Journalismus und das „Wir“

The Club and the Mob

James Meek hat Alan Rusbridgers neues Buch „Breaking News“ gelesen und ausführlich besprochen.

„Das Internet hat nicht so sehr das Verhältnis der Menschen zu den Nachrichten verändert, sondern vielmehr das Bewusstsein der Menschen, während sie Nachrichten lesen. Zuvor waren wir isolierte Empfänger der Nachrichten; nun sind wir bewusste Mitglieder von Gruppen, die auf die Nachrichten gemeinsam reagieren. Wunderbarerweise ermöglicht das den wirklich Unterdrückten, den Urhebern [gesellschaftlicher] Kampagnen und denjenigen mit Minderheitsinteressen, Solidarität zu erhalten. Aber es bedeutet auch, dass die Paranoiden, die Misstrauischen, die Xenophoben und die Verschwörungsfreunde wissen, dass sie nicht alleine sind. Sie sind sich ihrer selbst als Kollektiv bewusst, als ein Publikum, das in der sicheren Dunkelheit des Parketts weint, jubelt, pöbelt und schreit – und ab und zu eine Maske aufsetzt, um auf die Bühne zu springen und einem der Künstler die Hose runter zu ziehen oder eine Panik auszulösen, dass das Theater in Flammen steht.

Rusbridger gibt zu, dass die Öffentlichkeit als Ganzes – obwohl sie wissen möchte, was wirklich [in der Welt] passiert – sich von den Nachrichtenmedien und besonders den Legacy-Medien entfremdet hat. Er fordert Journalisten zur Bescheidenheit auf und bewundert David Broders Beschreibung einer Zeitungsgeschichte als ‚eine abschlägliche, hastige, unvollständige, unvermeidlich irgendwie mangelhafte und und ungenaue Rauputz-Skizze einiger Dinge, die wir in den vergangenen 24 Stunden gehört haben.‘ Sein Konzept von ‚Open Journalism‘ ist, in Teilen, eine Übung in Bescheidenheit.“

Meek fragt dann, ob Journalismus nicht ohnehin immer offen sein muss: Jemand, der Neuigkeiten mit der Haltung begegnet, schon zu wissen was passiert ist, kann per Definition nicht an „News“ arbeiten. Und er kommt noch einmal zur Bescheidenheit zurück und beschreibt, wie der Guardian enthüllte, dass verdeckte Ermittler in den Achtzigern Affären mit britischen Aktivisten & Aktivistinnen eingingen und sogar Kinder zeugten. Eine Betroffene erfuhr erst acht Monate später davon, dass der Vater ihres Kindes ein Polizist ist – über das Foto in einer anderen Zeitung. Sie selbst und ihre Freunde lesen den Guardian nicht. Meek folgert:

„Es ist die eine Sache, als eingesessene Nachrichten-Organisation bescheiden zu sein im Zusammenhang mit der Kritik des ‚Ihr seid alle gleich‘ an Journalisten als Klasse. Es ist aber etwas anderes, zu akzeptieren, dass bei all deiner globalen Reichweite und der globalen Taten im Kampf für die öffentlichen Interessen jemand in deinem eigenen Hinterhof erst nach acht Monaten erfährt, dass du eine wichtige Geschichte enthüllt hast, die zufällig die wahre Identität des Vaters ihres Kindes enthüllt. Demut gegenüber Menschen, die dich einfach nicht wahrnehmen ist weniger befriedigend als Demut gegenüber feindlich gesinnten Skeptikern.

Die Anstrengung herauszufinden, was wirklich in der Welt passiert, ermüdet weniger als die Erkenntnis: In den seltenen Momenten, in denen du das herausfindest, wartet nicht jeder gebannt darauf, davon zu erfahren. Das bedeutet nicht, dass sich die Mühe nicht lohnt. Vielmehr heißt das: Wenn eine besondere Bescheidenheit in den gewissenhafteren Newsrooms nötig ist, besteht sie in der Anerkennung der Tatsache, dass das ‚Wir‘ einer einzelnen Leserschaft, das ‚Wir‘ als die Überzeugten von einem Journalismus in öffentlichem Interesse und das ‚Wir‘ einer Öffentlichkeit als Ganzes drei sehr unterschiedliche „Wir“ sind. Es ist sogar ein Wagnis, sie verbinden zu wollen.“

Ich habe das so ausführlich zitiert, weil ich die Herleitung für hilfreich halte. Journalismus ist eine unordentliche Angelegenheit, was unsere Verteidigung und Rechtfertigung als Profession nicht gerade einfach macht. Oft nehmen wir das in den Newsrooms gar nicht wahr, weil die Erinnerung an die (selten hart gemessene) Legacy-Wirkung so prägend ist. Dabei hatte die oft mehr mit der Komplexität der vordigitalen Nachrichtenverbreitung zu tun, als mit der Herstellung von Öffentlichkeit zu brisanten Themen. Bob Lefsetz hat einmal über die Filmbosse im Hollywood der Siebziger geschrieben:

„Lebe lange genug im Bauch der Bestie und es fühlt sich alles so wichtig an. Aber wenn du 30 Jahre später zurückblickst und alles auf den Tisch legst, dann erinnerst du dich an die Filme, aber sie sind dir egal und du merkst, dass von ihnen nichts geblieben ist. Als wäre alle Arbeit umsonst. Doch die Typen – und es sind meistens Typen – haben sich damals auf die Brust geklopft, die Lorbeeren für sich beansprucht und sich Schachmatches miteinander geliefert. Sie glaubten, dass sie Gary Kasparow sind, dabei waren sie in Wirklichkeit Kinder, die Sternhalma spielen.“

Eine beruhigende Perspektive, die mich auf das Bild des Handwerkers bringt: Eine Tischlerin schreinert ihre Möbel nicht, um damit prominent zu werden oder auf Panels darüber zu erzählen; sondern um etwas zu schaffen, was funktional, im Idealfall sogar schön und vor allem für den Kunden benutzbar ist. Zusammenfallen sollte das Mobiliar natürlich auch nicht. Nebenbei müssen Tischler heute ziemlich gute, individualisierte Produkte anbieten und in den verschiedenen Formen von Kundenverständnis fit sein, aber das nur am Rande. Ob eine Redaktion sich eher an Hollywood oder an einer Schreinerei orientiert, ist vom Einzelfall abhängig – genau wie der Wert, der dem Handwerk beigemessen wird.

Nun kann man natürlich niemandem verbieten, sich in einer Schreinerei als strategischer Hollywood-Großmeister zu fühlen. Wer sich diese Rolle gibt, sollte aber besser jene Eigenschaft mitbringen, die ich immer an Alan Rusbridger bewundert habe: Herausfinden zu wollen, welches Spiel eigentlich gerade gespielt wird.

Siehe auch:
Longtail, das sind wir alle
Journalismus, Abomodelle und Entbündelung
Was kommt nach dem Journalismus der Massenmedien? (2016)

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

Katastrophe am Rande der Wahrnehmung

BP und das Ölleck im Golf von Mexiko: Vertuschungen, Verschwörungen und eine Katastrophe, an die wir uns viel zu schnell gewöhnt haben.

Deepwater Horizon

Die Wahrheit liegt tiefer (via KK+, Flickr, CC)

Seit 76 Tagen fließt das Öl dort, wo früher die Ölplattform Deepwater Horizon stand. Fast ungehindert, inzwischen auch fast unbemerkt:  Wie so oft verliert eine Katastrophe ihren Schrecken, wenn wir uns an sie gewöhnt haben.Bis zu den Entlastungsbohrungen sind es noch einige Wochen, in denen nichts passieren wird. Außer weiterhin Öl, viel Öl, zerstörte Ökosysteme, dunkle Strände und tote Vögel.

Doch von all dem sehen wir wenig, was nicht nur daran liegen könnte, dass die Berichterstattung jenseits der lokalen Medien an Bedeutung verliert: Immer wieder erzählen Reporter, dass Sicherheitskräfte ihnen den Zugang zu den Katastrophengebieten verwehren (eine Übersicht gibt es auf dieser Seite). Glaubt man der Mother-Jones-Reporterin Mac McClelland (hier ein Interview als Stream oder Transkript), deutet vieles auf eine unselige Art des Private-Public-Partnership hin: Die lokalen Behörden erscheinen in vielen der geschilderten Fälle als Handlanger für BP; ein Eindruck, der durch die jüngste Entscheidung, Medienvertreter nicht näher als 20 Meter an die Ölsperren zu lassen, verstärkt.

Längst hat BP jede Glaubwürdigkeit verloren, und wo es keine Glaubwürdigkeit gibt, machen schnell die wildesten Gerüchte die Runde: Da wird ein Bericht des Hoax-Autoren „Sorcha Faal“ herumgereicht, wonach das Öl bereits aus dem Meeresboden austritt und nur mit einer nuklearen Sprengung zu stoppen ist; da nimmt Keith Olbermann bei MSNBC einen anonymen wie spekulativen Bericht aus einem Ölforum auf, um ihn von einem Fachmann ebenso spekulativ als mögliches Szenario bestätigen zu lassen; da wird weiterhin behauptet, Obama würde keine fremde Hilfe wegen seiner Nähe zu den Gewerkschaften zulassen, obwohl dies offensichtlich nicht der Wahrheit entspricht.

Jenseits des Spins, der Vertuschung und der eigenen Projektion bleibt derzeit nur das Wissen, dass weiter Rohöl in großen Mengen ins Meer fließt. Die ganze Wahrheit werden wir erst in einigen Monaten erfahren. Wir können nur hoffen, dass bis dahin die Deepwater Horizon nicht in Vergessenheit geraten ist. Und, dass BP zur Rechenschaft gezogen wird und eine unabhängige Untersuchungskommission sämtliche Ungereimtheiten und Vorwürfe aufklärt. Denn BP zerstört gerade nicht nur ein Ökosystem, sondern auch die wirtschaftlichen Grundlagen und womöglich die Gesundheit der Anwohner. Denn nach dem PB-Syndrom während des ersten Golfkriegs könnte die Welt bald Bekanntschaft mit dem BP-Syndrom und den Folgen des giftigen Dispersionsmittels Corexit auf Ökosysteme und Lebewesen machen.

Die Versachlichung der Mediendebatte

Massenmedien
Lautstärke vs. Diskursqualität, Version 2.0 (via latejapride, Flickr)

Nach der Massenhyperventilation in den vergangenen Wochen über das SZ-Magazin (das ich übrigens ganz ordentlich fand) und den unverzeihlichen Fehler der zuständigen Redaktion, das eingestellte US-Wirtschaftslifestyle-Magazin Portfolio als Blog zu bezeichnen, hatte ich wieder einmal den Glauben verloren: Werden wir niemals von Diskussionsstand und -tonalität von 2005 wegkommen.

Vielleicht nicht in Deutschland. Dass wir über das Thema ohne Schaum vor dem Mund diskutieren können, zeigt der angelsächsische Economist in seinem ausgewogenen und fundierten Briefing über die Zukunft der Medien (aktuelle Ausgabe). Denn es gibt über den Medienwandel nicht mehr zu sagen, als der letzte Absatz im dazugehörigen Kommentar:

“But the only certainty about the future of news is that it will be different from the past. It will no longer be dominated by a few big titles whose front pages determine the story of the day. Public opinion will, rather, be shaped by thousands of different voices, with as many different focuses and points of view.

As a result, people will have less in common to chat about around the water-cooler. Those who are not interested in political or economic news will be less likely to come across it; but those who are will be better equipped to hold their rulers to account. Which is, after all, what society needs news for.

So, meine lieben Landsleute. Wenn wir die Debatte erst einmal mit dieser Coolness führen, dann bin ich wieder dabei. Bis dahin überlasse ich das Hyperventilieren den anderen.

Der wahre Schaden des Wolfgang Clement

Die Gründe für den Rauswurf des überbewerteten Ex-Ministers Wolfgang Clement aus der SPD sind fadenscheinig: Die Lobbyarbeit des ehemaligen Landesvaters hat den Sozialdemokraten weit mehr geschadet als seine Angriffe auf Parteifreunde.
Wolfgang Clement
Zu Verzweiflungstaten bereit? (Foto via Tomas Caspers, Flickr)

Bevor die Hitze des Sommerlochs das politische Deutschland komplett paralysiert, sorgt die Personalie Wolfgang Clement nochmals für einen Windhauch der Aufregung. “Endlich isser weg, der Verräter unserer Werte“, freut man sich links, während sich die Mitte wundert, wohin die SPD, die sie einst wählte, driften wird.

Aus der Nähe betrachtet, ist der Wind allerdings eher ein laues Lüftchen. Nicht nur, weil die Bundesschiedskommission die Entscheidung aus NRW revidieren dürfte: Wolfgang Clements Leistungen werden generell überschätzt. Als NRW-Ministerpräsident gab er den Modernisierer, das ambitionierteste Projekt seiner Amts blieb jedoch der Umzug der Staatskanzlei ins protzige Düsseldorfer Stadttor; die angeschobene Verwaltungsreform versandete, die Etablierung NRWs als Medienstandort blieb ein hochsubventioniertes Zuschussgeschäft.

Als Wirtschafts- und Arbeitsminister war die Agenda 2010 Clements folgenreichstes Projekt, unter der schlampigen Umsetzung durch Bundesregierung und Bundesagentur für Arbeit leidet das Land allerdings noch heute. Das Mammutwerk verdeckt im Nachhinein, dass Clement im Berliner Alltagsbetrieb vor allem durch blinden Aktionismus auffiel. Die medial propagierten Schnapsideen des Ministers wurden bald zur sprichwörtlichen Clement-Sau, die mindestens einmal pro Woche durchs politische Dorf gejagt wurde.

Der Ausschluss Clements ist nicht bemerkenswert. Falsch ist er, weil die Begründung fadenscheinig wirkt. Größeren Schaden als mit seinen Äußerungen hat Clement mit seiner post-ministeriellen Karriere angerichtet: Als Lobbyist für RWE und die Zeitarbeitsfirma Adecco beweist er das moralische Feingespür eines Feudalherren. Ähnlich wie seine ehemaligen Regierungskollegen Schröder, Schily, Koch-Weber, Halsch und Schlauch hat er zu einem posthumen Ansehensverlust der rot-grünen Regierung beigetragen, dessen Folgen bis tief ins eigene Klientel nachwirken.

Die Entscheidung der NRW-SPD ist eine direkte Reaktion auf das sinkende Vertrauen der Stammwählerschaft in der “Herzkammer der Sozialdemokratie“, die allerdings vor allem die personellen und programmatischen Schwächen des Landesverbands ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken wird. Anstatt das Nachtreten des Ex-Landesvaters im Hessen-Wahlkampf zu bestrafen, hätten die Genossen auch pragmatisch reagieren können: Mit der Nichtbeachtung eines aufmerksamkeitssüchtigen Ex-Politikers und konkreten Vorschlägen zu einer zweijährigen Lobbyjob-Sperrfrist für abtretende SPD-Entscheidungsträger auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene.

Spot aus für den Bengel

spotlight
Zensus-Blödsinn ins Rampenlicht? (via Mace2000, Flickr)

Im Spiegelfechter gibt es einen Beitrag zu lesen, bei dem ich hin- und hergerissen bin. Vorab: Ich schätze viele Postings des Spiegelfechters, finde aber seine moralgetriebene Polemik oft etwas über-trieben.

Als ich den Artikel zu den Forderungen des RCDS-Vorsitzenden Gottfried Ludewig nach einem neuen Klassenwahlrecht (Doppelstimme für Leistungsträger) sah, dachte ich im ersten Moment an einen Scoop, ja, den ersten richtig politischen Scoop der deutschen Blogosphäre – mit einer von den Mainstream-Medien vernachlässigten Äußerung hatte es ja auch bei Trent Lott angefangen. Und immerhin sitzt Ludewig im CDU-Bundesvorstand, wenn auch nur satzungshalber.

Auch der für solch geschichtliche Anlässe passende Pathos findet sich im Beitrag mit der Forderung “Herr Ludewig – treten Sie zurück und zwar sofort’!“, einige andere Blogs kommentieren entrüstet bis hämisch. Doch neben dem guten Eindruck, dass hier zarte Pflänzchen der Politisierung keimen, schleicht sich auf den zweiten Blick ein komisches Gefühl ein, das auch schon einige Kommentatoren in den Blogs benannt haben: Wenn der gute Herr Ludewig schlicht auf Schock-Publicity aus war, um seinen Namen schon einmal in das kollektive Mediengedächtnis einzuprägen, ist ihm dies in den Blogs nun gelungen. Zur Rolle des allgemeinen Erheiterers bei Anne Will hatte es ja zuvor schon gereicht (also hatte sie eigentlich den “Scoop“).

Die Eigen-PR einer Figur, die es politisch nicht einmal zum F-Promi bringt, lässt sie also für einen Tag zum Gesprächsthema werden. Reingelegt? Klar ist: Die Vorschläge des Studi-Politikers sind so verfassungswidrig wie hirnrissig, das angedeutete Weltbild lässt den Beobachter in ungläubigem Erstaunen zurück. Weil die Mainstream-Medien das Thema bislang fast durchgehend vernachlässigen, ist der laute Aufschrei gerechtfertig.

Doch vielleicht haben die Mainstream-Medien, eventuell unabsichtlich, ebenfalls das Richtige getan: Sie haben einem politischen Akteur, der mit billigsten Mitteln ins Rampenlicht drängte, selbiges schlicht abgedreht. Sei’s drum: Wenn sich die Blogs öfter politisch echauffieren und die MSM gleichzeitig öfter und konsequenter diverse Selbstdarsteller links liegen lassen würden – ich wäre zufrieden.