Borges und ich (und Social Media)

Beim Blättern bin ich vor kurzem wieder auf Jorge Luis Borges’ Miniatur-Kurzgeschichte “Borges y yo” gestoßen (pdf hier). Wer sie nicht kennt: Der Erzähler beschwert sich über einen Charakter (Borges), der ihm immer weniger Raum lässt. Borges passiert immer alles, von Borges liest er dauernd. Letztlich tritt er Borges immer mehr Erfahrungen und am Ende auch seine Existenz ab: Von Borges wird nach dem Tod etwas bleiben (im Gegensatz zum klagenden Erzähler).

Natürlich ist der Autor der Kurzgeschichte nicht von “Borges” dem Autor zu trennen – beide sind ein und dieselbe Person. Was mannigfaltige unterschiedliche philosophische Interpretationen (zum Beispiel hier) eröffnet. Für mich subjektiv: Borges der Autor (der “Andere”) verwertet immer größere Teile seines Lebens für sein Schaffen, während sein “Ich” (der Erzähler) hinter Borges immer weniger erkennbar wird und letztlich keine “eigenen” Erfahrungen mehr machen kann.

Für mich beschreibt das ganz gut unser “Ich” auf Social Media: Wir würden ja heute nicht mehr von einem Avatar reden, das alles sind wir selbst, obwohl wir uns nie mit unserem “Autor” auf Twitter, Instagram oder Facebook verwechseln würden. Wer tief im Sharing-Tunnel lebt, sieht alles durch die Linse der (Mit-)Teilbarkeit – wie der Schriftsteller jede Erfahrung auf ihre Verwendbarkeit für das Werk überprüft (und sei es nur als Tagebuch-Eintrag).

Beide Formen der Kreativität haben ihre Konventionen, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Das Sprechen durch das Werk ist etwas anderes als die relativ direkte Inszenierung als Checkerin oder liebenswerte Person (auch wenn jeweils der Wunsch nach Anerkennung der Antrieb sein mag). Und unser Social-Media-Werk ist nie abgeschlossen, wir müssen uns vielmehr neben dem Zurückdrängen des “Ichs” auch damit abfinden, dass auch vom “Anderen” nichts bleiben wird – außer der Erinnerung an eine Verbundenheit mit anderen Menschen/Selbst-Autoren, positiv oder negativ. Das ist bei näherer Betrachtung eine große Freiheit, denn wir können uns – anders als der Erzähler bei Borges – dafür entscheiden, unser Ich oder den Autoren unseres Selbst wachsen zu lassen.

Siehe auch:
Persönliche Marktanteile
Ein Knopf, den es zu drücken gilt

Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“

Makala (Dokumentarfilm)
How Loneliness Is Tearing America Apart (Leserkommentare)

Lob der Leserkommentare: Der Chef des American Enterprise Institute versucht, mit einem Gastartikel über Einsamkeit den gemäßigten Republikaner Ben Sasse zu pushen. Und eine Leserin mit Namen Charlotte schreibt einen Kommentar, der sehr viel gehaltvoller und vor allem ehrlicher ist:

„Ich habe jedes Buch über Einsamkeit gelesen. Warum? Weil ich einsam bin. Auf einer Erkenntnisebene bringt der Text sein Argument an. Aber auf einer emotionalen Ebene ist er nur ein kleiner Punkt auf der Spitze der Einsamkeit. Was die Tiefe der Isolation schwieriger macht: Niemand, nicht die Familie, nicht der Freundeskreis, will davon etwas wissen. Einsamkeit versteckt sich, so wie sich Depression einst versteckte. Zuzugeben, dass du einsam bist, ist ein Tabu. Und niemand, der nicht völliges und fortgesetztes Alleinsein erlebt hat, kann sich Tage ohne Kontakt vorstellen. Einige von uns haben niemanden von euch. Und einige von uns sind die gütigsten, einfühlsamsten Seelen. Weil wir wissen, fühlen und erleben, was Leere ist. England hat eine Botschafterin für Einsamkeit ernannt. Wie die Briten sagen: ‚Brillant.‘ Aber lass uns abwarten, wie effektiv die Sensibilisierung sein wird. Denn im Falle von Einsamkeit bedeutet ‚aus den Augen‘ tatsächlich ‚aus dem Sinn‘.“

Während wir langsam die Entstigmatisierung der Depression erleben, die inzwischen als komplexes neurologisches Phänomen wahrgenommen wird, wird die Einsamkeit weiterhin im Tabu versteckt. Als Dauerzustand haftet ihr ein sozialer Makel an, der Verdacht, dass Betroffene doch einfach nur rausgehen und Nähe zu anderen Menschen suchen müssten.

Das verkennt die Komplexität des Zustands, denn Einsamkeit kann aus ganz verschiedenen Formen der Isolation entstehen. Es gibt die Einsamkeit des Fremden in einer anderen Kultur (die ich gut kenne). Die soziale Isolation derjenigen, für die eine Gesellschaft keine passende Schublade findet oder deren Lebenswelt im Normalo-Konsens als No-Go-Zone gilt. Die Einsamkeit der Väter oder Mütter, die sich schämen, zu ihrem Familienleben keine tiefe Bindung herstellen zu können. Das Alleingelassensein vieler Älterer. Der Karriere-und-Feierabend-Kokon der Vielbeschäftigten. Einsamkeit ist nicht auf physische Isolation beschränkt, du kannst sie im Partygespräch genauso erfahren wie allein in deinem Zimmer. Sie muss nicht einmal alle persönlichen Lebenswelten betreffen: Partner können Bett, Leben und Nachwuchs teilen und sich doch einander entfremdet und einsam fühlen. Ein Single kann einen erfülltes soziales Umfeld und sogar Sexleben haben, aber die Nähe der Seelen-Intimität vermissen.

Neben dem Stigma scheint es eine besondere Intimität des Zustands zu sein, die es so schwierig macht, darüber zu reden oder den in ihm verborgenen Gefühlskosmos zumindest halbwegs zu kategorisieren. Im Deutschen können wir nicht einmal zwischen freiwilliger (solitude) und unfreiwilliger (loneliness) Einsamkeit unterscheiden. Robert Burton hat einmal Melancholie als „Rost der Seele“ bezeichnet. Einsamkeit, das sind Leerstellen in unserer Seele. Oft halten wir sie vor uns selbst geheim, weil wir überzeugt sind, sie niemandem zeigen zu können. Obwohl jeder Mensch versteht, wie sie sich anfühlt. Und obwohl wir uns vielleicht als Zivilisation gerade in ein Jahrhundert der chronischen Vereinsamung einleben. Merkwürdig.

Foto: Screenshot aus dem Film „Makala“

Wo Gott jetzt lebt

Diary: Meghan O’Gieblyn, On Writing the Midwest

„Wenn ich über Religion schreibe, bestehen die Magazinredakteure oft darauf, die Pew-Studie aus dem Jahr 2014 erwähnen, die den Aufstieg der ‚Nichts-von-dem“ beschreibt – junge Menschen, die keine religiöse Zugehörigkeit beanspruchen. Dabei geht es darum, die allgemeine Vorstellung zu bestätigen, dass Amerika seine abergläubische Vergangenheit hinter sich lässt und standhaft in Richtung Zukunft schreitet.

Vielleicht stimmt das. Aber als jemand, der diesen Weg selber gegangen ist, kann ich versichern, dass solche Lebensreisen selten linear oder unkompliziert sind. William James merkte einmal an, dass ‚die heftigsten Revolutionen in den Überzeugungen eines Menschen das meiste seiner alten Ordnung bestehen lassen.‘ In anderen Worten: Sogar wenn jemand äußerlich eine lange gehegte Überzeugung anprangert, bleibt die Architektur der Idee erhalten und kann von anderen Dingen bewohnt werden.

Das gilt für Kulturen wie für den Einzelnen; unsere zunehmend säkulare Landschaft ist auf viele Arten immer noch vom Erbe des Christentums geprägt. Die Bezeugung dauert fort in den Räumen des Zwölf-Schritte-Programms und im zeitgenössischen Schreiben über Mutterschaft, die oft die Form eines Bekehrungserlebnisses annimmt. Zugleich lebt die epische Glaubenserzählung der messianischen Erlösung weiter, in den utopischen Visionen des Transhumanismus und dem endlosen Bogen des Fortschritts, den der Liberalismus beschwört.“