Gewöhnungseffekte

How The War Against The Press Went From Bias To Enemy of The People

Charlie Warzel:

„Die Gewöhnung an die medienfeindliche Rhetorik hat zu einem Anstieg der Belästigungen von Journalisten geführt, sowohl online als auch offline, darunter auch unverhohlene Drohungen. Im Frühsommer, kurz vor einem in anderem Zusammenhang stehenden Schusswaffen-Angriff auf eine Redaktion in Annapolis, Maryland, antwortete der professionelle Troll und gefeuerte Breitbart-Redakteur Milo Yiannopoulos auf mehrere Stellungnahme-Anfragen von Journalisten mit dem Statement: ‚Ich kann es kaum erwarten, dass Bürgerwehr-Truppen anfangen, Journalisten schon beim ersten Sichtkontakt abzuknallen.“

Nach dem Annapolis-Vorfall erzählte Yiannopoulos Reportern, dass der Kommentar nur ‚Trollerei‘ gewesen sei. Andere finden die Sprache dezidiert weniger ironisch. Im August wurde ein Kalifornier verhaftet, nachdem er 14 Drohanrufe beim Boston Globe abgesetzt und mit einem Massaker gedroht hatte und sich dabei bei Trumps Aussage bediente, dass Journalisten die ‚Feinde des Volkes‘ seien. Außerhalb des Gerichtsgebäudes gab er während seiner Anhörung ein Statement ab: ‚Amerika wurde gerettet, als Donald J. Trump zum Präsidenten gewählt wurde.‘ Milo seinerseits wiederholte sein Verhalten diese Woche: ‚Kriege jetzt erst die Nachrichten über die Rohrbomben mit‘, schrieb Yiannopoulos in einem Instagram-Posting am Donnerstag. ‚Widerlich und traurig (dass sie nicht hochgingen und dass Daily Beast keine bekommen hat).‘ (…)

Der Wandel der Vorstellung von einer einseitigen Medienlandschaft zu Medien, die eine Gefahr sind, kommt nicht aus einer Quelle oder gar von direkten Aufrufen. Er kommt von einem politischen Ethos, der Kritik, Faktenprüfung und Entlarvungen mit Feindlichkeit gleichsetzt. Er ist auch das Produkt ständiger Wiederholung; eine Botschaft, die – immer und immer wieder wiederholt – eine neue Bedeutung und Dringlichkeit entwickelt. Langsam ändert das die Wahrnehmung und die Normen, senkt das soziale Stigma, ‚Lügenpresse‘ zu rufen oder ironisch zur Erschießung von Journalisten aufzurufen. Die lautesten Stimmen mögen nicht tieferliegende bösartige Beweggründe haben, was aber nichts daran ändert, dass diese Sprache diejenigen ermutigt, die die schlimmsten Absichten haben.“

Virtue Signaling

Virtue Signaling

B.D. McClay über den Vorwurf des „Virtue Signaling“ (ungefähr:“Signalisieren von Tugendhaftigkeit“), einem beliebten Argumentationsmuster im Internet. Das Argument: Jemand sagt etwas, weil er damit korrekt/cool/engagiert/interessiert/an der Problemlösung mitwirkend erscheinen möchte, obwohl er in Wahrheit viel weniger korrekt/cool/engagiert/interessiert/an der Problemlösung mitwirkend ist. Der Vorwurf hat von Fall zu Fall seine Berechtigung, aber McClay spiest ganz gut auf, warum er so einfach zu konstruieren ist und damit als rhetorische Ablenkung inflationär verwendet wird:

„Vielleicht magst du die Romane von Leo Tolstoi, weil sie gut sind; vielleicht aber auch, weil dir gesagt wurde, dass schlaue Menschen sie mögen und du für schlau gehalten werden willst. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass es sich um eine unerforschliche Mischung aus beidem handelt – weil dein Geschmack nicht in einem Vakuum existiert und du ihn wahrscheinlich nicht nur aus zynischen Gründen entwickelt hast. Und wenn jede Handlung in einer Situation ein Tugendhaftigkeits-Signal sein kann, ob im Einklang oder gegen deine Prinzipien, dann ist ‚Virtue Signaling‘ als Diagnose-Werkzeug nicht besonders nützlich.

Wie auch das Konzept der Heuchelei sollte der Vorwurf von Tugenhaftigkeits-Signalen Menschen daran erinnern, dass was sie sagen oder schreiben mehr als leere Worte sein sollten. Aber häufiger fordert er implizit dazu auf, den Worten überhaupt keine Beachtung zu schenken, weil sie alle leer sind. Tugendhaftigkeit zu signalisieren ist schlecht, wenn das Signal über der echten Tugend steht. Um mich bei Robin Hanson zu bedienen: Jemand sollte sagen, das es bei X um Y geht und gehen sollte. Aber der Vorwurf des ‚Virtue Signaling‘ ist häufiger eine Methode, die Frage ob es bei X wirklich um Y geht zu vermeiden, indem das Motiv über den Inhalt der Überzeugungen erhoben wird.

Es kein Zufall, dass diese Obsession mit dem Signalisieren in Gemeinschaften des Online-Unbehagens floriert: Etwas zu signalisieren, in einem sehr durchdachten Sinn, lässt sich in digitalen Interaktionen nicht vermeiden. Alles, was du online tust, ist bewusst – in dieser Weise fehlt ihm eine Natur des Offline-Lebens. E-Mails, Tweets und Textnachrichten sind so durchdacht, dass sie keine Spontanität einräumen. Wenn du eine Liste deiner Lieblingsbücher für Facebook ausfüllst, ist dir bewusst, was das über dich aussagt – und was die Betonung von Büchern (anstatt Filmen oder Musik) über dich aussagt. Wenn du ein Profilbild heraussuchst, ist das dein Gesicht, unveränderbar, solange du es benutzt. Wenn du ein Dating-Profil ausfüllst, versuchst du Eigenschaften zu wählen, die dich akkurat repräsentieren – aber die auch eine bestimmte Art Person anziehen werden. Du signalisierst, dass du der Idealmensch deines Idealmenschen bist.“

Die Kritiken, die im Vorwurf des ‚Virtue Signaling‘ mitschwingen, verlangen eine Art von unmöglicher Reinheit des Motivs – die Sicherheit, dass deine Handlung in einem völligen Vakuum genau die gleiche wäre.

Es kommen noch einige Gedanken-Volten, weshalb sich der Text weit über dieses Zitat zu lesen lohnt.