Rusbridgers Vermächtnis

 Alan Rusbridger: Breaking News – The Remaking of Journalism and Why It Matters Now

Die Rusbridger-Memoiren haben ihre Längen und ihre blinden Flecken (zum Beispiel der finanzielle Zustand des Guardian am Ende seiner Amtszeit). Aber die Lektüre ruft in Erinnerung, dass sich kaum ein Verantwortlicher in der Medienbranche so intensiv mit der Digitalisierung auseinandergesetzt hat. Nicht nur im Bezug auf das Geschäftsmodell, sondern vor allem systemisch – was heißt „Publishing“, wenn Information frei zirkuliert, das ehemalige Publikum sich auf Augenhöhe befindet und die Schwächen der alten Formate deutlich werden?

Gerade als Chef einer Zeitung war das ungewöhnlich und im Blick auf den deutschsprachigen Raum wird deutlich, dass eine solche Vordenker-Figur in Legacy-Führungsfunktion zwischen 1995 und 2015 schmerzlich gefehlt hat (um Rusbridgers Amtszeit als Referenzrahmen zu nehmen). Ohne diesen Ehrgeiz wäre der Guardian heute eine auf Großbritannien fixierte Digitalmarke wie der Telegraph.

Natürlich war das nicht allein Rusbridgers Verdienst, sondern nicht zuletzt dem Input aus der zweiten Reihe – Aaron Pilhofer, Emily Bell etc. – zu verdanken. Und auch die Auseinandersetzung mit dem, was digitale Publizistik heute sein muss, ist noch nicht beendet. Selbst wenn das Schlagwort „Paid Content“ dazu verführt, das beiseite zu wischen oder im Legacy-Geist zu beantworten. Gerade weil die 2020er eine (gelinde gesagt) stürmische Zeit werden, wird sie eher noch wichtiger.

Rusbridgers Idee des „Open Journalism“ erschien manch klassischem Journalisten einst und auch heute, angesichts der harten Auseinandersetzungen in Social Media, beinahe rührend naiv. Und doch liegt in ihr der Schlüssel zu dem, was im Englischen mit dem schönen Wort „Accountability“ beschrieben wird. Deshalb habe ich mich vor ein paar Tagen sehr gefreut, dass mit Tortoise eine neue britische Redaktion versucht, mit Open Journalism in das kommende Jahrzehnt zu gehen. Das Projekt geht in den kommenden Tagen online, ich bin gespannt.

Big F’cking Deal

Der Fall #Relotius beschäftigt mich natürlich, und die Fassungslosigkeit hat mich noch im Griff. Die Auswirkungen auf die deutsche Medienwelt lassen sich noch nicht absehen. Gar nicht im Sinne von „das wird unvorstellbare Konsequenzen haben“, sondern: Ich habe keine Ahnung, ob daraus etwas folgen und was das sein wird. Die Angelegenheit lässt sich ja der Person, der Redaktion oder der Situation der Medienbranche als Ganzes zuweisen. Jeder macht sich ja seine eigenen Gedanken über Stärken, Defizite und Wesen der Branche, und der Fall bietet eine riesige Projektionsfläche.

Ich würde mir wünschen, dass Fall als Vorwand dient, die amerikanischen Qualitätsmedien-Standards in Deutschland zu übernehmen. Das ist deshalb ein Vorwand, weil natürlich die ihre ganz eigenen Skandale, Probleme und Geschichtenerfinder hatten und haben. Gerald Kleffmann formuliert den ersten Schritt so:

Jenseits dessen werfe ich zur konkreten Verbesserung der Glaubwürdigkeit einfach mal drei Ideen in den Raum, die sich digital umsetzen lassen.

  • Eine Art „Beipackzettel“ für Geschichten, in der unter dem Text/Video die Recherche-Bestandteile aufgelistet werden. Woher stammen die Infos, mit wem habe ich mich getroffen, wie waren die Rahmenbedingungen, habe ich einen Auftritt am TV oder vor Ort verfolgt etc. Die Idee hat Dirk von Gehlen vor vielen Jahren einmal gehabt und ich bin ein großer Fan, weil sie auch die Recherchequalität anheben würde (dass ich bei Investigativ-Geschichten keine Namen nennen kann, ist klar, btw.). Ich wünsche mir immer ein Digital-Textlayout, in dem Autoren wie bei Genius Anmerkungen zu ihren Absätzen auf einer zweiten Ebene (Mouseover) hinterlassen können, um Formulierungen klarer zu machen, sogar Zweifel am eigenen Ausdruck zu äußern, oder einfach Quellennachweise zu liefern.
  • Die Einführung eines Public Editor, den es auch bei einigen deutschsprachigen Medien bereits gibt. Wie viel weniger angreifbar wäre die Rekonstruktion gewesen, wenn sie ein dem Leser verpflichteter Ombudsmensch geschrieben hätte, statt eines künftigen Mitglieds der Chefredaktion? Ich glaube, wir hätten dann auch die Diskussion über Stilfragen nicht, weil die Herangehensweise eine ganz andere gewesen wäre.
  • Autorenzeilen abschaffen und stattdessen unter dem Text das Team (Reporterin/Autor/betreuende Redakteure) aufführen. Ausnahme: Meinungsartikel/Kolumnen. Ist die nächstbeste Variante zum völligen Verzicht auf Autorennamen (wie es der Economist immer noch pflegt), zu der wir aber glaube ich nicht mehr zurück können. Die Idee dahinter: Die Textarbeiter und Themendesign-Helfer erhalten mehr Aufmerksamkeit, was unterm Strich auch das Niveau heben dürfte.

Das alles sind nur Vorschläge, sicher keine Patentrezepte. Ich überschätze, anders als früher, auch die Zahl derer nicht mehr, die überhaupt etwas ändern wollen. Was mir bleibt, ist meinen Job so gut wie möglich zu machen.