Frank Wynnes Sammlung

Frank Wynne: Found In Translation

Ich war die vergangenen zweieinhalb Wochen unterwegs, eine Reise der erfreulichen Art. Auf der Suche nach Lesestoff der erfreulichen Art (und eine Ausrede, Nabokovs sperriges „Fahles Feuer“ auf unbestimmte Zeit zur Seite zu legen) bin ich auf eine Rezension zu Frank Wynnes Kurzgeschichten-Anthologie gestoßen. Wynne hat verschiedene Werke aus dem Französischen ins Englische übersetzt, darunter Houellebecqs Romane.

Nun hat Wynne eine Art Kanon von 100 ins Englische übertragenen Kurzgeschichten zusammengestellt, eine Anthologie, die über den üblichen Westzentrismus hinaus geht. Ich habe willkürlich Geschichten aufgeschlagen und so mir unbekannte Autoren/Autorinnen wie Nescio (Niederlande), Nina Berberova (Russland), Lu Xun (Kina) oder Horacio Quiroga (Uruguay) kennengelernt. Es ist schon erstaunlich, wie viel Neues sich durch die fortgesetzte Globalisierung (und beginnende Feminisierung) der Literaturwahrnehmung erschließt. Wenn ich da an Reich-Ranickis biederen Kanon denke…

Zugleich hat „Found In Translation“, obwohl vergangenen Sommer erschienen, noch keine einzige Amazon- oder Goodreads-Bewertung. Was ich nicht kulturpessimistisch interpretieren möchte, mich aber angesichts einer so überzeugenden Anthologie nachdenklich stimmt.

Borges und ich (und Social Media)

Beim Blättern bin ich vor kurzem wieder auf Jorge Luis Borges’ Miniatur-Kurzgeschichte “Borges y yo” gestoßen (pdf hier). Wer sie nicht kennt: Der Erzähler beschwert sich über einen Charakter (Borges), der ihm immer weniger Raum lässt. Borges passiert immer alles, von Borges liest er dauernd. Letztlich tritt er Borges immer mehr Erfahrungen und am Ende auch seine Existenz ab: Von Borges wird nach dem Tod etwas bleiben (im Gegensatz zum klagenden Erzähler).

Natürlich ist der Autor der Kurzgeschichte nicht von “Borges” dem Autor zu trennen – beide sind ein und dieselbe Person. Was mannigfaltige unterschiedliche philosophische Interpretationen (zum Beispiel hier) eröffnet. Für mich subjektiv: Borges der Autor (der “Andere”) verwertet immer größere Teile seines Lebens für sein Schaffen, während sein “Ich” (der Erzähler) hinter Borges immer weniger erkennbar wird und letztlich keine “eigenen” Erfahrungen mehr machen kann.

Für mich beschreibt das ganz gut unser “Ich” auf Social Media: Wir würden ja heute nicht mehr von einem Avatar reden, das alles sind wir selbst, obwohl wir uns nie mit unserem “Autor” auf Twitter, Instagram oder Facebook verwechseln würden. Wer tief im Sharing-Tunnel lebt, sieht alles durch die Linse der (Mit-)Teilbarkeit – wie der Schriftsteller jede Erfahrung auf ihre Verwendbarkeit für das Werk überprüft (und sei es nur als Tagebuch-Eintrag).

Beide Formen der Kreativität haben ihre Konventionen, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Das Sprechen durch das Werk ist etwas anderes als die relativ direkte Inszenierung als Checkerin oder liebenswerte Person (auch wenn jeweils der Wunsch nach Anerkennung der Antrieb sein mag). Und unser Social-Media-Werk ist nie abgeschlossen, wir müssen uns vielmehr neben dem Zurückdrängen des “Ichs” auch damit abfinden, dass auch vom “Anderen” nichts bleiben wird – außer der Erinnerung an eine Verbundenheit mit anderen Menschen/Selbst-Autoren, positiv oder negativ. Das ist bei näherer Betrachtung eine große Freiheit, denn wir können uns – anders als der Erzähler bei Borges – dafür entscheiden, unser Ich oder den Autoren unseres Selbst wachsen zu lassen.

Siehe auch:
Persönliche Marktanteile
Ein Knopf, den es zu drücken gilt