Journalismus, Abomodelle und die Entbündelung

Subscription Fatigue? ($)

Ben Thompson mit seiner Perspektive auf eine Nieman-Lab-Geschichte zur Frage, wer sich wirklich digitale Zweit- und Drittabos leisten wird.

„Lokalzeitungen entstanden in einer Zeit, als das Geschäftsmodell für Journalismus darauf aufbaute, die Verteilung physischer Zeitungen zu kontrollieren. (…) Im Internet ist die Distribution allerdings kostenlos, jede Publikation konkurriert mit jeder anderen Publikation. Das ist ein Problem, wenn ein großer Teil deines Contents Nachrichtenagentur-Stücke über nationale und weltweite Nachrichten sind, so wie das bei Lokalzeitungen der Fall ist. (…) Es gibt einfach zu viele andere, bessere Optionen, selbst wenn du zu zahlen bereit bist.

So weit, so bekannt. Aber wie Geld verdienen? BT weiter:

Die Antwort also lautet: größere Spezialisierung. Eine Publikation, die sich auf Lokalnachrichten konzentriert, sollte zum Beispiel über nichts anderes als Lokalnachrichten berichten. (…) Unter dem Strich verkauft eine Lokalzeitung keine Wörter, sondern ein Gefühl, informiert und ein guter Bürger zu sein. In diesem Zusammenhang kann es sogar ein Service sein, mir zu erzählen, das nichts passiert ist und ich meine Zeit besser damit verbringe, etwas anderes zu lesen.“

Wer Ben Thompson liest (und das sollte jeder, der sich mit den geschäftlichen Komponenten der Digitalisierung beschäftigt), weiß natürlich, dass er selbst ein Beispiel für diese Spezialisierung ist: Seine Seite Stratechery kostet 10 Dollar pro Monat und liefert vier Mal die Woche per E-Mail detaillierte Tech-Analysen, sonst nichts.

„Wenn Menschen gefragt werden, ob sie für Nachrichten zahlen, ist die natürliche Reaktion, sich unter Nachrichten das vorzustellen, was gerade unter dem Konzept verstanden wird. Um ein einschlägiges Beispiel zu nehmen: Stell Dir vor es ist 2013 und jemand fragt dich, ob du eine Tech-Publikation abonnieren würdest. Die meisten hier hätten wahrscheinlich ’nein‘ gesagt, weil der Referenzrahmen aus jenen Tech-Publikationen bestanden hätte, die 2013 populär waren. Diese Publikationen aber wurden alle von Werbung angetrieben, was zu entsprechenden redaktionellen Kompromissen führte.“

Damit meint BT nicht Schleichwerbung oder Ähnliches, sondern den Fokus auf „General Interest Tech“. Also alles, von Branchen-Berichten über Produkttests und Lifestyle-Aspekten bis zu wissenschaftlichen Entwicklungen von Technologien (vgl. Wired). Bei Tech ist sogar schon eine Spezialisierung dabei, was sich bereits 2013 dort nicht fand, sind die klassischen Vermarktungsressorts wie Reise oder Automobil. Aber weiter mit Ben Thompson:

„Spulen wir ins Jahr 2018 vor und siehe da: Du zahlst 10 Dollar pro Monat für eine Tech-Publikation, aber eine, die auf ein Abomodell aufbaut. Mein Ziel besteht nicht aus Seitenaufrufen oder soziale, Sharing, sondern dass du jeden Morgen das Gefühl hast, etwas Einzigartiges zu lesen, dass dich über eine Branche nachdenken lässt, für die du dich interessierst.

Jetzt nehme dieses Gefühl und wende es auf den ganzen Regenbogen menschlicher Interessen an. Jeder Mensch hat etwas, für das er sich interessiert und das von General-Interest-Publikationen schmerzhaft unterbelichtet und missverstanden wird. Wie viel wäre die Person bereit, jemandem zu bezahlen der dieses Thema versteht und sie zum Nachdenken bringt, sei es ihre Stadt, Hobby oder Karriere?“

Nun speist sich dieser Optimismus ein bisschen aus eigener Erfahrung und der fehlenden Sprachbarriere: Ben Thompson ist Amerikaner und schreibt auf Englisch, der mögliche Markt ist also quasi die ganze Welt. Wer alleine journalistisch publiziert, hat in anderen Sprachen derzeit geringe Chancen auf langfristige Refinanzierung, weil die Nische eben nur unter bestimmten Bedingungen skaliert. Chinesisch wäre natürlich auch zu nennen, aber da findet journalistisches Publizieren nur unter den Bedingungen der Partei statt.

Doch zurück zu seiner Idee einer Entbündelung: Entbündelung bedeutet, anders als ich das einmal erwartet hatte, nicht unbedingt Dezentralität. Siehe Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder Startnext, Abo-Infrastrukturen wie Patreon, Steady* oder Substack und (Einstiegspunkt-)Plattformen wie Medium. Es wird also ent-bündelt und gleichzeitig ge-bündelt, wenn auch im Moment eher funktional als inhaltlich – Patreon ist erst einmal ein One-Stop-Shop zur Unterstützung von Kreativarbeitern, die Funktion der Aufmerksamkeitslenkung ist fast nicht vorhanden.

Angesichts solcher Schwächen geistert im Hintergrund immer die Idee herum, dass Amazon oder Apple das „Spotify für Journalismus“ bauen könnten. Dann wäre auch die Frage „wie viele Menschen brauchen ein Zweitabo?“ beantwortet – niemand, denn alles wäre im jeweiligen (wahrscheinlich gestaffelten) Preis enthalten.

Ob darin dann aber Einzel-Publisher wie ein „Ben Thompson, der über Skateboarden schreibt“ überhaupt vorkommen würden, ist überhaupt noch nicht gesagt. Und für die Nischen würde sich die Refinanzierung kaum verändern (die Gleichung würde wohl lauten: „mehr Aufmerksamkeit, aber keine Einnahmen-Steigerung verglichen mit Patreon“ – und wir wissen alle, wie endlos der Long Tail auf Patreon ist). Redaktionen wiederum würden sich zumindest Gedanken über Exklusiv-Vertikalen auf den Plattformen machen müssen, während es sich für einzelne Publizistik-Stars wegen der Einstiegsboni lohnen könnte, zu plattformexklusiven Autoren zu werden. Aber das ist eine sehr am amerikanischen Marktverständnis orientierte Prognose, gebe ich zu.

Noch und zumindest mittelfristig erst einmal weiterhin sind die Machtverhältnisse zwischen Apple/Amazon und den größeren Publishern nicht so weit, schon gar nicht in Deutschland. Aber wahrscheinlich würde spätestens die Perspektive eines solchen „Neu-Bündels“ auf der Plattform auch in D-A-CH die jeweiligen Medienhäuser und Verlage dazu bringen, ein eigenes markenübergreifendes Angebot dieser Art zu schaffen. Spätestens damit wäre das bisherige Bundle radikal hinfällig. Allerdings entspricht das Bundle angesichts der sich abzeichnenden oligopolartige Bespielung von Titeln aus einer Handvoll Zentralredaktionen ohnehin nicht mehr der Formel „Eine Redaktion, ein Produkt“.

Diese Backend-Zentralisierung ist eigentlich das genaue Gegenteil einer Entbündelung des Produkts. Die Idee des „Unbundling“ genießt in den meisten Medienhäusern einen ähnlichen Ruf wie Reisegutscheine für die Titanic. Aber die Entbündelung ist nur schwer aufzuhalten und auch logisch, weil sie viele Formen annehmen kann – unter anderem die Gestalt von Vertikalen.

Das New York Magazine, um dessen neue Paywall es im Nieman-Lab-Artikel unter anderem geht, hat es vorgemacht: Es gibt NYMag.com als Content-Hub, dazu die Schwerpunkt-Eigenmarken The Cut (Mode), Intelligencer (Politik/Meinung), Grub Street (Essen), The Strategist (Shopping-Ratgeber) und Vulture (Popkultur). Alle diese Vertikalen haben ein eigenes Layout, Schwerpunkte, unverwechselbare Haltung und einen bestimmten Sound. Teilweise sind sie von Ressorts im Magazin abgeleitet, aber ich wusste zum Beispiel lange nicht, dass Vulture mit dem NYMag zu tun hat, obwohl ich das Heft abonniert habe. Entbündelung kann also dabei helfen, seine Expertise klarer zu identifizieren und auszubauen. Und an Letzterem führt mittelfristig kein Weg vorbei, Nachrichtenübermittlung und -analyse alleine ist kein Alleinstellungsmerkmal. Und wofür würde ich Geld bezahlen: Für ein Digitalabo von NYMag.com oder für ein Digitalabo mit fünf spezialisierten Marken, für deren Inhalt das NYMag bürgt?

Die Antwort darauf, ob wir in den kommenden zehn Jahren Bündelung oder Entbündelung erleben, lautet also womöglich: Es wird ein und dieselbe Bewegung sein, aus der Vogelperspektive kaum unterscheidbar. Kleinere Teile werden vom großen Ganzen abgespalten und dann in das passende Mosaik eingesetzt.

*23.11. Steady nach Hinweis ergänzt (habe die deutschen Sachen nur so im Augenwinkel-Blick)

 

 

 

Medien-Neigungen

Our cult of personality is leaving real life in the shade

George Monbiot über den Scheinwerferlicht-Effekt, also die Personalisierung komplexer Themen (und damit einhergehend ein Fokus auf öffentliche Persönlichkeiten). Der Artikel erschien vor der ganzen Atemlosigkeit rund um „Kanye goes to Washington“ und „Taylor Swift gibt Wahlempfehlung ab“.

„Welche Menschen würde man am ehesten in Interviews von Zeitungen erwarten? Diejenigen, die am meisten zu sagen haben vielleicht, oder die mit den erlebnisreichsten und seltsamsten Erfahrungen? Das könnten Philosophen sein, oder Ermittler, oder Ärzte, die in Kriegszonen arbeiten? Flüchtlinge, Polarwissenschaftler, Straßenkinder, Feuerwehrmänner, Base-Jumper, Aktivisten, Autoren oder Freitaucher? Nein. Es sind Schauspieler. Ich habe keine empirische Studie durchgeführt, aber ich würde schätzen, das irgendwas zwischen einem Drittel und der Hälfte aller großen Interviews in Zeitungen Menschen im Mittelpunkt hat, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, die Persönlichkeit von jemand anderem anzunehmen und die Worte zu sprechen, die jemand anderes sich ausgedacht hat.

Das ist ein derart bizarres Phänomen, dass wir es sicherlich verblüffend finden würden, hätte es sich nicht nach und nach entwickelt. Aber es erscheint mir die Funktion der Medien zu symbolisieren. Das Problem geht tiefer als ‚Fake News‘. Was es anbietet, sind Nachrichten über eine falsche Welt. (…)

Der Mangel der Medien an Einfallsreichtum und Perspektive ist nicht nur ermüdend. Er ist gefährlich. Es gibt eine besondere Art von Politik, die völlig um Persönlichkeiten herum gebaut ist. Eine Politik, in der Substanz, Evidenz und Analyse mit Symbolen, Slogans und Sinneseindrücken ersetzt wurden. Man nennt sie Faschismus. Wenn du politische Narrative um die Psychodramen von Politikern herum konstruierst, auch wenn sie dich nicht dazu auffordern, dann machst du den Weg frei für diejenigen, die dieses Spiel effektiver spielen können.“

 The problem with real news – and what we can do about it

Rob Wijnberg von De Correspondent, das jetzt auch in die USA expandiert:

„Das Problem sind nicht liberale Neigungen, sondern die Neigungen zum gegenwärtig Passierenden. (…)

Nach fast allen großen gesellschaftlichen Schocks, von Massenvernichtungswaffen über die Finanzkrise über Brexit bis zu Trump, stellen Menschen in den Nachrichtenmedien die stets gleiche Frage: Warum haben wir das nicht kommen sehen?

Die übliche Antwort lautet: ideologische Voreingenommenheit. Journalisten sind ‚zu links‘ oder ‚zu liberal‘ und so wollen sie nicht wahrnehmen, was wirklich passiert. Ich glaube, es gibt eine bessere Antwort. Die Nachrichtenmedien haben die falsche Definition von Nachrichten.

Lehman Brothers pleite, Großbritannien steigt aus der EU aus, Trumps Wahl sind wirklich spektakuläre, außergewöhnliche Ereignisse. Aber sie sind auch das Resultat von langsamen, unauffälligen systemischen Trends. Von Phänomenen, die nicht heute passieren, sondern jeden Tag – und deshalb niemals einen Aufhänger entwickeln, der sie als ‚Nachricht‘ verkaufbar macht. Phänomene, die auch zu alltäglich sind, um sensationelle Überschriften oder Klicks zu generieren.“

Routinehafte Personalisierung von Themen und eine Priorisierung dessen, was gerade passiert: Beides sind prädigitale Trends, die im reizabhängigen Umfeld der Micro Moments (siehe: unterbrechende Medien) aber natürlich bestens funktionieren und deshalb oft übernommen bzw. beibehalten worden sind. Beides hat auch seine Berechtigung, allerdings bis zu einem gewissen Grad. Der exzessive Fokus darauf signalisiert Denkfaulheit: Die Themen-Personalisierung setzt oft voraus, dass Leser gar kein Interesse an komplexen Sachverhalten haben. Die Gegenwarts-Fixierung fußt auf einem Medienmodell, das als Kernaufgabe immer noch den Transport von Nachrichten wahrnimmt, sich also am 20. Jahrhundert orientiert.

Erkenntnisse wie oben sind keine weltfremde Medienkritik, sondern auch von strategischer Relevanz. Das Mediengeschäft hängt, zumindest für die entsprechend positionierten Marken, eng mit dem moralischen Verständnis der eigenen Aufgabe zusammen – und mit der Wahrnehmung des Kunden, ob eine Marke dieser Aufgabe gerecht wird. Von außen betrachtet scheint mir das langsam als Paradigma auch in Deutschland einzusickern.

In den USA hat neben vielen anderen Faktoren auch die neue Konkurrenzsituation dazu beigetragen, dass Kernaufgaben und publizistische Rituale strategisch hinterfragt werden und die Dinge etwas heftiger in Bewegung sind. Ein deutschsprachiges Vox.com und mehr echtes Reporting nach handwerklichen US-Maßstäben bei Vice.de & Buzzfeed.de. Dazu noch drei Correctivs, vier Krautreporter, zwei Republik.chs und von mir aus auch ein paar Einzelkämpfer in spannenden Nischen. Das alles würde sicherlich mehr Dynamik und Ausdifferenzierung in die deutsche Mainstream-Digitalmedienwelt bringen. Dass sie sich aber am Ende ausdifferenzieren wird, steht für mich außer Frage.

McKinley und der erste Wahlwerbespot der Geschichte

Ich arbeite gerade an einem Magazin-Stück über den gegenwärtigen US-Präsidenten und die vernetzte Medienlandschaft. Dabei bin ich auf dieses Video des 25. US-Präsidenten gestoßen: William McKinley spielt hier 1896 nach, wie er von seinem Sekretär die Nachricht erhält, dass ihn die Republikaner als Kandidaten nominiert haben (in Wahrheit war das bereits Monate vorher passiert). Der Stummfilm wurde mit 15 anderen im ganzen Land gezeigt, um den Menschen die neue Technologie vorzustellen. Als McKinley den Brief mit der Nachricht geöffnet hat, nimmt er den Hut ab und wischt sich die Stirn. Das alles ist verständlicherweise überhaupt nicht natürlich, aus den Augenwinkeln guckt er immer wieder in die Kamera. Aber es lässt sich wohl behaupten, dass es sich hierbei um den ersten Wahlkampf-Spot der Geschichte handelt.

Aufmerksamkeit oder das Zen des Codes

Gedanken zu Frank Schirrmachers Payback.

Der Code bietet keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. (Foto: Peiyu Liu, Flickr)

Der Code bietet keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. (Foto: Peiyu Liu, Flickr)

Es war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die ersten Kinofilme vorgeführt wurden. Sie dauerten nicht länger als zwei Minuten, ein beliebtes Motiv war dabei die Einfahrt eines Eisenbahnzuges. Dem Mythos zufolge waren einige Zuschauer der ersten Vorführungen von der auf sie zu rasenden Lok so geschockt, dass sie panisch den Vorführsaal verließen.

Ich bin mir nicht sicher, was FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher getan hätte, wäre er damals anwesend gewesen: Wäre er erschrocken aus dem Saal gestürmt? Hätte er nach der Vorführung davor gewarnt, dass unsere Realität sich ändern würde und wir künftig alle das Leben mit den Augen eines Kinobesuchers sehen würden, mit tragischen Folgen für das Allgemeinwesen? Oder hätte er einfach sein subjektives Erlebnis aufgeschrieben und daraus folgend ein paar kluge Fragen gestellt?

Schirrmachers neues Buch “Payback“ beschäftigt sich mit dem digitalen Zeitalter, und der Autor hat darin irgendwie alle drei oben beschriebenen Wege beschritten. Ihm ist die Erschrockenheit ob der technischen Veränderung ebenso anzumerken wie der Wunsch des Intellektuellen, seiner veränderten Lebensumwelt einen Sinn zu geben. Und er möchte eine Debatte anstoßen, nicht zuletzt im Netz, was sich im sanften Umgang mit den Digital Natives im Buch zeigt (was wiederum seine damalige Lobeshymne auf die Piratenpartei in einem anderen Licht erscheinen lässt). Dass das nicht funktioniert, wenn er gleichzeitig in Interviews dem Mainstream-Publikum die üblichen Populismusthesen (“Das Internet vermanscht unser Gehirn“) zum Fraß vorwirft, hätte er sich allerdings denken können.

Hal 9000 ist zurück

Nun denn, ich habe das Buch dieses Wochenende gelesen und finde es fast schon ironisch, wie stark  sich Payback an die Aufmerksamkeitsformen des Netzes angepasst hat: Kurze Kapitel, viele Fußnoten (statt Links), dazu eine Argumentationsform, die fast assoziativ wirkt – was leider der These, die er vertritt, nicht zugute kommt.

So beschreibt Schirrmacher eine Angst vor einem Supercomputer, der unser Denken  übermannt und uns so zu einem Teil von sich macht; damit bedient er, auch wenn er das explizit abstreitet, das Klischee des Computers, das bereits vor Jahrzehnten von HAL 9000 verkörpert wurde. Dabei schwingt überall die Angst vor dem vorherbestimmten Menschen mit, die bereits in der Neurodebatte in den Neunzigern markiert wurde, die meiner Meinung nach zu dem besten gehört, was je in deutschsprachigen Feuilletons zu lesen war.

Doch die Neuro-Analogie ist dieses Mal zu hoch gegriffen: Der Code, vom einfachsten Basic-Befehl bis zum kompliziertesten Algorithmus, ist von Menschen gemacht. Als überforderter Nutzer kann Schirrmacher nicht das Zen des Codes erkennen:  Der Code bietet keine Lehre, kein Geheimnis, keine Antworten. Er wird erst durch die Menschenhand erweckt,   oder, um mit Ben zu sprechen: Technik ist “keine erzwungene Prothese, sondern ein Werkzeug. Welcher Zimmermann  klagt über Hammer und Säge?“

Indem der Autor den Computer als Verantwortlichen für die technische Entwicklung ausdeutet, begibt er sich selbst in die Position der Unmündigkeit, die er uns allen als Computerusern vorwirft, die von der Maschine nicht loskommen. Dabei sind alle großen Innovationen, die das Netz hervorgebracht hat, keineswegs von Computern gesteuerte evolutionäre Rechenentwicklungen: Es waren die Ideen, die damit versteckte, aber doch in der Luft liegende Bedürfnisse der Menschen im Internet befriedigt haben, von der Suche nach Informationen (vom WWWWanderer bis Google) über die Vernetzung (soziale Netzwerke) bis hin zur Vernetzung von Informationen zur besseren Gliederung (Semantic Web). Der Mensch macht das Netz, seine Entwicklung wird kollektiver bestimmt als die jedes Mediums zuvor.

Marxisten und Multitasker

So bleibt im ersten Teil ein überzeichnetes Bild der digitalen Gesellschaft, wenn Schirrmacher den freien Zugang zu Informationen ohne nähere Begründung als Marxismus klassifiziert oder Multitasking als Ausprägung des Taylorismus beschreibt, als hätte es Taylors Prinzip der Mehrarbeit nicht kontinuierlich seit der Industrialisierung gegeben, sondern wäre erst durch den Computer auf die Menschheit hereingebrochen. Gerade in Sachen Multitasking, dem Aufhänger seiner These, schafft es Schirrmacher nicht über die Erkenntnisse Mirjam Meckels (“Das Lob der Unerreichbarkeit“) hinaus, obwohl sich seitdem einiges getan hat.

Dennoch finden sich einige Gedankengänge in dem Buch, die durchaus beachtenswert sind: So kann ich seine Tirade im zweiten Teil gegen die derzeitige Bildung, in der Computer wie Fernseher eingesetzt werden, größtenteils zustimmen. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass wir unser Leben einmal einzig über die Auswertung von Datenmengen steuern, ist der vorgeschlagene Perspektivwechsel im Sinne eines Erkennens der Strukturen des Internets und der Darstellung, Auswertung und Verlässlichkeit der Informationen dort notwendig. Die Frage nach den Folgen von Informationskaskaden im Echtzeit-Web auf unsere Wahrnehmung und die Definition  von  relevanter Information harrt ebenfalls ihrer Beantwortung – ob dies allerdings objektiv erfolgen kann, bleibt fraglich.

Vielleicht ist dies das größte Manko Schirrmachers: Payback versucht, subjektive Eindrücke um jeden Preis als objektive Wahrheiten zu klassifizieren – und  landet dadurch in einem extremen Determinismus, der bisweilen ärgerlich ist. Als Beispiel sei die Idee genannt, Statistik (Vorschlagsmechanismen bei Amazon und Co) als Anzeichen für das Verschwinden der Willensfreiheit zu interpretieren, als gäbe es keine Nuancen im Konsumverhalten der Menschen, keine biographischen Einzigartigkeiten und Veränderungen. Zudem hat das Internet mit Netzwerken des Vertrauens bereits ein wirksames Alternativmodell für maschinenbasierte Vorschlagslisten zu bieten (über dessen anstehende Kommerzialisierung auch zu reden sein wird).

Die Signifikanz von “Payback“ könnte deshalb weniger in seiner Theorie, sondern darin liegen, dass Schirrmacher ein in der Luft liegendes Thema populär aufbereitet hat – und somit den Diskurs für ein Publikum jenseits der Digital Natives geöffnet hat. Das ist zu begrüßen, denn fehlt in der Debatte doch häufig zwischen rücksichtslosem Techoptimismus und rabenschwarzem Kulturpessimismus ein Mittelweg, der Argumente schlich überprüft und sachlich bewertet. Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck.

Warum die New York Times überleben muss

Sie hat journalistische Fehler gemacht und steckt in finanziellen Schwierigkeiten: Dennoch darf die New York Times nicht untergehen, weil sie online die richtigen Wege geht

New York Times iPhone
Nicht ausschalten! (via Steve Rhodes, Flickr)

Wenn es um Fantasien über den Untergang der Mainstream-Medien geht, bin auch ich* nicht ohne Sünde. Zu oft haben Teile der Branche in den vergangenen Jahren versagt, die Nähe zur Macht anstatt die zu den “Menschen, die früher als Publikum bekannt waren” gesucht, sich zu oft mit einfachen Antworten zufrieden gegeben, zu spät die gewaltigen Chancen und Herausforderungen des Internets erkannt.

Doch es gibt einige journalistische Institutionen, die es wert sind, gerettet zu weden. Wieso die New York Times dazu gehört, bringt der Artikel von Emily Nussbaum im New York Magazine auf den Punkt. Die NYT hat kein Geld mehr, Michael Hirschorn hat vor einigen Monaten das Ableben der “grauen Dame” für Mai prognostiziert. Nun gibt es Überlegungen, wieder eine Paywall zu errichten, was beim Großteil des Publikums nicht ankommen dürfte.

Und doch würde ich für die New York Times online Geld bezahlen. Wieso? Weil das Blatt in Sachen Web zwar kaum Kohle verdient (Online-Werbung funktioniert nicht, wer es noch nicht wusste), sich aber in diesem Bereich das Motto “Innovate or dieeintätowiert hat. Dabei haben die Verantwortlichen gemerkt, dass in der neuen Online-Welt die alten Hierarchien nicht mehr zählen, wenn es darum geht, Ideen zu entwickeln. Oder, um das Nussbaum-Stück zu zitieren:

„The new system elevated coders into full-fledged members of the Times—deputized to collaborate with reporters and editors, not merely to serve their needs.“

In der Tat habe ich gemeinsam mit den den programmierenden (und badmintonspielenden) Kollegen bislang für alle auftauchenden Probleme Lösungen gefunden, wobei auf dem Weg dorthin noch tonnenweise Ideen abfielen. Was passiert, wenn diese Zusammenarbeit konsequent weitergedacht wird und es zu wirklicher Kollaboration kommt, zeigen einige geniale, bewegende, nachdenkliche und aufklärende Projekte, die bereits jetzt die Sprache definieren, die guter Online-Journalismus in einigen Jahren sprechen wird (auch wenn sie es manchmal übertreiben)

Andere Medien können von der New York Times noch viel lernen, auch wenn die NYT selbst noch einiges im Bezug auf die Interaktion mit Usern auf den Weg bringen muss. Dennoch wäre es eine Tragödie, würde diese Zeitung untergehen, nicht zuletzt, weil für mich das Tochterblatt International Herald Tribune, die beste internationale Tageszeitung der Welt ist.

Fortan ist deshalb bei mir nicht nur der Adblocker auf NYT.com ausgeschaltet, werde ich mich zur Not auch auf irgendwelchen verlinkten Werbeseiten rumtreiben, wenn es den Einnahmen hilft; nein, ich gehe noch weiter: sollte die New York Times für ihren Content künftig Geld verlangen, werde ich die paar Dollar gerne bezahlen.

*Disclaimer: Ich arbeite als Online-Journalist

Der Wutredner

Ein verbaler Brandsatz wie der obige im deutschen Fernsehen? Unvorstellbar. In den USA hingegen ist MSNBC-Moderator Keith Olbermann nicht erst seit seiner 12-minütigen Wutrede im Mai zum Helden des liberalen Fernsehpublikums geworden. Die amerikanische TV-Nachrichtenlandschaft, die über Jahre hinweg von Rupert Murdochs FOX dominiert wurde, sie hat sich verändert: Am Ende der Vorwahl-Saison schaffte es MSNBC (Eigentümer: General Electric) erstmals, FOX um 200.000 Zuschauer zu übertrumpfen.

Die guten Quoten liegen nicht nur darin begründet, dass zu diesem Zeitpunkt nur das demokratische Rennen noch etwas vermeintliche Spannung bot; es zeigt auch eine vorläufige Renaissance der linken TV-Bevölkerung, die MSNBC dankbar aufgreift: Das Programm ist von Olbermann noch mehr geprägt als Fox von dessen rechten (und recht krassen) Konterpart Bill O’Reilly. Mit dem verbindet Olbermann die Lust am Angriff (wenn auch etwas nuancierter und ironischer), am Bezug klarer politischer (in dem Fall demokratischer) Positionen – das Hervorkommen hinter genau jener neutralen Deckung, die am Mainstream-Journalismus nicht nur in den USA heftig kritisiert wird.

Bereits im Februar 2007 fragte das Magazin American Journalism Review deshalb “Ist Keith Olbermann die Zukunft des Journalismus?“ In diesem Artikel nahm auch ich Olbermann zum ersten Mal wahr und war angezogen und skeptisch zugleich: Tatsächlich ist die subjektive Herangehensweise in einem sowieso von politischer Verzerrung geprägten Klima verlockend, ja wahrscheinlich sogar notwendig. Doch mit der starken Bindung MSNBCs an die Marke Olbermann gehen Gefahren einher, die auch im aktuellen New Yorker thematisiert werden. So wenig wie FOX noch von Außenstehenden als neutrale Quelle politischer Berichterstattung wahrgenommen wird, so wenig könnte dies bald bei MSNBC der Fall sein. Erste Anzeichen dafür liefern die ständigen Streitereien mit der Clinton-Kampagne und der allgemeine “Obama-Bias“, von dem im Zusammenhang mit Olbermann und anderen Moderatoren immer wieder die Rede ist.

Ich weiß, es ist altmodisch, die Vorzüge der Neutralität zu preisen. Auf dem Weg in die Post-Fakt-Gesellschaft, in der “Truthiness“ unsere Entscheidungen bestimmt (sorry für’s Namedropping), wird der Abschied von der Unabhängigkeit vielleicht keinen Unterschied mehr machen. Es könnte aber auch sein, dass es für das kommende Zeitalter genau das Kapital ist, das Medien und Blogs nicht aus dem Fenster werfen sollten, weil es die Möglichkeit bietet, mit neuen Aspekten und Meinungen zu überraschen. Keith Olbermann hat sich seinen Platz verdient – doch er sollte die Marke MSNBC nicht so dominieren, wie er es im Moment tut.