Falsche Gegensätze

Kolumne Schlagloch: Der entfesselte Kulturkampf

Georg Seeßlen:

„In der Kulturrevolution von rechts wird allzu deutlich, wie Rechtspopulisten dem neoliberalen Kapital die Drecksarbeit erledigen. (…) Diese Allianz ist offensichtlich. Wie viele Vertreter der ökonomischen Oligarchie sind in den Führungsriegen der Rechtspopulisten? Wie viel Geld und Organisationskraft wird ‚aus Wirtschaftskreisen‘ in Wahlkämpfe, Parteistrukturen und rechte Medien gepumpt? Wie viele Wirtschaftsvertreter in aller Welt ziehen ein Bündnis mit postdemokratischen, autokratischen und halbfaschistischen Regimes jeder demokratischen Kontrolle vor? Und wie viele Vertreter kleptokratischer Clans bringen es zu politischer Macht, von den USA bis Brasilien?“

Der Pinsel ist ein bisschen breit: Wäre diese These stimmig, müsste man dem „neoliberalen Kapital“ unterstellen, an einer Rückabwicklung von Globalisierung und Freihandel interessiert zu sein, die zumindest in einigen Ländern Kernprogramm der neuen Reaktion ist.

Aber was Seeßlen deutlich macht: Die Darstellung der neuen politischen Verhältnisse als Kampf von Anhängern einer „offenen“ mit denen einer „geschlossenen“ Gesellschaft ist völliger Humbug. Er lässt Progressiven die Wahl, Teil eines „Weiter-so“ (also eines Konservatismus im Geist des realexistierenden Neoliberalismus) zu werden oder mit jenen identifiziert zu werden, die in die Schublade der Abschotter und Engstirnigen wandern. Um Hans Kundnani vom Chatham House zu zitieren (Abzüge gibt es für den undefinierten Elitenbegriff):

„Wie der Begriff Populismus selbst wird die Vorstellung eines Kontrasts zwischen offen und geschlossen oft von Eliten verwendet, um Ideen oder Politikentwürfe zu diskreditieren, die sie nicht mögen.“

Das Problem ist nicht da draußen

This Is Not A Blip

„[Für Viele] im politischen und politiknahen Establishment besteht der Weg aus dieser [Vertrauens-]Rezession darin, den Weg zurück zum Ancien Regíme zu finden. Multilateralisten versuchen das öffentliche Vertrauen in Multilateralität dadurch wieder herzustellen, dass sie weiter Multilateralisten sind. Die Antwort auf schlechte Institutionen sind Institutionen. Die Nöte der globalen liberalen Weltordnung verlangen nicht weniger, sondern mehr von der globalen liberalen Weltordnung. Wir haben die Krankheit diagnostiziert. Und ihre Heilung wird offenbar ihre Ursache sein.

Aber das gegenwärtige politische Klima ist nicht nur ein Wettermuster, das vorbei geht. Das ist nicht nur ‚eine Phase‘, um den Ausdruck sich selbst tröstender homophober Eltern zu gebrauchen. Es handelt sich nicht um eine Verirrung oder ein Zwischenspiel. Politisch, ökonomisch, kulturell haben wir die Grenze von der Trockenheit zur Aridisierung überschritten, von der Krankheit zum Verfall. Das ist keine kleine Abweichung. (…)

Der gegenwärtige Aufstieg des reaktionären Populismus muss im Kontext der Geschichte der liberalen Demokratie betrachtet werden. Am besten versteht man ihn als Kollision zwischen zwei Gruppen und zwei Bereichen, die früher in sicherem Abstand zu einander blieben: der eingekapselte Markt, mit seinen Regeln von Wettbewerb und Imperativen der Anhäufung und Wachstum, und die widerspenstigen Forderungen der Bevölkerung, die von hyperaktiven Informationsübermittlungskanälen der sozialen und digitalen Medien gefüttert werden. Es ist die Rache der Bevölkerung – wie stark der Blip-Denker auch behauptet, dass die Krise des Liberalismus in Wahrheit eine Krise der Demokratie ist.

Statt diese Kollision als das zu sehen, was sie ist – die Freilegung einer folgenreichen Spannung in der liberalen Ordnung, die immer schon da war und nie verschwinden wird – und die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen, glaubt der Blip-Denker, den alten Waffenstillstand zwischen Liberalismus und Demokratie zurückbringen zu können. Das Problem ist dort draußen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen, in die die Öffentlichkeit ‚Vertrauen‘ verloren hat. Der Blip-Denker glabt, dass die Bevölkerung sich verändern muss, nicht die Welt.“

Wütende Artikel wie diese sind… gut! Progressive laufen Gefahr, im Wunsch nach der unmöglichen Rückkehr zur Normalität zu blinden Verteidigern des Status Quo zu werden – oder bestenfalls im Macron’schen Modus des „Yuppie-Populismus“ (Zitat Pankaj Mishra) die Lösung zu sehen, die doch im Kern nichts anderes als eine weitere Auflage jenes „Dritten Wegs“ ist: PR-technisch oft versiert, intellektuell abgewirtschaftet und ohne größeren Nachweis, die Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft lösen zu können oder wollen.

Wenn ich die Geschichte der kapitalistischen Zivilisation wie Jason Moore aber als „Aneignung von menschlichen und außermenschlichen Naturen“ betrachte (genauer: vier Naturen, „four cheaps“ -Nahrungsmittel, Arbeitskraft, Energie und Rohstoffe), dann liegt der Schluss nahe, dass der weitere Weg – also eine fortgesetzte Aneignung/Akkumulation unter den bereits beschleunigten Bedingungen – zivilisatorischer Selbstmord wäre, weil wir am Limit sind. Veränderung wäre also das Los der Stunde, doch die Progressiven und der verbliebene Rest links der Mitte scheuen sich, ohne die beiden Wörter „aber schrittweise“ überhaupt vor die Bürger zu treten. Doch was sich als Vernunft kleidet, könnte sich im historischen Rückblick einmal als bloße Feigheit entpuppen.

Siehe auch:
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)
Der Niedergang des Nationalstaats
 „Liberal“ vs. „nationalistisch“?
Globalismus und das schlafende progressive Lager (2016)
Der theologische Kapitalismus (2009)

Leben ohne Lebensplanung

Zur Debatte über temporäre Arbeitsverhältnisse.

Mann und Kind auf dem Weg

Ständig auf dem Weg, doch wohin? (Foto via h.koppdelaney, Flickr, CC)

Nein, die Meldung, dass in Deutschland inzwischen fast jede zweite Neueinstellung befristet erfolgt, ist für Menschen in meinem Alter keine Überraschung: Das Leben in der ständigen Zwischen-Zeit, das Jonglieren mit den Perspektiven ist für uns eher Regel als Ausnahme – und dabei spreche ich nicht nur von Akademikern in problematischen Feldern wie den Geisteswissenschaften, sondern auch von Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, BWLern; ich rede zudem nur von denen, die überhaupt befristet angestellt sind, die vielen Freiberufler am Rande des Existenzminimums sind dabei noch gar nicht eingerechnet.

Kann ein Leben ohne Lebensplanung Chancen bieten? Die Antwort ist ein “ja, wenn …“: Ja, wenn wir endlich begreifen, dass befristete Arbeitsplätze eigentlich besser als feste Stellen bezahlt werden müssten, trägt doch der Arbeitnehmer hier die Hauptrisiken bei der Unterschrift des Vertrages. Ja, wenn wir in Deutschland eine Entrepreneurskultur schaffen würden, die nicht die Gefahr birgt, beim Misslingen einer Idee auf Jahre hinaus Privatschulden anzuhäufen. Ja, wenn wir eine Dienstleistungs-, nicht eine Automatisierungskultur werden würden. Ja, wenn wir als Gesellschaft von der Fixierung auf die Arbeit als Erfüllung des Daseins und als Grundstein für soziale Akzeptanz  Abschied nehmen. Ja, wenn die Politik akzeptiert, dass all die “Kriegt-doch-Kinder“-Parolen ihre Wirkung nicht entfalten werden, wenn eine mittelfristiger Lebens- und Einkommensplanung unmöglich ist.

In einem taz-Artikel wurde zu diesem Thema jüngst richtig bemerkt, dass sich im Konzept des Lebens jenseits der Festanstellung die “digitale Bohème“ und der Neoliberalismus treffen und eine Schnittmenge bilden. Das ist kaum verwunderlich, steht doch bei beiden Denkfiguren der absolute Sieg des Individuums im Zentrum. Beide haben zudem aber gemein, dass ihr Idealbild nicht mit der Realität in Einklang zu bringen ist.

Der auf dem offenen Arbeitsmarkt hin- und her springende Ideal-Arbeitnehmer des Neoliberalismus kann nur dann flexibel sein, wenn genügend Angebot auf dem Arbeitsmarkt herrscht. Dies ist strukturell nicht mehr der Fall, auch nicht in den meisten Akademikerberufen. Der sich selbst verwirklichende Digitalo wiederum muss die Nische finden, in der er sich breit machen kann – doch die Zahl solcher Plätze und das dort zu verdienende Einkommen sind so gering, dass oftmals eher von einer Erben- als einer Berufstätigkeit gesprochen werden kann.

Als Betroffener finde ich das Leben ohne Lebensplanung derzeit nicht besonders angsteinflößend. Ob es uns aber als Gesellschaft zum Guten gereicht, wage ich zu bezweifeln.