Grausamer Optimismus

The Best of a Bad Situation

Marco Roth von N+1 über Klimawandel und Anthropozän. „Wir sind Alltagsleugner des Klimawandels in dem Sinn, wie wir auch Alltagsleugner des Todes sind.“ Eine lange Achterbahnfahrt. Hier noch ein Auszug:

„Es ist eine Tragödie im postmodernen Sinn, in der die Tragik nicht dort liegt, wo Hegel dachte – im Konflikt zwischen zwei identisch gewichteten Sachverhalten, zwei gleichermaßen stichhaltigen Forderungen, die nur im nächsten Zeitalter oder Paradigma aufgelöst werden können. Vielmehr liegt sie in einem Kampf zwischen sinnlosen Sehnsüchten und verschiedenen Sets menschlicher Beschränktheiten.

Das existentielle Problem des nuklearen Zeitalters, und nun des Klimawandels, ist eine Abwandlung von dem, was Lauren Berlant grausamen Optimismus nennt: Die Instinkte und Gewohnheiten, die einmal unserem Überleben und Gedeihen dienten, wirken nun auf unsere Zerstörung hin – und enthüllen sich in vieler Hinsicht als etwas, das schon immer in diese Richtung gewirkt hat. So fühlt sich Aussterben von innen an.“

Der schrumpfende Planet

How Extreme Weather Is Shrinking The Planet

„Bis jetzt haben sich die Menschen ausgebreitet, während unserer Anfänge in Afrika, danach rund um den Globus – zunächst langsam, dann immer schneller. Aber eine Periode der Verengung beginnt, weil wir die bewohnbaren Teile der Erde verlieren. Manchmal wird unser Rückzug hastig und gewaltsam sein; der Versuch, über enge Straßen die brennenden Kleinstädte Kaliforniens zu evakuieren war so chaotisch, dass viele Menschen in ihren Autos starben. Aber der größte Teil des Rückzugs wird langsamer sein, und er wird entlang der Küstenstreifen der Welt beginnen. Jedes Jahr verlassen 24 000 Menschen das unerhört fruchtbare Mekong-Delta in Vietnam, weil die Ackerfrüchte mit Salz verschmutzt werden. Während das Meereis entlang der Küste von Alaska schmilzt, gibt es nichts, was Siedlungen, Städte und die Dörfer der Ureinwohner vor den Wellen schützt. In Mexico Beach, Florida, das Wirbelsturm Michael so gut wie ausgelöscht hat, erzählte ein Bewohner der Washington Post: ‚Die Älteren können das hier nicht mehr wieder aufbauen, es ist zu spät in ihren Leben. Wer wird hier bleiben? Wer wird sich kümmern?‘

In einer Woche Ende vergangenen Jahres las ich Berichte aus Louisiana, wo Regierungsbeamte die Pläne zur Umsiedlung Tausender Menschen abschlossen, die vom steigenden Golf von Mexiko bedroht werden (‚Nicht alle werden dort leben, wo sie heute sind und ihren ihren gewohnten Lebensstil fortführen. Das ist eine schlimme und emotionale Realität, der wir uns stellen müssen‘, sagte ein Offizieller des Bundesstaats). Aus Hawaii, wo einer neuen Studie zufolge 60 Kilometer Küstenstraße in den kommenden Jahrzehnten unpassierbar werden. Und aus Jakarta, einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern, wo die steigende Javasee die Straßen überflutete. In den ersten Tagen des Jahres 2018 überflutete ein Sturm Downtown Boston; Mülltonnen und Autos schwammen durch den Finanzbezirk. ‚Wenn jemand die Erderwärmung in Frage stellen möchte, soll er sich ansehen, wo die Flutgebiete liegen‘, erklärte Marty Walsh, der Bürgermeister von Boston vor Reportern. ‚Einige dieser Gegenden wurden vor 30 Jahren nicht überflutet.'“

Ein langes Stück, das aber alle wichtigen Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit zusammenfasst und nebenbei den Ausdruck „Predatory Delay“ ins Mainstream-Vokabular einführt – die Blockade von Veränderungen, um in der Zwischenzeit mit nicht aufrecht zu erhaltenden und ungerechten Systemen Geld zu verdienen.

Im Zusammenhang mit solchen Katastrophenprognosen, die sich eher an den möglichen Extremen orientieren, sei allerdings auch auf die derzeitige Mediendebatte in Deutschland hingewiesen. Sie dreht sich um die wichtige Frage, wie Journalisten mit den Unschärfen der Modelle umgehen sollen.

Siehe auch:
Klimawandel und die Vermittlung der Folgen
Menschengemacht
Wärme über dem Permafrost

Klimawandel und die Vermittlung der Folgen

Bruno Latour, the Post-Truth Philosopher, Mounts a Defense of Science

Mit sehr großem Interesse am vergangenen Wochenende gelesen: Die NYT über Bruno Latour und sein Verhältnis zur Wissenschaft (er tourt gerade zum Thema Anthropozän durch die USA).

„Weil die Angriffe auf ihre Expertise zugenommen haben, haben laut Latour einige Wissenschaftler begriffen, dass die klassische Herangehensweise der Wissenschaft – die Annahme, dass die Fakten für sich selbst sprechen und deshalb von allen Bürgern gleich interpretiert werden – ‚ihnen nicht ihre alte Autorität zurückgibt.‘ In einem Interview vergangenes Jahr beschrieb Rush Holt Jr., ein Arzt der 16 Jahre Abgeordneter im Kongress war, den ‚March for Science‘ als Wendepunkt. Die Leute, sagte er, würden langsam verstehen, ‚dass sie die Bedingungen verteidigen müssen, unter denen Wissenschaft gedeihen kann.‘ (…)

Latour ist der Ansicht: Wenn Wissenschaftler transparent erklären würden, wie Wissenschaft wirklich funktioniert – als Prozess in dem Menschen, Politik, Institutionen, Peer Review und so weiter alle ihre Rolle spielen -, wären sie in einer besseren Position, um die Menschen von ihren Behauptungen zu überzeugen. Klimaforscher, sagt er, müssten erkennen, dass sie als designierte Repräsentanten der Natur schon immer politische Akteure waren, und dass sie nun Kombattanten in einem Krieg sind, dessen Auskunft planetarische Auswirkungen hat.“

Ich konnte erfreulicherweise danach mit einem Fachmenschen darüber sprechen, der mir in der Tat erzählt hat, dass die Klimawandelfolgen-Vermittlung inzwischen eine immer größere Rolle im Fach spielt (und Interdisziplinarität weiterhin ein Problem ist, was im Text auch angerissen wird). Das oben Zitierte wirkt auf zwei Arten zunächst fremd: Einmal, weil Naturwissenschaften durch ihre Exaktheit die Vermittlung ja eher auf Versuchsanordnung und Konsequenzen der Ergebnisse beziehen als auf „so entsteht Wissen in sozialen Prozessen“. Wenn sie diese sozialen Prozesse überhaupt als relevant anerkennen. Und auch der Rollenwechsel von Mittelsmann/Mittelsfrau zum Akteur erscheint ungewohnt, aber angesichts des Endes des Mittelsmenschen im vernetzten Zeitalter dann doch irgendwie… unausweichlich.

Aber dann ist natürlich die Naivität, die gerade der zweite Absatz in sich trägt: Transparenz erscheint mir moralisch geboten, aber ist sie in diesem Fall – wir reden von einer Welt, in der Zweifel und Schaffung von Unübersichtlichkeit zum Fakten-Derailing genügen – mehr als eine idealistische Übung? Dabei meine ich nicht nur die Vermeidung von Komplexität, die solche Vermittlungen schwierig macht, sondern auch die Vermeidung von Verantwortung, die einen nicht geringen Teil der Klimawandel-Leugner antreibt. Vor dem Problem des „kollektiven Handelns“ kommt das Problem der „Interpretation zugunsten von Untätigkeit“. Was nichts daran ändert, dass wir neue Vermittlungen der Klimawandel-Erkenntnisse und vor allem der Folgen dringend benötigen, alleine schon zwecks des Handlungsdrucks. Der letzte Weltklimarat-Bericht war in dieser Hinsicht auch bereits deutlich weniger zurückhaltend.

Siehe auch:
Menschengemacht
Dunkler
Wärme über dem Permafrost
Im Klimawandel (2016)

Screenshot: John Quigley: Melting Vitruvian Man (2011), aus: Exploring the Arctic Ocean, Visual Arts Center, UT Austin

Menschengemacht

Final call to save the world from ‚climate catastrophe‘

„‚Wissenschaftler könnten in Großbuchstaben TUT JETZT ETWAS, IDIOTEN schreiben, aber sie müssen das über Fakten und Zahlen sagen‘, sagte Kaisa Kosonen von Greenpeace. (…) ‚Und das haben sie.'“ Die Forscher haben diese Fakten und Zahlen verwendet, um eine Welt mit einem gefährlichen Fieber zu beschreiben, ausgelöst durch Menschen. Wir glaubten, dass die Veränderungen kontrollierbar wären, wenn wir die Erwärmung in diesem Jahrhundert unter 2 Grad halten könnten. Das stimmt nicht mehr. Die neue Studie sagt, dass jenseits von 1,5 Grad alles einem Würfelspiel mit der Bewohnbarkeit unseres Planeten gleicht. Und die 1,5-Grad-‚Leitplanke‘ könnte schon 2030, also in zwölf Jahren, durchbrochen sein. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass harte Entscheidungen nicht länger verzögert werden können. Wenn die Länder der Welt nicht bald handeln, werden sie sich noch mehr auf unerprobte Technologien verlassen müssen, um das Kohlendioxid aus der Luft zu entfernen – ein teurer und unsicherer Weg.“

Aus: Sarah Sentilles – Draw Your Weapons 

„Wir wanderten auf einem Pfad entlang durch die Borstenkiefern hindurch. Wüstenbeifuß und blasse Felsen und der Himmel. Ruhe. Der älteste Baum im Gehölz ist Methuselah [Methusalem] genannt worden, nach Noahs Großvater, von dem die Bibel sagt, dass er kurz vor der Flut starb und der älteste Mensch auf dem Planeten war. Methuselah der Baum ist viel älter als sein menschlicher Namensvetter – 4789 Jahre alt, was bedeutet, dass er auf dem Planeten seit ungefähr 2773 vor Christus gelebt hat.

Methuselah ist nicht gekennzeichnet und hätte jeder Baum sein können, an dem wir vorbeikamen. Ihn zu kennzeichnen, ein Schild mit „DAS IST METHUSELAH, DAS ÄLTESTE BEKANNTE LEBENDE WESEN“ hinzustellen, würde ihn möglichem Schaden aussetzen, stand in einer Broschüre, die ich am Besucherzentrum mitgenommen hatte. Es würde die Menschen verleiten, ihn abzuholzen. Ihre Initialen in den Stamm zu ritzen. Einen Ast abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen. Ihn anzuzünden.

In der Broschüre stand die Geschichte eines Geologen, der Eiszeit-Frostsysteme erforschte und ein Team mitnahm, um die Borstenkiefern zu untersuchen. Er wollte genau wissen, wie alt sie sind, um eine Kaltzeit-Zeitleiste zu entwickeln. Er hatte ein Kernbohr-Werkzeug dabei, einen Bohrer. Er bohrte in einige der Bäume hinein, entnahm einen kleinen Zylinder, zählte die Ringe. Doch dann lief etwas schief: Sein Werkzeug blieb in einer der Borstenkiefern stecken.

Er und sein Team kamen zu dem Schluss, am besten den Baum zu fällen, um das Werkzeug herauszuholen. Sie brauchten das Werkzeug, überlegten sie, und es gab keine Möglichkeit, so weit weg und alleine in der Wildnis an ein anderes zu kommen. Es gibt so viele andere Bäume hier draußen, dachte der Mann. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass genau dieser Baum mit meinem Werkzeug drin der älteste ist?

Er ordnete an, den Baum zu fällen.

Er war mehr als fünftausend Jahre alt. Bereits 500 Jahre alt, als die Pyramiden in Ägypten gebaut wurden. 3000 Jahre alt, als Jesus auf der Erde umher wanderte. Die älteste Borstenkiefer. Das älteste lebende Wesen. Und dieser Wissenschaftler tötete es.“

Wärme über dem Permafrost

Some Arctic Ground No Longer Freezing—Even in Winter

„Jeden Winter gefrieren in der Arktis die oberen Bodenschichten und Pflanzenmaterial, bevor es im Sommer auftaut. Unter dieser aktiven Schicht liegt durchgehend gefrorene Erde – Permafrost, der sich Hunderte von Fuß nach unten erstreckt und an einigen Stellen seit Jahrtausenden gefroren ist.

Aber in einer Gegend, in der die Temperaturen auf bis zu minus 40 Grad sinken können, hat in diesem Jahr den Zimows [russische Wissenschaftler] zufolge ein ungewöhnlich starker Schneefall wie eine Decke funktioniert und überschüssige Wärme im Boden gefangen. Sie fanden Stücke, die 75 Zentimeter tief waren: Boden, der normalerweise vor Weihnachten friert und nun den ganzen Winter dampfig und breiig geblieben war. Zum ersten Mal seit Menschengedenken fror der Boden, der den tiefen arktischen Permafrost isoliert, im Winter nicht. (…)

Die Entdeckung wurde nicht im Peer-Review-Prozess überprüft oder veröffentlicht und stellt limitierte Daten eines einzigen Punkts in einem einzigen Jahr da. Aber die Messungen anderer Wissenschaftler in der Nähe und einen Ozean entfernt scheinen die Erkenntnisse der Zimows zu stützen. Einige Arktis-Experten stellen deshalb eine beunruhigende Frage: Könnte der Tau des Permafrosts Jahrzehnte früher beginnen, als die meisten angenommen hatten? In einigen der kältesten Gegenden der Arktis, in denen einige der größten Kohlenstoff-Vorkommen gebunden sind, deren Freisetzung von Treibhausgasen den menschgemachten Klimawandel beschleunigen könnte?“

Um nach der Lektüre eine weitere Frage anzufügen: Bleibt uns nur noch, den Unterschied zwischen „abgelaufener Zeit“ und „zu spät“ zu diskutieren? Im Artikel kommen auch Wissenschaftler zu Wort, die wie angedeutet die Aussagekraft der Messungen anzweifeln.

Siehe auch:
Im Klimawandel
Dunkler
Endspiel

Dunkler

Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change

„Das Eröffnungskapitel der Klimawandel-Geschichte ist zu Ende. In diesem Kapitel – nennen wir es ‚Die Befürchtung‘ – erkannten wir die Bedrohung und ihre Folgen. Wir redeten, mit wachsender Dringlichkeit und Selbsttäuschung, über die Aussicht, trotz schlechter Chancen zu triumphieren. Aber wir setzten uns niemals ernsthaft damit auseinander, dass wir scheitern könnten. Wir verstanden, was ein Scheitern für die globalen Temperaturen, Küstenstreifen, die landwirtschaftliche Produktion, Migrationsbewegungen, die Weltwirtschaft bedeuten würde. Aber wir haben uns nicht erlaubt, die Konsequenzen eines Scheiterns für uns selbst zu begreifen. Wie wird es die Art verändern, wie wir uns selbst sehen? Wie werden wir uns an die Vergangenheit erinnern, wie uns die Zukunft vorstellen? Warum haben wir uns das selbst zugefügt? Diese Fragen werden im Mittelpunkt des zweiten Kapitels stehen – nennen wir es ‚Die Abrechnung‘.“

Pop at the End

„Heute dauern Kriege länger als die Schulzeit von Kindern, unerbittliche Überwachung durch Regierungsstellen und Unternehmen wird mit Ambivalenz wahrgenommen, und ganze Bevölkerungen, von Imperien ruinierte Heimaten, werden ins Meer getrieben. Gesellschaften, Volksstämme und alternative Lebensweisen sind verschwunden, durch beiläufige Gewalt und ein Vergessen, das mit Hilfe struktureller Kontrolle erzwungen wurde. Die Vergangenheit ist übermalt worden, mutwillig beschädigt und ersetzt mit dem schludrigen Wandbild einer kolonialen Fantasie. Wir blicken zurück und sehen einen Abgrund; da vorne, mehr Zerstörung. In unseren Zukunftsvisionen sind vage Versprechen vom moralischen Bogen der Geschichte durch Bilder ersetzt worden, die auf spektakuläre Art zerstörte Metropolen zeigen: ein Miami, unter übersäuerten Ozeanen liegend; ein Seattle, das die Erde entzwei gerissen und verspeist hat. Und all das, bevor wir überhaupt unsere Studenten-Kredite zurückgezahlt haben.“

Was ist der Klimakompromiss wert?

Klimagipfel Cancùn

Cancún: Symbolträchtiges drinnen und draußen (Foto: Oxfam, Flickr, CC)

Rechtsverbindliches wurde in Cancún nicht beschlossen, weshalb der Spin dominiert. Dabei lautet der Tenor von allen Seiten: Es gibt wieder Hoffnung, die Nationen der Welt arbeiten wieder zusammen.

Ähnlich hoffnungsfrohe Töne gab es bereits nach dem G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007, am Ende stand dann das Scheitern aller Klimaschutz-Bemühungen in Kopenhagen. Der gefundene Kompromiss ist nichts weiter als das Verhindern des Ende des gesamten Prozesses.

Nächstes Jahr in Durban geht es ums Eingemachte, allen voran um die Frage, was aus dem Kyoto-Protokoll wird, das ausläuft. Ich kann mir ehrlich gesagt keine rechtsverbindliche Regelung vorstellen, die China und die USA einschließt, zumal im amerikanischen Kongress in Gestalt der Republikaner in den nächsten zwei bis vier Jahren jede Umsetzung von internationalen Klimaschutzvereinbarungen verhindern wird.  Ich halte es deshalb für wahrscheinlich, dass am Ende ein kleinster gemeinsamer Nenner herausspringt und jede Nation eigene Ziele definiert, die für die nächsten Jahre gelten und die eine große Politikänderung auf nach 2020 verschieben.

Angela Merkel, Klimaschutzkillerin

Deutschland macht sich schuldig: Mit ihrer Durchsetzung von Industrieforderungen beim EU-Klimagipfel hat Angela Merkel einmal mehr gezeigt – sie mag alles sein, eine Klimakanzlerin war sie noch nie. Das wird Folgen haben.

Merkel RedeVorbild, no more (via Bertelsmannstiftung…, Flickr)

Ich habe es bereits vor anderthalb Jahren nach dem G-8-Gipfel von Heiligendamm geschrieben: Die Klimakanzlerin Angela Merkel ist eine mediale Erfindung. Sie hat es nie gegeben.

Die Ergebnisse des EU-Gipfels in Brüssel bestätigen es: Wie bereits beim lächerlichen Kompromiss zu den CO2-Grenzwerten für Autos hat sich Deutschland als einer der entscheidenden Bremsklötze in Sachen Klimaschutz präsentiert.

Der Emissionshandel wäre in der Phase ab 2013 durch die Schaffung eines wirklichen Marktes zu einem wichtigen Instrument zur Steuerung des CO2-Ausstoßes geworden; nach dem jetzt auf deutschen Druck verabschiedeten Modell werden Klimakiller wie die deutsche Stahl- und Chemieindustrie ihre Zertifikate geschenkt bekommen und sich so über reichlich Mehreinnahmen freuen können. Kein Wunder, dass da auch Italien und Polen ihre Klimaschleudern schützen möchten.

Dieser Kompromiss ist eine Lächerlichkeit, zu wenig und schlicht ungenügend, um das Ziel (20 Prozent weniger CO2-Ausstoß als 1990 im Jahr 2020) der EU zu erreichen*. Ich weiß, dass die Konjunktur am Boden liegt, aber, auch in der Gefahr, wie Al Gore zu klingen: Die Folgen der Erderwärmung werden uns weit mehr kosten als ein verstärkender Abschwung, der von visionäreren Gesellschaften zum Umbau der eigenen Wirtschaft genutzt werden würde.
Diese Chance will die EU nicht wahrnehmen. Die bittere Konsequenz des Merkel’sche Arguments, man müsse die eigene Industrie stützen, solange es keine weltweiten Klimaregelungen gebe, wird gerade östlich von Brüssel deutlich: Bei der UN-Klimakonferenz in Pozan geht nämlich nichts mehr. Soviel zu weltweiten Regelungen, die mehr wert sind als das ungebleichte Papier, auf dem sie niedergeschrieben werden.

Der heutige Tag lässt Schlimmes für das nächste Klimaschutz-Protokoll erahnen: Die jetzige Linie weiter gezogen, können wir vom UN-Klimagipfel in Kopenhagen Ende 2009 dürfte magere Ergebnisse, verpackt in hoffnungsschwangere Erfolgsrhetorik bringen.

Das wird nicht genügen. Es gibt keine Ausrede mehr: In der Person Angela Merkels hat sich Deutschland heute schuldig gemacht, die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts einfach zu ignorieren. Die Konsequenzen dieser Entscheidung werden wir schon in wenigen Jahren erleben, auch wenn wir uns an die direkte Verbindung zu den heutigen Beschlüssen vielleicht nicht mehr erinnern.

Dieser Kompromiss mag den Strukturen der EU-Entscheidungsfindung und der aktuellen Wirtschaftskrise geschuldet sein. Dennoch ist er nichts weniger als eine Schande.

*Nachtrag: nach der Lektüre dieses Eintrags von Roger Pielke jr. sollte ich das vielleicht umformulieren: Die 20 Prozent wird die EU schaffen, aber nur, weil man durch durch die neu hinzugekommenen (->deshalb Stand 1990!) EU-Ostländer einen Vorsprung von 12 Prozent hat. Auch so kann man sich seine „Maßnahmen gegen den Klimawandel“ schönrechnen.

Stunde der Amateure

In der Finanzkrise entpuppen sich Profis als Amateure. Dabei bräuchten wir Könner gerade mehr denn je.
Börsenhändler
Weisheit der Vielen? (via daniel.gene, Flickr)

Im August 2006 verfasste der Journalist Nicholas Lehman für den New Yorker ein Stück mit dem Titel “Amateur Hour“. Darin beklagte er, dass Laien (Bürgerjournalisten) Branche und Gesellschaft ins Unglück stürzen würden, weil sie einfach keine Ahnung vom Metier hätten.

Michael Lewis hat in der aktuellen Ausgabe des US-Wirtschaftsmagazins Portfolio einen Artikel geschrieben, in der die Geschichte von Steve Eisman erzählt wird, der die Ignoranz der Finanzbranche gegen sie verwendete und mit seiner Investmentfirma schon früh auf den Kollaps des Wall-Street-Systems setzte.

Auch wenn Form und Thema voneinander entfernt sind, wirkt der Text wie der Konterpart zu Lehmans Theorie. Wer sieht, wie schnell es möglich war, an der Wall Street Karriere zu machen, wie hoch man ohne einen Funken Basiswissen steigen konnte, dem bleibt nur ein Fazit: Die Profis von heute sind Amateure.

Das ist eine Beobachtung, die wahrscheinlich in jeder Branche zu machen ist. Jeder Mensch kennt die Hochstapler, die sich mit Halbwissen und Charme durchschlagen. Und fragt sich, wie weit Menschen damit kommen und weshalb diese Dinge nicht auffliegen.

Lewis’ Artikel zeigt die Summe der Teile, zeigt, wie rücksichtsloses Nichtwissen(wollen) die ganze Welt aus den Fugen heben kann. Und doch ist die Finanzkrise nur eines von vielen Symptomen dafür, wie sich die globale Situation aufgrund von blinden, kurzfristig orientierten Entscheidungen immer wieder und immer mehr verschärft.

Gerade in Krisenzeiten ist der Mensch nicht dafür gemacht, seine Machtlosigkeit einzugestehen. Die lauen politischen Absichtserklärungen, Paulsons & Bernankes offensiv verkauftes Stochern im Nebel, das lächerliche deutsche Konjunkturprogramm oder die Geldverbrennung für die anstehenden Autoindustrie-Subventionen sind Ausdrucksformen einer simulierten Vollkontrolle über die Geschehnisse. Mit Können hat das nur wenig zu tun.

Das ist fatal: Jetzt wäre die Zeit gekommen, schnell und professionell zu handeln. Stattdessen steuern wir tiefer in die Krise, wachsen uns die Probleme so weit über den Kopf, dass sie inzwischen wahrscheinlich selbst von wirklichen Könnern (die es trotz allem in allen Branchen und Institutionen gibt) schwer zu meistern wären.

Ich befürchte, dass schwere Jahre bevorstehen, dazu nicht zuletzt eine Reorganisation des Währungswesens. Ich habe die naive Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dann der Moment kommt, in dem wirkliche Könner ran dürfen, keine faulen Kompromisse und neue Blasen entstehen und auch keine unsinnige Einzelinteressen den Weg zu einer gesunderen Marktwirtschaft stoppen können. Manchmal träume ich auch davon, dass wir schon auf dem Weg dorthin sind, obwohl die aktuellen Entscheidungen zum großen Teil in eine andere Richtung deuten.

Ob die Menschen, die unser System einmal reparieren, “Profis“ oder “Amateure“ sein werden, spielt keine Rolle. Der einsame Mahner Eisman hat kein BWL-Zertifikat, er ist Jurist und übertrieb seine Vorkenntnisse, als er ins Finanzwesen einstieg. Genauso wenig wie viele der Finanzblogger, die eine solch großartige Krisen-Berichterstattung machen, Journalisten sind. Lehmans These hat sich wieder als falsch erwiesen: Der entscheidende Unterschied ist nicht der zwischen Amateuren und Profis, sondern der zwischen Neugier und Ignoranz. Die Finanzblogger und den Skeptiker Eisman vereint der Drang, immer wieder Fragen zu stellen und keine Wahrheit als endgültig zu betrachten.

Das ist eine Eigenschaft, die nicht hoch genug zu bewerten ist – ob im Nachrichtengeschäft, der Finanzindustrie oder irgendeiner anderen Branche. Gerade die “Profis“ sollten sie wieder zu schätzen lernen.

Disclosure: Ich bin Journalist, habe aber mit der Kritik keine bestimmte Person oder Redaktion im Sinn.

Schlechtes Klima

Unwetter in Berlin
Koalitionsgewitter, diesmal mit Folgen (via mritz_p, Flickr)

Kommentatoren haben es im Moment einfach: Ob Steuern, Pendlerpauschale oder Präsidentschaftsstreit – die Große Koalition bietet reichlich Möglichkeiten, draufzuhauen. Doch jenseits der Tagespolitik und der schleichenden Entwertung der beiden Volksparteien droht nun ein langfristiges Projekt von der schwarz-roten Regierung gegen die Wand gefahren zu werden: Der Klimaschutz.

Vorab: Das Gesetzespaket wird, entgegen anderer Mutmaßungen kommen. Eine Blamage bei dem Thema, das sich Angela Merkel während des G-8-Gipfels im vergangenen Jahr so prominent auf die Fahnen geschrieben hatte, wird sich die Kanzlerin nicht leisten. Doch es gärt in den Ressorts, die Symbolpolitik von einst dürfte in ihrer konkreten Ausgestaltung nach einem faulenden Kompromiss riechen. Bereits in der Diskussion um die neue CO2-Richtlinie der EU präsentiert sich die Bundesregierung in Brüssel als Lobbyvertreter der deutschen Autoindustrie.

Nun hat auch das Wirtschaftsministerium eine Umstellung der KfZ-Steuer geblockt. Die Änderung der Bemessungsgrundlage von der Hubraumgröße auf den CO2-Ausstoß soll nur noch für Neuwagen gelten – die Halter alter Schrottmühlen haben so meist keinen Anreiz umzusteigen, im Gegenteil: Eine alte Rußschleuder zu behalten, wird so steuerlich in manchen Fällen sogar billiger als der Kauf eines umweltschonenden Neufahrzeugs. Wie mehrere Medien berichten, gibt es auch um eine am CO2-Ausstoß orientierte Erhöhung der LKW-Maut und die Klimarichtlinien für Gebäudesanierungen und -neubauten Streit. Pikant: In allen Konfliktpunkten dürfte Wirtschaftsminister Michael Glos einer der Blockierer sein – und der gehört bekannterweise der CSU an, die sich im Vorfeld des Wahlkampfs in der Bundespolitik profilieren möchte, auch gegenüber den Regierungskollegen der Schwesterpartei.

Das Kabinett soll am 18. Juni einen neuen Anlauf zur Verabschiedung des Klimapakets nehmen – aber es sieht bereits jetzt so aus, als würde die Große Koalition ihre Klimaziele zugunsten des politischen Weitermurksens opfern. Im weltpolitischen Kontext bedeutet dies, dass Deutschland bei den beiden drängendsten Problem der Menschheit momentan auf der Bremse steht: Neben dem Klimaschutz ist dies die Nahrungsmittelkrise, für deren Lösung Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer anstatt eines Abbaus der EU-Landwirtschaftssubventionen eine staatsgetriggerte “Renaissance der Landwirtschaft“.