: Wochen- und Monatsmagazine werden die reinen Bundle-Apps los. Die neuen Varianten haben einen Start-Reiter mit aktuellen Themen (die natürlich auch aus dem „Heft“ sein können), ein weiterer ermöglicht den Zugriff auf das Bundle, ein dritter führt zu den gespeicherten Bookmarks, ein vierter zu den Einstellungen.

Die Navi ist inzwischen ja standardmäßig unten (Smartphone oft sticky, Tablet nicht), und so ähnelt sich das Layout. Sehr sogar, nur die Details sind angepasst. Der Economist-Bildausschnitt oben zeigt die Besonderheit (Lesezeit, Vorlese-Button), am Bildschirmanfang ist dort der Tages-Newsletter festgetackert. Der Atlantic (ebenfalls unterer Bildausschnitt, hier Reiter „Magazine“) legt dagegen auf Ressorts wert, womöglich auch, weil er den meisten Content von den drei genannten Titeln produziert.

Der New Yorker dagegen präsentiert seine bekannten Cartoons als eigene „Rubrik“ („Top Stories“ ist übrigens nur ein Anker für einen Reload der Hauptseite).

Die WWWebseiten der jeweiligen Marken ordnen die Themen identisch und im responsiven Layout an, der Economist und Atlantic verlassen dabei schneller das Schlauchformat, um zweispaltig zu werden. Und im Web gibt es weiter unten noch zusätzliche Ressort-, Artikelkacheln oder Kästen. Logisch.

Was lässt sich daraus ableiten? Alle drei Magazine versuchen, als Wochen- und Monatstitel Aktualität abzubilden – also das Bundle hinter sich zu lassen, ohne Einheitlichkeit aufzugeben. Sie verzichten dabei aber darauf, ein Buffet an Themen anzubieten, sondern verstehen „mobile“ als willentliche Beschränkung der Optionen durch Relevanz und Vorauswahl. Das klingt „magazinig“, ist aber im Kontext allgegenwärtiger Nachrichten zu verstehen. Erleichtert hat die Entscheidung sicherlich der Niedergang der Bannerwerbung. Alle drei Marken sehen sich als Abomedien und stellen vermarktbare Reichweite offensichtlich hinter die Purchase-Funnel-Funktion zurück. Werbung ist eher beim Sponsoring zu entdecken (Marken präsentieren Economist-App, der New Yorker hat begonnen Artikelserien sponsern zu lassen).

Das hat natürlich auch Folgen bei Themenwahl und Aufbereitung: Alle Inhalte, die sich auf tagesaktuelle Ereignisse beziehen, sind analytisch gehalten oder haben eine besondere Perspektive (zum Beispiel geschichtlich, persönlich, stilistisch). Der Economist hat noch etwas stärkere nachrichtliche Elemente (obwohl er in der Praxis das am wenigsten „aktuelle“ Medium ist), in New Yorker und Atlantic verschwindet der Nachrichtengehalt schon fast in der Erzählform. Die Gewohnheit, die der Leser bei aktuellen Ereignissen entwickeln soll: Ich habe mitbekommen, was heute passiert ist, lass‘ mich gucken, wie [Atlantic, New Yorker, Economist] einordnen.

Die Strategie würde ich unterm Strich zusammenfassen: Die Aktualität ist im Zeitgeist, nicht rund um die Nachricht zu finden. Als Magazin online zu sein, heißt zwar an die Echtzeit-Welt anzudocken, aber eben als erstbestes Zweitmedium, selbst wenn das bei kleineren Themen ein, zwei Tage dauert; dem Leser muss kein Weltgeschehen im Sinne von „Das hat stattgefunden“ vermittelt werden, er wird ohnehin überall damit bombardiert. Das publizistische Kerngebiet findet sich im ganzen Rest, vor allem der nirgendwo sonst zu findende Rest. Wo dort die Schwerpunkte liegen, dürfte intern maßgeblich mit Kapazitäten und dem Engagement einzelner Autoren/innen abhängen, die in den USA in der Regel die Idee des „sich als Autor sich digital Gefolgschaft für ein Fachgebiet erarbeiten“ als berufliche Überlebensstrategie verinnerlicht haben.

Das ist noch keine Markenstrategie für neue Vertikalen, kann aber dazu werden. Zunächst ist es erst einmal die Erkenntnis, dass sich in einer Welt des „ubiquitous content“ und sinkender Werbeerlöse Reduziertheit zum neuen Paradigma entwickelt.

Siehe:
Journalismus und das „Wir“
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Medien-Neigungen

Journalismus und das „Wir“

The Club and the Mob

James Meek hat Alan Rusbridgers neues Buch „Breaking News“ gelesen und ausführlich besprochen.

„Das Internet hat nicht so sehr das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern vielmehr das Bewusstsein der Menschen, während sie Nachrichten lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger der Nachrichten; nun sind wir bewusste Mitglieder von Gruppen, die auf die Nachrichten gemeinsam reagieren. Wunderbarerweise ermöglicht das den wirklich Unterdrückten, den Urhebern [gesellschaftlicher] Kampagnen und denjenigen mit Minderheitsinteressen, Solidarität zu erhalten. Aber es bedeutet auch, dass die Paranoiden, die Misstrauischen, die Xenophoben und die Verschwörungsfreunde wissen, dass sie nicht alleine sind. Sie sind sich ihrer selbst als Kollektiv bewusst, als ein Publikum, das in der sicheren Dunkelheit des Parketts weint, jubelt, pöbelt und schreit – und ab und zu eine Maske aufsetzt, um auf die Bühne zu springen und einem der Künstler die Hose runter zu ziehen oder eine Panik auszulösen, dass das Theater in Flammen steht.

Rusbridger gibt zu, dass die Öffentlichkeit als Ganzes – obwohl sie wissen möchte, was wirklich [in der Welt] passiert – sich von den Nachrichtenmedien und besonders den Legacy-Medien entfremdet hat. Er fordert Journalisten zur Bescheidenheit auf und bewundert David Broders Beschreibung einer Zeitungsgeschichte als ‚eine abschlägliche, hastige, unvollständige, unvermeidlich irgendwie mangelhafte und und ungenaue Rauputz-Skizze einiger Dinge, die wir in den vergangenen 24 Stunden gehört haben.‘ Sein Konzept von ‚Open Journalism‘ ist, in Teilen, eine Übung in Bescheidenheit.“

Meek fragt dann, ob Journalismus nicht ohnehin immer offen sein muss: Jemand, der Neuigkeiten mit der Haltung begegnet, schon zu wissen was passiert ist, kann per Definition nicht an „News“ arbeiten. Und er kommt noch einmal zur Bescheidenheit zurück und beschreibt, wie der Guardian enthüllte, dass verdeckte Ermittler in den Achtzigern Affären mit britischen Aktivisten & Aktivistinnen eingingen und sogar Kinder zeugten. Eine Betroffene erfuhr erst acht Monate später davon, dass der Vater ihres Kindes ein Polizist ist – über das Foto in einer anderen Zeitung. Sie selbst und ihre Freunde lesen den Guardian nicht. Meek folgert:

„Es ist die eine Sache, als eingesessene Nachrichten-Organisation bescheiden zu sein im Zusammenhang mit der Kritik des ‚Ihr seid alle gleich‘ an Journalisten als Klasse. Es ist aber etwas anderes, zu akzeptieren, dass bei all deiner globalen Reichweite und der globalen Taten im Kampf für die öffentlichen Interessen jemand in deinem eigenen Hinterhof erst nach acht Monaten erfährt, dass du eine wichtige Geschichte enthüllt hast, die zufällig die wahre Identität des Vaters ihres Kindes enthüllt. Demut gegenüber Menschen, die dich einfach nicht wahrnehmen ist weniger befriedigend als Demut gegenüber feindlich gesinnten Skeptikern.

Die Anstrengung herauszufinden, was wirklich in der Welt passiert, ermüdet weniger als die Erkenntnis: In den seltenen Momenten, in denen du das herausfindest, wartet nicht jeder gebannt darauf, davon zu erfahren. Das bedeutet nicht, dass sich die Mühe nicht lohnt. Vielmehr heißt das: Wenn eine besondere Bescheidenheit in den gewissenhafteren Newsrooms nötig ist, besteht sie in der Anerkennung der Tatsache, dass das ‚Wir‘ einer einzelnen Leserschaft, das ‚Wir‘ als die Überzeugten von einem Journalismus in öffentlichem Interesse und das ‚Wir‘ einer Öffentlichkeit als Ganzes drei sehr unterschiedliche „Wir“ sind. Es ist sogar ein Wagnis, sie verbinden zu wollen.“

Ich habe das so ausführlich zitiert, weil ich die Herleitung für hilfreich halte. Journalismus ist eine unordentliche Angelegenheit, was unsere Verteidigung und Rechtfertigung als Profession nicht gerade einfach macht. Oft nehmen wir das in den Newsrooms gar nicht wahr, weil die Erinnerung an die (selten hart gemessene) Legacy-Wirkung so prägend ist. Dabei hatte die oft mehr mit der Komplexität der vordigitalen Nachrichtenverbreitung zu tun, als mit der Herstellung von Öffentlichkeit zu brisanten Themen. Bob Lefsetz hat einmal über die Filmbosse im Hollywood der Siebziger geschrieben:

„Lebe lange genug im Bauch der Bestie und es fühlt sich alles so wichtig an. Aber wenn du 30 Jahre später zurückblickst und alles auf den Tisch legst, dann erinnerst du dich an die Filme, aber sie sind dir egal und du merkst, dass von ihnen nichts geblieben ist. Als wäre alle Arbeit umsonst. Doch die Typen – und es sind meistens Typen – haben sich damals auf die Brust geklopft, die Lorbeeren für sich beansprucht und sich Schachmatches miteinander geliefert. Sie glaubten, dass sie Gary Kasparow sind, dabei waren sie in Wirklichkeit Kinder, die Sternhalma spielen.“

Eine beruhigende Perspektive, die mich auf das Bild des Handwerkers bringt: Eine Tischlerin schreinert ihre Möbel nicht, um damit prominent zu werden oder auf Panels darüber zu erzählen; sondern um etwas zu schaffen, was funktional, im Idealfall sogar schön und vor allem für den Kunden benutzbar ist. Zusammenfallen sollte das Mobiliar natürlich auch nicht. Nebenbei müssen Tischler heute ziemlich gute, individualisierte Produkte anbieten und in den verschiedenen Formen von Kundenverständnis fit sein, aber das nur am Rande. Ob eine Redaktion sich eher an Hollywood oder an einer Schreinerei orientiert, ist vom Einzelfall abhängig – genau wie der Wert, der dem Handwerk beigemessen wird.

Nun kann man natürlich niemandem verbieten, sich in einer Schreinerei als strategischer Hollywood-Großmeister zu fühlen. Wer sich diese Rolle gibt, sollte aber besser jene Eigenschaft mitbringen, die ich immer an Alan Rusbridger bewundert habe: Herausfinden zu wollen, welches Spiel eigentlich gerade gespielt wird.

Siehe auch:
Longtail, das sind wir alle
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien? (2016)

Journalismus, Abomodelle und die Entbündelung

Subscription Fatigue? ($)

Ben Thompson mit seiner Perspektive auf eine Nieman-Lab-Geschichte zur Frage, wer sich wirklich digitale Zweit- und Drittabos leisten wird.

„Lokalzeitungen entstanden in einer Zeit, als das Geschäftsmodell für Journalismus darauf aufbaute, die Verteilung physischer Zeitungen zu kontrollieren. (…) Im Internet ist die Distribution allerdings kostenlos, jede Publikation konkurriert mit jeder anderen Publikation. Das ist ein Problem, wenn ein großer Teil deines Contents Nachrichtenagentur-Stücke über nationale und weltweite Nachrichten sind, so wie das bei Lokalzeitungen der Fall ist. (…) Es gibt einfach zu viele andere, bessere Optionen, selbst wenn du zu zahlen bereit bist.

So weit, so bekannt. Aber wie Geld verdienen? BT weiter:

Die Antwort also lautet: größere Spezialisierung. Eine Publikation, die sich auf Lokalnachrichten konzentriert, sollte zum Beispiel über nichts anderes als Lokalnachrichten berichten. (…) Unter dem Strich verkauft eine Lokalzeitung keine Wörter, sondern ein Gefühl, informiert und ein guter Bürger zu sein. In diesem Zusammenhang kann es sogar ein Service sein, mir zu erzählen, das nichts passiert ist und ich meine Zeit besser damit verbringe, etwas anderes zu lesen.“

Wer Ben Thompson liest (und das sollte jeder, der sich mit den geschäftlichen Komponenten der Digitalisierung beschäftigt), weiß natürlich, dass er selbst ein Beispiel für diese Spezialisierung ist: Seine Seite Stratechery kostet 10 Dollar pro Monat und liefert vier Mal die Woche per E-Mail detaillierte Tech-Analysen, sonst nichts.

„Wenn Menschen gefragt werden, ob sie für Nachrichten zahlen, ist die natürliche Reaktion, sich unter Nachrichten das vorzustellen, was gerade unter dem Konzept verstanden wird. Um ein einschlägiges Beispiel zu nehmen: Stell Dir vor es ist 2013 und jemand fragt dich, ob du eine Tech-Publikation abonnieren würdest. Die meisten hier hätten wahrscheinlich ’nein‘ gesagt, weil der Referenzrahmen aus jenen Tech-Publikationen bestanden hätte, die 2013 populär waren. Diese Publikationen aber wurden alle von Werbung angetrieben, was zu entsprechenden redaktionellen Kompromissen führte.“

Damit meint BT nicht Schleichwerbung oder Ähnliches, sondern den Fokus auf „General Interest Tech“. Also alles, von Branchen-Berichten über Produkttests und Lifestyle-Aspekten bis zu wissenschaftlichen Entwicklungen von Technologien (vgl. Wired). Bei Tech ist sogar schon eine Spezialisierung dabei, was sich bereits 2013 dort nicht fand, sind die klassischen Vermarktungsressorts wie Reise oder Automobil. Aber weiter mit Ben Thompson:

„Spulen wir ins Jahr 2018 vor und siehe da: Du zahlst 10 Dollar pro Monat für eine Tech-Publikation, aber eine, die auf ein Abomodell aufbaut. Mein Ziel besteht nicht aus Seitenaufrufen oder soziale, Sharing, sondern dass du jeden Morgen das Gefühl hast, etwas Einzigartiges zu lesen, dass dich über eine Branche nachdenken lässt, für die du dich interessierst.

Jetzt nehme dieses Gefühl und wende es auf den ganzen Regenbogen menschlicher Interessen an. Jeder Mensch hat etwas, für das er sich interessiert und das von General-Interest-Publikationen schmerzhaft unterbelichtet und missverstanden wird. Wie viel wäre die Person bereit, jemandem zu bezahlen der dieses Thema versteht und sie zum Nachdenken bringt, sei es ihre Stadt, Hobby oder Karriere?“

Nun speist sich dieser Optimismus ein bisschen aus eigener Erfahrung und der fehlenden Sprachbarriere: Ben Thompson ist Amerikaner und schreibt auf Englisch, der mögliche Markt ist also quasi die ganze Welt. Wer alleine journalistisch publiziert, hat in anderen Sprachen derzeit geringe Chancen auf langfristige Refinanzierung, weil die Nische eben nur unter bestimmten Bedingungen skaliert. Chinesisch wäre natürlich auch zu nennen, aber da findet journalistisches Publizieren nur unter den Bedingungen der Partei statt.

Doch zurück zu seiner Idee einer Entbündelung: Entbündelung bedeutet, anders als ich das einmal erwartet hatte, nicht unbedingt Dezentralität. Siehe Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Startnext, Abo-Infrastrukturen wie Patreon, Steady* oder Substack und (Einstiegspunkt-)Plattformen wie Medium. Es wird also ent-bündelt und gleichzeitig ge-bündelt, wenn auch im Moment eher funktional als inhaltlich – Patreon ist erst einmal ein One-Stop-Shop zur Unterstützung von Kreativarbeitern, die Funktion der Aufmerksamkeitslenkung ist fast nicht vorhanden.

Angesichts solcher Schwächen geistert im Hintergrund immer die Idee herum, dass Amazon oder Apple das „Spotify für Journalismus“ bauen könnten. Dann wäre auch die Frage „wie viele Menschen brauchen ein Zweitabo?“ beantwortet – niemand, denn alles wäre im jeweiligen (wahrscheinlich gestaffelten) Preis enthalten.

Ob darin dann aber Einzel-Publisher wie ein „Ben Thompson, der über Skateboarden schreibt“ überhaupt vorkommen würden, ist überhaupt noch nicht gesagt. Und für die Nischen würde sich die Refinanzierung kaum verändern (die Gleichung würde wohl lauten: „mehr Aufmerksamkeit, aber keine Einnahmen-Steigerung verglichen mit Patreon“ – und wir wissen alle, wie endlos der Long Tail auf Patreon ist). Redaktionen wiederum würden sich zumindest Gedanken über Exklusiv-Vertikalen auf den Plattformen machen müssen, während es sich für einzelne Publizistik-Stars wegen der Einstiegsboni lohnen könnte, zu plattformexklusiven Autoren zu werden. Aber das ist eine sehr am amerikanischen Marktverständnis orientierte Prognose, gebe ich zu.

Noch und zumindest mittelfristig erst einmal weiterhin sind die Machtverhältnisse zwischen Apple/Amazon und den größeren Publishern nicht so weit, schon gar nicht in Deutschland. Aber wahrscheinlich würde spätestens die Perspektive eines solchen „Neu-Bündels“ auf der Plattform auch in D-A-CH die jeweiligen Medienhäuser und Verlage dazu bringen, ein eigenes markenübergreifendes Angebot dieser Art zu schaffen. Spätestens damit wäre das bisherige Bundle radikal hinfällig. Allerdings entspricht das Bundle angesichts der sich abzeichnenden oligopolartige Bespielung von Titeln aus einer Handvoll Zentralredaktionen ohnehin nicht mehr der Formel „Eine Redaktion, ein Produkt“.

Diese Backend-Zentralisierung ist eigentlich das genaue Gegenteil einer Entbündelung des Produkts. Die Idee des „Unbundling“ genießt in den meisten Medienhäusern einen ähnlichen Ruf wie Reisegutscheine für die Titanic. Aber die Entbündelung ist nur schwer aufzuhalten und auch logisch, weil sie viele Formen annehmen kann – unter anderem die Gestalt von Vertikalen.

Das New York Magazine, um dessen neue Paywall es im Nieman-Lab-Artikel unter anderem geht, hat es vorgemacht: Es gibt NYMag.com als Content-Hub, dazu die Schwerpunkt-Eigenmarken The Cut (Mode), Intelligencer (Politik/Meinung), Grub Street (Essen), The Strategist (Shopping-Ratgeber) und Vulture (Popkultur). Alle diese Vertikalen haben ein eigenes Layout, Schwerpunkte, unverwechselbare Haltung und einen bestimmten Sound. Teilweise sind sie von Ressorts im Magazin abgeleitet, aber ich wusste zum Beispiel lange nicht, dass Vulture mit dem NYMag zu tun hat, obwohl ich das Heft abonniert habe. Entbündelung kann also dabei helfen, seine Expertise klarer zu identifizieren und auszubauen. Und an Letzterem führt mittelfristig kein Weg vorbei, Nachrichtenübermittlung und -analyse alleine ist kein Alleinstellungsmerkmal. Und wofür würde ich Geld bezahlen: Für ein Digitalabo von NYMag.com oder für ein Digitalabo mit fünf spezialisierten Marken, für deren Inhalt das NYMag bürgt?

Die Antwort darauf, ob wir in den kommenden zehn Jahren Bündelung oder Entbündelung erleben, lautet also womöglich: Es wird ein und dieselbe Bewegung sein, aus der Vogelperspektive kaum unterscheidbar. Kleinere Teile werden vom großen Ganzen abgespalten und dann in das passende Mosaik eingesetzt.

*23.11. Steady nach Hinweis ergänzt (habe die deutschen Sachen nur so im Augenwinkel-Blick)

 

 

 

Forensischer Journalismus

Warnung: Das Video zeigt die Ermordung von Frauen und Kindern durch eine Gruppe von Soldaten in Kamerun. Es dokumentiert, wie die BBC-Rechercheure anhand von Landschaft, Informationen aus der Tonspur und anderen Details den Ort und mutmaßliche Täter identifizieren konnten. Ich hoffe, dass solche Fähigkeiten möglichst bald redaktionelle Kernkompetenzen werden. Angesichts beinahe grenzenloser Möglichkeiten von Bild- und Videobearbeitung wird das zum Handwerkszeug gehören wie die W-Fragen oder heute die Identifikation von gefälschten Social-Media-Augenzeugenberichten bei Katastrophen.

Gewöhnungseffekte

How The War Against The Press Went From Bias To Enemy of The People

Charlie Warzel:

„Die Gewöhnung an die medienfeindliche Rhetorik hat zu einem Anstieg der Belästigungen von Journalisten geführt, sowohl online als auch offline, darunter auch unverhohlene Drohungen. Im Frühsommer, kurz vor einem in anderem Zusammenhang stehenden Schusswaffen-Angriff auf eine Redaktion in Annapolis, Maryland, antwortete der professionelle Troll und gefeuerte Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos auf mehrere Stellungnahme-Anfragen von Journalisten mit dem Statement: ‚Ich kann es kaum erwarten, dass Bürgerwehr-Truppen anfangen, Journalisten schon beim ersten Sichtkontakt abzuknallen.“

Nach dem Annapolis-Vorfall erzählte Yiannopoulos Reportern, dass der Kommentar nur ‚Trollerei‘ gewesen sei. Andere finden die Sprache dezidiert weniger ironisch. Im August wurde ein Kalifornier verhaftet, nachdem er 14 Drohanrufe beim Boston Globe abgesetzt und mit einem Massaker gedroht hatte und sich dabei bei Trumps Aussage bediente, dass Journalisten die ‚Feinde des Volkes‘ seien. Außerhalb des Gerichtsgebäudes gab er während seiner Anhörung ein Statement ab: ‚Amerika wurde gerettet, als Donald J. Trump zum Präsidenten gewählt wurde.‘ Milo seinerseits wiederholte sein Verhalten diese Woche: ‚Kriege jetzt erst die Nachrichten über die Rohrbomben mit‘, schrieb Yiannopoulos in einem Instagram-Posting am Donnerstag. ‚Widerlich und traurig (dass sie nicht hochgingen und dass Daily Beast keine bekommen hat).‘ (…)

Der Wandel der Vorstellung von einer einseitigen Medienlandschaft zu Medien, die eine Gefahr sind, kommt nicht aus einer Quelle oder gar von direkten Aufrufen. Er kommt von einem politischen Ethos, der Kritik, Faktenprüfung und Entlarvungen mit Feindlichkeit gleichsetzt. Er ist auch das Produkt ständiger Wiederholung; eine Botschaft, die – immer und immer wieder wiederholt – eine neue Bedeutung und Dringlichkeit entwickelt. Langsam ändert das die Wahrnehmung und die Normen, senkt das soziale Stigma, ‚Lügenpresse‘ zu rufen oder ironisch zur Erschießung von Journalisten aufzurufen. Die lautesten Stimmen mögen nicht tieferliegende bösartige Beweggründe haben, was aber nichts daran ändert, dass diese Sprache diejenigen ermutigt, die die schlimmsten Absichten haben.“

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Q und die Bedeutungshoheit

How Journalists should Not Cover a Conspiracy Theory

„Was ein köchelndes Narrativ war, wurde am 1. August zu einer Feuerwerksfabrik-Explosion, als einige Besucher eines Quasi-Wahlkampfauftritts Trumps in Tampa mit ‚Q‘-Pappschildern auftauchten. Laut Joan Donovan, Chef-Rechercheur der ‚Media Manipulation Initiative‚ scheint es sich um einen koordinierten Versuch gehandelt zu haben, die Aufmerksamkeit von Reportern zu erhalten. (…) Im Falle von QAnon können Widerlegungs- und Erklärungsstücke interessant und hilfreich für jene Leser sein, die bereits glauben, dass die Verschwörung absurd ist. (…) In anderen Publikumssegmenten (…) kann es andere Folgen haben. Zunächst einmal hätten sich die Verbreiter der Verschwörungstheorie sich kein besseres Resultat wünschen können; Journalisten, die über die Geschichte berichten, verbreiten das Narrativ so viel weiter und schneller, als es normalerweise passieren würde. Teilnehmer des QAnon-Narrativs haben flugs genau diesen Punkt bestätigt; Postings im ‚Great Awakenining‘-Subreddit haben sich bei Journalisten direkt für die Berichterstattung und die nachfolgende Welle neuer Mitwirkender bedankt.“

 The Group Chat Podcast: QAnon Is LARPing For Older Folks

“Ich glaube, dass QAnon völlig die Erzählung zerstört, dass an allem Schlechten im Internet Facebook und Twitter schuld sind. Sachen wie QAnon passieren in jedem Land, völlig plattform-unabhängig. (…) Ich denke, dass es viel mehr mit der Art zu tun hat, wie das Internet heute funktioniert. Es ist seltsam, mir kommt es fast vor, als hätte es am meisten gemeinsam mit so etwas wie Pokemon Go. Wie ein Augmented-Reality-Game und die Leute werden es spielen, egal wohin sie gehen, egal wie wie es funktioniert. Sie werden es weiter tun, weil es ihnen unter dem Strich Spaß macht. (…) Wir stehen also vor einem Jahrzehnt, in dem Leute Augmented-Reality-Games crowdsourcen und sie werden das richtig ernst nehmen und das wird wahrscheinlich einige ziemlich irre Konsequenzen haben.“

 The Calm Before The Storm

„Es ist Kayfabe bis zum bitteren Ende. Die Macht der Blauen Kirche [progressive, an Institutionen glaubende Amerikaner/Menschen im Westen, joha] baut auf einem Verständnis von Autorität und Ernsthaftigkeit auf. Indem sie die ganze Konversation in das Gebiet des Absurden verschieben (‚wirkliche Fake News‘), nehmen die Aufständischen [im Internet aktive Reaktionäre, joha] der Kirche ihr Scheinbild der Legitimität. Wenn es alles nur ein Spiel ist, um eure Emotionen zu manipulieren und eure Aufmerksamkeit zu kriegen (zum Beispiel für Werbegeld oder Punkte im politischen Spiel), dann ist jeder Anschein von Autorität und Ernsthaftigkeit nur das: ein Anschein.

4chan war im vergangenen Jahr in diesem Spiel besonders erfolgreich: die Blaue Kirche hat die Vorstellung, dass Milch, die Okay-Handgeste und ein Cartoon-Frosch bedeutungsschwere Symbole einer ernstzunehmenden Alt-Right-Verschwörung sind, mit vollem Ernst Beachtung geschenkt. (…)

Ich sage nicht, dass die Alt-Right nicht existiert oder Pepe der Frosch nicht mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Was ich sage ist: Wenn du glaubst, dass Pepe der Frosch das Symbol der Alt-Right ist und dass die Alt-Right als Ideologie auf dieselbe Weise als Ideologie funktioniert, wie Symbole und Ideologien im Modell der Rundfunkmedien im 20. Jahrhundert funktioniert haben (wie zum Beispiel Uncle Sam und Amerika oder das Hakenkreuz und Nationalsozialismus), dann hast du etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Für die Aufständischen zählt nicht das Symbol oder die Ideologie; es zählt, wer die Symbole und Ideologien hervorbringt und wem sie gehören. Davon auszugehen, dass eine bestimmte Autorität sie hervorbringt und sie ernst zu nehmen bedeutet, das Spiel der Blauen Kirche zu spielen. Innerhalb der Aufständischen bildet der Stil das Schibboleth, nicht der Inhalt. Die Haltung, nicht die Ideologie.“

Der letzte Link ist inhaltlich nahe am cryptobekifften Reddit. Aber wenn man das ganze Endzeit-Konflikt-Gedöns ignoriert, enthält es eine Spur: Die rechtsreaktionäre Internet-Kultur kapiert den Kampf um die Bedeutungshoheit. Nicht um die Deutungshoheit, sondern um vernetzt hergestellte Bedeutung von (oftmals neuen) Narrativen und Symbolen, die selbst nur Gesten zur Identifikation sind. Die praktische Umsetzung dieses Verständnisses lässt diese Gruppe auch größer und engagierter erscheinen, als sie qua Zahl wirklich ist.

So lässt sich die berechtigte Frage stellen, ob die „Alt-Right“ in der medial vermittelten Form jemals wirklich existiert hat. Oder ob wir von einer niedrigen vierstelligen Zahl von Leuten mit gemeinsamem Rassenhass-Code und genügend Zeit für Internet-Postings reden. Ich bin mir auch bewusst, dass darin eine massive Kritik an unserer journalistischen Praxis steckt.

2011 – die Liste

Es ist eine Tradition auf diesem Blog, das Jahr mit meiner persönlichen Liste zu beschließen. Und wie immer ein Feuerwerksbild zu posten.

Fireworks

Tradition verpflichtet (Foto: JohnRawlinson – Flickr, CC BY 2.0)

Themen des Jahres: Veränderung und Verantwortung

Im vergangenen Jahr hatte ich ja die Eurokrise genannt, die in diesem Jahr natürlich noch einmal potenziert unser Bewusstsein bestimmt hat. Aber bei den Revolutionen im arabischen Raum und Fukushima wäre es vermessen, die Krise einer Währung und der europäischen Institutionen hervorheben zu wollen. Eine Klammer über dem ganzen sind jedoch zwei Aspekte: Veränderung (das ist glaube ich selbsterklärend) und Verantwortung – weil es bei all den angesprochenen Ereignissen (plus innenpolitisch Guttenberg, Wulff etc.) um genau darum geht, wie wir Verantwortung definieren. War Fukushima Tepcos Schuld oder schieben wir es auf die Naturgewalten, die das Ganze ja ausgelöst haben? Übernehmen Merkel, Sarkozy, Cameron und Co. Verantwortung für ihr Land, für Europa oder vielleicht doch nur für ihre Macht? Was ist die Entscheidung, auf die Straße zu gehen und unter Einsatz des eigenen Lebens für Veränderung zu demonstrieren anderes als Selbstveranwortung im besten Sinne? Ihr versteht ungefähr, worauf ich hinaus will, hoffe ich.

Person des Jahres: Mohamed Bouazizi

Am 4. Januar 2011 starb der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, nachdem er sich einige Wochen zuvor selbst angezündet hatte. Er hatte es satt, von den Autoritäten drangsaliert zu werden, willkürlich seiner Lebensgrundlage beraubt werden zu können. Ohne ihn hätte es die arabische Revolution vielleicht in dieser Form nicht gegeben. Mohamed Bouazizi steht für mich für die Erkenntnis, dass Freiheit unser höchstes Gut ist und das es manchmal der mutigsten Taten bedarf, um sie zu erreichen.

Ignorierte Ereignisse 2011:
Für mich persönlich, aber auch generell hat die Twitter-Nachrichtenbeschleunigung 2011 nochmals zugenommen, weshalb ich nicht das Gefühl habe, dass mir besondere Dinge entgangen wären. Mir würden spontan die Entwicklungen in Brasilien, Pakistan, Angola, Sri Lanka und im Irak einfallen, wo jeweils mehr passiert ist, als man hierzulande mitbekommen hat. Auch zum Drogenkrieg in Mexiko gab es viel Bodycount und wenig Erklärungen, als ignoriert würde ich das Thema allerdings nicht bezeichnen.

Bester Journalismus 2011:
Leider lässt sich Twitter nicht so gut durchsuchen, weshalb ich nicht besonders viele konkrete Beispiele nennen kann. In diesem Jahr habe ich wie immer Holger Gertz gerne gelesen, aber auch Moritz von Uslar – den ich dem Eindruck nach für wenig sympathisch, aber sehr begnadet halte. Oh, und natürlich Alex Rühle, dem ich das Prädikat „wertvoll“ nicht nur als Autor, sondern auch als Kollegen geben kann.

Desweiteren fallen mir ein:

Adam Gopnik: The Information
Wolfgang Uchatius: Die Riester-Bombe
Mark Leibovich: The Man the White House wakes up to
Philip Faigle: Ohnmacht macht wütend
Hansjürg Zumstein: Der Fall Kachelmann
Tom Noga: Zahnlos glücklich in Vilcabamba

Beste Blogs 2011:
Stellvertretend für die deutschen Wirtschaftsblogger (und -twitterer), die mir die Krise erklärt haben und nicht müde werden, Verlautbarungen, Statistiken und Theorien zu hinterfragen: Dirk Elsner (Blicklog), Egghat (Die wunderbare Welt der Wirtschaft) und die Autoren des Herdentrieb-Blogs. Egghat ist übrigens nach 2008 schon das zweite Mal auf dieser Liste. Schade fand ich, dass Weissgarnix in dieser Form nicht mehr existiert (wobei ein Blick auf Wiesaussieht lohnt) – aber ich fühle mich dennoch bestens informiert.

Prognosen für 2012:
Nach dem unberechenbaren 2011 fällt es mir schwer, etwas zu prognostizieren. Ich will den Euro noch nicht abschreiben, habe aber meine Zweifel, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu verhindern ist (Watch-Länder sind neben Griechenland vor allem Spanien und Italien, außerhalb der Euro-Zone rechne ich mit massiven Problemen für Ungarn).
Barack Obama wird trotz Rezession in den USA (und weiten Teilen Europas) wiedergewählt werden, was nicht an seinen Verdiensten, sondern an der schwachen Konkurrenz liegt. Sarkozy sehe ich nicht mehr im Élysèe-Palast, er hat sich die Abneigung des Volkes langfristig gesichert.

Die Konsolidierung der arabischen Welt ist schwer vorherzusagen, ebenso die Entwicklungen in Iran und Irak. Brasilien wird auf jeden Fall eine größere Rolle spielen, alleine schon durch die zu erwartenden Wachstumsraten. China sehe ich nach dem Machtwechsel politisch eher repressiver werden (deutet sich ja bereits an), allerdings rechne ich dort auch mit einer wirtschaftlichen Schwächephase. In Deutschland sehe ich bei der FDP eine Ablösung von Rösler durch Brüderle, das ist aber keine besonders extravagante Prognose.

Wie waren die Prognosen für 2011?

Richtig lag ich bei:
-Schwarz-Gelb verliert Baden-Württemberg, die FDP ihren Parteivorsitzenden
-Probleme nach der Unabhängigkeit des Südsudan
-Proteste in Großbritannien (wenn auch anders, als gedacht)
-Bürger gegen Berlusconi

Falsch lag ich:
-Eurobonds kommen
-EU konsolidiert sich auf schwachem Niveau (wobei man das im Jahresschnitt ja durchaus so sehen kann)
-Gamal Mubarak tritt zur Wahl an (Boy, was I wrong…)
-Instabilität in Pakistan (jenseits der normalen Instabilität)

Euch allen ein gesundes 2012!

Texte und der blinde Fleck im Social Web

Lose Gedanken rund um das Teilen journalistischer  Texte.

Hand

(Foto: woodleywonderworks, Flickr, CC BY 2.0)

Klammern wir mal aus, dass ich Facebooks Bedeutung in den kommenden Jahren eher schrumpfen als wachsen sehe: Die Kulturtechnik des Teilens* wird jenseits einzelner Dienste ein grundlegendes Instrument im Netz bleiben – eines, das klassische Textmedien noch nicht wirklich anzufassen verstehen.

Soweit, so bekannt. Natürlich nutzen immer mehr Medienschaffende Twitter, Facebook oder was auch immer; in den kommenden Jahren wird hierzulande auch das Kuratieren von Nachrichten einen höheren Stellenwert gewinnen. Was ich vermisse, möchte ich anhand von zwei Beispielen beschreiben.

Auf das Thema gekommen bin ich über die Gerüchte zur Facebook-Erweiterung um einen Musik- und Videodienst.  Bereits jetzt gibt es über die Hulu-Integration für US-Nutzer die Möglichkeit, eine bestimmte Szene in einer Sendung/ einem Film zu kommentieren und bei Facebook zu posten. Klickt ein Kontakt auf die Statusmeldung, sieht er genau die Szene, die kommentiert wurde.

Das zweite Beispiel fand ich in einem Telekom-Spot für das Fußball-Abo bei T-Home. Dort kann man sich als Nutzer seine Konferenz selbst zusammenstellen. Wenn ich also mit einem Freund, der Köln-Fan ist, vor dem Fernseher sitze, kann ich theoretisch eine Konferenz mit Schalke-Leverkusen und Köln-Kaiserslautern verfolgen und muss nicht alle x der stattfindenden Spiele (oder ein einziges) sehen.

Was sind also die Punkte, die ich vermisse? Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Hulu-Beispiel auf den Textbereich übersetzen lässt – aber vielleicht sollten wir feinkörniger denken. Praktisch gesagt und sicherlich noch nicht mal ansatzweise weit genug gedacht: Warum bieten wir nicht Share-Optionen für einzelne Textstellen an? Oder ermöglichen es zum Beispiel Nutzern eine Art Tumblr-Funktion direkt am Text – also eigene Notizen, Ergänzungen, Links, etc., die dann wiederum geteilt werden können. Oder wie wäre es mit einer Community, die nicht unter, sondern neben dem Text kommentieren kann – also mit Anmerkungen und Ergänzungen zu einzelnen Absätzen, ja sogar Worten? Jenseits von der Frage nach der technischen Umsetzung, die nicht trivial ist, bleibt die Frage, ob es dafür ein Publikum gibt. Ich bin mir selber nicht sicher, habe aber nicht das Gefühl, dass die One-size-fits-all-Lösung (Teile den gesamten Text) der Teiler-Kultur nicht gerecht wird.

Das T-Home-Beispiel, ich hätte es auch durch Live-Events bei Twitter oder gemeinsames Musikhören/Filmgucken bei Facebook ersetzen können, beinhaltet aber zwei wichtige Faktoren des Social Web: Zeitsynchronität und Gemeinschaftsgefühl.  Eine journalistische Textform, die diese beiden Dinge vereint, gibt es erst einmal auf den ersten Blick nicht – wer liest schon mit Freunden zu einem bestimmten Anlass journalistische Texte, und dann noch übers Web? Auf den zweiten Blick gibt es natürlich eine Form, bei der Zeitsynchronität und Gemeinschaftsgefühl eine Rolle spielen: Diskussionen in der Community, ob auf der Seite oder rund um einen Text irgendwo im Web. Auch hier herrscht dringend Nachholbedarf, denn jenseits von Ausnahmen wie der Economist Debate wird den Ereignischarakter von Diskursen zu journalistischen Texten bislang komplett vernachlässigt.

Vielleich liest dies ja jemand und hat gerade eine Idee dazu – oder kennt Beispiele, die meinen Wünschen entsprechen.

Die Genialität der Buchhalter

Magic Accountant

Superhelden agieren im Verborgenen (Foto: David Anderson, Flickr, CC)

Als sich Tim Berners-Lee vor 20 Jahren am Cern das WWW ausdachte, war Patrick Illinger von der SZ* dort Doktorant und hat damit den Beginn einer Revolution am Rande seines Sichtfelds mitbekommen. Warum nur am Rande, erklärt er recht anschaulich mit einem Vergleich:

Wir Physiker sahen die Computerabteilung, sie hieß DD für „Data Division“, als eine Art Dienstleister an, vielleicht so wie in einem normalen Betrieb die Lohnbuchhaltung. Wozu unsere Buchhalter jedoch in der Lage waren, das sollten wir später noch merken.

Wenn wir nun in die meisten Online-Redaktionen der Gegenwart blicken, erleben wir meist eine ähnliche Einstellung: Die IT-Abteilung soll dafür sorgen, dass die Seite läuft, unser CMS nicht abstürzt, wir alle Zugänge bekommen.

Ich habe schon öfter (z.B. hier und hier) dargelegt, warum ich das für einen groben Fehler halte: Diese „Techniker“ sind eben nicht die Buchhalter, sie sind die Menschen, die über die Architektur des Raumes, in dem wir uns bewegen, bestens Bescheid wissen. Und wer, wenn nicht sie, können mit diesem Wissen dabei helfen, auch und gerade im Tagesbetrieb Ideen für den Journalismus der Zukunft mitzuentwickeln, Darstellungsformen jenseits des puren Textes?

Die New York Times hat gezeigt, welche wunderbaren Dinge passieren können, wenn Technik und Redaktion ganz nah zusammenrücken. Ich behaupte: Wer versäumt, es ihr nachzutun, wird immer nur auf die Innovationen der anderen reagieren können. Und anders als die Physiker am Cern können wir später einmal nicht anführen, eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt gewesen sein – es geht hier um unsere Kernaufgabe in Zeiten des Medienwandels.

*Disclaimer: ich arbeite für sueddeutsche.de und SZ