Radikal kompliziert

Finding the Future in Radical Rural America

Elizabeth Catte über die Appalachen, die ja gerne als Proto-Trump-Region porträtiert werden:

„Wir behalten immer noch die Narrative bei, die so hart daran gearbeitet haben, den Zustand des Landes zu vereinfachen und genaue Linien zu ziehen: blaue Städte, rote ländliche Gegenden, ein paar Wechselwähler-Vororte. ‚In einer Zeit politischen Tumults sehnen wir uns nach schnellen Sicherheiten‘, schrieb die Soziologin Arlie Russell Hochschild in ihrem Buch ‚Strangers in Their Own Land‘ (2016). Und wirklich, das größte Geschenk, das sich immer weiter verschenkt, hat die Linke der politischen Rechten seit 2016 nicht mit ein paar überzeugten Sozialisten gemacht, sondern mit dem Mythos, das Trump-Wähler unerforscht und monolithisch sind. (…) Ländliche Orte werden oft als Orte der Abwesenheit imaginiert, von farbigen Menschen über moderne Annehmlichkeiten bis zu radikalen Politikideen. Die Wahrheit ist wie üblich komplizierter.“

Sie erzählt dann von der Gewerkschaftstradition und dem progressiven Aktivismus, der dort heute noch vereinzelt zu erleben ist, zum Beispiel im Bildungswesen. Wenn es um die Wahl „Geld oder Menschen“ geht, wird immer noch die Frage gestellt: Auf welcher Seite stehst du? Diese Nuancen aber verschwinden oft hinter dem Klischee, alle werden in die armselige bis reaktionäre Schublade gesteckt.

Ähnliches habe ich in meiner Zeit im Süden erlebt: An den Küsten verdächtigen viele Zeitgenossen die weißen Southerner erst einmal, sämtlich rassistisch zu sein und blickt auf sie herab. Aber auch die Afroamerikaner werden von Afroamerikanern anderswo oft mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet: Warum leben sie immer noch im Landstrich der ehemaligen Sklaverei und sind nicht wie so viele andere nach Norden oder Westen gezogen? Ziel solcher Vorurteile zu sein verbindet Schwarz und Weiß und bindet an ihre Heimat.

Ob in Louisiana, West Virginia, Texas, Oregon oder Kansas: Die Regionalgeschichte ist zu facettenreich, die Kämpfe waren zu hart, um einfach nur Schubladen aufzumachen und zu glauben, man könne eine Region auf gegenwärtige Klischees schrumpfen, dort verstauen und ihr oder ihren Bewohnern damit gerecht werden.

Das Veto der Oligarchen

The audacity of America’s oligarchy

„Die Demokraten sind gewarnt: Wenn sie nächstes Jahr einen Pro-Steuer-Kandidaten wählen, um gegen Donald Trump abzulösen, wird vermutlich ein Milliardär als Spielverderber antreten. Ob der ehemalige Starbucks-Chef Howard Schultz oder jemand anderes, ist zweitrangig. Jeder Drittparteien-Plutokrat hätte die Mittel, den Demokraten die notwendigen Stimmen abzunehmen, um Mr. Trumps Wiederwahl zu ermöglichen. Der Rückschluss ist klar: Ein großer Teil der amerikanischen Plutokratie würde eine zweite Trump-Amtszeit riskieren, damit ihre Steuern niedrig bleiben.“

Das schreibt nicht ein Linker auf Jacobin, sondern Edward Luce von der Financial Times. Ich verwende in Texten über die USA bereits länger analog zu Russland das Wort „Oligarchen“. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil das Wort die realen Verhältnisse am besten wiedergibt.

Batman, Gesetzesbrecher

Anwälte gehören zu den unbeliebtesten Personengruppen in den USA. Zumindest ist das mein Eindruck („He’s such a lawyer“ ist kein Kompliment). Was die Juristen aber nicht davon abhält (oder vielmehr dazu nötigt), extrem viel Werbung zu machen. Auf riesigen Plakaten entlang von Freeways, auf Social Media und im Lokalfernsehen. „Better Call Saul“ ist noch einer der seriöseren Kampagnen.

Im Zeitalter der Viralität aber muss natürlich alles eine Stufe interessanter sein. Der Anwalt Ed Herman aus St. Louis nimmt sich der Sache an und versucht herauszufinden, wie viele Gesetze Batman gebrochen hat.

(via)

US-Reformen und der Faktor Krieg

Talking Politics Guide to … the US Constitution

David Runciman im Gespräch mit dem Historiker Gary Gerstle. In ganzer Länge hörenswert, hier ein Auszug:10

Gary Gerstle: „Die amerikanische Demokratie steckt fest, aber durch Verfassung hat sie auch eine Geschichte, festzustecken. Weil die Verfassung fragmentierte die Macht zwischen den drei Zweigen der Regierung und zwischen der Zentralregierung und den Bundesstaaten fragmentiert. Dadurch ist es sehr schwierig, in normalen Zeiten großflächigen Wandel zu beeinflussen. Deshalb war die amerikanische Politik immer von sozialen Bewegungen abhängig, die außerhalb der formalen politischen Sphäre entstanden sind. (…) Es ist nicht das erste Mal, dass die amerikanische Demokratie feststeckt, und wenn wir uns an die Auflösung der Lähmungsmomenten in der Vergangenheit ansehen, kam die Energie von außerhalb der formalen politischen Kanäle, durch soziale Bewegungen und Aufstände, die die politische Klasse unter Druck setzen konnten, Dinge zu tun, die sie sonst nicht hätten tun können. Eine ähnliche Form könnte in den kommenden 10 bis 15 Jahren notwendig sein, um die Blockade der amerikanischen Politik zu lösen.“

David Runciman: „Oder die andere Sache, die diese Blockade auflöst, ist Krieg.

Gerstle: „Ja…ja. Und ich glaube es ist eine gute Frage, ob Amerika Krieg braucht um die Probleme zu lösen, an denen es in Friedenszeiten scheitert. Der New Deal in den 1930ern und die progressive Epoche zwischen 1900 und 1915 sind Beispiele für Zeitalter großflächiger Reformen, in denen Krieg nicht präsent war. Aber wenn wir uns an die unterschiedlichen Vermächtnisse erinnern: der erste Weltkrieg kam am Ende der progressiven Ära und viel von dem Erreichten wurde danach zurückgebaut. Das Gleiche hätte mit dem New Deal passieren können, wäre nicht direkt nach dem zweiten Weltkrieg der kalte Krieg gekommen. Und die große Zeit der Reform, der konstitutionellen Überarbeitung, lag in einer Zeit des Kriegs oder Fast-Kriegs, was der kalte Krieg. Die Frage ist also legitim, ob Amerika seinen Einfallsreichtum ohne Krieg zurückgewinnen kann.“

Small Town America

Covington, Louisiana
Seeing America with Frederick Wiseman

Frederick Wiseman hat Dutzende Dokufilme über die USA gedreht, aktuell läuft „Monrovia, Indiana“ hier in den Kinos, ein Kleinstadt-Porträt. Das Gespräch im verlinkten Podcast halte ich für exemplarisch: Der geschätzte Moderator Christopher Lydon möchte unbedingt wissen, was in „Small Town America“ passiert und wie das mit Trump zusammenhängt. Und Wiseman macht klar, dass er keine Antworten geben kann. Sind die Menschen weniger glücklich? Keine Ahnung. Alleine schon die Annahme, ob eine von 16 000 Kleinstädten für irgendetwas stellvertretend ist, erscheint ihm absurd.

Das deckt sich ungefähr mit meinen Erfahrungen, ob in Besuchen oder Reporting. Als Mensch, der auf dem Dorf aufgewachsen ist, fährt mir diese Vorbeifahr-Anthropologisierung von außerstädtischen Lebensentwürfen ohnehin schräg ein (genau deshalb ist der jüngst prämierte Text von Daniel Schulz so erfrischend).

Wir gehen immer davon aus, dass sich Menschen mit Politik beschäftigen, wenn sie jemanden wie Trump wählen. Aber oft ist das Gegenteil ist richtig, viele konservative Amerikaner meiden politische Themen und wollen oft vor allem ihre Ruhe, kümmern sich lieber um Familie und näheres Umfeld. Die Idee, sich für seine Identität und das Erreichte in irgendeiner Form rechtfertigen oder gar schuldig fühlen zu müssen (vgl. Rassenthematik, Ressourcenvernichtung, Klimawandel, niedrige Steuern), erscheint aus ihrer Perspektive weltfremd und sogar unverschämt. Genau wie die Ablehnung gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, die der postmoderne Konservatismus predigt, nicht im Widerspruch zu Hilfsbereitschaft oder Verantwortung per se steht: sie gilt eben der Familie, der Nachbarschaft, der Community oder auch nur demjenigen, den man gerade trifft.

Das ist nicht selten ein funktionierendes und auch von Herzlichkeit geprägtes System, aber eben auf einem begrenzten Raum und für die Lösung von Problemen geeignet, die in diesem begrenzten Raum ihre Wurzeln haben. So zumindest mein Eindruck, und damit belasse ich es für heute mit den Generalisierungen.

Hier der Trailer zu Monrovia, Indiana:

„Halbzeitwahlen“

The Midterm Elections Are A Referendum On Donald Trump

„Die Zwischenwahlen finden in einer Atmosphäre immensen nationalen Drucks statt. Wie könnte es anders sein, wenn der wichtigste Charakter in diesem Drama Donald Trump ist, der mit der Idee Erfolg hat, dass das amerikanische Leben ein täglicher Cliffhanger ist, in dem der Held tapfer ins Feld zieht, um den Graben zwischen seinen Anhängern und allen anderen zu vertiefen, um internationale Verträge und Bündnisse einzureißen, und um die Unternehmensinteressen vor den Interessen von Arbeitnehmern und der Natur zu schützen. Es gibt ohne Frage zahlreiche lokale und regionale Themen, die diskutiert werden – aber unter dem Strich ist diese Wahl ein Referendum über Trump: Ein Wettbewerb zwischen seiner Basis und jenen die fühlen, dass es im nationalen Interesse wäre, zumindest ein paar Bremsmechanismen einzubauen – eine neue Mehrheit im Repräsentantenhaus, eine neue Gruppe von Gouverneuren und Abgeordneten in Bundesstaaten – um Trumps Zerstörung des amerikanischen Zivillebens und seine Entkernung des nationalen Wesens etwas zu verlangsamen. Vor zwei Jahren bedeutete die Aussicht auf eine Trump-Präsidentschaft einen Notfall. Zehn Millionen Wähler fanden einen Vorwand, um zuhause zu bleiben. In diesem Jahr sind die Umfragen knapp. Es kann nicht stark genug betont werden, was auf dem Spiel steht.“

Zwei ausgewählte Texte zu den Midterms von mir: Für @SZ habe ich mir Gedanken über die „amerikanische Frage“ gemacht, in Internationale Politik die Medienentwicklung unter Trump betrachtet (€).

Und GOP sprach…

„Möget Ihr das Land der Freien, die Heimat der niedrigen Steuern und geladenen Waffen, den gesegneten Boden der Fracking-Brunnen und die XXL-Pickup-Trucks unserer bei Vollgas SMS schreibenden Autofahrer (Freiheit!) vor den Plagen des Sozialismus bewahren, den die Demokraten mit ihrer teuflischen Idee von einer allgemeinen Krankenversicherung über uns bringen werden. Oder kürzer: Beto, because Socialism sux.“

(Hintergrund)
Who is GOP?

Spiral Jetty

Spiral Jetty Robert Smithson

Im Rückspiegel verschwindet die Golden Spike, jener Ort, an dem 1869 die Eisenbahnen aus Osten und Westen erstmals verbunden wurden – ein Moment, der jetzt mehrmals täglich für Touristen nachgestellt wird. Bald schon lassen wir Rattern und Dampf der Loks hinter uns, vor uns nur noch trockene Felsen und eine Menge Staub. Hinter einer Kurve steigt ebenfalls Rauch auf, wenn auch in unregelmäßige Intervallen. Kein Feuer wie sich herausstellt, sondern zwei junge Typen, die mit ihrer AR-15 in die öde Landschaft ballern. Was man so macht an einem heißen Samstagmorgen in Utah.

Der Weg zur Spiral Jetty führt in gewisser Weise über meine Vorstellungskraft hinaus. Vor etlichen Jahren – ich weiß nicht mehr, ob ich Teenager oder schon Student war – hatte ich Fotos von ihr in einem Kunstbuch gesehen. Es muss sich um eine Aufnahme aus der Video-Dokumentation gehandelt haben, denn Schöpfer Robert Smithson ist in meiner Erinnerung von oben zu sehen und springt mit fettem Grinsen auf den Steinen herum. Die Idee, aus Basalt eine geometrische Form irgendwo in einem gottverlassenen See aufzuschütten, sprengte mein Kunstverständnis. Land Art. Alleine der Name klang nach Größenwahn. Und wo sollte ich dieses “Land” verorten, das da zu sehen war? Hätte Smithson sein Werk auf dem Mars platziert, es hätte mir nicht weiter entfernt vorkommen können.

Der Weg zur Spiral Jetty führt zum Großen Salzsee, vor allem aber – wie fast alle Wege in Utah – weg von der Zivilisation. Und auf einen Privatpfad, für den das Auto nicht gemacht ist. Was allerdings an Google Maps liegt. Kein Bewohner des amerikanischen Westens vertraut auf Online-Karten. Wege werden je nach Jahreszeit zu Schlammfallen oder Flüssen, Abkürzungen führen ins Nichts und haben schon manchen desorientierten Autofahrer in der Wüste das Leben gekostet. In unserem Fall kostet der Umweg nur Nerven. Dornbüsche bohren sich in den Lack der Seitentüren und machen fiese Kratzgeräusche. Ein gewagtes Wendemanöver später sind wir zurück auf der Hauptstraße, zwei Tierkadaver und einige Meilen weiter am Rand des Salzsees angelangt.

Als Smithson 1970 die Spirale aufschüttete, war es radikaler Protest (finanziert von einer Milliarden-Erbin freilich). Gegen die drückende Enge des Ateliers, das Museale der bildenden Kunst und den Massenkonsum der Pop Art. Land Art gehört niemandem und damit allen, keiner kann mit ihr Handel treiben. “Die Spirale ist ein spiritualisierter Kreis”, heißt es in Nabokovs Autobiografie. In Smithsons Fall ist sie eine Form, die in geologischen und klimatischen Prozesse der Jahrtausende lebt. “Eine blanke Präsenz, gleichgültig gegenüber dem Wasser, dem sie ausgesetzt ist“, wie einmal die New York Times schrieb. 1970 war auch der erste Earth Day.

Gut zwei Jahrzehnte war die Spirale unter der Wasseroberfläche des Sees verschwunden. Seitdem der Westen 2010 in eine “Mega-Trockenheit” eintrat, ist wiederum das Wasser verschwunden. Steine inmitten von Salzkristallen. Wir müssen nicht auf dem Basalt balancieren, um zum Ende der Spirale zu gelangen, der Weg ist ein Spaziergang am Salzstrand. In der Ferne, sicherlich anderthalb, zwei Kilometer weg, leuchtet rötlich der ständig schrumpfende See. Am Horizont flirrend die Berge. Eine Mondlandschaft mit biblischer Note, passend zu den klimatischen Endzeiten, in denen wir uns bewegen. Moses spaltete das Rote Meer. Aber was, wenn das Meer nicht zurückkehrt?

Smithsons Kinderarzt und Bekannter war, wie der New Yorker einmal notiert hat, der Poet William Carlos Williams. “Keine Ideen, sondern in Dingen” (Paterson). Während wir uns auf den Rückweg machen, verfolgt von Tausenden Fliegen, die sich im Herbst rasend an das Leben klammern, geht mir dieser Satz aus der New York Times nicht mehr aus dem Kopf, den ich am Vorabend gelesen hatte. Nachdem Smithson 1973 in einem Flugzeug tödlich verunglückt war, als er gerade ein neues Land-Objekt im Norden von Texas suchte, würdigte Peter Schjeldahl dessen Arbeit mit einem monumentalen Satz: “Er schuf Fantasien, so echt wie Berge.”

Beide Fotos CC BY-SA, Johannes Kuhn.