Falsche Gegensätze

Kolumne Schlagloch: Der entfesselte Kulturkampf

Georg Seeßlen:

„In der Kulturrevolution von rechts wird allzu deutlich, wie Rechtspopulisten dem neoliberalen Kapital die Drecksarbeit erledigen. (…) Diese Allianz ist offensichtlich. Wie viele Vertreter der ökonomischen Oligarchie sind in den Führungsriegen der Rechtspopulisten? Wie viel Geld und Organisationskraft wird ‚aus Wirtschaftskreisen‘ in Wahlkämpfe, Parteistrukturen und rechte Medien gepumpt? Wie viele Wirtschaftsvertreter in aller Welt ziehen ein Bündnis mit postdemokratischen, autokratischen und halbfaschistischen Regimes jeder demokratischen Kontrolle vor? Und wie viele Vertreter kleptokratischer Clans bringen es zu politischer Macht, von den USA bis Brasilien?“

Der Pinsel ist ein bisschen breit: Wäre diese These stimmig, müsste man dem „neoliberalen Kapital“ unterstellen, an einer Rückabwicklung von Globalisierung und Freihandel interessiert zu sein, die zumindest in einigen Ländern Kernprogramm der neuen Reaktion ist.

Aber was Seeßlen deutlich macht: Die Darstellung der neuen politischen Verhältnisse als Kampf von Anhängern einer „offenen“ mit denen einer „geschlossenen“ Gesellschaft ist völliger Humbug. Er lässt Progressiven die Wahl, Teil eines „Weiter-so“ (also eines Konservatismus im Geist des realexistierenden Neoliberalismus) zu werden oder mit jenen identifiziert zu werden, die in die Schublade der Abschotter und Engstirnigen wandern. Um Hans Kundnani vom Chatham House zu zitieren (Abzüge gibt es für den undefinierten Elitenbegriff):

„Wie der Begriff Populismus selbst wird die Vorstellung eines Kontrasts zwischen offen und geschlossen oft von Eliten verwendet, um Ideen oder Politikentwürfe zu diskreditieren, die sie nicht mögen.“

Graeber interpretiert die Gelbwesten

The “Yellow Vests” Show How Much the Ground Moves Under Our Feet

David Graber mit seiner Perspektive auf die Gelbwesten in Frankreich (Original in Le Monde). Woher kommt die Konfusion darüber, was die Bewegung ist und will? Graeber, selbst einst Teil der Occupy-Bewegung:

„1. In einer Wirtschaft, die auf Finanzinstrumente ausgerichtet ist, können nur diejenigen die Sprache des Universalismus benutzen, die sich in nächster Nähe zu den Mitteln der Geldschaffung befinden (im Kern Investoren und die Akademiker- und Managerklasse). Eine Folge davon ist, dass alle an speziellen Bedürfnissen und Interessen orientierten politischen Ansprüche oft als Erscheinungsform von Identitätspolitik betrachtet wurden. Im Falle der gesellschaftlichen Basis der Gelbwesten kann nach dieser Logik ihre Erscheinungsform einzig als proto-faschistisch interpretiert werden.

2. Seit 2011 hat sich weltweit verändert, was der gesunde Menschenverstand als Zweck einer Teilnahme an einer massendemokratischen Bewegung versteht – zumindest unter denen, die sich am wahrscheinlichsten daran beteiligen. Ältere ‚vertikale‘ oder Vorhut-Modelle der Organisierung sind schnell verschwunden und haben einem Ethos der Horizontalität Platz gemacht, in dem (demokratisch, egalitär) Praxis und Ideologie letztlich zwei Aspekte der selben Sache sind. Die Unfähigkeit, das zu verstehen, erweckt den falschen Eindruck, dass Bewegungen wie die Gelbwesten anti-ideologisch, sogar nihilistisch sind.

(…) Diese neuen Bewegungen brauchen keine intellektuelle Vorhut, um mit einer Ideologie versorgt zu werden, weil sie bereits eine [Ideologie] haben: die Ablehnung intellektueller Vorposten und die Umarmung von Vielfältigkeit und horizontaler Demokratie selbst. Es gibt eine Rolle für Intellektuelle in diesen neuen Bewegungen, sicher. Aber sie wird weniger das Reden als vielmehr das Zuhören beinhalten müssen.“

Weiterhin gilt für mich: es ist zu früh für einheitliche Interpretationen. Nach Graebers Lesart wäre sein Weg der Meta-Interpretation allerdings ohnehin die einzige Form, sich solchen Phänomenen zu nähern. Dieses Wesen machte schon Occupy Wall Street so ungewöhnlich, entzog es doch der Interpretationsmaschinerie und Instant-Kategorisierung das Futter, genau wie dem Zynismus, der bei konkreten systemischen Forderungen sofort aufkommt. Ich habe das 2011 hier mal als „Revolution als Meme“ bezeichnet.

Die Occupy-Erfahrung deute ich aus heutiger Sicht aber so, dass sich diese Form („Prozess statt Plattform“) irgendwann mit dem Konkreten ins Gehege kommt, das ja immer noch für Politik notwendig ist. Und doch hat sich Macron eben – anders als damals Regierungen und Finanzbranche – bewegt. Und damit womöglich diesen unbestimmten „Prozess“ vorerst in Bewegung gehalten.

Siehe auch:
 Gelbwesten und Wachstumsrücknahme

Zarte Blüten des Reformkapitalismus

Goldilocks and the bear
The Future of Capitalism, Paul Collier ($)
US-Rep. Joe Kennedy: Democrats should embrace „moral capitalism“
The next capitalist revolution

Anzeichen für die Lösung eines Problems finden sich weniger an der Vehemenz von Forderungen aus der Meinungswelt, jemand (oft: die Regierung) solle jetzt endlich etwas (bleibt in der Regel unspezifisch) tun. Vielmehr sind sie oft dort zu sehen, wo ein Umdenken in Fach und Politik soweit fortgeschritten ist, dass Reformvorschläge auch aus dem Kreis der Überzeugten einer (problematisch gewordenen) Idee kommen.

Dass der US-Abgeordnete Joe Kennedy jüngst einen „moralischen Kapitalismus“ forderte ist insofern ungewöhnlich, als er zum systemischen „Wird-schon-wieder“-Flügel der Demokraten zu zählen war. Einer nicht unwichtigen Partei im vom Kapitalismus am überzeugtesten Land der Welt. Der Economist als Zentralorgan der globalen Intelligentsia wiederum fordert anlässlich eines seiner Sonderberichte nichts weniger als eine „Revolution des Kapitalismus“ – in Form von weniger Zugangshürden, weniger Marktkonzentration und einer Patent- und Urheberrechtsreform. Und der Ökonom Paul Collier schließlich hat ein ganzes Buch mit Ideen vorgelegt, wie der Kapitalismus zu reformieren ist; darunter sind Vorschläge wie stärkere Haftung für Bankchefs, eine hohe Besteuerung künstlicher Ertragssteigerungen („rent-seeking“) und eine fundamentale Verpflichtung zum Handeln, das Vorteile nicht nur für die eigene Organisation sucht (siehe: Kennedys „moralischer Kapitalismus“).

Allen Ideen gemein ist, dass sie keinen einzelnen großen Wurf in Form des „der Staat muss es regeln“ verlangen (was angesichts der Schwäche von Nationalstaat und Multilateralismus pragmatisch erscheinen kann) und dass sie auf die indirekten Folgen setzen, die ein höherer moralischer Anspruch ebenso zeitigen soll wie eine Rückkehr echter Märkte in unsere allzu etabliertenfreundliche und oft oligopolartig strukturierte Marktwirtschaft. Das ist angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse konservativ, in einigen Punkten als Inkrementalismus wohl nicht ausreichend, aber dafür vielleicht machbar. Für mich signalisiert es zumindest, dass Veränderungen wahrscheinlicher werden und der Druck dazu von innen und außen wächst. Im zehnten Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise und angesichts unserer schrumpfenden Distanz zu Demokratie-Kipppunkten kommt diese Botschaft keinen Moment zu früh.

Einsamkeit: „Einige von uns haben niemanden von euch“

Makala (Dokumentarfilm)
How Loneliness Is Tearing America Apart (Leserkommentare)

Lob der Leserkommentare: Der Chef des American Enterprise Institute versucht, mit einem Gastartikel über Einsamkeit den gemäßigten Republikaner Ben Sasse zu pushen. Und eine Leserin mit Namen Charlotte schreibt einen Kommentar, der sehr viel gehaltvoller und vor allem ehrlicher ist:

„Ich habe jedes Buch über Einsamkeit gelesen. Warum? Weil ich einsam bin. Auf einer Erkenntnisebene bringt der Text sein Argument an. Aber auf einer emotionalen Ebene ist er nur ein kleiner Punkt auf der Spitze der Einsamkeit. Was die Tiefe der Isolation schwieriger macht: Niemand, nicht die Familie, nicht der Freundeskreis, will davon etwas wissen. Einsamkeit versteckt sich, so wie sich Depression einst versteckte. Zuzugeben, dass du einsam bist, ist ein Tabu. Und niemand, der nicht völliges und fortgesetztes Alleinsein erlebt hat, kann sich Tage ohne Kontakt vorstellen. Einige von uns haben niemanden von euch. Und einige von uns sind die gütigsten, einfühlsamsten Seelen. Weil wir wissen, fühlen und erleben, was Leere ist. England hat eine Botschafterin für Einsamkeit ernannt. Wie die Briten sagen: ‚Brillant.‘ Aber lass uns abwarten, wie effektiv die Sensibilisierung sein wird. Denn im Falle von Einsamkeit bedeutet ‚aus den Augen‘ tatsächlich ‚aus dem Sinn‘.“

Während wir langsam die Entstigmatisierung der Depression erleben, die inzwischen als komplexes neurologisches Phänomen wahrgenommen wird, wird die Einsamkeit weiterhin im Tabu versteckt. Als Dauerzustand haftet ihr ein sozialer Makel an, der Verdacht, dass Betroffene doch einfach nur rausgehen und Nähe zu anderen Menschen suchen müssten.

Das verkennt die Komplexität des Zustands, denn Einsamkeit kann aus ganz verschiedenen Formen der Isolation entstehen. Es gibt die Einsamkeit des Fremden in einer anderen Kultur (die ich gut kenne). Die soziale Isolation derjenigen, für die eine Gesellschaft keine passende Schublade findet oder deren Lebenswelt im Normalo-Konsens als No-Go-Zone gilt. Die Einsamkeit der Väter oder Mütter, die sich schämen, zu ihrem Familienleben keine tiefe Bindung herstellen zu können. Das Alleingelassensein vieler Älterer. Der Karriere-und-Feierabend-Kokon der Vielbeschäftigten. Einsamkeit ist nicht auf physische Isolation beschränkt, du kannst sie im Partygespräch genauso erfahren wie allein in deinem Zimmer. Sie muss nicht einmal alle persönlichen Lebenswelten betreffen: Partner können Bett, Leben und Nachwuchs teilen und sich doch einander entfremdet und einsam fühlen. Ein Single kann einen erfülltes soziales Umfeld und sogar Sexleben haben, aber die Nähe der Seelen-Intimität vermissen.

Neben dem Stigma scheint es eine besondere Intimität des Zustands zu sein, die es so schwierig macht, darüber zu reden oder den in ihm verborgenen Gefühlskosmos zumindest halbwegs zu kategorisieren. Im Deutschen können wir nicht einmal zwischen freiwilliger (solitude) und unfreiwilliger (loneliness) Einsamkeit unterscheiden. Robert Burton hat einmal Melancholie als „Rost der Seele“ bezeichnet. Einsamkeit, das sind Leerstellen in unserer Seele. Oft halten wir sie vor uns selbst geheim, weil wir überzeugt sind, sie niemandem zeigen zu können. Obwohl jeder Mensch versteht, wie sie sich anfühlt. Und obwohl wir uns vielleicht als Zivilisation gerade in ein Jahrhundert der chronischen Vereinsamung einleben. Merkwürdig.

Foto: Screenshot aus dem Film „Makala“

Britischer Rückbau

Austerity: how an ideological project failed on its own terms

George Eaton über den Rückbau des Staates in Großbritannien:

„Die Abteilungsbudgets sind seit 2010 im Durchschnitt um mehr als 20 Prozent gesenkt worden (und die Finanzierung kommunaler öffentlicher Hand um 49 Prozent), während im Sozialwesen mehr als 20 Millionen Pfund gestrichen wurden (das Kindergeld ist zum Beispiel weniger Wert als vor 17 Jahren). Die private Verschuldungsquote steht bei 139 Prozent des verfügbaren Einkommens und wird Vorhersagen zufolge 146 Prozent erreichen (ein Phänomen, das privatisierter Keynesianismus genant wird: während sich der Staat weniger leiht, leihen Bürger mehr, um ihren Lebensstandard zu halten). Übernachtungen im Freien, die unter der letzten Labour-Regierung um drei Viertel fielen, sind seit 2010 um 169 Prozent gestiegen. Fast Tausend Sure-Start-Zentren (staatliche Einrichtungen zur Unterstützung frühkindlichen Versorgung) und 478 Büchereien sind Schätzungen zufolge geschlossen worden.“

Ich denke, Großbritannien und die USA werden der Block sein, der die neoliberale Demontage des Verwaltungsstaats und die Privatisierung weiterer staatlicher Aufgaben im Sinne kommerzieller Interessen auch im 21. Jahrhundert durchzieht. Vielleicht unterschätze ich auch Labour und die Demokraten, aber ihre Rolle liegt momentan eher in der Verlangsamung als in einer Umkehr.

Für Deutschland steht, bisherige Wirtschaftslage sei Dank, ein solcher Richtungstest noch aus. Aber natürlich gibt es in der globalisierten Finanz- und Warenstrom-Welt (siehe Trumps Unternehmenssteuer-Senkungen und entsprechende Forderungen für Deutschland, siehe fortgesetzte Existenz von „Steuerparadiesen“) einen Druck, der (noch) für die Interessen transnationaler Firmen und Vermögensbesitzer arbeitet.

Autoritäre Versuchungen

Wilhelm Heitmeyer: „Autoritäre Versuchungen“
Peter Carstens über Wilhelm Heitmeyers neues Buch:

„Rechtsextrem will Heitmeyer die AfD aber nicht nennen, dazu fehlten wesentliche faschistische Elemente wie die Ausrichtung auf einen Führer, die paramilitärischen Elemente und ein offener Kult der Gewalt. (…) Er nennt die AfD eine Partei des ‚autoritären Nationalradikalismus‘ und deutet sie als Vorboten der Gewalt.

(…) ‚Damit wird der Weg frei für autoritäre und nationalradikale Bewegungen mit weiteren Aufheizungen – sie erreichen auch gewalttätige Akteure, die die angestrebten autoritären Ordnungsvorstellungen auf ihre Art lokal oder regional vorantreiben.‘ (…)

Kritisch beurteilt Heitmeyer in seiner anschaulichen Untersuchung Versuche der Unionsparteien, durch sprachliche Nachahmung die Kontrolle über die wegfallenden Ränder zurück zu erlangen. Das seien riskante Anpassungsversuche, die zu Normverschiebungen führten. (…) [Er] hält aber auch nichts von moralisierender Fundamentalkritik und der Einordnung der AfD ins Neonazi-Lager. Denn:

‚Je höher das moralische Gefälle, das da konstruiert wird, desto geringer sind die Kommunikationschancen. Und wenn Kommunikation ausbleibt beziehungsweise vorrangig innerhalb der eigenen Bezugsgruppe stattfindet (…) begünstigt das die Radikalisierung zusätzlich.‘

Aber was kann, was soll getan werden? Da ist der Soziologe am Ende auch eher ratlos. Es gebe, schreibt er, einen ‚Mythos vom Verschwinden des Autoritären‘. Wenn es einmal da ist, sei es nicht mit dem Abtreten einer Bundeskanzlerin oder schärferen Grenzkontrollen getan. Düster schreibt er von einem ‚Eskalationskontinuum‘. Weder der globale Kapitalismus und die kulturellen Konflikte noch die demographischen Veränderungen seien aufzuhalten.

‚All diese Faktoren sind auf Dauer geschaltet und lassen sich mit dem konventionellen Werkzeugkasten demokratischer Politik – im Wesentlichen Gesetze, Geld und Appelle – nicht kurzfristig verändern.'“

„Automatisierung“ und verdeckte Menschenarbeit

The Automation Charade

„Seit Anbeginn der Marktgesellschaft haben Eigentümer und Chefs ihren Mitarbeitern mit Wolllust erzählt, dass sie ersetzbar sind. Roboter verleihen dieser jahrhundertealten Dynamik eine problematische neue Note: Arbeitgeber drohen Arbeitnehmern mit der Aussicht auf maschinelle Konkurrenz und vermeiden damit Verantwortung für ihre eigene habgierige Haltung, können sie sich doch opportunistisch auf Tech-Determinismus berufen. Eine ‚Zukunft ohne Arbeit‘ ist unvermeidbar, heißt es, ein unaufhaltsamer Auswuchs von Innovation, der den Lebensunterhalt auffressende Preis des Fortschritts (traurigerweise ähnelt die Zukunft ohne Arbeit der Massen nicht der Gegenwart ohne Arbeit der Ein Prozent, die von Dividenden, Zinsen und Mieteinnahmen leben, ohne einen Finger zu heben, während ihr Bankkonto wächst).

Obwohl Automatisierung als neutraler Prozess präsentiert wird (…), braucht man nicht einmal genau hinzusehen um zu erkennen, dass (…) Automatisierung eine Realität und eine Ideologie ist, und deshalb auch eine Waffe, die Armen und arbeitenden Menschen vor die Nase gehalten wird, die es wagen, bessere Behandlung oder auch nur das Recht auf Auskommen zu verlangen. Aber wenn Du genauer hinguckst, wird es noch seltsamer: Automatisierte Prozesse sind oft weit weniger beeindruckend als die Marktschreierei und Propaganda um sie herum. Manchmal gibt es sie auch nicht. Jobs werden gestrichen und Gehälter gekürzt, aber Menschen arbeiten immer noch neben oder hinter den Maschinen, auch wenn ihre Arbeit dabei keine Fähigkeiten mehr braucht oder gar nicht bezahlt wird. (…)

Arbeit ist [zum Beispiel] nicht aus den Restaurant-Gasträumen verschwunden, vielmehr übernimmt eine andere Person die Arbeit. Anstatt eines Mitarbeiters, der die Bestellungen der Gäste eintippt, machen die Gäste nun selbst kostenlos diese Arbeit, während junge, freundlich aussehende Mitarbeiter um sie herum schwirren und die Mahlzeiten zu den Tischen bringen. (…) Neulich wartete ich in einem Restaurant auf ein Mitnahme-Essen, das ich altmodisch durch ein Gespräch mit der Frau hinter der Kasse bestellt und mit Bargeld bezahlt hatte. Während ich auf mein Mittagessen wartete, drückte der Mann vor mir seine Verwunderung aus, dass er sein Essen bekam. ‚Woher wusste die App, dass meine Bestellung 20 Minuten früher fertig ist?`, fragte er erstaunt, während er sein Telefon fest umklammerte. ‚Weil ich das bin‘, sagte die Frau, ‚Ich habe ihnen eine Nachricht geschickt, als das Essen fertig war.'“

Unwucht

Streit um Italiens Haushalt: EU-Kommission sollte Schulden erlauben, aber Demokratie verteidigen

„In dieser Woche haben wir wieder so einiges erfahren, zum Beispiel, dass der Betrug mit den Cum-ex-Geschäften die Steuerzahler in Europa noch viel mehr gekostet hat als befürchtet. Das Bundesfinanzministerium kannte das Problem seit 2002, behielt sein Wissen aber offenbar für sich.

In voller Schönheit deutlich geworden ist diese Woche, dass manche Autokonzerne aus dem Diesel-Desaster ein Konjunkturprogramm in eigener Sache machen wollen, anstatt sich vor allem um die betrogenen Menschen zu kümmern.

Außerdem haben wir in den letzten Tagen wieder erlebt, wie schwer sich der Westen tut, Saudi Arabien zu sanktionieren. Fall Kashoggi hin, Jemen her, es geht schließlich um Geschäfte mit diesem problematischsten aller unserer Verbündeten.

Irgendwie kann also jeder mit Nachsicht rechnen. Aber halt, bei der neuen italienischen Regierung, da ist die EU-Kommission hart, da zeigen die EU-Staaten ihr Maastricht-Rückgrat. Dabei haben sie alle jahrzehntelang zugesehen, Konservative wie Sozialdemokraten. Sie haben zugesehen, als ihre Parteifreunde noch in Rom an der Macht waren und den Schuldenberg errichtet haben. Italien wurde trotzdem Gründungsmitglied der Euro-Zone. Come no? Wie denn auch sonst?“

Derart in Absätzen gebündelt lässt sich das Malheur der Gegenwart ganz gut besichtigen, so man es denn sucht.

Das Problem ist nicht da draußen

This Is Not A Blip

„[Für Viele] im politischen und politiknahen Establishment besteht der Weg aus dieser [Vertrauens-]Rezession darin, den Weg zurück zum Ancien Regíme zu finden. Multilateralisten versuchen das öffentliche Vertrauen in Multilateralität dadurch wieder herzustellen, dass sie weiter Multilateralisten sind. Die Antwort auf schlechte Institutionen sind Institutionen. Die Nöte der globalen liberalen Weltordnung verlangen nicht weniger, sondern mehr von der globalen liberalen Weltordnung. Wir haben die Krankheit diagnostiziert. Und ihre Heilung wird offenbar ihre Ursache sein.

Aber das gegenwärtige politische Klima ist nicht nur ein Wettermuster, das vorbei geht. Das ist nicht nur ‚eine Phase‘, um den Ausdruck sich selbst tröstender homophober Eltern zu gebrauchen. Es handelt sich nicht um eine Verirrung oder ein Zwischenspiel. Politisch, ökonomisch, kulturell haben wir die Grenze von der Trockenheit zur Aridisierung überschritten, von der Krankheit zum Verfall. Das ist keine kleine Abweichung. (…)

Der gegenwärtige Aufstieg des reaktionären Populismus muss im Kontext der Geschichte der liberalen Demokratie betrachtet werden. Am besten versteht man ihn als Kollision zwischen zwei Gruppen und zwei Bereichen, die früher in sicherem Abstand zu einander blieben: der eingekapselte Markt, mit seinen Regeln von Wettbewerb und Imperativen der Anhäufung und Wachstum, und die widerspenstigen Forderungen der Bevölkerung, die von hyperaktiven Informationsübermittlungskanälen der sozialen und digitalen Medien gefüttert werden. Es ist die Rache der Bevölkerung – wie stark der Blip-Denker auch behauptet, dass die Krise des Liberalismus in Wahrheit eine Krise der Demokratie ist.

Statt diese Kollision als das zu sehen, was sie ist – die Freilegung einer folgenreichen Spannung in der liberalen Ordnung, die immer schon da war und nie verschwinden wird – und die Forderungen der Menschen ernst zu nehmen, glaubt der Blip-Denker, den alten Waffenstillstand zwischen Liberalismus und Demokratie zurückbringen zu können. Das Problem ist dort draußen, im Bewusstsein der Öffentlichkeit, nicht in den Institutionen, in die die Öffentlichkeit ‚Vertrauen‘ verloren hat. Der Blip-Denker glabt, dass die Bevölkerung sich verändern muss, nicht die Welt.“

Wütende Artikel wie diese sind… gut! Progressive laufen Gefahr, im Wunsch nach der unmöglichen Rückkehr zur Normalität zu blinden Verteidigern des Status Quo zu werden – oder bestenfalls im Macron’schen Modus des „Yuppie-Populismus“ (Zitat Pankaj Mishra) die Lösung zu sehen, die doch im Kern nichts anderes als eine weitere Auflage jenes „Dritten Wegs“ ist: PR-technisch oft versiert, intellektuell abgewirtschaftet und ohne größeren Nachweis, die Probleme des 21. Jahrhunderts ernsthaft lösen zu können oder wollen.

Wenn ich die Geschichte der kapitalistischen Zivilisation wie Jason Moore aber als „Aneignung von menschlichen und außermenschlichen Naturen“ betrachte (genauer: vier Naturen, „four cheaps“ -Nahrungsmittel, Arbeitskraft, Energie und Rohstoffe), dann liegt der Schluss nahe, dass der weitere Weg – also eine fortgesetzte Aneignung/Akkumulation unter den bereits beschleunigten Bedingungen – zivilisatorischer Selbstmord wäre, weil wir am Limit sind. Veränderung wäre also das Los der Stunde, doch die Progressiven und der verbliebene Rest links der Mitte scheuen sich, ohne die beiden Wörter „aber schrittweise“ überhaupt vor die Bürger zu treten. Doch was sich als Vernunft kleidet, könnte sich im historischen Rückblick einmal als bloße Feigheit entpuppen.

Siehe auch:
Es wird keine Rückkehr zur Normalität geben (2016)
Der Niedergang des Nationalstaats
 „Liberal“ vs. „nationalistisch“?
Globalismus und das schlafende progressive Lager (2016)
Der theologische Kapitalismus (2009)

Post-Lehman und 2020+

A decade after Lehman fell, the global economy is not better. It’s worse

„Einige Ökonomen halten den problematischen Trend niedriger Produktivität und Haushaltseinkommen für die Achillesferse, mit der die Industrienationen in die 2020er Jahre gehen. Dem Trend nach wird die Weltwirtschaft ungefähr 3 bis 3,5 Prozent wachsen, vor einem Jahrzehnt waren es 4 bis 4,5 Prozent. Das Resultat sind langsamere Lohn- und Gewinnsteigerungen, was zu niedrigeren Steuereinnahmen in einer Zeit führt, in denen die Kosten der Schuldenbedienung steigen. Anhaltende Niedrigzinsen blockieren die Möglichkeit der Zentralbanker, die Kreditkosten im Falle eines Abschwungs zu senken; was ihnen bleibt, istdann nicht viel mehr als beruhigende Plattitüden.

Zentralbanken haben vielleicht genügend Spielraum, um eine milde Rezession mit konventionellen Zinssenkungen abzufedern, aber ein stärkerer Abschwung würde mit großer Wahrscheinlichkeit ein weiteres Quantitative Easing benötigen. QE hat nicht mehr die mächtige Wirkung, die es 2008 hatte. Und ohne diese stehen nur Papiersoldaten in der Verteidigungslinie gegen einen weiteren Crash.“

Jenseits aller Debatten über Postwachstum (dessen Übergang ich im gegenwärtigen Systemrahmen für schwierig halte), ist die Logik natürlich entlarvend: Es gäbe genügend Möglichkeiten, die Steuerbasis zu erweitern und Vermögen stärker zu hinzuzuziehen. Aber das erscheint in der gegenwärtigen Mainstream-Denkart (derzeit) unwahrscheinlich, zumal das zumindest teilweise international vernetzt geschehen müsste. Stattdessen lassen sich im Krisenfall weitere Kürzungen in den Sozialsystemen und Privatisierungen absehen. Genau deshalb sind die investitionsschwachen Jahre der schwarzen Null in Deutschland so verschenkt. Ganz abgesehen davon, dass ihr ideologischer Kern in der nächsten Krise mit Sicherheit den Euro sprengen würde.

Siehe auch:

10 Jahre nach dem Crash
Deutschland, Euro-Krise, Griechenland (2015)
GroKo-Sommerbilanz