in Denken, Notiz, Typen

Was Reputation zählt

Der kontroverse und – in meinen Augen – oft famos bloggende Programmierer Michael O. Church über das Verhältnis von Begabung/Führungseigenschaften und Reputation in der modernen Berufswelt (ich habe etwas freier übersetzt):

„Begabung spielt im Arbeitsalltag keine Rolle, weil es erfolgreich aus der Gleichung herausgenommen wurde. Ein kluger Manager setzt nicht das Schicksal seiner Firma aufs Spiel in der Hoffnung auf die sporadische Verfügbarkeit hochtalentierter Mitarbeiter. Er versucht einen Weg zu finden, der die Pünktlichkeit der Züge garantiert, obwohl mittelmäßige Menschen sie lenken. Das ist eine verwirrende Erkenntnis für mich, aber meine Existenz in einem Arbeitsbüro bedeutet – aus der Perspektive eines auf Kostensenkung bedachten MBA – dass jemand Mist gebaut hat. Ein fähigerer Manager würde die teuren, streitlustigen hochtalentierten Leute mit sofort einsatzfähiger Mittelmäßigkeit ersetzen. (…) Unsere Gesellschaft mag begabte Führungskräfte wollen, aber sie braucht sie wirtschaftlich eigentlich nicht besonders. Und weil die Nachfrage nach Top-Talenten zusammengebrochen ist, wird der Ruf und seine soziale Manipulation immer wichtiger. (…) Wer sich früher auf seine Fähigkeiten verlassen konnte, muss heute auf seine Reputation zurückgreifen. Warum? Weil das Unternehmensmanagement, nach den selbst gesteckten Kriterien zumindest, funktioniert. Das System funktioniert auch mit mittelmäßigem Input bestens. Gut genug zu sein um über der Reputationsfalle zu stehen, ist viel schwieriger geworden. Früher oder später gibt es keinen Grad von Befähigung und Talent, der dich entkommen lässt. Das ist eine unheimliche Vorstellung.“

The Talent Crash

Was auch immer man von MCs Selbstbild und dem skizzierten Konzept von Begabung/Führungseigenschaft halten möchte: Niemand wird bestreiten, dass das (Online- und netzwerkende)Reputationsmanagement inzwischen zum wichtigsten Faktor auf der Meta-Ebene des Berufslebens geworden ist.

In einer zurechnungsfähigen Welt würde niemand wahrscheinlich freiwillig diese schwachsinnigen Business-Pseudo-Klugheiten auf LinkedIn posten, um dann dafür von irgendwelchen Netzwerkern ein Like zu kriegen. Oder sich auf einen dieser verklemmten Business-Mixer nach Feierabend schleppen, an die ich mich aus meiner Zeit in München und San Francisco noch ganz gut erinnere.

Aber jeder kennt natürlich jemanden, der fantastische Kenntnisse, Fähigkeiten und Eigenschaften hat, aber wegen fehlender Reputationspflege auf völlig unterfordernden Karriere-Pfaden oder sogar in der Sackgasse gelandet ist. Oder jemandem, dessen Reputation so blendend ist, dass er trotz wiederholtem Erreichen des Peter-Prinzips ganz gut in der Unternehmenswelt voran- oder zumindest rumkommt.

Wie MC richtig bemerkt, ist die Personalauswahl nach Reputation für viele Manager der logische, schmerzlose Weg. Allerdings leiden die Firmen dann oft unter dem bekannten Symptom: die Züge fahren pünktlich ab, aber sie fahren ins Nirgendwo.

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