Small Town America

Covington, Louisiana
Seeing America with Frederick Wiseman

Frederick Wiseman hat Dutzende Dokufilme über die USA gedreht, aktuell läuft „Monrovia, Indiana“ hier in den Kinos, ein Kleinstadt-Porträt. Das Gespräch im verlinkten Podcast halte ich für exemplarisch: Der geschätzte Moderator Christopher Lydon möchte unbedingt wissen, was in „Small Town America“ passiert und wie das mit Trump zusammenhängt. Und Wiseman macht klar, dass er keine Antworten geben kann. Sind die Menschen weniger glücklich? Keine Ahnung. Alleine schon die Annahme, ob eine von 16 000 Kleinstädten für irgendetwas stellvertretend ist, erscheint ihm absurd.

Das deckt sich ungefähr mit meinen Erfahrungen, ob in Besuchen oder Reporting. Als Mensch, der auf dem Dorf aufgewachsen ist, fährt mir diese Vorbeifahr-Anthropologisierung von außerstädtischen Lebensentwürfen ohnehin schräg ein (genau deshalb ist der jüngst prämierte Text von Daniel Schulz so erfrischend).

Wir gehen immer davon aus, dass sich Menschen mit Politik beschäftigen, wenn sie jemanden wie Trump wählen. Aber oft ist das Gegenteil ist richtig, viele konservative Amerikaner meiden politische Themen und wollen oft vor allem ihre Ruhe, kümmern sich lieber um Familie und näheres Umfeld. Die Idee, sich für seine Identität und das Erreichte in irgendeiner Form rechtfertigen oder gar schuldig fühlen zu müssen (vgl. Rassenthematik, Ressourcenvernichtung, Klimawandel, niedrige Steuern), erscheint aus ihrer Perspektive weltfremd und sogar unverschämt. Genau wie die Ablehnung gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, die der postmoderne Konservatismus predigt, nicht im Widerspruch zu Hilfsbereitschaft oder Verantwortung per se steht: sie gilt eben der Familie, der Nachbarschaft, der Community oder auch nur demjenigen, den man gerade trifft.

Das ist nicht selten ein funktionierendes und auch von Herzlichkeit geprägtes System, aber eben auf einem begrenzten Raum und für die Lösung von Problemen geeignet, die in diesem begrenzten Raum ihre Wurzeln haben. So zumindest mein Eindruck, und damit belasse ich es für heute mit den Generalisierungen.

Hier der Trailer zu Monrovia, Indiana:

„Halbzeitwahlen“

The Midterm Elections Are A Referendum On Donald Trump

„Die Zwischenwahlen finden in einer Atmosphäre immensen nationalen Drucks statt. Wie könnte es anders sein, wenn der wichtigste Charakter in diesem Drama Donald Trump ist, der mit der Idee Erfolg hat, dass das amerikanische Leben ein täglicher Cliffhanger ist, in dem der Held tapfer ins Feld zieht, um den Graben zwischen seinen Anhängern und allen anderen zu vertiefen, um internationale Verträge und Bündnisse einzureißen, und um die Unternehmensinteressen vor den Interessen von Arbeitnehmern und der Natur zu schützen. Es gibt ohne Frage zahlreiche lokale und regionale Themen, die diskutiert werden – aber unter dem Strich ist diese Wahl ein Referendum über Trump: Ein Wettbewerb zwischen seiner Basis und jenen die fühlen, dass es im nationalen Interesse wäre, zumindest ein paar Bremsmechanismen einzubauen – eine neue Mehrheit im Repräsentantenhaus, eine neue Gruppe von Gouverneuren und Abgeordneten in Bundesstaaten – um Trumps Zerstörung des amerikanischen Zivillebens und seine Entkernung des nationalen Wesens etwas zu verlangsamen. Vor zwei Jahren bedeutete die Aussicht auf eine Trump-Präsidentschaft einen Notfall. Zehn Millionen Wähler fanden einen Vorwand, um zuhause zu bleiben. In diesem Jahr sind die Umfragen knapp. Es kann nicht stark genug betont werden, was auf dem Spiel steht.“

Zwei ausgewählte Texte zu den Midterms von mir: Für @SZ habe ich mir Gedanken über die „amerikanische Frage“ gemacht, in Internationale Politik die Medienentwicklung unter Trump betrachtet (€).

Und GOP sprach…

„Möget Ihr das Land der Freien, die Heimat der niedrigen Steuern und geladenen Waffen, den gesegneten Boden der Fracking-Brunnen und die XXL-Pickup-Trucks unserer bei Vollgas SMS schreibenden Autofahrer (Freiheit!) vor den Plagen des Sozialismus bewahren, den die Demokraten mit ihrer teuflischen Idee von einer allgemeinen Krankenversicherung über uns bringen werden. Oder kürzer: Beto, because Socialism sux.“

(Hintergrund)
Who is GOP?

Spiral Jetty

Spiral Jetty Robert Smithson

Im Rückspiegel verschwindet die Golden Spike, jener Ort, an dem 1869 die Eisenbahnen aus Osten und Westen erstmals verbunden wurden – ein Moment, der jetzt mehrmals täglich für Touristen nachgestellt wird. Bald schon lassen wir Rattern und Dampf der Loks hinter uns, vor uns nur noch trockene Felsen und eine Menge Staub. Hinter einer Kurve steigt ebenfalls Rauch auf, wenn auch in unregelmäßige Intervallen. Kein Feuer wie sich herausstellt, sondern zwei junge Typen, die mit ihrer AR-15 in die öde Landschaft ballern. Was man so macht an einem heißen Samstagmorgen in Utah.

Der Weg zur Spiral Jetty führt in gewisser Weise über meine Vorstellungskraft hinaus. Vor etlichen Jahren – ich weiß nicht mehr, ob ich Teenager oder schon Student war – hatte ich Fotos von ihr in einem Kunstbuch gesehen. Es muss sich um eine Aufnahme aus der Video-Dokumentation gehandelt haben, denn Schöpfer Robert Smithson ist in meiner Erinnerung von oben zu sehen und springt mit fettem Grinsen auf den Steinen herum. Die Idee, aus Basalt eine geometrische Form irgendwo in einem gottverlassenen See aufzuschütten, sprengte mein Kunstverständnis. Land Art. Alleine der Name klang nach Größenwahn. Und wo sollte ich dieses “Land” verorten, das da zu sehen war? Hätte Smithson sein Werk auf dem Mars platziert, es hätte mir nicht weiter entfernt vorkommen können.

Der Weg zur Spiral Jetty führt zum Großen Salzsee, vor allem aber – wie fast alle Wege in Utah – weg von der Zivilisation. Und auf einen Privatpfad, für den das Auto nicht gemacht ist. Was allerdings an Google Maps liegt. Kein Bewohner des amerikanischen Westens vertraut auf Online-Karten. Wege werden je nach Jahreszeit zu Schlammfallen oder Flüssen, Abkürzungen führen ins Nichts und haben schon manchen desorientierten Autofahrer in der Wüste das Leben gekostet. In unserem Fall kostet der Umweg nur Nerven. Dornbüsche bohren sich in den Lack der Seitentüren und machen fiese Kratzgeräusche. Ein gewagtes Wendemanöver später sind wir zurück auf der Hauptstraße, zwei Tierkadaver und einige Meilen weiter am Rand des Salzsees angelangt.

Als Smithson 1970 die Spirale aufschüttete, war es radikaler Protest (finanziert von einer Milliarden-Erbin freilich). Gegen die drückende Enge des Ateliers, das Museale der bildenden Kunst und den Massenkonsum der Pop Art. Land Art gehört niemandem und damit allen, keiner kann mit ihr Handel treiben. “Die Spirale ist ein spiritualisierter Kreis”, heißt es in Nabokovs Autobiografie. In Smithsons Fall ist sie eine Form, die in geologischen und klimatischen Prozesse der Jahrtausende lebt. “Eine blanke Präsenz, gleichgültig gegenüber dem Wasser, dem sie ausgesetzt ist“, wie einmal die New York Times schrieb. 1970 war auch der erste Earth Day.

Gut zwei Jahrzehnte war die Spirale unter der Wasseroberfläche des Sees verschwunden. Seitdem der Westen 2010 in eine “Mega-Trockenheit” eintrat, ist wiederum das Wasser verschwunden. Steine inmitten von Salzkristallen. Wir müssen nicht auf dem Basalt balancieren, um zum Ende der Spirale zu gelangen, der Weg ist ein Spaziergang am Salzstrand. In der Ferne, sicherlich anderthalb, zwei Kilometer weg, leuchtet rötlich der ständig schrumpfende See. Am Horizont flirrend die Berge. Eine Mondlandschaft mit biblischer Note, passend zu den klimatischen Endzeiten, in denen wir uns bewegen. Moses spaltete das Rote Meer. Aber was, wenn das Meer nicht zurückkehrt?

Smithsons Kinderarzt und Bekannter war, wie der New Yorker einmal notiert hat, der Poet William Carlos Williams. “Keine Ideen, sondern in Dingen” (Paterson). Während wir uns auf den Rückweg machen, verfolgt von Tausenden Fliegen, die sich im Herbst rasend an das Leben klammern, geht mir dieser Satz aus der New York Times nicht mehr aus dem Kopf, den ich am Vorabend gelesen hatte. Nachdem Smithson 1973 in einem Flugzeug tödlich verunglückt war, als er gerade ein neues Land-Objekt im Norden von Texas suchte, würdigte Peter Schjeldahl dessen Arbeit mit einem monumentalen Satz: “Er schuf Fantasien, so echt wie Berge.”

Beide Fotos CC BY-SA, Johannes Kuhn.

Vom Bürgerkrieg

On Civil War
Der von mir häufiger zitierte Adam Kotsko in seinem Blog:

„Seit Reagan haben die Republikaner jeden Bereich der Regierung, den sie jemals kontrolliert haben, als ihr Erbrecht betrachtet. Clinton und Obama waren in ihren Augen unrechtmäßig, weil den Republikanern die Präsidentschaft gehört. Dasselbe gilt, sogar stärker, für den Supreme Court. (…) Du kannst keine auf Parteien aufbauende repräsentative Demokratie haben, wenn eine der Parteien die Legitimität der anderen Partei nicht anerkennt. Die Voraussetzung ist, dass die Macht wechselt und jede Partei das Recht hat, ihre Agenda umzusetzen, während sie die Macht hat. Republikaner lehnen diesen Grundsatz ab. Für sie ist jeder demokratische Präsident, jede demokratische Kongressmehrheit eine absolute Notsituation. Nur noch wenige Republikaner sind bereit für den traditionellen politischen Kuhhandel, wenn ihre Partei in der Minderheit ist, während viele Demokraten dazu bereit sind. (…)

Wir sind an einem Punkt, an dem die Demokraten – indem sie bei dem System, wie es ist, mitspielen – objektiv gesehen existieren, um den Republikanern prozedurale Deckung zu geben. Und mir ist nicht klar, wie man aus diesem Muster ausbrechen kann, denn der öffentliche Diskurs ist derart systematisch korrupt und falsch. Die Wähler der Republikaner sind derart gehirngewaschen mit der Vorstellung, die Demokraten kontrollierten heimlich alles, dass sie unter dem Strich immun gegen die Idee sind, dass die Republikaner das System manipulieren. Sogar wenn es den Demokraten gelänge, ihrer eigenen Basis klarzumachen, dass die Republikaner illegitim sind, hätten sie keine Möglichkeit, institutionelle Macht auszuüben – und würden damit nur weitere Rechtfertigungen für die republikanische Gewohnheit (die unter Trump verstärkt wurde) bieten, nur für die eigene ‚Basis‘ zu regieren und die Oppositionspartei und öffentliche Meinung zu verachten.

Ich halte wie viele andere den Vorschlag für reizvoll, die Republikaner zu delegitimieren und mit ihnen das gesamte konstitutionelle System. Aber ohne plausible Alternative mit der Inanspruchnahme, den Willen des Volkes durchzusetzen, führt die Deligitimierung des Systems zu einer Situation, in der Gewalt entscheidet – und ich glaube wir wissen alle, wer gewinnen würde, wenn es hart auf hart kommt. Aber es gibt sicherlich einen Punkt, an dem der Versuch einen Bürgerkrieg zu vermeiden, bedeutet, schon vorher den Sieg abzugeben. Vielleicht kommt es gerade schon hart auf hart – aber in diesem Fall ist unklar, wie es weitergehen soll. Ein Wahlsieg ist eine Option, aber die Republikaner haben ihre Basis bereits darauf vorbereitet, die Gültigkeit von Wahlergebnissen abzulehnen.“

Decisive Political Victory is the Only Way to End This Cold Civil War

Leserkommentar im Trumpismus-Überbau-Blog „American Greatness“:

„Wenn die Konservativen gewinnen, werden Schwule weiterhin heiraten dürfen, aber müssen vielleicht über die Straße zu einem säkularen Bäcker, um ihre Hochzeitstorte zu bekommen. Abtreibung wird immer noch legal sein, aber eine Frau muss in einen abtreibungsfreundlichen Bundesstaat reisen, um sie durchzuführen. Und die Antifa kann immer noch protestieren, aber wird das gewaltlos tun müssen oder ins Gefängnis wandern. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre das Ende der Zuschüsse für NPR (ich hoffe fieberhaft darauf).

Wenn die politische Linke gewinnt…nun, die Erwartung wird sein, dass wir uns ihrem Willen beugen oder die Konsequenzen tragen. Verliere deinen Job, deine Schusswaffen, deine Redefreiheit und dein Recht auf Gottesdienst, verliere alles, was dir wichtig ist. Und wenn du einer linken Regierung immer noch #Widerstand leistest, wirst du dein Leben verlieren, wenn sie den Mob schicken, um dich anzuzünden.

So sieht die Sache unverhohlen aus, Leute.“

 

McKinley und der erste Wahlwerbespot der Geschichte

Ich arbeite gerade an einem Magazin-Stück über den gegenwärtigen US-Präsidenten und die vernetzte Medienlandschaft. Dabei bin ich auf dieses Video des 25. US-Präsidenten gestoßen: William McKinley spielt hier 1896 nach, wie er von seinem Sekretär die Nachricht erhält, dass ihn die Republikaner als Kandidaten nominiert haben (in Wahrheit war das bereits Monate vorher passiert). Der Stummfilm wurde mit 15 anderen im ganzen Land gezeigt, um den Menschen die neue Technologie vorzustellen. Als McKinley den Brief mit der Nachricht geöffnet hat, nimmt er den Hut ab und wischt sich die Stirn. Das alles ist verständlicherweise überhaupt nicht natürlich, aus den Augenwinkeln guckt er immer wieder in die Kamera. Aber es lässt sich wohl behaupten, dass es sich hierbei um den ersten Wahlkampf-Spot der Geschichte handelt.

USA, Irak und die gebrochenen Versprechen

Zum Abzug der letzten US-Truppen aus dem Irak.

US Troops leave Baghdad

Einfach nur nach Hause (Foto: The U.S. Army, Flickr, CC BY 2.0)

Um 6:59 Uhr Ostküstenzeit haben die USA den Krieg im Irak offiziell beendet, zu diesem Zeitpunkt hatten die letzten Soldaten das Land bereits verlassen. Es ist kein Sieg, Amerika hinterlässt bestenfalls ein geordnetes Chaos.

Die politische Lage hat sich seit Amtsantritt der Obama-Administration in der Hinsicht verschlechtert, dass der schiitische Ministerpräsident al-Maliki die Sunniten und säkularen Kräfte margninalisiert hat. Die US-Regierung war so darauf fixiert, in der ersten Obama-Amtszeit das Versprechen des Abzugs wahrzumachen, dass sie keinerlei strategischen Einfluss mehr geltend machte, um die richtigen Weichen für die Zeit danach zu stellen. Wie Reidar Visser, der die Besatzungszeit genau analysiert hat, diese Woche urteilte:

 By consistently thinking of Mr. Maliki as a Shiite rather than as an Iraqi Arab, American officials overlooked opportunities that once existed in Iraq but are now gone. Thanks to their own flawed policies, the Iraq they are leaving behind is more similar to the desperate and divided country of 2006 than to the optimistic Iraq of early 2009.

Einen Hinweis, in welche Richtung sich die irakische Politik entwickeln wird, zeigen aktuellen Entwicklungen: Al-Maliki wartete noch nicht einmal ab, bis der letzte Konvoi die Grenze passiert hatte, um einen Haftbefehl gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tariq al-Hashimi ausstellen zu lassen. Der Vorwurf: Dieser sei in einen Attentatsplan gegen den Schiiten verwickelt. Sollte sich dies bestätigen, zeigt sich, wie fragil die Lage ist – möglicherweise aber störte al-Maliki einfach, dass al-Hashimi mehr Macht für die politischen Führer in den sunnitischen Gebieten forderte. Das wäre wenig überraschend und Zeichen dafür, dass al-Maliki die schiitische Dominanz zu einer Autokratie ausbauen will.

Es fällt nicht schwer, das Land in den kommenden Jahren in einen Bürgerkrieg abdriften zu sehen. Viel akuter sind allerdings die Probleme von ehemaligen Übersetzern und Angestellten der USA. Amerika hatte ihnen für ihre Hilfe nicht nur Geld gegeben, sondern auch Schutz versprochen, zum Teil politisches Asyl. Einzig: Dieses Versprechen wird das US-Militär aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage, sowie politischer Sicherheitsbedenken, nicht einhalten. Die ersten Morddrohungen gegen frühere Helfer sind bereits eingegangen.

9/11 im Gore-Konjunktiv

9/11 als Barcode

 (Foto via scott_bl8ke, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Die Welt nach 9/11 im Konjunktiv zu denken fällt mir schwer, zu sehr haben die Attentate und ihre Folgen die Zeitgeschichte und unser Leben geprägt. Es ist ein Misstrauen in der Welt, und es wird dort noch länger bleiben.

Nach den Entführungen der Flugzeuge gab es noch eine weitere Entführung: Die Neocons überall auf der Welt haben die Ereignisse entführt, um sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen; für Eingriffe in die Bürgerrechte, für eine folgenschwere Politik des billigen Geldes, für einen Feldzug gegen den Irak, das mit den Anschlägen nichts, aber rein gar nichts zu tun hatte.

Und dennoch möchte ich einen Konjunktivgedanken hier in den digitalen Raum werfen: Was wäre passiert, wäre Al Gore US-Präsident gewesen? Den Afghanistan-Krieg hätte er geführt, kein Zweifel, denn um ein „Auge um Auge“ wäre kein Amtsinhaber herumgekommen. Womöglich hätte er auch die Sicherheitsgesetze verabschiedet, vielleicht allerdings an einigen Ecken in entschärfter Form. In jedem Falle hätte er meiner Meinung nach auf den Alleingang bei der Irak-Invasion verzichtet, auch wenn er im Jahr 2002 das prinzipielle Ziel eines Machtwechsels im Irak befürwortete.

Am Ende bleiben solche Gedankenspiele sinnlos, denn in den USA wäre eine besonnene Reaktion wie die des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg undenkbar. Es gibt auch Gegenargumente zu meiner Irak-Einschätzung: Mit Joe Lieberman wäre ja zum Beispiel auch unter Gore ein Vizepräsident Falke gewesen, zudem wäre die Anti-Saddam-Stimmung vielleicht auch ohne Nachhilfe der Regierung Mainstream geworden. Allerdings wäre Gores Antwort auf die Anschläge meiner Meinung nach auf jeden Fall gemäßigter ausgefallen, weil er die Folgen einer Rhetorik á la „wer nicht für uns ist, ist für die Terroristen“ intellektuell hätte absehen können – genau wie die Gefahr eines Imperial Overstretch, der durch den Irak-Krieg eintrat.

Kleine Anekdote am Rande: Am 11. September 2001 saß Gore in Österreich fest – und konnte erst nach Tagen und über den Umweg Toronto an die US-Ostküste gelangen.