Von der Broad nach Kenner

Louis Armstrong wurde 1901 in New Orleans geboren. Sein Geburtshaus wurde 1964 abgerissen, dort steht nun ein Gerichtsgebäude, das für mich eines der kaputtesten, rassistischsten und armenfeindlichsten Justizsysteme des Landes symbolisiert. Jon Batiste kommt aus einer legendären Musikerfamilie und wuchs in Kenner auf, einem Vorort. Kenner liegt im Jefferson Parish, jenem Bezirk, in dem die Polizei seit 2014 eine Geldstrafe für das Tragen von Baggie Pants verhängt und bis vor kurzem Staatsanwälte für jedes erstrittene Todesurteil mit einer Plakette belohnt wurden, in die der Name des Verurteilten eingraviert war. Aber das nur als zufällige Assoziation.

Playlist Experimental Jet Set 1/12

 

Hundefüße im Schnee

(Foto: KennethMoyle, Flickr, CC BY-NC 2.0)

Es hat etwas gedauert, aber hier ist die Playlist der vergangenen Folgen (und der aktuellen Ausgabe) meiner kleinen Radiosendung „Experimental Jet Set, Talk and No Star“.

Exp02 (Ende 2011, Alben des Jahres)

The Pains of Being Pure At Heart: Belong

TV On The Radio: Will Do

La Dispute: St. Paul Missionary Baptist Church Blues

Shabazz Palaces: Endeavors for Never (The Last Time We Spoke You Said You Were Not There. I Saw You Though)

Death Grips: Beware

Marsmobil: The Carpenter / Genesis of the Upper Skies

Dominik Eulberg: Das Neunauge

Astronautalis: This Is Our Science

The Naked And Famous: Punching In A Dream

Son Lux: Flickers

WU LYF: Dirt

Exp03 (Dieses Jahr oder keines)

The Mountain Goats: This Year

Jack Penate: Torn On The Platform

Snuff: Nick Motown

David Bowie: I’m Afraid Of Americans

Gui Boratto: This Is Not The End feat. Luciana Villanova

Fleet Foxes: The Shrine/An Argument

Future Islands: Tin Man

Tim Hecker: Hatred Of Music I & II

The Dresden Dolls: The Kill

!!!: Jamie, My Intentions Are Bass

Exp04 (Dieser Emir ist in Deinem Land nicht verfügbar)

TV On The Radio: Wolf Like Me

Guitar Wolf: Jet Generation

Helmet: In The Meantime

Laura Gibson: La Grande

Sleigh Bells: Tell ‚Em

i, cactus: chatreuse cactus

Eniac: We did things

The Robocop Kraus: You Don’t Have To Shout

Maserati: Do You Hear The Nightbirds Calling You?

Fang Island: Davy Crocket

Prinzhorn Dance School: Seed, Crop, Harvest

The Wedding Present: I Am Further North Than You

Ms John Soda: Sometimes Stop, Sometimes Go

Duran Duran: Hungry Like The Wolf

Experimental Jet Set, Talk and No Star könnt Ihr bei Howmuchrebellion hören. Die Sendezeiten:
Mittwoch: 21-22 Uhr
Donnerstag: 23-0 Uhr
Sonntag: 17-18 Uhr

Ein neues Projekt: Internetradio-DJ sein

Howmuchrebellion

Neue Heimat

Wer mir bei Twitter folgt, hat es schon mitbekommen: Es gibt ein weiteres kleines Projekt in meiner kleinen Welt, es nennt sich „Experimental Jet Set, Talk and No Star“ und ist eine Radiosendung bei dem kleinen Internet-Radio Howmuchrebellion. Dieses gehört wiederum zum Subkultur-Kollektiv Dunctonwood, zu dem ich über Songdestages.de gekommen bin. Komplizierte Geschichte, aber so ist das im Internet-Zeitalter.

Dreimal die Woche spiele ich künftig meine Lieblingslieder, und mache vielleicht noch einige andere Sachen – aber das alles ist Work in Progress. Die Sendezeiten:
Mittwoch: 21-22 Uhr
Donnerstag: 23-0 Uhr
Sonntag: 17-18 Uhr

Es gibt jeweils mittwochs eine neue Sendung, die dann zweimal wiederholt wird. Hier bei kopfzeiler.org werde ich die Playlists posten, zum Beispiel die der aktuellen Sendung, die noch heute (Donnerstag) und am Sonntag zu hören sein wird. Neben der Musik sind vor allem die Jingles eine feine Sache, kann ich versprechen.

Playlist 1/11
1. Alexander feat. RZA: Truth
2. Jamie N Commons: The Preacher
3. Scattered Trees: Four Days Straight (The Album Leaf Remix)
4. Michael Kiwanuka: I’m getting ready
5. Big Deal: Chair
6. Jacasczek: Windhover
7. Staff Benda Bilili: Moto Moindo
8. Sufjan Stevens: I Walked
9. My Brightest Diamond: Be Brave
10. Sinkane: Jeeper Creeper
11. Tim Wheeler & Emmy The Great: Christmas Day (I Wish I Was Surfing)
12. The Futureheads: Christmas Was Better In The 80s

Wer mehr Musik möchte: Songdestages.de, das kleine Musikblog von nebenan, gibt es natürlich weiterhin.

Der Trend geht zum Zweitblog

Chor

Music makes the people... (Foto via JimForest, Flickr, CC)

Hier auf kopfzeiler.org schreibe ich ja häufig über ernste Themen, manchmal aber auch ein bisschen über Musik. Das möchte ich ausbauen – aber nicht hier, sondern mit Ben und Nico gemeinsam auf einem eigens dafür eingerichteten Blog. Vor wenigen Minuten ist der erste Beitrag auf www.songdestages.de online gegangen, und ich muss sagen, dass ich mich tierisch freue, auf das was da kommt.

SongdesTages.de ist eigentlich selbsterklärend: Jeden Morgen um sechs Uhr geht ein Beitrag online, in dem wir kurz einen Song vorstellen, der uns etwas bedeutet und der nicht in irgendeiner Playlist auf dem heimischen Computer vergammeln soll. Die Musik steht im Mittelpunkt, das Drumherum ist Work in Progress, vom Blognamen bis hin zu Fragen, wie stark wir Gastblogger u.ä. Integrieren. Für den Kopfzeiler ändert sich nichts – hier ist weiter Platz für den ganzen Rest der Welt, Wahnsinn inklusive.

Patchwork-Musik aus NYC

Mal wieder etwas musikalisches: Es mag daran liegen, dass ich New York sehr gerne mag und die Geschehnisse dort etwas genauer verfolge – doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass da gerade trotz oder wegen der Rezession musikalisch außergewöhnlich viel passiert. Das eingebettete Video von Fang Island (Song: Daisy) ist nicht nur verstörend lustig, sondern zeigt auch, dass Stadionrock und Folk-Chöre sich längst nicht mehr ausschließen. Fang Island sind aus Brooklyn, von nebenan aus Queens stammen die Freelance Whales, die mit weatherwanes auch ohne Label eines der besten Alben des Jahres veröffentlicht haben. Es sei all denen ans Herz gelegt, denen The Postal Service ein Stück zu künstlich ist – wie der Sound handgemacht auf die Bühne gebracht wird,   ist in diesem Video aus einer New Yorker U-Bahn-Station zu sehen.

Längst jenseits des Untergrunds bekannt sind spätestens seit ihrem aktuellen Album Grizzly Bear; Two Weeks trifft nicht nur den Folk-Zeitgeist, der Song könnte auch exemplementarisch für das Werk aller drei Bands stehen: Zeitlose Patchwork-Musik, die sich Genre-Einordnung und Konventionen verschließt und sich aus dem Sound der Musikgeschichte Anleihen holt, wo immer sie nützlich erscheinen. Das ist kein Sprung ins Ungewisse, wie es Punk war, doch fundamental in einem ganz anderen Sinne: Aus Mashups von Mashups entsteht ganz allmählich der Sound, der die ersten Jahre des nächsten Jahrzehnts prägen könnte.

Reggae, Homophobie und der Fall Sizzla

Warum es sich das Münchner Backstage zu einfach macht, dem Reggae-Musiker Sizzla ein Forum zu bieten.

Sizzla: Toleranz oder Image-Korrektur wegen Konzerteinnahmen? (via Veeichik, Flickr)

Sizzla: Läuterung oder Lippenbekenntnis? (via Veeichik, Flickr, CC)

Manchmal bin ich etwas naiv: Ich dachte, wir wären in Deutschland bereits so weit, dass ich nicht mehr über Selbstverständlichkeiten bloggen muss. Selbstverständlich sollte zum Beispiel sein, dass wir hier Menschen, die ihrem Hass gegen Minderheiten freien Lauf lassen, keine Plattform geben.

Falsch gedacht: Zur Zeit befindet sich der jamaikanische Reggae-Sänger Sizzla auf Deutschland-Tour. Der Mann hat in der Vergangheit ein Weltbild propagiert, in dem Homosexuelle keinen Platz haben. Und das ist noch harmlos ausgedrückt. Kostproben gefällig?

“mi kill sodomite and batty man dem bring aids and disease on people“
(“Ich bringe Sodomiten und Schwule um, sie bringen der Menschheit Aids und Krankheiten“)

In meiner Ex-Stadt Berlin haben die Veranstalter nach einem Hinweis auf den Geistesdurchfall Sizzlas das Konzert abgesagt, in meiner aktuellen Wahlheimat München durfte Sizzla am Freitag auf die Bühne des Clubs Backstage. Backstage-Geschäftsführer Hans-Georg Stocker scheint die Kontroverse nicht zu erkennen: Das mit der Homophobie sei “nicht so eindeutig“, zwar seien die Songs “sehr aggressiv und brutal“, aber Sizzla sei ja ein “international anerkannter Künstler“, der sich inzwischen geändert habe. Ihn als Hetzer darzustellen, sei “komplett absurd“, so Stocker zur ddp.

Das scheint so nicht ganz richtig zu sein: Sizzla hat zwar mit anderen jamaikanischen Reggae-Musikern im Frühsommer 2007 eine Selbstverpflichtung unterzeichnet, “die Rechte aller Menschen zu bewahren, ohne Angst vor Hass und Gewalt wegen ihrer Religion, sexuellen Orientierung, Rasse, ethnischen Herkunft oder ihres Geschlechts zu leben“. In Europa hat das die Konsequenz, dass er von einigen Veranstaltern keine Gage erhält, wenn er die Verpflichtungen des “Reggae Compasionate Act“ (RCA) nicht einhält. In der ersten Zeit nach Unterzeichnung hat das anscheinend dazu geführt, dass Sizzla in Europa umstrittene Passagen aus Songs wie „Nah Apologize (to no battybwoy)“ (Text hier) nicht selbst sang, sondern einfach das Mikro ins Publikum hielt.  Der LSVD  dokumentiert folgende Aussage auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Kölner Summerjam im Sommer 2007 (pdf hier): “Gründest du eine Familie, erweist du deiner Mutter Respekt. Gehst du zu anderen Männern, ziehst du ihr Ansehen in den Schmutz. (…) Ein Mann muss sich entscheiden, ob er ein Stück Dreck sein will oder ein stolzer Mann – so einfach ist das.“

Über ähnliche Äußerungen zu einem späteren Zeitpunkt, ob in Interviews oder neuen Songs, habe ich nichts gefunden, auch gibt es im Netz kein Statement Sizzlas, in dem er Stellung zum RCA nimmt (wer etwas findet, bitte in den Kommentaren verlinken).

Man darf davon ausgehen, dass es bei der Unterschrift solcher Selbsterklärungen vor allem darum geht, die Einnahmen von internationalen Tourneen zu sichern. Wer die Unterschrift unter dem RCA als Beweis für eine Läuterung nimmt, macht es sich zu einfach. Das mache ich auch Stocker zum Vorwurf: Wer einen solchen Künstler einlädt, sollte von ihm im Vorfeld eine eindeutige Erklärung fordern und diese veröffentlichen. Idealerweise nicht als Zitat, sondern als Video, damit jemand wie Sizzla vor einem weltweiten Publikum und auch daheim Farbe bekennen muss. So viel politisches Bewusstsein muss drin sein, und die technische Realisierung eines Testimonials ist in Zeiten des Internets kein Problem. Alles andere sind Ausreden, „don’t ask don’t tell“ funktioniert nicht mehr. Deshalb werde ich das Backstage erst einmal nicht mehr besuchen und mich auf den Besuch Münchner Clubs beschränken, die etwas mehr politische Haltung zeigen.

Allerdings trägt es auch nichts zur Debatte bei, wenn der Grünen-Politiker Volker Beck im Interview zum Thema Falschinformationen verbreitet.  Zitat Beck:

“Aber das ist eben bei Sizzla nicht der Fall. Sein Lied ‚No Apology‘ spielt ja gerade auf das Thema Reggae Compassionate Act an, und da wird mehrmals aufgefordert, Schwule eben zu erschießen, umzubringen, in diesem Lied und sich eben nicht dafür zu entschuldigen, dass man vorher zu Gewalt aufgerufen hat und dass man sich bei Schwulen eben generell auch nicht entschuldigt.“

Wenn Herr Beck sich zwei Minuten Zeit für eine Google-Suche genommen hätte, hätte er herausgefunden, dass “Nah Apologize“ (ich denke, den Track meint Herr Beck) bereits 2005 erschienen ist und im Netz diskutiert wurde, also zwei Jahre vor dem RCA.

Ich habe der Backstage-Geschäftsführung einen Link auf diesen Blogeintrag zukommen lassen und sie dazu eingeladen, sich in den Kommentaren zu äußern.

(Danke an f.t. für den Hinweis auf das Thema)